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Inhalt:
 
 
Die Aufgabe des Übersetzers
  
Was Übersetzern Kopfzerbrechen bereitet
  
Zusammenfassung des Wesentlichen
   
Autor
   

 

Übersetzen — ein Job für „Eierköpfe“
 

Dieser Beitrag bietet einen für „Nichtübersetzer“ gedachten Einblick in die Übersetzertätigkeit. Er behandelt die drei wichtigsten Probleme, die „Humantranslatoren“ die Arbeit an technischen Dokumenten zur Hölle machen — Dokumente, die von Ihnen stammen könnten...

Die Aufgabe des Übersetzers

„Die bedeutendsten Dichter, Philosophen und Philologen waren auch als Übersetzer tätig.“ So weiß es der Brockhaus von 1993. Zu den bekanntesten deutschen Übersetzern unseres Jahrhunderts dürften Heinrich Böll (z. B. Salingers Fänger im Roggen) und Erich Fried (Shakespeare) gehören. Als Angehöriger dieser Zunft befindet man sich also in bester Gesellschaft. Oder doch nicht?

Eine französische Kollegin sagte vor Jahren zu mir: „Alle Übersetzer sind entweder schon irre, oder sie werden es noch. Jemand, der sich den ganzen Tag mit dem Geschreibsel anderer Leute herumschlägt, muß einfach verrückt werden.“ Mag sein. Auf jeden Fall muß er ein „Eierkopf“ sein, jemand, der die Geduld aufbringt, sich hinter Wörterbüchern verbarrikadiert durch endlose Satzbänder zu wühlen, jemand der angesichts eines dicken Seitenberges und des bedrohlich näher rückenden Liefertermins nicht den Blick für´s Detail verliert. Kein Wunder, daß Leute, die solches tun, mit der Zeit etwas seltsam werden.

Mark Twain soll einmal gesagt haben, daß man sich erst als Übersetzer üben sollte, bevor man selbst als Schriftsteller tätig wird. Das ist ein guter Rat. Erst, wenn Sie einmal versuchen, einen einfachen Text von einer Sprache in die andere zu übertragen, werden Ihnen die grundlegenden Schwierigkeiten des Schreibens so richtig bewußt. Wenn Sie die Gedanken des Autors verstanden haben, müssen Sie sich ganz klar werden, wie diese Gedanken sich am besten in Ihrer Sprache ausdrücken lassen. Manchem Schreiberling würde es gut tun, wenn er derart gezwungen wäre, nachzudenken, bevor er seine PC-Tastatur benutzt.

Übersetzung ist nicht gleich Übersetzung

Übersetzungen sind so verschieden wie die Personen, die sie anfertigen, und die Zwecke zu denen sie das tun. Mit meinem Halbwissen um die Thematik teile ich Übersetzungen in drei Gruppen ein:

  1. Die wortgetreue oder buchstäbliche Übersetzung. Wie die Bezeichnung schon sagt, wird der Wortlaut des Originals möglichst genau wiedergegeben, die Grammatik muß dabei natürlich überarbeitet werden. Übersetzungen dieses Typs können künstlich wirken, weil sie den Sprachrythmus der Originalsprache kopieren (müssen).
  2. Die sinngemäße Übersetzung. Hier versucht der Übersetzer, beim Lesen des Textes dessen Aussage und Absicht zu erfassen und diese dann in der Zielsprache wiederzugeben. Sinngemäße Übersetzungen wirken natürlicher, bergen jedoch die Gefahr der Ungenauigkeit im Detail.
  3. Die „phraseologische“Übersetzung, auch „Übertragung“ genannt. Hier kommt man an, wenn man eine sinngemäße Übersetzung sprachlich verfeinert oder gar versucht, den Sinn oder die Absicht einer Aussage mit ganz anderen, eigenen Worten wiederzugeben.Dieses „Neuschreiben“ in der Zielsprache ist nicht ungefährlich, weil der „Übertrager“ sich möglicherweise weit vom Ausgangstext entfernt und dabei selbst zum Autor wird.
Kompliziert, nicht wahr? Aber es mag erklären, warum es so viele Bibelübersetzungen gibt und warum Theologen so heftig über sie streiten. Übersetzer sind Interpreten. Wir deuten Texte und prägen ihnen unsere Sichtweise auf, ob wir das nun wollen oder nicht.

