Home Previous Zeitschrift 2001/03 Next Archiv Index
 
  Inhalt:
 
 
Zur Aktualität der Frage
Zur Besonderheit der gesprochenen Sprache als Zeitsignal
Modelle der sprachspezifischen Zeitverarbeitung
Einige Lehren aus dem Fall Olaf 
Untersuchung der sprachspezifischen Zeitverarbeitungsebenen bei größeren Stichproben 
Anlässe zum Einsatz diagnostischer Verfahren zur Zeitverarbeitung
Praxisgerechte Meßtechniken zur Bestimmung der Zeitverarbeitung
Eine grundsätzliche Überlegung zur Therapie
Autor
Literatur
Störungen der Sprach- und Zeitverarbeitung

Zum Verständnis von Sprach- und Zeitverarbeitung genügt es, die Kapitel 1 - 3 zu lesen. Die Kapitel 4 - 7 wurden nur der Vollständigkeit halber mit publiziert.
Die Redaktion

Konsequenzen für Diagnose und Therapie

1. Zur Aktualität der Frage 

In den letzten fünfzehn Jahren hat unser Wissen zur Sprach- und Zeitverarbeitung deutlich zugenommen. Gerade in der Psycholinguistik ist hier sorgfältig geforscht worden. In einer beachtlichen Reihe von Untersuchungen wurde die Zeitverarbeitung von sprachauffälligen und sprachunauffälligen Kindern und Erwachsenen erfaßt und verglichen. Unsere heutigen Erkenntnisse sind in vieler Hinsicht kein rein akademisches Wissen, sondern durchaus praxisrelevant. Doch müssen die in der Praxis Tätigen sich einiger Gefahren bewußt sein: 

  • Übereilte Diagnose - Kindern mit Sprachstörungen sollten Zeitverarbeitungsstörungen nur zugeschrieben werden, wenn ein ausreichend klarer Nachweis möglich ist. 
  • Undifferenzierte Diagnose - Die für Sprachverarbeitung relevante Zeitverarbeitung ist ein komplexes, mindestens dreischichtiges Phänomen. Greift die Diagnose nur auf einen Aspekt der Zeitverarbeitung zu, ergibt sich kein korrektes Bild einer eventuellen Störung. 
  • Undifferenzierte Therapie - Sprach- und Zeitverarbeitung sind eng miteinander verbunden. Therapeutische Verfahren, die ausschließlich auf einen Aspekt der Zeitverarbeitung ausgerichtet sind, scheinen beim jetzigen Stand der Kenntnisse fragwürdig. 
An einem kompletten, praxisgerechten Diagnoseverfahren zu Zeitverarbeitungsstörungen wird momentan gearbeitet. Eine vollständige und wirklich sichere Prüfung dürfte frühestens in zwei Jahren möglich sein. Das bedeutet nun nicht, daß man mögliche Zeitverarbeitungsstörungen in der Praxis lieber ignorieren sollte. Eine grundlegende Kenntnis des Zusammenhangs von Sprach- und Zeitverarbeitung verbunden mit den heute zur Verfügung stehenden Techniken ergänzt die Diagnose und unterstützt Entscheidungen zur Therapie. 

Einige der folgenden Ausführungen wurden in ähnlicher Form bereits an anderer Stelle publiziert (z. B. Kegel 1990, Kegel & Tramitz 1993, Kegel 1997). Um eine geschlossene und verständliche Problemdarstellung zu erreichen, müssen sie hier wieder aufgegriffen werden. 

2. Zur Besonderheit der gesprochenen Sprache als Zeitsignal

Beim Wahrnehmen und Verstehen von Sprache kommen zwei grundlegende Prozesse ins Spiel. Der Mensch segmentiert das sprachliche Angebot, zerlegt es also in Teileinheiten und identifiziert anschließend diese Teileinheiten, sucht also nach ihrer Bedeutung oder Funktion. Diese Prozesse finden sich auf der Laut/Graphem-Ebene, der Wortebene und der Satzebene. Korrektes Segmentieren bildet die Voraussetzung für korrektes Sprachverstehen. Um den Vorgang des Segmentierens und seinen Zusammenhang mit der Zeitverarbeitung besser zu verstehen, bietet sich ein Vergleich von Sprech- und Schriftsprache an. 

