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Schrift in multimedialer Umgebung kommt Bildern nah
  
Schrift wird Bild
Endlos vergängliche Bilderfülle verleibt Schrift sich ein
 
Geschriebene Fragmente leben in flüchtigen Rhizomen
   
"Sprachwandel durch Computer"?
   
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Sprachlabor

Schriftliche Texte in multimedialen Kontexten

Teil 2

4. Schrift in multimedialer Umgebung kommt Bildern nah

4.1 Schrift wird Bild

In multimedialen Kontexten nimmt Schrift selbst Eigenschaften jener anderen Medien an. Wo gleichzeitig gesprochen (vorgelesen) wird, steht der Text nicht als Monument da, sondern läuft zeitparallel mit. Wo Bilder eine Rolle spielen, verwandelt Schrift sich ihnen an und wird selbst zum Bild. Sie wird dann auch als Bild gelesen.

Im einfachsten Fall wird das Schriftbild bewußter gestaltet. Die Schrifttype wird nicht länger nach eher zufälligen, äußerlichen oder technischen Gesichtspunkten ausgewählt, sondern trägt selbst eine Botschaft orientierender und/oder ästhetischer Art. Wären alle Texte auf unserem Beispielbildschirm in gleicher Type gesetzt, so wäre er sehr schwer zu entziffern; wir wüßten kaum, was zusammengehört. Verschiedene Typen signalisieren verschiedene Quellen. Im Gesamtbild (syntagmatisch) helfen sie dem Auge bei der flächigen (springenden, nichtlinearen) Lektüre. Als je einzeln Wiedererkennbare (paradigmatisch) vermitteln sie - ähnlich den Warenzeichen - den beruhigenden Eindruck einer soliden Stabilität über das so bewegliche Schirmbild hinaus. Die Schrifttype "Chicago" etwa in unserem Beispiel weit oben (z.B. "Ablage") markiert langfristig stabile kurze Textschablonen aus Anwenderprogrammen.

Im etwas anspruchsvolleren Fall verläßt die Typographie die Fesseln strenger Normen und wird individuell gestaltet. Das gilt für einzelne Textstücke (im Beispiel links das Firmenzeichen "MSNBC") so wie für das gesamte Layout einer Informationseinheit: je weniger buchdruckgewohnte Konvention, desto mehr ästhetisches Design. Die trotz zunehmender Variation auch zuletzt noch überschaubare Gleichförmigkeit des mechanisch-maschinellen Zeitalters weicht immer mehr elektronisch ermöglichter grenzenloser Vielfalt.

Auf der dritten Stufe schließlich ist das Wort schon Bild geworden. Die Botschaft will nicht digital entziffert, sondern analog erkannt werden. Im Firmenlogo der Rundfunkstation steht eine Vignette noch neben dem Akronym. Im Firmenlogo des Computerherstellers (oben links in der Ecke) kommt kein Text mehr vor. Dabei bedeutet es an dieser Stelle eher nur unterschwellig das Firmenzeichen; vor allem dient es metaphorisch als anklickbare Überschrift für eine mehr oder weniger große Anzahl verschiedener Dienstprogramme (die ihrerseits dann jeweils mit Vignette und Chicago-Text bezeichnet sind). Viele andere anklickbare Stellen auf dieser Bildschirmseite sind graphisch gestaltet, wo vor zwanzig Jahren Programmtext und vor zehn Jahren natürlich-sprachlicher Text hätte eingetippt werden müssen. Neue Software zeigt, daß Computer auch rein grafisch (ganz ohne Text) bedient werden können; und es liegt nahe, daß neuerdings grafisch orientierte Textverarbeitungssoftware entwickelt wird, die Text als Grafik behandelt.

