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  Inhalt: 

    Einleitung  

    Was wird übersetzt  

    Arbeitsablauf  

    Arbeitshilfen  

    Informationsstellen  

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Die Vielsprachigkeit -  
Nerv der Europäischen Union 
 
An der Vielsprachigkeit in Europa führt kein Weg vorbei. Jeder Unionsbürger muß sich in seiner Landessprache informieren und äußern können. Die EU kann und will an diesem grundlegenden demokratischen Prinzip nicht rütteln. 

Der nachfolgende Artikel befasst sich mit der Arbeit des Übersetzungsdienstes der europäischen Kommission. 

Übersetzen als Dienst am Aufbau Europas 

Der Grundsatz der Vielsprachigkeit stellt an die Europäische Kommission hohe Anforderungen. Wenn sie den Vorschlag für einen Rechtsakt der Europäischen Union vorbereitet, muß in allen Stadien viel übersetzt (und gedolmetscht) werden. Bevor beispielsweise ein Richtlinien- oder Verordnungsvorschlag "steht", bevor er also dem Ministerrat und dem Europäischen Parlament vorgelegt werden kann, wird in vielen Ausschußsitzungen mit Vertretern von Regierungen, Wirtschaft, Hochschulen und Verbänden beraten. Oft sind umfangreiche Gutachten nötig. 
Der Übersetzungsdienst der Kommission soll mit seiner Arbeit gewährleisten, daß alle an diesem Gesetzgebungsverfahren Beteiligten sich in der Sprache ihrer Wahl über den Stand der Dinge auf dem laufenden halten können. 

Doch zunächst sollten wir uns einer Frage zuwenden, die immer wieder gestellt wird. Weshalb benötigt man in der Europäischen Union so viele Sprachen? Wäre es nicht einfacher, sich auf eine, zwei oder drei zu beschränken? Wenn beispielsweise die Vereinten Nationen und der Europarat mit wenigen Sprachen auskommen, weshalb dann nicht die EU? 

Die Europäische Union ist eine Gemeinschaft von Völkern mit einer faszinierenden Vielfalt von Sitten, Bräuchen und Sprachen. Sie unterscheidet sich grundlegend von einer internationalen Organisation herkömmlicher Art, denn sie erläßt Rechtsvorschriften, die in das Recht der Mitgliedstaaten eingehen. Viele dieser Vorschriften gelten unmittelbar - ohne weitere Arbeit nationaler Stellen - in allen EU-Mitgliedstaaten, und jeder Bürger muß das Recht, das für ihn gilt, verstehen können. Die Vorschläge für die Rechtsvorschriften werden vorher auf 
europäischer, nationaler und lokaler Ebene geprüft, erörtert und beraten. Daran müssen sich alle - Fachleute und Betroffene - beteiligen können, ob sie nun Fremdsprachen beherrschen oder nicht. Dies ist in den Mitgliedstaaten selbstverständlich und muß auch auf der europäischen Ebene gelten. 

Die allererste Verordnung, die der Rat am 15. April 1958 erließ, regelte denn auch die Sprachenfrage; die Hauptlandessprachen der (damals sechs, heute fünfzehn) Mitgliedstaaten wurden zu Amts- und Arbeitssprachen der Union (damals vier, heute elf) erklärt. Diese Verordnung Nr. 1, die beim Beitritt neuer Mitgliedsländer entsprechend geändert wurde, ist gleichsam die Sprachencharta der Europäischen Union. Ihr zufolge kann sich jeder Unionsbürger in einer Amtssprache seiner Wahl an die EU-Organe wenden und hat Anspruch auf Antwort in dieser Sprache. Dieses Recht wurde 1997 in den Vertrag von Amsterdam aufgenommen und erhielt damit gewissermaßen Verfassungsrang. 

Die Gleichberechtigung der Amtssprachen ist Ausdruck der Vielsprachigkeit, und die ist das Herzstück der Europäischen Union. Sprache ist ein Wesensmerkmal nationaler und persönlicher Identität. Die Sprachen Europas sind ein immenses, vielgestaltiges kulturelles Erbe, das uns allen zur Pflege aufgegeben ist. 

Die Kommission hält es für ihre Aufgabe, dabei mitzuwirken, daß individuelle, lokale, regionale und nationale Wesenszüge in einer 
transparenten, demokratisch geprägten Union respektiert werden und gewahrt bleiben. Die Union wächst, und damit wachsen auch die praktischen Schwierigkeiten, die Sprachen aller Mitgliedsländer gleich zu behandeln. Diese Schwierigkeiten so zu lösen, daß die Bürger nach wie vor verstehen können, was die Europäische Union tut, ist eine der großen Herausforderungen für die Europäische Union, für die Kommission und für ihren Übersetzungsdienst. 
 

