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Technische Redakteur als Global Player:
Berufspraxis und Anforderungen an die Ausbildung der Zukunft Bei der Erstellung mehrsprachiger Dokumentation ist das Übersetzen
heute kein Prozeß mehr, der der Erstellung des Ausgangstextes lediglich
folgt, sondern ein Vorgang, der schon vor und bei der Ausgangstextproduktion
zu berücksichtigen ist. Dieser Artikel liefert einen Überblick
über die verschiedenen aktuellen und zukünftigen Möglichkeiten
des Workflows bei der Erstellung mehrsprachiger Dokumentation, den damit
verbundenen Wandel im Qualifikationsprofil von Technischen Redakteuren
und Übersetzern und die Rückwirkungen, die dieser Wandel auf
deren Ausbildung haben sollte.
Im Workflow von Unternehmen, die Dokumentation multilingual erstellen, hat man das Ziel der Mehrsprachigkeit im Laufe der Jahre zu einem immer früheren Zeitpunkt ins Auge gefaßt. Wurden Dokumentation und Übersetzungen vor 10 bis 15 Jahren noch in getrennten und sequentiell arbeitenden Abteilungen erstellt, zwischen denen es nur geringe Rückkoppelungseffekte gab, geht man heute zu einer zunehmenden Verzahnung der Abteilungen über. Hartley/Paris (1997: 113) berichten sogar von Firmen, in denen an die Stelle der Erstellung von Dokumentation und ihrer anschließenden Übersetzung die parallele Abfassung der Dokumentation in mehreren Sprachen durch Technische Redakteure unterschiedlicher Muttersprache getreten ist. Hierdurch wird die Time-to-Market für Exportprodukte, die eine
fremdsprachige Dokumentation benötigen, gering gehalten und außerdem
den kulturspezifischen Erwartungen der Adressaten in den verschiedenen
Ländern in idealer Weise Rechnung getragen. Diese Vorgehensweise hat
jedoch den Nachteil, daß hier konzeptionelle Arbeit mehrfach geleistet
wird.
Wird bei der Erstellung von Dokumentation, die übersetzt werden muß, noch keine Rücksicht auf den anschließenden Übersetzungsprozeß genommen, so sind später zahlreiche Rückfragen zur Beseitigung von Unklarheiten erforderlich, und der Einsatz von Übersetzungstools wie Translation-Memory-Systemen (TMS) und maschinellen Übersetzungssystemen (MÜ-Systemen) gestaltet sich ineffizient oder erfordert einen erheblichen Post-Editing-Aufwand. Die Tendenz geht heute aber dahin, den Post-Editing-Aufwand durch Pre-Editing auf ein Minimum zu reduzieren oder gar völlig zu umgehen. Erreicht werden kann dies unter anderem durch:
3 Multilinguale Textgenerierung statt Übersetzung Die allerneuesten Bestrebungen gehen sogar dahin, den Aspekt der Mehrsprachigkeit noch weit vor der Ausgangstextproduktion zu berücksichtigen. Die Idee liegt hier in der automatischen multilingualen Textgenerierung auf der Grundlage einer noch sprachunabhängigen Wissensbasis (s. hierzu z. B. Hartley/Paris 1997). Einer der wesentlichen Vorteile der automatischen mehrsprachigen Textgenerierung
besteht in der Möglichkeit, das in der Wissensbasis gespeicherte Wissen
mehrfach zu nutzen. Hierdurch wird dem Umstand Rechnung getragen, daß
viele Firmen zu einem Produkt Texte verschiedener Textsorten (z. B. Manuals
und Tutorials) herausgeben, die zu einem großen Teil dasselbe Wissen
– jedoch in unterschiedlicher Versprachlichung – vermitteln, so daß
TMS bei der Übersetzung nicht optimal greifen. Ein multilinguales
Generierungssystem, das mit den entsprechenden textsortenspezifischen Vertextungsregeln
ausgestattet ist, kann diese verschiedenen Textsorten zum selben Produkt
jeweils aus einer einzigen Wissensbasis heraus generieren. Nachträgliche
Änderungen brauchen nicht mehr in jedem Dokument vorgenommen zu werden.
Es reicht eine einmalige Änderung in der Wissensbasis, aus der dann
die geänderten Dokumente neu generiert werden können (Hartley/Paris
1997: 116 ff.).