Daß Schrift Bild wird, ist keineswegs neu. Schließlich besitzt alles Geschriebene "eine zur bildnerischen Gestaltung einladende visuelle Komponente. Schriften werden dann besonders gut memoriert, wenn sie sich wie Bilder einprägen." (Schmitz-Emans 1995:470; vgl. ebd.470-474). So wurde "die besondere Nähe des Schreibens und des Malens" etwa im Mittelalter gestalterisch ausgenutzt "bis hin zur Austauschbarkeit von Bild und Schrift"; denn die ähnliche handwerkliche Grundlage und (dementsprechend) der mittelalterliche Akzent auf audiovisuellen Wahrnehmungsformen legten es noch nicht nahe, schriftliche und visuelle Darstellungsformen strikt zu trennen (Wenzel 1994:141,156). In dem Maße, wie nun der Buchdruck seine innovative Kraft und damit Schrift ihre kulturelle Hegemonie verliert, machen wir heute wieder vermehrt Gebrauch von allerdings elektronisch getragenen und dementsprechend sehr viel komplexeren multimedialen Kommunikationsformen. Die reich bebilderte und kalligraphisch durchgestylte mittelalterliche Handschrift ist langsam entstanden, für eine kleine Ewigkeit hergestellt, und will bedächtig gelesen werden. Der übervolle postmoderne Farbbildschirm versammelt ad hoc eine schnell vergängliche Auswahl aus einer Unmasse arbeitsteilig und oft hektisch fabrizierter Zeichen, die sämtlich um Aufmerksamkeit buhlen. Diente die Ästhetisierung und Visualisierung der Schrift damals der höheren Ehre Gottes, der Kirche oder eines Adeligen, so heute der schnelleren Lesbarkeit und der höheren Einschaltquote.

4.2 Endlos vergängliche Bilderfülle verleibt Schrift sich ein

Stärker noch als das einzelne Wort tritt das gesamte Zeichenangebot vorrangig als Bild in Erscheinung. Es wird als bewegliches Ensemble wahrgenommen, mehr erschaut als erlesen. Der Blick folgt nicht Zeilen, sondern tanzt über die Fläche.

Das ist barock. Unser Beispiel-Bildschirm schmückt sich mit vier verspielten Putten in den Ecken, reizt alle Sinne, ästhetisiert sämtliche Inhalte, zeigt Texte vorwiegend in begleitender, dienender oder bildähnlicher Rolle. Da will geschaut und bewegt, weniger gelesen und bedacht werden. Die klassische Sicherheit des strengen Wortes weicht unruhiger Dynamik endloser Bilderfülle. Protestantischer Aufklärung folgt katholische Ergreifung. "Le pli: le Baroque invente l'uvre ou l'opération infinies. Le problème n'est pas comment finir un pli, mais comment le continuer, lui faire traverser le plafond, le porter à l'infini." (Deleuze 1988:48) Opulente Fülle und schnelle Vergänglichkeit jagen einander. "Diß Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Schertzen." (Gryphius 1984:61)

Zeichen trotzen immer dem Tod, weil sie Realität bis ins Unendliche spiegeln und scheinbar neu erzeugen. Bilder tun das massiver und unmittelbarer als Schrift; "Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn." (Kroeber-Riel 1993:ix). Wenn Texte mit Bildern zusammen auftreten, von Bildern einverleibt oder selber zu Bildern werden, dann wächst auch Schrift selbst über sich hinaus. Wir wissen nicht, wo das endet.

Schrift stellt Zeit still. Oft wird gegen Vergänglichkeit angeschrieben - um Warenverkehr und staatliche Organisation haltbarer zu machen, um kulturelle Leistungen über Generationen zu tradieren, um sich Denkmäler zu setzen oder "um noch einmal die alten grünen Pfade der Erinnerung zu wandeln" (Keller o.J.:1125). Bilder können gleiches im Raum leisten. Seltsamerweise finden beide umso enger zusammen, wie sie sich einer schnell vergänglichen Grundlage bedienen. Elektronische Text-Bild-Gemenge sind jedenfalls nicht für die Ewigkeit gemacht. Die Lebensdauer elektronisch übertragener oder auch konservierter Zeichen ist begrenzter als diejenige herkömmlicher Farbpartikel, die für Schrift, Druck und Malerei gebraucht werden. Schon sorgt man sich darüber, ob unsere elektronischen Erzeugnisse in wenigen Jahrzehnten noch erhalten und dann auch lesbar sein werden (Byrne 1996). Dafür aber können sie leichter vervielfältigt werden als jene. Alte Zeichen sind behäbig, neue geschwind.
 

5. Geschriebene Fragmente leben in flüchtigen Rhizomen

Schriftliche Texte in multimedialen Kontexten nehmen vielfältige und auch neuartige Formen an. In der Regel sind sie kürzer, unselbständiger, rhizomatischer, flüchtiger und fragmentarischer als herkömmliche Texte.