Die Arbeit des Übersetzungsdienstes der Kommission 

Was wird übersetzt?  

Übersetzt werden alle Texte, welche die Kommission für ihren eigenen Gebrauch und für die Kommunikation nach außen in einer anderen Sprache braucht. Kommunikation nach außen meint hier Kommunikation mit Bürgern, Unternehmen, Städten und Gemeinden, mit Regionen und Mitgliedstaaten und auch mit den Organen und Institutionen der Europäischen Union. Außerdem unterhält die Kommission Beziehungen zu anderen internationalen Organisationen und zu vielen Drittländern. 

Dabei fallen alle möglichen Textsorten an: Verordnungen, Richtlinien, sonstige Rechtsvorschriften mit allen Vorarbeiten, internationale Übereinkommen, Antworten auf schriftliche Anfragen aus dem Europäischen Parlament, politische Grundsatzpapiere, Reden und Sprechzettel, Pressemitteilungen, technische Studien, Finanzberichte und Haushaltspläne, Sitzungsprotokolle, Tätigkeitsberichte aus den verschiedenen Aufgabengebieten der Kommission, interne Verwaltungsdokumente und Mitteilungen an das Personal, Korrespondenz, Publikationen jeder Art und jeden Umfangs für die Öffentlichkeitsarbeit usw. Es gibt fast nichts, was nicht übersetzt wird. Die Aufzählung der Sachgebiete (siehe 
"Gliederung des Übersetzungsdienstes") läßt ahnen, wieviel Fachkenntnis verlangt wird. 

Die Gesamtproduktion des Übersetzungsdienstes beträgt etwa eine Million Seiten jährlich. Trotz dieser gewaltigen Menge stammt längst nicht jede Übersetzung, die im Namen der Europäischen Kommission verbreitet wird, vom Übersetzungsdienst. Ins Deutsche wird am häufigsten aus dem Englischen und Französischen übersetzt. 

 

Arbeitsablauf  

Es gibt sicher Übersetzer - und dies sind nicht die schlechtesten - die wie ein Mönch in seiner Zelle einen Text lesen, darüber nachsinnen, ihre Übersetzung niederschreiben und nach mehr oder minder langer Zeit ihre Arbeit abgeben. 

Im Übersetzungsdienst der Kommission (und denen der übrigen Organe der Europäischen Union) geht es allerdings anders zu. Die Übersetzer sind wie die anderen Beamten dazu da, in gemeinsamer Arbeit die Beschlußfassung und die Kommunikation der Kommission effizient zu ermöglichen. 

Braucht eine Dienststelle der Kommission einen Text in mehreren Sprachen, so schickt sie ihn mit einem "Auftragszettel" an die Planungsstelle der Fachgruppe, die für ihn arbeitet. Das geschieht mit der Hauspost oder per Fax, meist jedoch auf elektronischem Weg. 

Die Planungsstelle leitet den Auftrag an die Übersetzungsreferate weiter, in deren Sprache der Text gebraucht wird. Der jeweilige Referatsleiter beauftragt normalerweise einen Übersetzer seines Referates mit der Übersetzung. Bei Arbeitsüberlastung prüft er, welche Texte an freiberufliche Übersetzer weitergegeben werden können. Muß ein längerer Text in sehr kurzer Zeit übersetzt werden, kann es nötig werden, ihn auf mehrere Kollegen aufzuteilen. Die meisten Übersetzer schreiben selbst auf dem PC. Wer will, kann mit dem Diktiergerät arbeiten und seinen Text im 
Sekretariat des Referats schreiben lassen. Wenn nötig, wird die Übersetzung von einem erfahrenen Kollegen überprüft. Verbesserungen arbeitet der Erstübersetzer oder auch das Sekretariat ein. Die Überprüfung und das Besprechen der nötigen Änderungen sind ein wichtiges Mittel, neuen Kollegen bei der Einarbeitung zu helfen. 