Die zwei Hauptaufgaben des technischen Übersetzers

Für die technische Übersetzung kann man keinen der drei obigen Übersetzungstypen gebrauchen. Eine Mischform aus wort-getreuer und sinngemäßer Übersetzung ist gefragt. Daraus folgt, daß der technische Übersetzer zwei Aufgaben hat:

  • den Ausgangstext möglichst genau wiederzugeben, damit Sie den Deckel Ihres Mixers richtig schließen und nicht mit einer Mischung aus Vollmilch und zermatschter Banane geduscht werden,
  • dem Leser einen möglichst verständlichen Text zu liefern, damit Sie ihn nicht dreimal lesen müssen und dann immer noch in Bananenmilch baden.
Genauigkeit und Verständlichkeit liegen jedoch oft im Streit, und damit hätten wir ein großes Problem des Übersetzers auch schon umrissen. Vor der Lösung zu diesem Problem liegen allerdings noch andere viel grundsätzlicherer Natur. Jede Übersetzung steht und fällt mit einer Tatsache, die Nichtübersetzer gar zu gern als selbstverständlich voraussetzen: Der Übersetzer muß den Text verstehen, damit er ihn korrekt wiedergeben kann. Besonders beimtechnischen Text ist das nicht selten ein echtes Problem. Wieso?

Texte bestehen — so will es die Theorie — aus drei Komponenten:

  • der sprachlichen Bedeutung (Syntax),
  • dem Zusammenhang des Textes (Kontext),
  • der Absicht des Textes (Intention oder Situation).
Alle drei muß ein Übersetzer richtig verstehen, um korrekte und verständliche Arbeit leisten zu können.

Sprachliche Bedeutung 

Man kann einen Text nicht übersetzen, wenn man die darin enthaltenen Wörter und grammatischen Konstruktionen rein sprachlich nicht versteht. Wenn Sie nicht wenigstens ein wenig Spanisch gelernt haben, können Sie keinen spanischen Text korrekt übersetzen, egal wie viele gute Wörterbücher Sie zur Verfügung haben. Idealerweise hat der Übersetzer deshalb eine gründliche Sprachenausbildung genossen, mindestens aber hat er Sprachtalent in der Sprache, in die er übersetzt. Allerdings sollte einleuchten, daß man beim Textverstehen im Nachteil ist, wenn man in die eigene Muttersprache übersetzt, weil man im Ausgangstext eine „Fremdsprache“ liest. Diese Tatsache ist ein wichtiges Argument gegen das immer wieder geäußerte allein selig machende Dogma vom „muttersprachlichen Übersetzer“.

Zusammenhang

Die zweite Textkomponente spielt bei technischen Texten eine besonders wichtige Rolle. Der Zusammenhang eines Textes wird von dem Fachgebiet bestimmt, zu dem er gehört. Wie kann man eine Bedienungsanleitung für eine Kunststoffspritzgießmaschine übersetzen, wenn man nie eine gesehen hat, deren Hauptbestandteile nicht kennt und nicht weiß, wie sie funktioniert und wozu sie verwendet wird? Es geht nicht! Wer es trotzdem versucht, wird viele Fehler schon bei der Wortwahl machen.

Der Übersetzer sollte somit eine fachliche Qualifikation auf dem Gebiet mitbringen, auf dem er sich bewegt. Leider wird auch das oft für selbstverständlich genommen. Seltsamerweise werden Übersetzer fast nie nach ihrem Vorwissen gefragt, und noch seltener wird von Seiten des Auftraggebers Hilfestellung zum Kontext angeboten. Im Gegenteil: Häufig erhält man nicht einmal die in einem Text erwähnten Bilder, so daß man wenigstens auf einem Foto oder in einer Zeichnung sehen könnte, womit man es zu tun hat.