Mit der Verlagerung der Steuerung der Übersetzungsqualität vom Post-Editing auf das Pre-Editing und schließlich auf die Erstellung der Wissensbasis und die Definition der Vertextungsstrategien, auf die automatische multilinguale Textgenerierungssysteme zurückgreifen, geht zugleich eine Verlagerung der Qualifikationen einher, die für die mehrsprachige Textproduktion erforderlich sind. Ein für die maschinelle Übersetzung grundsätzlich geeigneter und durch Pre-Editing an die Anforderungen eines MÜ-Systems angepaßter Ausgangstext macht fremdsprachliche und translatorische Kompetenz für den eigentlichen Prozeß der Übersetzung entsprechender Texte in weiten Bereichen überflüssig. Die entsprechende Leistung erbringt das MÜ-System. Das heißt aber nicht, daß Übersetzer und damit die Übersetzungsausbildung überflüssig werden! Die fremdsprachliche und translatorische Kompetenz des Übersetzers ist weiterhin gefragt, und zwar unter anderem:
Bei der automatischen multilingualen Textgenerierung wird selbst die Textproduktionskompetenz eines Technischen Redakteurs für die eigentliche Textproduktion in einigen Bereichen überflüssig werden. Für entsprechende Systeme wird vor allem die Sachgebietskompetenz der Produktentwickler benötigt, die die sprachunabhängige Produktrepräsentation für die Wissensbasis erstellen, aus der das System dann automatisch die Dokumentationstexte in den gewünschten Sprachen generiert. Die Texproduktionskompetenz des Technischen Redakteurs (und auch des Übersetzers) wird hier gefragt sein bei der Definition der textsortenspezifischen Vertextungsstrategien, die das automatische Textgenerierungstool auf den Bestand der Wissensbasis anwendet. Auch hier findet also eine Verlagerung der Arbeitsschwerpunkte an den Anfang des Produktionsprozesses – in Richtung Produktentwicklung – statt. Hartley/Paris (1997: 113) beschreiben diese Entwicklung wie folgt:
In der Praxis spielt die automatische mehrsprachige Textgenerierung heute jedoch noch kaum eine Rolle. Sie wird auch in Zukunft die bisherigen Methoden zur Erstellung technischer Dokumentation in mehreren Sprachen – auch langfristig gesehen – nicht ablösen, sondern ihnen ergänzend zur Seite treten. Dabei muß das Ziel verfolgt werden, Redundanzen in der Datenhaltung und -verarbeitung zu vermeiden. Zu diesem Zweck werden entsprechende Dokumentenmangementsysteme entwickelt (s. beispielsweise http://www.iai.uni-sb.de/multidoc/md-summary.html). Vielfach eingesetzt wird heute schon die Textproduktion in einer kontrollierten Sprache mit Unterstützung eines Prüfprogrammes, die anschließende Übersetzung der Texte mit Hilfe eines TMS, wobei die ausgangssprachlichen Daten in das TMS importiert werden, das TMS einen Vergleich mit den Inhalten seines Übersetzungsspeichers vornimmt und die gefundenen Übersetzungen in den zielsprachlichen Text einfügt. Die Textabschnitte des zielsprachlichen Dokuments, die noch unübersetzt vorliegen, werden dann zusammen mit der Projektterminologie an ein MÜ-System geschickt. Dessen Übersetzungsergebnisse werden nicht automatisch in die zielsprachliche Version integriert, sondern unterstützen den Übersetzer interaktiv bei seiner Übersetzungstätigkeit. Entsprechende Schnittstellen vom TMS zu einem oder mehreren MÜ-Systemen (u. a. Logos und Systran) werden heute bereits von verschiedenen TMS-Herstellern angeboten (Hoppe 1999: 8.7.5.1-3). Graphisch können die verschiedenen Möglichkeiten des Workflows bei der Erstellung mehrsprachiger Dokumentation heute wie in Abb. 1 dargestellt werden: |
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| Abb. 1: Workflow
bei der multilingualen Dokumentationserstellung
Betrachten wir die einzelnen Arbeitsschritte zur Vorbereitung multilingualer
Dokumentationsprojekte etwas näher.