Arbeitshilfen für den Übersetzer  

Terminologie  

Das Terminologie-Referat unterstützt die Übersetzer aller Amtssprachen vor allem durch folgende Tätigkeiten: 

  • Weiterentwicklung der terminologischen Datenbank Eurodicautom in enger Zusammenarbeit mit den Übersetzern. Eurodicautom enthält mehr als 1,2 Millionen Begriffe in mehreren Sprachen. Insgesamt sind dies etwa 5 Millionen Benennungen, etwa 300 000 davon sind Abkürzungen und Akronyme. Übersetzer, Dolmetscher und sonstige "Bedienstete" der europäischen Institutionen nutzen Eurodicautom bei der Suche nach terminologischen Entsprechungen in den Amtssprachen. Die gespeicherte Terminologie aus allen Tätigkeitsbereichen der Kommission wird im phraseologischen Zusammenhang oder in Ein- und Mehrwortbenennungen wiedergegeben. Die Benennungen werden durch Definitionen, Sachbereichsschlüssel und Quellenangaben ergänzt. Die Datenbank ist über das Internet auch externen Benutzern zugänglich (Adresse im November 1998: http://www2.echo.lu/edic/). 
  • Auskunftsdienst: direkte und schnelle Hilfe bei terminologischen Schwierigkeiten in allen Sachbereichen, für Übersetzer und sonstige Bedienstete der Kommission und der anderen europäischen Institutionen. 
  • thematische Recherchen zu den Tätigkeitsschwerpunkten der Kommission und anderen aktuellen Themen. Dabei wird die in den Unionstexten verwendete Terminologie zusammengestellt und gegebenenfalls harmonisiert. Zu mehreren Sachbereichen hat das Terminologie-Referat Glossare für den Übersetzungsdienst und auch für andere Dienststellen der Kommission erarbeitet. Einige wurden vom Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften und auch von anderen Verlagen veröffentlicht. 
  • textbegleitende Terminologie: Ein Team von Terminologen bemüht sich bereits vor der Übersetzung besonders wichtiger Dokumente um die Lösung terminologischer Schwierigkeiten. 
  • Zusammenarbeit mit den Terminologiediensten anderer EU-Organe, anderer internationaler Organisationen und auch mit Stellen in den Mitgliedstaaten oder in Drittländern. 
Die einzelnen Übersetzungsreferate benutzen zur Erfassung der neu erarbeiteten Terminologie ein elektronisches Terminologieverwaltungsprogramm, mit dem jeder Übersetzer seine "Funde" in eine referatseigene Datenbank einspeichern kann. Für die Pflege dieses Bestandes und seine Weitergabe an Eurodicautom ist meist ein Übersetzer des jeweiligen Referats verantwortlich. Auch werden mit diesem Programm elektronische Glossare erstellt. 

Informations- und Dokumentationsstellen  

Für jede Amtssprache gibt es in Brüssel und in Luxemburg Informations- und Dokumentationsstellen. Sie bestehen aus Arbeitsbibliothek und Dokumentationsdienst, die auf den Bedarf der Übersetzer der jeweiligen Amtssprache zugeschnitten sind. Je nach personeller Besetzung werden hier auch terminologische und dokumentarische Recherchen durchgeführt, die über die Möglichkeiten der Übersetzer am eigenen Arbeitsplatz hinausgehen. 

Zum Bestand dieser Stellen gehören Publikationen der Union, Wörterbücher, Glossare, Enzyklopädien, Fachliteratur (Bücher und Zeitschriften) sowie eine umfangreiche interne Dokumentation. 

Sie sind für die Übersetzer eine unentbehrliche, direkt zugängliche Informationsquelle und bieten praktische Hilfe. Ihr Dienstleistungsangebot umfaßt unter anderem 

  • die Suche nach Dokumentationsmaterial (Bezugsdokumente, Zitate, Fachliteratur usw.); 
  • terminologische Recherchen (in Glossaren, Karteien, Datenbanken, Fachbüchern usw.); 
  • die Auswertung von Fachbüchern und Fachzeitschriften; 
  • die Abfrage kommissionseigener und externer Datenbanken; 
  • Recherchen im Internet; 
  • die dokumentarische oder terminologische Bearbeitung bestimmter Übersetzungsaufträge; 
  • die Unterstützung freiberuflicher Mitarbeiter. 
 

Informations- und Kommunikationstechnik  

Der Übersetzungsdienst benutzt DV-Systeme nicht nur zum Schreiben der Übersetzungen, sondern auch zur Kommunikation, Information, Verwaltung und Hilfe bei der Übersetzung. 

Geräte  

Etwa 90 % der Mitarbeiter des Übersetzungsdienstes sind mit einem PC ausgerüstet. Dieser Bestand wird laufend erneuert. 

Kommunikation  

Elektronische Datenübermittlung ist ein normaler Kommunikationsweg zwischen den Mitarbeitern und Dienststellen der Kommission geworden. Übersetzungsaufträge gehen immer häufiger elektronisch ein, und die fertigen Übersetzungen werden auf dem gleichen Weg zurückgeschickt. Freiberufliche Übersetzer erhalten ihre Aufträge nur noch elektronisch und liefern die Übersetzung als Datei. 