Beim Übersetzen technischer Texte spielt die Sachkenntnis des Hintergrundes die Hauptrolle. Der beste Muttersprachler nützt nichts, wenn der Zusammenhang des Ausgangstextes für ihn zum Ratespiel wird.

Absicht des Textes 

Die dritte und letzte Textkomponente ist die heimtückischte: die Absicht des Textes. Bei technischen Texten sollte man eigentlich annehmen, daß die Absicht des Autors klar ist. Will er informieren, etwas erklären, zum Handeln anleiten oder davor warnen, etwas falsch zu machen? Im Einzelfall wird das leider oft alles andere als deutlich. Autoren setzen häufig Stilmittel ein, die für die Absicht des Textes ungeeignet sind, z. B. das Passiv in Anweisungen („Der Knopf muß gedrückt werden“ statt „Drücken Sie den Knopf“).

Nachdem Sie einen groben Eindruck von der Aufgabe des Übersetzers für Technik erhalten haben, möchte ich Sie nun in dessen hauptsächliche Probleme einweihen.

Was Übersetzern Kopfzerbrechen bereitet

Wenn Sie einen beliebigen freiberuflichen oder festangestellten Übersetzer nach seinen Problemen fragen, erhalten Sie mit großer Wahrscheinlichkeit immer die gleiche Antwort: „Ich bin unterbezahlt und stehe ständig unter Zeitdruck“.Das kann ich nur voll unterstreichen. Allerdings sind das Probleme, die die Übersetzer nicht für sich gepachtet und die mit ihrer Aufgabe rein gar nichts zu tun haben. Deshalb bespreche ich hier drei andere:

  • die Entsprechungslücken zwischen den Sprachen,
  • die ständige Veränderung der Sprachen,
  • die zunehmende Abstraktion der Technik
Entsprechungslücken

„Entsprechungslücke“ ist ein geheimnisvoll anmutendes Wort, und ich will nicht verschweigen, daß ich es hauptsächlich verwende, um ein bißchen qualifiziert zu klingen. Spaß beiseite: Viele Leute haben eine verdrehte Vorstellung davon, inwieweit sich Aussagen von einer Sprache in die andere übertragen lassen. Sprachen scheinen viele Zeitgenossen für beliebig austauschbare Kommunikationssysteme zu halten. Programmierer sind dieser Irrung besonders verfallen, ebenso all jene, die mit Schrift und Satz zu tun haben. Man nehme einen Text, der mit Times Roman 10 Punkt normal geschrieben ist, markiere ihn und schaltet —Simsalabim! —auf Helvetica 14 Punkt fett um— fertig! Mit Sprachen muß das so ähnlich sein, und irgendwann (sehr bald) ersetzen die Computer endlich all die nervend fragenden Übersetzer.

Werden sie nicht! Denn Sprachen sind so unterschiedlich wie die Länder und Kulturen, in denen sie sich entwickelt haben. Deshalb kann es vorkommen, daß ein Begriff, der sich in einer Sprache mit einem oder mehreren Worten umschreiben läßt in einer anderen Sprache überhaupt nicht bekannt ist und deshalb auch sprachlich nicht dargestellt werden kann. Das nennt man dann eine „Entsprechungslücke“. Ein einfaches Beispiel: 
Deutsch: Diplom-Wirtschaftsingenieur
Englisch: Engineer who has also studied economics
Warum kann man „Diplom-Wirtschaftsingenieur“ nicht einfach direkt mit einem Wort übersetzen wie „graduated ecomomics engineer“ oder ähnlich? Weil es in England eine solche Berufs-oder Ausbildungsbezeichnung nicht gibt. Damit man dem Engländer vermitteln kann, was das deutsche Wort meint, muß man dessen Bedeutung umschreiben.

