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  zur Buchbesprechung

  Der Zeitfaktor 

  Ein Beispiel 

  Folgen in der Praxis 

Inspiriert durch: Der Takt des Gehirns
 

In der Technischen Dokumentation verrichten wir unsere Arbeit nicht losgelöst vom Produkt, vom Bediener und seiner normalen Arbeitsumgebung, sondern müssen die Besonderheiten, die das Produkt und die Arbeitsumgebung auszeichnen, mit berücksichtigen. Wir sollten uns aber auch darüber im Klaren sein, dass es noch eine weitere Variable gibt: den Zeitfaktor beim Bedienen.

Der Zeitfaktor 

Damit ist zunächst einmal jene Zeit angesprochen, die vom Bediener einer Maschine oder eines Gerätes benötigt wird, um irgend einen oder mehrere Reize/Signale aufzunehmen, die beispielsweise von der Maschine oder dem Gerät ausgehen. Diese Reize können akustisch erfolgen oder visuell oder auch taktil. Das oben angesprochene Buch erklärt sehr anschaulich, dass dieser Vorgang, einen Reiz aufzunehmen, mit anderen Worten, diesen durch das Gehirn verarbeiten zu lassen, nicht ein kontinuierlicher Vorgang ist, sondern getaktet abläuft. Wie schnell wir solche Reize verarbeiten können, ist individuell verschieden. Es hängt davon ab, wie groß unsere »Ordnungsschwelle« ist. Dabei wird die Ordnungsschwelle definiert als diejenige Zeitspanne zwischen zwei Sinnesreizen, in der wir die beiden Sinnesreize gerade noch getrennt wahrnehmen können. Im Durchschnitt beträgt diese Zeitspanne 30 ms. Wir hören, sehen, empfinden also in Zeitblöcken, die bei gesunden Menschen zwischen 20 ms und 40 ms liegen. Die Zeitblöcke sind immer gleich lang.

Ein Beispiel 

Dazu ein Beispiel: 2 Stahlkugeln fallen auf den Fußboden. Sie kommen aber leicht zeitversetzt auf. Sagen wir, in der Zeit von 0 ist 30 ms schlägt die erste Kugel auf. Das Geräusch hören wir. In der sich anschließenden Zeit von 31 bis 60 ms sind wir nicht in der Lage, etwas zu hören ; wir sind sozusagen „offline“ getaktet. Wenn in dieser Zeitspanne die zweite Kugel aufschlägt, hören wir nichts. Erst in der sich anschließenden Zeit von 61 bis 90 ms sind wir wieder in der Lage, etwas zuhören. Beim Sehen ist es dasselbe. Deswegen beträgt auch die optimale Bildfolge bei einem Film 24 bis 25 Bilder pro Sekunde. Dann sehen wir den Film ruckfrei, quasi als fließende Bewegung. In den Zeiten, in denen wir sozusagen „offline“ getaktet sind, also keine Reize empfangen können, täuscht uns unser Gehirn. 

Folgen in der Praxis 

Ein vorbeifahrendes Auto sehen wir nicht kontinuierlich, sondern immer nur stückchenweise. Den Rest dichtet unser Gehirn dazu. Ein Auto, das mit 50 Stundenkilometer fährt, legt in der Sekunde ca. 14 Meter zurück. Wenn unsere persönliche Ordnungsschwelle beim Sehen 30 ms beträgt (beim Hören kann sie durchaus einen anderen Wert annehmen), dann sehen wir den Wagen zu einem bestimmten Zeitpunkt ganz real, und danach 30 ms eigentlich nicht - in dieser Zeit hat der Wagen 42 cm zurückgelegt, und dann geht dasselbe wieder von vorne los.

Und noch etwas ist sehr interessant und sollte von uns im Hinterkopf gespeichert bleiben. Wenn uns gleichzeitig ein optischer und ein akustischer Reiz erreicht, dann nehmen wir den akustischen Reiz zuerst wahr und danach erst den optischen. Bei einem Warnsignal bedeutet dies, dass uns das akustische Signal schneller erreicht.

Das akustische Warnsignal muss allerdings auch lange genug an einem Stück zu hören sein. Denn wenn es kürzer ist als die persönliche Ordnungsschwelle des Bedieners und nur einmal erfolgt und zudem unglücklicherweise in seinen „offline“-Takt fällt, dann kann er es schlichtweg nicht hören.

Wie lange dauern nun eigentlich 30 ms? Die Frage ist leicht zu beantworten. Sprechen Sie sich das Wort »tickt« mit normaler Lautstärke vor. Das anlautende „t“ hören Sie etwa 30 bis 50 ms lang. Das auslautende „t“ hören Sie ca. 100 ms lang.

Das Phänomen der Ordnungsschwelle ist noch nicht weitflächig erforscht, obwohl es schon seit einigen Jahren bekannt ist. Wir müssen uns daher selbst überlegen, ob es Situationen gibt, in denen wir dieses Phänomen bei unserer täglichen Arbeit berücksichtigen oder andere darauf aufmerksam machen müssen.
 

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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 27.05.2003