Der literate Mensch verfügt über Sprachbewußtheit. Er reflektiert Sprache und kann über Sprache sprechen. Diese Sprachbewußtheit hat sich vornehmlich in der Schule beim Erwerb der Schriftsprache herausgebildet und ist durch die Eigenarten der Schriftsprache geprägt worden. Aus diesem Grund überträgt der literate Mensch Eigenschaften seiner Schriftsprache auf die Sprechsprache, und dabei irrt er sich häufig. 

Alphabetische Schriftsprachen bieten mit Satzzeichen, Leerstellen und Buchstaben recht gute Segmentinformationen auf allen drei o.g. Ebenen an. Darüber hinaus gibt die Schriftsprache dem Leser Zeit. Wie rasch er liest, hängt weitgehend von seiner Leseroutine ab. Hingegen hat die Sprechsprache keineswegs gleichartige Segmentinformationen zu bieten. Und wie rasch der Hörer Gesprochenes wahrnimmt, hängt nicht von ihm ab, sondern von den inhärenten zeitlichen Eigenschaften des Sprachsignals. Deutliche Unterschiede zwischen Schrift- und Sprechsprache zeigen sich beim Segmentieren auf jeder der drei Ebenen. 

Laut/Graphem-Ebene: Unsere Schriftsprache besteht aus Buchstaben, die jedenfalls bei Druckschrift deutlich voneinander getrennt sind. Die Sprechsprache zeigt keine analogen Segmentinformationen. Die Laute gehen aufgrund der notwendigen Koartikulation meist fließend ineinander über. So zeigt z. B. die signalphonetische Analyse des Wortes EIN (vgl. Abb. 1) einen fließenden Übergang zwischen dem a-, ä-, i- und n-Laut. Die Kontinuität des Signals wird bei der Ausschnittsvergrößerung (vgl. Abb. 2) noch deutlicher. Dieses hier am Beispiel gezeigte, aber generelle Phänomen der Sprechsprache führt dazu, daß nur in sehr wenigen Fällen im Sprachsignal klare Grenzen zwischen den Lauten entdeckt werden können. 

Abb. 1: Oszillogramm des Wortes EIN

Abb. 2: Oszillogramm des Übergangs vom a- zum i-Laut 

Wortebene: Unsere Schriftsprache besteht aus Wörtern, die durch Leerzeichen voneinander getrennt sind. Analog müßten in der Sprechsprache die Wörter durch Pausen klar voneinander abgegrenzt sein, was aber nur selten der Fall ist. Sehr häufig werden bei flüssiger Rede Wörter miteinander verschliffen, so daß Artikulationspausen mehrheitlich nicht auf Wortgrenzen hinweisen. Tatsächlich erzwingen die Artikulationsgesetze systematisch Pausen mitten in Wörtern. So muß speziell vor stimmlosen Plosiven, also den t-, k-, und p-Lauten, der Atemstrom kurz gestoppt werden. Äußert jemand in normaler Sprechweise z. B. den Satz PAUL LIEGT DA DRÜBEN UND SCHLÄFT (vgl. Abb. 3), treten signalphonetisch erkennbare Pausen nur vor dem k-Laut in LIEGT und dem t-Laut in SCHLÄFT auf. 

Abb. 3: Oszillogramm des Satzes PAUL LIEGT DA DRÜBEN UND SCHLÄFT

Satzebene: Unsere Schriftsprache besteht aus Satzteilen und Sätzen, die durch Satzzeichen und Leerzeichen voneinander getrennt sind. Analog müßten in der Sprechsprache die Satzteile und Sätze durch Pausen klar voneinander abgegrenzt werden, was aber keineswegs immer der Fall ist. Häufig werden Folgen von Satzteilen und Sätzen ohne trennende Pausen artikuliert, so daß der Hörer aus Betonungsgefüge sowie syntaktischer und semantischer Teilinformation auf die Satzgestalten schließen muß. Dies tritt speziell dann auf, wenn der Endlaut der vorangegangenen Einheit mit dem Anfangslaut der folgenden Einheit identisch ist, z. B. bei der flüssigen Äußerung der Satzfolge DA IST DER KAMM - MACH JETZT ENDLICH (vgl. Abb. 4). 