Übersetzer sind „Sprachschöpfer“

Das müssen Übersetzer fortwährend tun, auch bei technischen Texten; denn manchmal ist eine neue Technik oder ein Produkt im Zielland der Übersetzung noch nicht bekannt. Ein Teil des Vokabulars muß deshalb „erfunden“ werden. Dazu greifen wir Übersetzer auf bereits vorhandene Wörter zurück und kombinieren diese, um den neuen Begriff zu umschreiben. Übersetzer sind somit sprachschöpferisch tätig. Je größer die kulturelle Differenz zwischen den Sprachen ist, desto häufiger entstehen Entsprechungslücken und desto schwieriger ist es, sie zu schließen.

Damit eng verbunden ist ein häufiger Fehler besonders jüngerer Übersetzer. Sie schließen vermeintliche Lücken durch selbsterfundene Wörter, ohne sich zuvor durch Recherche zu vergewissern, ob es für ein Wort eine Entsprechung gibt. Zu ihrer Entschuldigung muß man anmerken, daß Terminologierecherchen viel Zeit kosten und neuestes Quellenmaterial erfordern. Das Stichwort „neu“ umreißt treffend das zweite unserer Hauptprobleme.

Ständige Veränderung der Sprachen

Wörterbücher umfassen nicht selten einige Zigtausend Einträge auf über Tausend Seiten. Sie suggerieren mit ihren Titeln, z. B. „Wörterbuch der industriellen Technik“,daß Sprache sich komplett erfassen und abschließend beschreiben läßt, auch wenn dies nur für ein Fachgebiet geschieht. In Wirklichkeit aber ist Sprache nie fertig. Sie lebt und gehört allen, die sie verwenden. Sie verändert sich unentwegt im Wortschatz und dessen Bedeutung, aber auch in der Grammatik und deren Einsatz.Diese Veränderungen sind zwar nicht zufällig, aber selten zielgerichtet.

Häufig werden sie von Personen ausgelöst, die nicht das geringste Sprachgefühl mitbringen und einfach nur eine neue Benennung für das Ding brauchen, das sie gerade an ihrem CAD-Bildschirm entwickelt haben.

Was sind „Frühstückscerialien“?

Immer häufiger wird Sprache absichtlich verfremdet, um ein eigentlich alltägliches Produkt aus der Masse seiner Konkurrenten herauszuheben. Was zum Beispiel sind „Frühstückscerialien“? Die sind neuerdings in einem Markenmüesli enthalten, das dadurch zwar kein bißchen gesünder wird als andere, aber viel begehrenswerter erscheint (engl. cerials = Getreide also Frühstückscerialien = Frühstücksgetreide). Ähnlicher, meist von Werbetextern verbrochener, Unfug bürgert sich auch in die Techniksprache ein und muß folglich irgendwann übersetzt werden.

Noch problematischer für den Übersetzer ist die Veränderung der Bedeutung von bekannten Wörtern. Leichtverständlich läßt sich das mit einem Wort erläutern, das die meisten Zeitgenossen mit Baujahr 1960 oder früher unwillkürlich zucken läßt: „geil“. Was bedeutet dieses von Jugendlichem im Überfluß verwendete Adjektiv eigentlich? Antwort aus Brockhaus’ Wörterbuch der Deutschen Sprache von 1995:

„geil <Adj.> [mhd., ahd. Geil = kraftvoll; üppig; lustig, eigtl. = gärend, aufschäumend]:1.(oft abwertend) gierig nach geschlechtlicher Befriedigung, vom Sexualtrieb beherrscht, sexuell erregt: ein geiler Kerl; ein geiles Lachen /../ 3. (salopp, besonders jugendspr.) in begeisternder Weise schön, gut; großartig, toll: geile Musik.“