(1) Kürzer sind sie allein schon deshalb, weil eine Bildschirmseite wenig Platz bietet, der auch noch mit Bildern und grafischen Elementen geteilt werden muß. So wird der Bildschirm insgesamt leicht als Bild wahrgenommen, in dem auch Texte stehen. Er ist eben Bildschirm und nicht Textschirm. Man liest nicht linear einer Zeile entlang, sondern punktuell in der Fläche. Es wird kaum geblättert, sondern eher wird das Bild verändert. Die Texte passen sich diesen Bedingungen an.

(2) Deshalb sind sie auch unselbständiger. Kurze Texte können grundsätzlich nur als esoterische Gedichte oder als informationsarme Nachrichten in sich ruhen. Schriftliche Texte in multimedialen Kontexten hingegen können und sollen, anders als monomediale (rein schriftliche) Texte, nicht oder nur selten endozentrisch aus sich heraus verstanden werden; sie verweisen vielmehr exozentrisch auf semiotische Gebilde anderer Art. Intertextualität ist ihnen so sehr eingeschrieben, daß sie bis zur Selbstaufgabe aus sich herausgehen und von sich wegführen.

(3) Am avantgardistischsten tun sie das mit einer neuen, nur elektronisch verfügbaren Technik, den Hyperlinks. Zahlreiche Elemente des sichtbaren Bildschirminhalts sind auf technische Weise unmittelbar mit anderen Zeichen verbunden, die durch Anklicken sofort in Erscheinung treten. Schrift zwingt dazu, Gedanken linear-räumlich aufzureihen. Leinwand und Plakat machen Zeichen in der Fläche sichtbar, ohne daß Zeit eine Rolle spielte. Kino und Fernsehen setzen die Fläche in eine linear-zeitliche Bewegung. Der Computerbildschirm schließlich eröffnet die dritte Dimension hinter der Fläche. Die Zeichen sind weder nur linear (durch Schrift) noch hauptsächlich flächig (durch Layout), sondern auch noch über ein vielgestaltiges unsichtbares Netzwerk miteinander verbunden, dessen Verflechtungen ad hoc sichtbar gemacht werden können. Hinter der sichtbaren Fläche steht ein unendlicher semiotischer Raum, der vom Bildschirm aus zugänglich ist und durch den der Bildschirm sozusagen tomographische Schnitte legt.

Multimediale Hypertexte sind Rhizome. Ein Rhizom hat "viele Eingänge", verbindet "einen beliebigen Punkt mit einem anderen" und ist "ein nicht zentriertes, nicht hierarchisches und nicht signifikantes System ohne General [...], einzig und allein durch die Zirkulation seiner Zustände definiert" (Deleuze/Guattari 1977:21,34,35). So nähert sich der medial vermittelte Zeichenraum - ganz anders als bei Schrift - den assoziativen Formen unseres Denkens an. Alles kann mit allem unmittelbar verbunden werden, und der Benutzer kann Lesegegenstand, Leseraum und Lesezeit jederzeit nach Gutdünken steuern.

(4) Daraus folgt Flüchtigkeit jedenfalls der sichtbaren Zeichen. War der Buch-Leser "aktives Prinzip der Interpretation" (Eco 1987:8) im Rahmen einer semantisch mehr oder minder offenen, syntaktisch aber vorgegebenen Ordnung, so ist der Hypermedia- oder Internet-Nutzer zuallererst "aktives Prinzip der Selektion": stets muß er eine Auswahl treffen, oft zappt er sich seine Lesetexte und Schaubilder erst zusammen. "Kohärenz im Hypertext", so Wenz (1996:21), "ist nichts anderes als die aktive Erstellung von Verbindungen durch den Leser, die durch metatextuelle Instruktionen oder Paratexte gelenkt werden". Oft freilich führen die Wegweiser in unendlich viele Richtungen, und der Leser ist gar nicht auf Kohärenz aus, sondern auf Stöbern und Wildern. Die kurzlebige Zeichengestalt erleichtert ihm das. Die "immaterielle" elektronische Grundlage trägt flexible Zeichengestalten, die Pergament oder Papier nicht erlaubten.

(5) So braucht der Zeichenproduzent keine innere Geschlossenheit seiner Produkte anzustreben. Ganzheit kann zwar angeboten werden, nimmt in dieser technischen Umgebung aber doch den Charakter eines Fragments an, das es in Zusammenhänge zu stellen, zu verändern oder zu bearbeiten gilt; oder es wirkt anachronistisch. Schriftliche Texte in multimedialen Kontexten sind meistens Stücke. Der Nutzer muß sie auflesen und kann sie für sich zu einem individuellen Ganzen formen. Jedes einzelne Stück ist, schon aus technischen Gründen, Fragment. Der Leser wird zum Bastler, wie ein Kind.