Information  

Generell werden immer mehr Informationen aller Art über das kommissionsinterne Intranet mit Web-Oberfläche zugänglich gemacht. 

Die Übersetzer haben auch Zugriff auf zahlreiche interne und externe Datenbanken. Die wichtigsten sind Eurodicautom und die Datenbank Celex, in der das Gemeinschaftsrecht in allen Amtssprachen gespeichert ist. Sie enthält alle Rechtsakte der Europäischen Union (Richtlinien, Verordnungen usw.) sowie die Urteile des Europäischen Gerichtshofs. Die Übersetzer benutzen sie vor allem zur Suche und Übernahme von Zitaten und zu terminologischen Zwecken. 

Diese Datenbanken können über "ECHO", den Host-Rechner der Kommission, auch von Benutzern außerhalb der Kommission, z. B. von freiberuflichen Übersetzern, abgefragt werden. Dank der benutzerfreundlichen Web-Oberfläche ist die Arbeit mit ihnen recht einfach. 

Fast alle Beamte der Europäischen Kommission haben Zugang zum Internet. 

Elektronische Übersetzungshilfen  

Anfang 1998 hat im Übersetzungsdienst die Einführung eines Programms begonnen, das den Ausgangstext mit einer Auswahl bereits übersetzter Texte vergleicht und bei hinreichender Ähnlichkeit die bereits vorliegende Übersetzung anbietet. Es ist Sache des Übersetzers, kritisch zu entscheiden, ob er sie übernimmt, ändert oder ablehnt. 

Seit 1996 werden sämtliche Übersetzungen in einem elektronischen Archiv abgespeichert. Sie stehen jedem Übersetzer zur Verfügung. Über eine Volltextsuche in der Ausgangssprache kann er die gespeicherten Übersetzungen einer Textpassage finden. Auch hier muß er entscheiden, ob er gefundene Übersetzungen verwendet. 

Zu den elektronischen Übersetzungshilfen zählt für den Übersetzungsdienst der Kommission auch das automatische Übersetzungssystem Systran. Es kann bis zu 2000 Seiten pro Stunde bearbeiten und steht allen Dienststellen der Kommission in Brüssel und Luxemburg zur Verfügung. In wenigen Minuten liefert das System eine Rohübersetzung, anhand deren der Inhalt eines Textes mehr oder weniger gut erfaßt werden kann. Soll die Systran-Übersetzung anderen Zwecken dienen, dann muß sie von einem Übersetzer überarbeitet werden. Die Maschine kann den Menschen also noch nicht ersetzen. 

Folgende Sprachenkombinationen sind verfügbar: 

  • Englisch  >>>  Deutsch, Französisch, (Griechisch,) Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch und Spanisch, 
  • Französisch  >>>  Deutsch, Englisch, Italienisch, Niederländisch und Spanisch, 
  • Deutsch  >>>  Englisch und Französisch, 
  • Spanisch  >>>  Englisch und Französisch. 
Entsprechend dem erreichten Entwicklungsstand der Sprachpaare variiert die Qualität der Übersetzungen ganz erheblich. In den Sprachrichtungen Französisch Englisch und Spanisch, Englisch Französisch und Spanisch, Französisch Italienisch liefert Systran seine besten Ergebnisse. Diese Sprachpaare werden daher bei der Kommission auch am meisten genutzt. 

Ein großer Vorteil der maschinellen Übersetzung ist ihre Schnelligkeit. Sie eignet sich besonders zur groben Information über den Inhalt eines Textes, den der Leser nicht versteht. 

Beim heutigen Stand setzt der Übersetzungsdienst die maschinelle Übersetzung für stark vereinheitlichte Texte ein, die das System relativ gut bewältigt. Zur Erstinformation wird es hauptsächlich von anderen Kommissionsdienststellen verwendet. 

Um die Einsatzmöglichkeiten von Systran zu erweitern, begann man, Kombinationen von wenig verbreiteten Ausgangssprachen mit viel verwendeten Zielsprachen zu entwickeln. Bestehende Kombinationen, besonders die mit Deutsch, sollen in ihrer Leistung verbessert werden. Die Schwierigkeiten hierbei sind groß. 

Verwaltungsprogramme  

Für die Verwaltung der Übersetzungsaufträge und für die verschiedenen Aufgaben der Personalverwaltung werden entweder Programme des Übersetzungsdienstes oder kommissionseigene Programme benutzt. 
 

Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission
 http://europa.eu.int/comm/sdt/
 



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Probieren Sie selbst: 

Übersetzungsversuch mit SYSTRAN 

 
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 19.12.2003