Wörter mit „neuer“ alter Bedeutung

Die erste angeführte Bedeutung ist den älteren Semestern geläufig und zweifellos für die sinnlosen Versuche vieler Großeltern verantwortlich, den Sprößlingen ihrer Kinder die Aussprache eines solch anstößigen Ausdrucks abzugewöhnen. Dabei muß man zugeben, daß die jungen Leute das Adjektiv — ein deutsches dazu (sie könnten ja auch einfach „cool“ sagen) — treffsicher korrekt einsetzen, wenn man die althochdeutsche Bedeutung zugrundelegt. Dennoch würde es mir besser gefallen, wenn mein Sohn sich mit der Aussage „das war ein gärendes Konzert“ hervorheben würde. Interessant ist die Sache allemal: Ein Wort kehrt nach wahrscheinlich zwei oder drei Jahrhunderten Ausgrenzung in den alltäglichen Sprachgebrauch zurück, und zwar mit seiner ursprünglichen Bedeutung. In der Techniksprache geschieht so etwas eher selten, hier herrscht vor allem die Erweiterung der Bedeutung von Wörtern vor. Meinte das Wort „Medien“ vor 20 Jahren Druckschriften, Radio und Fernsehen, so verbindet man damit heute zu allererst das Internet. Um das deutlich zu machen, verwenden Journalisten oft den Begriff „neue Medien“. Der ist jedoch genauso unscharf wie seine Verwandten „Multimedia“ und „Onlinemedien“. Geradezu explosionsartig entstehen durch die rasche Innovation in der Informationstechnik („IT-Branche“)solche neuen Wörter und mit ihnen ganze Begriffsfelder. Lexikographen (Leute, die Wörterbücher machen) und Übersetzer rennen dieser Entwicklung ständig hinterher.

Deutsch ohne Genitiv und Dativ?

Veränderungen im Einsatz der Grammatik sind subtiler und verlaufen viel langsamer. Der Vater der Anthroposophie, Rudolf Steiner, behauptete z. B., daß wir Deutsche seit der Nazizeit dazu neigen, den Dativ (Wem-Fall) zugunsten des Akkusativ (Wen-oder-Was-Fall) zu verdrängen. Achten Sie mal darauf, vielleicht hat er recht. Gewöhnt haben wir uns jedoch zweifellos an den noch in meiner Schulzeit als „schlechtes Deutsch“ verpönten „falschen“ Dativ: „Wir konnten nicht spazieren gehen, wegen dem Regen“.Tut Ihnen das beim Lesen weh? Dann sind sie wahrscheinlich vor 1960 geboren, mit Sicherheit aber vor 1970, und lernten noch diesen Satz mit dem Genitiv zu bilden: „Wir konnten nicht spazierengehen, wegen des Regens.“ Klingt irgendwie antiquiert, nicht wahr? Darum, glauben Sie mir, man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ!

Der Übersetzer nun hat bei seiner Tätigkeit mit zwei Sprachen zu tun. Das verschärft das Problem der Dynamik; denn beide Sprachen entwickeln sich unentwegt und mit größter Wahrscheinlichkeit in unterschiedliche Richtungen. Unter diesen Rahmenbedingungen, vielleicht zusätzlich in einer hoch-innovativen, schnellebigen Branche, präzise und verständliche Übersetzungen anzufertigen, ist eine Kunst, die viel Mühe kostet und aller Ehren (und angemessener Bezahlung) wert ist.

Zunehmende Abstraktion der Technik

Ein weiteres Problem des Übersetzers für Technik besteht darin, daß die in Texten beschriebenen Geräte und Funktionen immer abstrakter werden. Ein Blick in die Technik der Tonaufzeichnung und -wiedergabe genügt, um das zu illustrieren.

Als der Phonograph erfunden wurde, konnte man das Ergebnis seiner Arbeit nicht nur hören, sondern auch zuschauen, wie die Wiedergabe der aufgezeichneten Töne ablief. Auch hatte der Phonograph Bedienelemente, die mit dem Benutzer „sprachen“, zum Beispiel eine Kurbel, die sagte „dreh mich, dann dreht sich die Schallplatte“.Das Gerät hatte Ähnlichkeit mit Dingen, die den Menschen bereits bekannt waren. Kurbeln gab es viele, z. B. an Handmühlen,Dreschmaschinen,Nähmaschinen usw. Aber wie sieht ein Gerät mit ähnlicher Funktion heute aus? Eine schwarze Kiste mit schwarzen Tasten, die oft alle gleich groß sind und nur durch Beschriftung oder Symbole Auskunft darüber geben, welche Aufgabe sie haben. Außerdem explodiert die Anzahl der möglichen Funktionen. Ein CD-Spieler mit Wechselmagazin kann Hunderte von Titeln speichern, in bestimmten Programmreihenfolgen wiedergeben, einen bestimmten Titel suchen, die CD einlegen, abspielen usw.