Abb. 4: Oszillogramm der Sätze DA IST DER KAMM - MACH JETZT ENDLICH 

Nach dem bisher Ausgeführten scheint es recht rätselhaft, wie Sprechsprache überhaupt verstanden werden kann. Voraussetzung für das Verstehen ist ja das Segmentieren des Sprechflusses in adäquate Einheiten, doch fehlen in der Sprechsprache ausreichend unterstützende Segmentinformationen. Die Lösung des Rätsels liegt im Zugriff auf die Zeitlichkeit des Sprechsignals. 

3. Modelle der sprachspezifischen Zeitverarbeitung 

Wir müssen zwischen der objektiven physikalischen Zeit, gemessen durch die uns bekannten Uhren, und der subjektiven psychischen Zeit unterscheiden. Hier spricht man in der Chronobiologie, der Zeitpsychologie und der Psycholinguistik von inneren Uhren. Die langsamer laufenden inneren Uhren regeln den Lebensrhythmus des Menschen, die schnelleren beeinflussen die Prozesse der Wahrnehmung und der Informationsverarbeitung. Die schnellsten inneren Uhren bilden die Grundlage für die Wahrnehmung und Verarbeitung des Sprachsignals. Ihre physiologische Realisierung ist bisher nicht befriedigend geklärt worden. 

Ein Modell aus der Zeitpsychologie, das sich an Pöppel (1978) orientiert, gibt hier einen ersten guten Überblick (vgl. Abb. 5). Die Begriffe Fusionsschwelle, Ordnungsschwelle, Zeitmarken und subjektives Jetzt verweisen auf Zeitverarbeitungsprozesse. Wenn zwischen zwei einander folgenden Reizen nur ein bis zwei Millisekunden liegen, nehmen wir sie als einen einzigen Reiz wahr. Die beiden Reize verschmelzen, da die Zeitdistanz unter der menschlichen Fusionsschwelle liegt. Liegt die zeitliche Distanz zwischen den beiden Reizen höher als die Ordnungsschwelle (20 bis 50 Millisekunden), erkennen wir nicht nur zwei Reize, sondern erfassen auch ihre zeitlichen Abfolge. Das geschieht meist unbewußt, im Gegensatz zu den Zeitmarken, die Ereignissen in Abständen von einigen Zehntelsekunden zugewiesen werden können. Das subjektive Jetzt umfaßt etwa drei Sekunden. Es vermittelt dem Menschen das Erlebnis der Gegenwart, den Augenblick. 

Abb. 5: Zeitpsychologisches Modell 

Die psycholinguistische Modellierung (Kegel 1990) geht von diesen zeitpsychologischen Erkenntnissen aus und umfaßt drei interagierende Ebenen der sprachspezifischen Zeitverarbeitung: 
  • Ordnungsebene 

  • - Automatische Segmentierung des Sprachsignals. 
    - Vermutlich 20 - 50 msec Segmentdauer. 
    - Analyse der Segmente nach lautlichen Merkmalen. 
  • Strukturierungsebene 

  • - Metrische Einheitenbildung über betonte/unbetonte Silben. 
    - Einige 100 msec Einheitendauer. 
    - Analyse/Synthese der metrischen Einheiten nach semantisch/funktionalen Merkmalen der Wörter. 
  • Integrationsebene 

  • - Gestalthafte Einheitenbildung über Rhythmik des Betonungsgefüges. 
    - Etwa 3 sec Einheitendauer. 
    - Analyse/Synthese der gestalthaften Einheiten nach Aussageintention der Teilsätze/Sätze. 
Der oben konstatierte Mangel an Segmentinformation ist die Kehrseite eines Vorteils der Sprechsprache. Segmentinformationen müßten vornehmlich als Pausen realisiert werden, und diese würden zu einer abgehackten und wesentlich langsameren Sprechweise führen. Die Segmentierung über die Zeitverarbeitung ist also der ausgesprochen elegantere Weg, aber auch eine störanfällige Lösung. Denn: Ist die Zeitverarbeitung defekt, leidet die Sprachverarbeitung - ein Phänomen, das bei vielen Aphasikern und sprachgestörten Kindern zu beobachten ist. 