Freilich stehen ihm andere Mittel zur Verfügung als dem Bastler des Wilden Denkens, wie Lévi-Strauss (1973:50) ihn beschreibt: "die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen, d.h. mit einer streng begrenzten Auswahl an Werkzeugen und Materialien, die überdies noch heterogen sind, weil ihre Zusammensetzung in keinem Zusammenhang mit dem augenblicklichen Projekt steht". Wohl bieten multimediale CDs begrenzte Mittel zum Basteln an, aber sie gehören alle zu einem Projekt. Die Mittel im World Wide Web hingegen beziehen sich von Haus aus auf zahllose Projekte; sie können für unendlich viel neue Projekte verwendet werden; ihre Menge ist schier unüberschaubar, unbegrenzt, und sie wächst und verändert sich jede Sekunde. Projektbezogene Begrenzung und projektsprengende Grenzenlosigkeit kennzeichnen den Unterschied zwischen offline und online. Beide elektronischen Multimedia-Sorten aber dienen dem Bastler nicht dazu, "ein Ganzes zu bestimmen, das es zu verwirklichen gilt" (ebd.31). In diesem Sinne überholt elektronische Arbeit das Wilde Denken postmodern. Sie assoziiert Bilder mehr als sie Texte verfaßt; sie explodiert mehr als sie diszipliniert. Sie sucht und findet kein Ende.

6. "Sprachwandel durch Computer"?

In neuen Medien verändern Menschen ihre Sprache (vgl. Schmitz 1995). Was Barthes (1974:13) für passionierte Lektüre beschrieb, geschieht hier in der Produktion: "die Sprache wird neu verteilt". Da ist dann vieles offen. Im Bereich unseres Themas konnten wir, um zusammenzufassen, drei grundlegende "Tendenzen" (vgl. Braun 1993) ausfindig machen, die hinter den oben zusammengetragenen Befunden stehen und die alle Zeichennutzer beeinflussen können.

(1) Schrift verliert ihre nur wenige Jahrhunderte währende Hegemonie als kulturprägendes Medium. Massenmedien förderten nicht nur Schrift, sondern zunehmend auch bild-, wort- und tongetragene Formen gesellschaftlicher Selbstverständigung. Medial immer komplexere Zeichengebilde entstehen, und Schrift wandert mehr und mehr in multimediale Kontexte ein. Dabei weicht die äußere Abgeschlossenheit und innere Ganzheit, zu der rein schriftliche Texte neigen, immer offeneren semiotischen Gebilden. Mit Computern wird dieser Trend zur Multimedialisierung und in der Folge auch Fragmentarisierung noch intensiviert (vgl. hier Nickl 1996:398). Auf elektronischer Grundlage wuchern Zeichen immer schneller, massenhafter und komplexer. Beschleunigung und Beweglichkeit, Partikularisierung und Komplexitätszunahme, Vergänglichkeit und Neugeburt treiben einander an, bis immer flüchtigere Produktion und Rezeption die hergebrachten kognitiven Fähigkeiten der Menschen übersteigt. Sie können dann nur noch blindlings zappen oder neue Kommunikationsweisen entwickeln.

(2) Wir plädieren für letzteres. Dazu gehört u.a. auch widerständiges Lesen, Selbstdisziplinierung zur Langsamkeit und Pflege alter Medien. Im unmittelbaren Angesicht der je besonderen Leistungsfähigkeit von Bild und Ton kann Schrift aber über sich hinauswachsen und im Verein mit ihnen neue Qualitäten entwickeln. Anders als in Massenmedien nämlich können mit Computern sämtliche hergebrachten Kommunikationsweisen (außer dem persönlich unmittelbaren Gespräch) in einem Medium zusammengeführt werden. Das ermöglicht darüberhinaus gänzlich neue Kommunikationsweisen, semiotische Gebilde und Textsorten. Insbesondere fällt die Grenze zwischen Individual- und Massenkommunikation, und die strikte Unterscheidung zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation löst sich tendenziell auf. Computer erlauben vielfältige neuartige, flexible, interaktive, individuelle Benutzungsformen, die noch längst nicht ausgereizt sind. Auch mit Schrift kann neu experimentiert und gebastelt werden.