Abstrakte Produkte verlangen nach Analogien

Das Resultat? Immer mehr erklärender Text ist nötig. Die Bedienelemente haben wenig oder gar keinen Bezug zu der Funktion, die ausgeführt werden soll, und vielen ist mehr als eine Funktion zugeordnet. Es besteht meist ein Geflecht von programmierten Abhängigkeiten. Leider gibt es in der uns bekannten Umwelt kaum direkte Entsprechungen für so komplexe Systeme. Dennoch versuchen Autoren - völlig zu recht - Analogien aus dem Alltag oder sogar der Natur zu finden. Berühmte Beispiele dafür sind das „Menü“,die „Baumstruktur“ oder auch die „Maus“.

Nur leider sind nicht alle Bilder auf Anhieb verständlich und oft ergeben sie bei direkter Übersetzung gar keinen Sinn mehr. Was z. B. ist „Shuffle Play“ beim CD-Spieler? Oder was stellt sich eine der Technik aufgeschlossene Oma unter einem „Websurfer“ vor?

Das englische Verb „to shuffle“ bedeutet unter anderem „Karten mischen/austeilen“.Für den englischsprachigen Leser ist damit ziemlich klar, „Shuffle Play“ bedeutet das Durcheinandermischen von Musiktiteln beim Abspielen. Aber das Bild vom Kartenmischen läßt sich mit einem einzigen deutschen Wort nicht erzeugen, da braucht man mehrere, und dann kann man gleich sagen, was gemeint ist: Wiedergabe von Titeln in zufälliger Reihenfolge. Das klingt sehr abstrakt, und genau das ist das Problem.

Bildhafte Ausdrücke sind kaum übersetzbar

Den „Websurfer“ wird man vielleicht gar nicht übersetzen, sondern nur in einen „Internetsurfer“ verwandeln. Aber was macht unsere Oma daraus? Sie kennt hoffentlich einen „Surfer“ und weiß wohl auch, was das „Internet“ ist. Aber ergibt die Kombination auch noch ein sinnvolles Bild? Möglicherweise nicht.

Wenn Autor und Übersetzer zu Bildern und Metaphern greifen, die schwer nachvollziehbar sind, schlägt die Kommunikation fehl. Das Bild wird entweder gar nicht verstanden oder mißverstanden. Übersetzer müssen daher sehr gründlich prüfen, ob sie sprachliche Bilder in Techniktexten übernehmen können, umschreiben oder ersetzen müssen. Das hält auf und oft führt es zu so grauenhaft langatmigen Abstraktionen wie „Wiedergabe der Titel in zufälliger Reihenfolge“.

Nun, haben Sie schon genug von den Problemen der Übersetzer? Dabei waren das nur die drei Schwierigkeiten, die den groben Rahmen unserer Tätigkeit bilden. Die meisten Detailprobleme haben mit dem sprachlichen Aufbau, der Struktur und der Formatierung der Dokumente zu tun. Das sind zumeist vermeidbare Probleme und Lösen kann sie am besten der Fachmann!

Zusammenfassung des Wesentlichen

Übersetzen ist eine herausfordernde Aufgabe für sprachlich talentierte und gut ausgebildete Fachleute; denn Sprachen sind keine beliebig austauschbaren Kommunikationssysteme. Zwischen ihnen bestehen Entsprechungslücken und sie verändern sich rasch und unabhängig voneinander.

Das Ziel eines Übersetzers für Technik besteht darin, einen Text abzuliefern, der möglichst genau und zugleich leicht verständlich ist. Autoren können durch sorgfältige Arbeit entscheidend dazu beitragen, daß das gelingt. 

Matthias Schulz
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 27.05.2003