Zur Sicherstellung terminologischer Konsistenz (und damit hoher Trefferquoten beim Einsatz von TMS und MÜ-Systemen) sind vor der Erstellung einer Dokumentation (und nach Möglichkeit auch noch vor der Beschriftung des Produkts und der Gestaltung seiner Benutzungsoberfläche) sowie vor der Anfertigung der Übersetzungen terminologische Festlegungen zu treffen. Hier ist beispielsweise zu klären, wie die einzelnen Teile, Funktionen, Tätigkeiten usw. in den verschiedenen Sprachen benannt werden. Dabei ist auch zu vereinbaren, ob beispielsweise ein Kompositum mit oder ohne Bindestrich geschrieben wird (also Terminologiedatenbank oder Terminologie-Datenbank). Unterstützung bieten hier Terminologieextraktionsprogramme und Terminologieverwaltungsprogramme, wobei beim anschließenden Einsatz eines MÜ-Systems auf eine Schnittstelle des Terminologieverwaltungsprogramms zur Terminologiedatenbasis des MÜ-Systems geachtet werden sollte. 5.2 Festlegung von Dokumentvorlagen und Formatierungsrichtlinien Das konsequente Arbeiten aller an einem Projekt beteiligten Technischen Redakteure mit einheitlichen Dokumentvorlagen stellt Konsistenz in der Formatierung sicher, erhöht die Effektivität und Ergonomie des Einsatzes von TMS und MÜ-Systemen und erleichtert nachträgliche Formatierungsänderungen. Zum maschinellen Übersetzungssystem LOGOS gibt es eine Dokumentvorlage in Form eines Add-Ins (LOGOS.DOT), mit der die LOGOS-gerechte Erstellung von Texten erleichtert wird. 5.3 Festlegung von Standardformulierungen Vor der Formulierung der Ausgangsversion einer Dokumentation sollten Standardformulierungen für immer wiederkehrende Inhalte festgelegt und als Autotexte bzw. Textbausteine abgelegt werden. Diese sollten genau wie die Terminologie vorab in alle benötigten Sprachen übersetzt werden (am besten mit einem TMS). Die für sie relevanten Texte sollten dann allen beteiligten Autoren und Übersetzern (beim Einsatz von TMS in Form von Referenzmaterial) zum verbindlichen Gebrauch zur Verfügung gestellt werden. Entsprechendes gilt auch für Texte der Benutzungsoberfläche von Software. Auf diese Weise kann die Formulierungskonsistenz der Dokumentation (und der Texte der Benutzungsoberfläche) verbessert und dadurch die Effektivität der Arbeit mit TMS und MÜ-Systemen noch weiter erhöht werden. 5.4 Festlegung von Formulierungsrichtlinien (Style Guide, kontrollierte Sprache) Neben der konsequenten Verwendung von Autotexten und Textbausteinen führt die Aufstellung und Einhaltung von Formulierungsrichtlinien zu einer weiteren Standardisierung von Texten und diese wiederum zu höheren ‚Trefferquoten’ bei der Arbeit mit TMS und MÜ-Systemen. Die Kriterien für die Festlegung der Formulierungsrichtlinien sollten dabei sein: Konsistenz, Verständlichkeit, Eindeutigkeit und Prägnanz sowie bei der anschließenden maschinellen Übersetzung auch Analysierbarkeit durch das verwendete MÜ-System. Sie führen insgesamt zu leichter Rezipierbarkeit, einer Eigenschaft, die jeder Gebrauchstext (im Gegensatz zu literarischen Texten) erfüllen sollte. Der Übergang von der Einhaltung eines bloßen Style Guides zur Textproduktion in einer kontrollierten Sprache ist dabei fließend. 5.5 Pflege von Referenzmaterial für die TMS-gestützte und maschinelle Übersetzung TMS arbeiten nach dem GIGO-Prinzip
(garbage in – garbage out). Es ist daher wichtig, sicherzustellen, daß
nur einwandfreie ausgangssprachige Texte und ihre einwandfreien Übersetzungen
als Referenzmaterial für zukünftige Übersetzungen genutzt
werden.