4. Einige Lehren aus dem Fall Olaf 

Die dreijährige Arbeit mit Olaf (Kegel & Tramitz 1993) hat die Erkenntnisse zum Zusammenhang von Sprach- und Zeitverarbeitung entscheidend vorangebracht und breiter angelegten Studien den Weg gebahnt. Olaf wurde nach mehreren erfolglosen Therapieversuchen im Alter von neun Jahren als weitgehend “sprachloses” und wohl autistisches Kind in einer Kinik mit sehr breitem Therapieangebot behandelt. Die sprachheilpädagogische Therapie wurde nach McGinnis durchgeführt (vgl. hierzu Gebhard 1992). In dieser Therapie spielt der Einsatz der Schriftsprache eine zentrale Rolle, und es war bald zu bemerken, das Schrift für Olaf von besonderem Nutzen war. 

Anfangs konnte Olaf Vorgesprochenes nicht nachsprechen, bald aber einfache Wörter lesen, und über das Lesen ließen sich dann die Artikulationsroutinen aufbauen. Als Beispiel sei der Erwerb des Wortes LAUF dargestellt. Obwohl vom Sprachheilpädagogen sehr oft deutlich vorgesprochen (vgl. Abb. 6), gelangen Olaf nur höchst unvollkommene Nachsprechleistungen. Das geschriebenene Wort las Olaf dann verständlich, aber sehr langsam und auffällig in einer Art Auslautieren der Buchstabenfolge (vgl. Abb. 7). Nach zahlreichen Lesewiederholungen produzierte Olaf nach Aufforderung durch den Lehrer LAUF als Anweisung an sich selbst (vgl. Abb. 8), während er nach dem Takt einer Blockflöte durch das Zimmer lief. 
 

Abb. 6: Oszillogramm des vom Lehrer gesprochenen Wortes LAUF 

Abb. 7: Oszillogramm des von Olaf gelesenen Wortes LAUF 

Abb. 8: Oszillogramm des von Olaf gesprochenen Wortes LAUF 


Beim Sprechen wird im Gehirn eine Folge von Artikulationsprogrammen aufgerufen. Diese Programme regeln die Koartikulation, d. h. die richtigen Übergänge von Laut zu Laut, und verantworten damit die Kontinuität des feinmotorischen Artikulationsgeschehens und des resultierenden Sprachsignals. Die Artikulationsprogramme richten sich über vielfache Wiederholungen ein, sie sind automatisiert und laufen sehr schnell und unbewußt ab. Dies gestattet - ganz im Gegensatz zu Olafs Vorleseleistung - die bewußte Konzentration auf den Inhalt der Rede statt auf die Artikulationsanforderungen. Im Vergleich mit Abbildung 7 sind in Abbildung 8 die Ergebnisse solcher Automatisierungen bereits erkennbar. Die Übergängen vom l- zum a-Laut und vom u- zum f-Laut bewegen sich in Richtung der Koartikulationsnormen. Der Diphthong hingegen bereitet noch Schwierigkeiten. Der Übergang vom a- zum u-Laut ist noch nicht automatisiert, und benötigt daher im Vergleich mit der Artikulation des Lehrers wesentlich mehr Zeit. 

Im Zusammenhang mit den Automatisierungen im Artikulationsgeschehen kam es bei Olaf zu einer höchst aufschlußreichen Beobachtung. Zunächst setzte Olaf die in der Therapie erworbenen Wörter nicht spontan ein. Nach etwa eineinhalb Jahren kam es zu einem schlagartigen Umschwung. Olafs Spontansprache wurde praktisch von einem Tag auf den anderen um das Gelernte bereichert. Das erklärt sich sehr einfach. Vorher mußte Olaf sich so angestrengt auf seine Artikulation konzentrieren, daß er seine Mitteilungsabsicht nicht im Bewußtsein festhalten konnte. Kommunikation mißlang daher zumeist, und Olaf reduzierte verbale Kommunikationsakte auf ein Minimum. Jetzt aber waren ausreichend Artikulationsprogramme aufgebaut, so daß er sich voll auf seine Mitteilungsabsichten konzentrieren konnte. Die Kommunikationsakte gelangen zumeist, was Olaf dann zusätzlich zum Sprechen anregte. 

