Home Previous Zeitschrift 2003/03 Next Archiv Index
 
  Inhalt:
 
 
 
Infinite Konstruktionen, PRO, Nominativ-Kasus
 
Zur Analyse des Passivs
 
Autor

 

Sprachlabor

Syntax

Infinite Konstruktionen, PRO, Nominativ-Kasus

Die folgenden eingebetteten Nebensätze sind finit. Das pronominale Subjekt des eingebetteten Satzes bezieht sich beim Matrixverb versprechen auf das Subjekt des Matrixsatzes, beim Matrixverb überreden auf das Objekt. Dies ist durch die Indices i kenntlich gemacht.
 

1. Pauli verspricht seinem Freund, [CP daß eri kommt].
2. Paul überredet [seinen Freund]i, [CP daß eri kommt].

Die eingebetteten Sätze in 1. und 2. sind infinit und ihr jeweiliges Subjekt ist nicht hörbar, dennoch wird die thematische Rolle von kommen, die dem Subjekt zugewiesen wird, genauso interpretiert, wie in den Sätzen 3. und 4. 

Beachte, daß die Theta-Rolle von kommen nicht an das Subjekt des Matrixsatzes zugewiesen werden kann, da dieses bereits von versprechen/überreden eine Theta-Rolle erhalten hat, und dieses Subjekt dann zweifach Theta-markiert wäre.
 

3. Paul verspricht seinem Freund [CP zu kommen].
4. Paul überredet seinen Freund [CP zu kommen].

Offenbar wird das Subjekt interpretiert, es ist allerdings nicht hörbar.

Das Subjekt in Infinitiv-Sätzen darf auch nicht hörhar sein, wie die Ungrammatikalität von 5. und 6. zeigt.
 

5. *Paul verspricht seinem Freund [CP er zu kommen].
6. *Paul überredet seinen Freund [CP er zu kommen].

Wie lassen sich diese Beobachtungen theoretisch erfassen? Wir wissen, daß NPn Kasus haben müssen. Wir wissen weiterhin, daß Nominativ-Kasus immer bei Subjekten von finiten Sätzen auftritt, und nie in Abhängigkeit vom Verb alterniert wie die Kasus der Objekte. Nominativ-Kasus scheint daher nicht vom Verb zugewiesen zu werden, sondern von finitem INFL. Die naheliegende Annahme ist nun, daß infinites INFL keinen Nominativ-Kasus regieren kann, so daß das Subjekt von infiniten Sätzen keinen Kasus hätte. Wenn wir nun den folgenden (Kasus-) Filter formulieren, können wir die Datenlage erfassen. 

Kasusfilter:

Eine NP ist ungrammatisch, wenn sie eine phonologische Matrix hat, aber keinen Kasus. 
(einfacher: hörbare NPn benötigen Kasus. )

Mittels Kontraposition folgt daraus, daß NPn, die keinen Kasus haben, nicht hörbar sein dürfen. Wenn also die Subjekt-NP eines infiniten Satzes keinen Kasus hat, dann muß sie unhörbar sein, und genau das zeigen die Daten in 3. bis 6. Da wir die Subjekte aber genauso verstehen, als wären sie durch Pronomina wie in 1. und 2. realisiert, kann es nicht sein, daß die beiden unhörbaren Subjekt-Positionen völlig leer sind. Zumindest muß ihnen auf D-Struktur eine Theta-Rolle zugewiesen worden sein, die interpretiert wird. Wir wollen die unhörbaren Subjekt-NPn in infiniten Sätzen mit PRO (für Pronomen) bezeichnen. 
 

1. Paul verspricht seinem Freund [CP PRO zu kommen].
2. Paul überredet seinen Freund  [CP PRO zu kommen].

In dem folgenden Beispielpaar ist der eingebettete Satz in 2. auch infinit, und infolgedessen hören wir auch dort kein Subjekt.
 

1. Es scheint,  [CP daß Peter kommt]
2. Peter scheint [CP zu kommen]

Dieses Subjekt hören wir aber an einer anderen Position, nämlich der Subjekt-Position des Matrixsatzes. Nun ist scheinen ein Verb, welches seinem Subjekt keine Theta-Rolle zuweist, so daß seine Subjekt-Position nicht theta-markiert ist, und natürlich verstehen wir den Satz 2. gerade so, wie den Satz 1., keinesfalls aber so, daß Peter scheint. 