Wenn die Daten nicht firmenintern gepflegt werden können (aus Personalgründen und/oder weil die entsprechenden Programme intern nicht vorhanden sind), sollte der Dienstleister zum Aufbau, der Pflege und ggf. auch der Herausgabe des auftraggeberspezifischen Referenzmaterials verpflichtet werden. Außerdem kann es sinnvoll sein, ihn dazu zu verpflichten, firmenspezifisches Referenzmaterial nur für Aufträge des entsprechenden Auftraggebers zu nutzen. Werden nach dem Export der Texte aus dem TMS noch Änderungen am Ausgangs- oder Zieltext vorgenommen, muß sichergestellt werden, daß diese Änderungen auch in das Referenzmaterial eingepflegt werden. Hier ist klar zu definieren, wer Änderungen vornehmen darf und wer über solche Änderungen binnen welcher Fristen zu informieren ist. 5.6 Vorsehung von Feedback-Schleifen Wann immer Technische Autoren, Terminologen und Übersetzer auf
der Basis eines Regelwerkes arbeiten, kommt es zu Situationen, in denen
an den Regeln Änderungs-, Korrektur- oder Erweiterungsbedarf festgestellt
wird. Hier sind Prozeduren vorzusehen, die die Diskussion solcher Änderungswünsche
in regelmäßigen Abständen (und in dringenden Fällen
auch sofort) ermöglichen und die Aufnahme und Distribution von Neuerungen
regeln. Die verwendeten Terminologiedatenbanken, Prüfprogramme für
kontrollierte Sprachen etc. sollten für solche Änderungen offen
sein. Außerdem sind entsprechende Schulungen für alle betroffenen
Mitarbeiter vorzusehen.
Die zunehmende Verschmelzung der Aufgabenbereiche von Technischen Redakteuren und Übersetzern in der Praxis muß sich auch in deren Ausbildung widerspiegeln. Die heute noch separaten Studiengänge, die für jedes der beiden Berufsprofile getrennt qualifizieren, sind stärker zu verzahnen, als dies bisher geschehen ist. Lockwood et al. (1995: 63) stellen hierzu fest:
6.1 Übersetzungsmanagement für Technische Redakteure Konkret heißt dies, daß unter anderem die folgenden Inhalte in die Ausbildung Technischer Redakteure integriert werden müssen:
Umgekehrt kann auch der Übersetzer die Augen nicht verschließen vor den Rahmenbedingungen, vor allem den softwaretechnischen, unter denen Technische Redakteure ihre Texte erstellen, und er muß auch selbst in der Lage sein, Gebrauchstexte zu verfassen. Um angehende Übersetzer auf ihre sich wandelnden Aufgaben auf dem internationalen Arbeitsmarkt vorzubereiten, sollten die folgenden Inhalte in die Übersetzungsausbildung integriert werden:
6.3 Bachelor/Master zum Interkulturellen Technischen Redakteur Das derzeitige Bestreben deutscher Hochschulen, Bachelor- und Master-Abschlüsse einzuführen und damit die Ausbildung zu internationalisieren, dürfte der Einrichtung solcher Studiengänge zum Interkulturellen Technischen Redakteur förderlich sein. Konkret könnte ich mir die Ausbildung zum Interkulturellen Technischen Redakteur wie folgt vorstellen.
In einem sechssemestrigen Bachelor-Studiengang wird das Basiswissen der Technischen Redaktion vermittelt (Textproduktionskompetenz in der Muttersprache, Standardisierung von Dokumentation, praktischer Einsatz der wichtigsten dokumentationsrelevanten Tools für Print- und Online-Dokumentation) sowie sprachliche und übersetzerische Kompetenz in einer Fremdsprache. Hinzu kommt ein Sachfach (Technik oder Informatik inklusive Computerlinguistik). Die drei ersten Semester sind an der Heimathochschule zu absolvieren, die drei letzten an einer kooperierenden Hochschule in einem Land, in dem die erste Fremdsprache gesprochen wird. Eines der drei Semester im Ausland sollte dabei als Praxissemester in einem Unternehmen absolviert werden. In verschiedenen auf dem Bachelor-Studiengang aufbauenden dreisemestrigen Masterstudiengängen könnte das Wissen aus dem Bachelor-Studiengang dann wahlweise in einem der folgenden Bereiche vertieft werden:
Stellen wir uns der Aufgabe!
Professorin
für Technische Dokumentation
in den Studiengängen
zur Technischen Redaktion
an der Hochschule
für Technik Karlsruhe (FH)
Literatur:
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