In Koinzidenz mit dieser Beobachtung steht die Entwicklung von Olafs Ordnungsschwelle, die wir in etwa in dreimonatigen Abständen gemessen hatten. Die Ordnungsschwelle lag anfangs mit 180 bis 200 Millisekunden extrem hoch. Man muß sich klar machen, was so große Segmente für die Erfassung von Lauten bedeutet. Wenn andere Menschen mit Olaf sprachen, hörte dieser etwas sehr Unklares, eine Art Lautbrei. Nur einzelne längere Vokale konnte er korrekt registrieren, aber daraus war weder ein Sinn entnehmbar, noch konnte so etwas nachgesprochen werden. Mit dem Zeicheninventar der Sprache wurde Olaf erst über die Schriftsprache vertraut gemacht. Ihre Lautierung war, wie oben besprochen, der Ausgangspunkt zum Aufbau von Artikulationsprogrammen. Als dies geleistet war und die Spontansprache sich entfaltete, sank der Ordnungsschwellenwert auf altersgerechte 20 Millisekunden. 

Wir stoßen hier auf eine faszinierende Wechselwirkung zwischen der sprachspezifischen Zeitverarbeitung und den Eigenschaften der Sprechsprache. Einerseits braucht die Sprechsprache eine schnelle Zeitverarbeitung, andererseits scheint der Spracherwerbsprozeß die Takt-Raten der Zeitverarbeitungsebenen zu beeinflussen. So stellt sich Zeitverarbeitung zugleich als Bedingung und Folge des Spracherwerbs dar. Die durch Olafs Fall angeregten Untersuchungen führten zu der Vermutung, daß dieser Entwicklungsprozeß normalerweise im Alter von acht bis zehn Jahren abgeschlossen ist. 

5. Untersuchung der sprachspezifischen Zeitverarbeitungsebenen bei größeren Stichproben 

Tatsächlich hat Olafs Fall mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Zunächst eine sehr grundsätzliche Frage: Bedingt die Ordnungsschwelle tatsächlich die Segmentdauer des Sprachsignals auf der untersten Ebene? Dieser Frage wurde experimentell nachgegangen (Steffen & Werani 1994, Kegel 1996, Kegel 1998). Eine endgültige Antwort steht noch aus. 

Dann war zu klären: Ist Olaf ein Einzelfall, oder treten solche Störungen häufiger auf? Können auch die Strukturierungs- und die Integrationsebene gestört sein? Wie wirkt sich das auf die Sprachentwicklung aus? Und wie läßt sich das messen? Zur Beantwortung dieser Fragen wurden 240 sprachauffällige und sprachunauffälligere Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren einer Querschnittsstudie unterzogen (Kegel &Veit 1988, Kegel 1990, Kegel 1991). Eine kleinere Gruppe der jüngeren Kinder wurde über drei Jahre in einer Längsschnittstudie weiter untersucht (Veit 1994). 

Wie bei Olaf wurde bei diesen Kinder die Ordnungsschwelle gemessen. Und da in die Gruppe der Auffälligen nur leicht bis mittelgradig sprachgestörte Kinder aufgenommen wurden, konnte mit Nachsprechsätzen gearbeitet werden und hieraus auf die Strukturierungs- und die Integrationsebene geschlossen werden. Für die Gruppe der Sprachauffälligen zeigten sich folgende Ergebnisse: 