Daraus läßt sich nun folgender Schluß ziehen: Peter erhält auf D-Struktur eine Theta-Rolle, scheinen weist seiner Subjekt-Position keine Theta-Rolle zu, und aus diesem Grund ist es der NP Peter möglich, in der Subjekt-Position von scheinen aufzutreten, denn Peter ist daher nicht zwei Theta-Rollen, was einem Verstoß gegen das Theta-Kriterium gleichkommen würde. Nun muß eine hörbare NP einen Kasus haben, wie uns der Kasus-Filter sagt. Da Peter in der Subjekt-Position des Inifinitivsatzes keinen Nominativ-Kasus erhalten kann, müßte er eigentlich unhörbar werden. Es gibt jedoch einen Ausweg. Peter kann sich mittels move in eine Position bewegen, in der Kasus vorhanden ist, und das ist die theta-freie Subjekt-Position des Matrixsatzes, in der sich wegen der Finitheit Nominativ-Kasus befindet. Somit hat Peter seine Theta-Rolle auf D-Struktur erhalten und hat, nachdem er bewegt wurde, auch Kasus. Da der Satz 2. grammatisch ist, läßt sich schließen, daß Kasus nicht auf D-Struktur geprüft wird, sondern erst nach move alpha und damit auf S-Struktur. 

Nun müssen wir überlegen, von welchem Typ die leere Kategorie in der Subjekt-Position des eingebetteten Infinitivsatzes ist. Da Peter nicht einfach unhörbar geworden ist, kann diese leere Kategorie nicht PRO sein, sie muß vielmehr, da Peter bewegt wurde und Bewegungen Spuren hinterlassen, eine Spur sein. 
Beachte, daß in den Beispielsätzen nur Matrix-Verben auftreten, die ihrem Subjekt eine Theta-Rolle zuweisen, das ist der entscheidende Grund dafür, daß dort keine Bewegung der Subjekte aus den Inifinitiv-Sätzen stattfinden kann, da diese dann zweifach theta-markiert wären. Voraussetzung für die Bewegung in eine Kasusposition ist daher, daß diese Position nicht theta-markiert sein darf. 

Da diese Bewegung aus Kasusgründen geschieht und NPn Kaus benötigen, nennt man sie auch NP-Bewegung. Eine andere Bezeichnung leitet sich daraus ab, daß das Ziel der Bewegung eine Position ist, der im Prinzip eine Theta-Rolle zugewiesen werden kann. Eine solche Position nennt man Argument-Position (A-Position). Infolgedessen nennt man -analog zur non-A-Bewegung- die Bewegung in eine Argument-Position A-Bewegung

Zur Analyse des Passivs 

Eine vergleichbare Situation tritt bei Passivkonstruktionen auf.

  1. weil der Junge den Hund streichelt. 
  2. weil der Hund gestreichelt wird. 
In 1. tritt ein Argument im Nominativ und eins im Akkusativ auf. Das Argument im Nominativ trägt die Theta-Rolle Agens. Das Argument im Akkusativ trägt die Theta-Rolle Patiens. In 2. ist das Argument mit der Theat-Rolle Agens verschwunden und stattdessen tritt das Patiens-Argument im Nominativ auf. Weder kann das Agens-Argument in einem regierten Kasus auftreten noch kann die Partizip-Perfekt-Konstruktion ein Argument im Akkusativ regieren. Passivierung scheint also die beiden folgenden Effekte auszulösen: 
  1. Agens-Unterdrückung 
  2. Akkusativ-Kasus-Absorption 
Wie läßt sich dies in unserem Grammatik-Modell ableiten? 

Die D-Struktur ist wohlgeformt, denn jedes Argument hat genau eine Theta-Rolle und jede Theta-Rolle ist genau einem Argument zugeordnet. Auf S-Struktur muß gelten, daß jede NP mit phonetischer Matrix einen Kasus hat. Aufgrund der Akkusativ-Kasus-Absorption hätte die NP d Hund auf S-Struktur keinen Kasus, wenn sie in ihrer Basisposition verbliebe. Da wegen der Agens-Unterdrückung der Subjekt-Position keine Theta-Rolle zugewiesen wurde, aufgrund der Finitheit von INFL dort aber Kasus zugewiesen ist, kann die NP d Hund, die auf D-Struktur die Theta-Rolle Patiens erhält via A-Bewegung in die Subjekt-Position wandern, um dort Nominativ-Kasus zu erhalten. 

Die folgende Graphik enthält eine Sequenz von Bildern, die die Ableitungsschritte einer Passivanalyse zeigen. Laden Sie zunächst die Bilder. Danach kann mit der Steuerung auf der linken Seite die Sequenz vorwärts und rückwärts durchlaufen werden. 
 
 

Horst Lohnstein
Zum Seitenanfang
 

© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 27.05.2003