(3) Der Umgang mit multimedialen Zeichengebilden an Computern gleicht eher einer technischen Prozedur als einer geistigen Konstruktion oder Lektüre von Sinn. Es geht nicht darum, Sinnkontinuität zu erzeugen oder zu entdecken, sondern darum, in fragmentarischen Botschaften herumzustrolchen, sie aneinanderzubauen und sie zu bearbeiten. Computerzeichen sind unfertiges Material, Stationen der Semiose. Weniger als bei handschriftlich verfaßten Texten strebt man eine Vollendung oder überhaupt ein Ende an; stärker als bei gedruckten Texten ist man sich der Vergänglichkeit auch von Zeichen bewußt. Dabei geht man auf eine technische Weise mit Zeichen um. Die "Technologisierung des Wortes" (Ong 1987) und anderer Zeichen hat eine vor kurzem noch undenkbare neue Stufe erreicht. Technik ist ins Wort selbst eingewandert. Manche Stücke von Text und Bild dienen zugleich als Bedienungselement der semiotischen Universalmaschine Computer. Wir zeigen aufs Zeichen, und schon tut es, was es verspricht. We "do things with words" (Austin 1972) and pictures auf geradezu magische Weise: klicke aufs Wort (im Beispiel etwa "Back" ganz oben links), und schon erfüllt es seine Bedeutung; zeige aufs Bild, und schon wird es Wirklichkeit (im Beispiel etwa das Abbild eines CD-Spielers). Wer das Wort oder das Bild hat, hat auch die Sache - jedenfalls dem Scheine nach. Nirgends wirkt der ambivalente Rumpelstilzchen-Effekt bizarrer als hier. Denn man hat die "Sache" ja nur im "Medium", und man kommt nicht zurück aus der semiotischen Welt hinter den Spiegeln into real life. Das Zeichen ist die Sache, hier nämlich lediglich eine technische Bedienung des Computers, die programmgemäß eine wohldefinierte technische Routine in Gang setzt. Nichts anderes ist dahinter. Kaum daß Rumpelstilzchen benannt wird, zerreißt es sich und verschwindet ins virtuelle Nichts. Im Wechselspiel von Anwesenheit und Abwesenheit, von Fort und Da können sich Computernutzer wie Kinder im Spiel "sozusagen zu Herren der Situation" (Freud 1940:14f) machen.

Alle drei Tendenzen (anarchisch bunte Semiose jenseits des Alphabets, synästhetische Unbefangenheit gegenüber durchorganisierten Differenzen, endlose Spielerei mit magisch erscheinender Technik) sind durch und durch kindlich. Schrift und Kindheit sind Antipoden (vgl. Postman 1983). Kinder leben im Unfertigen; Erwachsene wollen an ein Ende kommen. Kinder fangen vieles an, Erwachsene schließen manches ab. Kinder basteln, Erwachsene folgen Routinen - hier produktives Chaos, dort klassische Ordnung, wenn man die beiden tatsächlich ja vielfach verschlungenen Seiten einmal idealtypisch gegenüberstellen darf. Und Kinder schließlich verbinden Namen unmittelbar mit den bezeichneten Gegenständen; dieser Realismus führt sie zu magischen Praktiken (vgl. z.B. Piaget 1978:107-142). Überhaupt ist der Umgang mit Zeichen Kindern so neu und frisch, daß vieles daran kryptisch oder rätselhaft bleibt und die Regeln beweglich und offen sind. "Das Spiel unserer Kinder ist auch ein Genuß", und es ist "Übung und Reinigung" (Château 1969:7,381).

In einer ähnlichen Situation steckt unsere Generation insgesamt in ihrem Verhältnis zu den neuen Medien, die ja neue Zeichenmaschinen sind. Genuß, Übung und Reinigung sind die drei Funktionen von Kulturtechniken, zu denen Multimedia auch zählt. "Edutainment" bezeichnet die drei nur in ihrer flachsten Form, nämlich als Zerstreuung. Nicht der Computer wandelt Sprache und verteilt sie neu, sondern wir tun das, indem wir seine technischen Bedingungen ausspielen. Auf welche Weise wir das tun, hängt davon ab, wie wir uns an das Neue gewöhnen. ("Die Aufgaben, welche in geschichtlichen Wendezeiten dem menschlichen Wahrnehmungsapparat gestellt werden, [...] werden allmählich nach Anleitung der taktilen Rezeption, durch Gewöhnung, bewältigt."; Benjamin 1974:505)
 
 

Prof. Dr. Ulrich Schmitz
Essen

Quelle: Linguistik-Server LINSE


 


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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 27.05.2003