  • Beinträchtigung der Ordnungsebene. - Erhöhte Ordnungsschwellenwerte verweisen darauf, daß bei vielen die Sprachwahrnehmung gemindert ist und Artikulationsprogramme nicht funktionsgerecht automatisiert wurden. 
  • Beinträchtigung der Strukturierungsebene. - Deutliche Abweichungen bei der Reproduktion von Silbenzahl und Silbenbetonung verweisen darauf, daß bei vielen die Bildung metrischer Einheiten gestört ist. 
  • Beinträchtigung der Integrationsebene. - Deutlich längere Satzdauer und starke Verschiebungen der zeitlichen Verhältnisse zwischen den Satzteilen verweisen darauf, daß bei vielen die Nutzung der rhythmischen Satzgestalt gestört ist. 
Diese Erkenntnisse wurden in einem weiteren Untersuchungsschritt abgesichert. Um den Zugriff zur Strukturierungs- und Integrationsebene von Sprachverständnis- und Artikulationsproblemen frei zu machen, wurden Rhythmusreproduktionen untersucht. Auf Tonband vorgegebene Rhythmusgruppen von drei bis sieben Schlägen sollten von den Kinder mit Klöppelschlägen auf ein Tonelement wiederholt werden (vgl. Abb 9). 

Abb. 9: Die geprüften Rhythmus-Gruppen 

Die Rhythmus-Reproduktionen zeigten das gleiche Bild wie die Nachsprechleistungen. Für die Gruppe der Sprachauffälligen ergab sich: 

  • Beinträchtigung der Strukturierungsebene. - Erhebliche Schwierigkeiten hinsichtlich Schlagzahl und Betonungsfolge bei Rhythmusgruppen mit mehr als drei Schlägen. 
  • Beinträchtigung der Integrationsebene. - Deutlich längere Reproduktionsdauer und starke Verschiebungen der zeitlichen Verhältnisse zwischen den Schlägen. 
Unsere Untersuchungen zeigen klar, daß bei der überwiegenden Mehrheit der sprachauffälligen Kinder die Strukturierungs- und die Integrationsebene nicht altersgerecht funktioniert. Unabhängig von der Ordnungsebene können sie aufgrund dieser Störung nur sehr einfache Sätze bewältigen. 

Gewarnt werden muß vor dem Glauben, daß sich eine gestörte sprachspezifische Zeitverarbeitung im Zuge der Entwicklung, eben etwas später, schon auf die Erfordernisse der Sprechsprache einrichtet. Unsere Längsschnittstudie verweist auf die Stabilität von Zeitverarbeitungsstörungen im Entwicklungsverlauf und die damit einhergehende Verfestigung sowie, relativ zu den Altersnormen, häufige Verstärkung der Sprachstörungen. 

6. Anlässe zum Einsatz diagnostischer Verfahren zur Zeitverarbeitung

Die meisten der heute zur Verfügung stehenden Meßverfahren zur Zeitverarbeitung sind recht aufwendig und verlangen vom Untersucher wie vom Kind hohe Konzentration. Die Werte sind nicht unbedingt stabil, so daß sich ein verläßliches Bild erst nach einigen Meßwiederholungen ergibt. Generell ist davon abzuraten, bei jedem sprachauffälligen Kind z. B. den Ordnungsschwellenwert zu erheben. Nach unseren Erfahrungen sollte aber bei Sprachauffälligen in folgenden Fällen eine Messung unbedingt durchgeführt werden: 

  • Notwendige Sprachanbahnung bei extremer Sprachentwicklungsstörung. 
  • Deutliche Störung der Feinmotorik unabhängig von der Sprechmotorik. 
  • Schwierigkeiten beim Nachsprechen einfacher altersgerechter Sätze. 
  • Häufige Reihenvertauschung bei Lauten und Silben. 
  • Extrem verlangsamte Artikulation in der Spontansprache. 
  • Stark reduziertes Plosiv-Inventar in der Spontansprache. 
Ergibt sich eine Störung der Zeitverarbeitung, sollten die Messungen zur Kontrolle der therapeutischen Maßnahmen in dreimonatigen Abständen wiederholt werden. 

7. Praxisgerechte Meßtechniken zur Bestimmung der Zeitverarbeitung

Natürlich sind Diagnostiker und Therapeuten an praxisgerechten Meßtechniken zur Zeitverarbeitung interessiert - wie sonst läßt sich der Verdacht auf Störungen der Zeitverarbeitung prüfen. Zwei Einschränken hierzu müssen im Augenblick akzeptiert werden. Erstens existieren keine altersgerechten Normen, so daß für die Altersbereiche bis zu zehn Jahren die Ergebnisse unserer Querschnittsuntersuchung als erste Hinweise für altersgerechte Werte heranzuziehen sind. Zweitens existieren einige Meßtechniken bisher nur in Form wissenschaftlicher Untersuchungsverfahren. 

Zunächst ist zu unterscheiden zwischen Meßverfahren, die direkt auf die drei Zeitverarbeitungsebenen zugreifen, und Verfahren, die indirekt über die Auswertung von Sprachverstehen oder Sprachproduktion Auskunft über die Zeitverarbeitung geben können. Die indirekten Verfahren basieren zumeist auf Nachsprechleistungen von natürlichen und signaltechnisch manipulierten Sprachsignalen; sie wurden bisher nur in der Forschung eingesetzt. Da es unwahrscheinlich ist, daß die indirekten Verfahren zügig für die diagnostische Praxis nutzbar gemacht werden können, muß sich die Diagnose von Zeitverarbeitungsstörungen in den nächsten Jahren auf die direkten Verfahren stützen. 

Ordnungsebene: Zur Zeit werden Geräte zur Bestimmung der Ordnungsschwelle angeboten. Moser (1995) hat für handelsübliche PCs eine Software zur Bestimmung des Ordnungsschwellenwertes entwickelt. Dieses Verfahren basiert auf der Grundlage unserer Erkenntnisse und wurde über Stichproben von Erwachsenen, sprachauffälligen und sprachunauffälligen Kindern geprüft. Außerdem wird der durchaus langwierige Meßvorgang durch kindgerechte Gestaltung aufgelockert. Eine entsprechende Rechnerausstattung vorausgesetzt, scheint dieses Verfahren im Moment wohl die günstigste Lösung zu sein. 

Strukturierungsebene: Hier gibt die Auswertung von Nachklopfleistungen (vgl. Abb. 9) hinsichtlich betonter und unbetonter Schläge gute Hinweise. Für eine erste Einschätzung reicht der Höreindruck. Für eine präzisere Auswertung müßten die Nachklopfleistungen aufgezeichnet werden, was zu einem insgesamt recht zeitraubenden Arbeitsprozeß führt. Wir arbeiten derzeit an einer Software-Lösung für Multimedia-Computer, bei der die Rhythmusaufgaben vorgegeben und die Reproduktionsleistungen automatisch ausgewertet werden. 

Integrationsebene: Hier gibt die Auswertung von Nachklopfleistungen (vgl. Abb. 9) hinsichtlich der Zeitverhältnisse gute Hinweise. In diesem Fall reicht aber der Höreindruck für eine angemessene Einschätzung nicht aus. Zwar könnten Standardprogramme zur Signaldarstellung herangezogen werden, doch müßte dann ein recht hoher Zeitaufwand einkalkuliert werden. Hier sollte also besser auf die o. g. Software-Lösung gewartet werden. - Möglicherweise ist der Einsatz des Necker-Würfels (vgl. Abb. 10) überhaupt die bessere Lösung zur Untersuchung der Integrationsebene. 

Abb. 10: Der Necker-Würfel 

Der Necker-Würfel gehört zu den Kippfiguren. Die Perspektive, in der er wahrgenommen wird, wechselt bei den meisten Menschen etwa im Drei-Sekunden-Takt. Wir haben dies in einem Experiment mit gesunden Erwachsenen beiderlei Geschlechts noch einmal geprüft. Für Sprachauffällige und für Kinder liegen uns noch keine Werte vor. Diese Prüfung soll aber während des nächsten Jahres im Rahmen eines Dissertationsprojektes vorgenommen werden. Auch hierzu wird eine geeignete Software erstellt. 

8. Eine grundsätzliche Überlegung zur Therapie

Der Wert einer Diagnose von Zeitverarbeitungsstörungen ist unbestritten. Liegen Zeitverarbeitungsstörungen vor, wirft dies ein neues Licht auf die Sprachstörung. Und das führt zu therapeutischen Konsequenzen. Fraglich ist aber, ob tatsächlich eigene, direkt auf die Zeitverarbeitung ausgerichtete Therapieverfahren notwendig sind. 

Zur Zeit verspricht man sich viel von einer Art Schulung der Ordnungsschwelle, bei der man das Meßverfahren zur Therapietechnik umgestaltet hat. Diese Technik basiert aber bisher eher auf einer plausiblen Idee, denn auf ausreichend fundierten Erkenntnissen (vgl. Kegel 1998). Lehrreich ist hier wieder der Fall Olaf. Im Zuge der Therapie mit der McGinnis-Methode normalisierte sich auch die Ordnungsschwelle, ohne daß ein spezifisches Schwellentraining eingesetzt wurde. 

Zur Zeit scheint es sinnvoller, bei nachgewiesenen Störungen der Zeitverarbeitung auf den Fundus bewährter Therapietechniken, die etwa Artikulation, Metrik und Rhythmik betreffen, gezielt zuzugreifen. Die ausgewählten Techniken sollten dann verstärkt eingesetzt werden. 

Festzuhalten ist für die künftige Therapie von Sprachstörungen, die mit Zeitverarbeitungsproblemen verknüpft sind: Auch erfolgreiche Therapietechniken, die direkt auf die Zeitverarbeitung ausgerichtetet sind, ersetzen eine gut geplante Sprachtherapie nicht; sie sind immer als notwendige Ergänzung der Therapie anzusehen. 
 

Prof. Dr. Gerd Kegel

Sprechwissenschaft & Psycholinguistik
Ludwig-Maximilians-Universität München

e-Mail: kegel@psycholinguistik.uni-muenchen.de



Literatur 

Gebhard, W. (1992): Die Assoziationsmethode nach McGinnis - Eine therapeutische Alternative bei schweren Sprachentwicklungsstörungen. In: G. Kegel et al. (Hrsg.): Sprechwissenschaft & Psycholinguistik 5. Opladen. 
Kegel, G. (1990): Sprach- und Zeitverarbeitung bei sprachauffälligen und sprachunauffälligen Kindern. In: G. Kegel et al. (Hrsg.): Sprechwissenschaft & Psycholinguistik 4. Opladen. 
Kegel, G. (1991): Sprach- und Zeitverarbeitung - Grundlagen und Störungen. In: M. Grohnfeldt (Hrsg.): Handbuch der Sprachtherapie, Band 4. Berlin. 
Kegel, G. (1997): Sprach- und Zeitverarbeitung bei sprachauffälligen Kindern. In: Internationale Frostig-Gesellschaft (Hrsg.): Auditive Wahrnehmung (Jahrestagung (1995) Marianne Frostig - Lernschwierigkeiten angehen - gemeinsam mit allen Beteiligten. Dortmund. 
Kegel, G. (1998): Signalinvertierung zur Prüfung der Zeitverarbeitung. http://www.psycholinguistik.uni-muenchen.de/publ/signalinvert.html
Kegel, G. & Veit, S. (1988): Die zeitliche Organisation sprachlicher Strukturen als Sprachentwicklungsfaktor. In: G. Kegel et al. (Hrsg.): Sprechwissenschaft & Psycholinguistik 2. Opladen. 
Kegel, G. & Tramitz, Ch. (1993): Olaf - Kind ohne Sprache. Düsseldorf. 
Moser, S. (1995): Zeitverarbeitung und Sprachstörung - Zur Entwicklung eines diagnosedienlichen Verfahrens. Magisterarbeit LMU München. 
Pöppel, E. (1978): Time perception. In Held, R., Leibowitz, H. W. & Teuber, H.-L. (Hrsg.): Handbook of sensory physiology, VII. Berlin. 
Steffen, A. & Werani, A. (1994): Ein Experiment zur Zeitwahrnehmung bei der Sprachverarbeitung. In: G. Kegel et al. (Hrsg.): Sprechwissenschaft & Psycholinguistik 6. Opladen. 
Veit, S. (1994): Sprachentwicklung, Sprachauffälligkeit und Zeitverarbeitung - Eine Longitudinalstudie. In: G. Kegel et al. (Hrsg.): Sprechwissenschaft & Psycholinguistik 6. Opladen. 

Zum Seitenanfang
 


© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 27.05.2003