Home Previous Zeitschrift 2001/01 Next Archiv Index
 
Inhalt:
 
 
 
1. wissenschaftliche Fachsprachen
 
2. sprachliche Attrappen
 
3. Fremdwörter und Termini
 
4. psychologische Grundlage
 
5. Leit- und Schlagwörter
 
Autor
 

 
Sprachlabor

Vom pseudowissenschaftlichen Jargon 

1. Die wissenschaftlichen Fachsprachen sind für den von außen Kommenden immer schwerer zugänglich; das wird mit Recht beklagt und kritisiert. Sie haben aber außerdem noch einen anderen Nachteil: sie erfreuen sich eines beträchtlichen Prestiges und sind zugleich nachahmbar. Wissenschaftliche Darstellungen haben ja ihre Nebenwirkungen. Sie erscheinen als exakt und objektiv, allgemeingültig und fachmännisch, gescheit und erkenntniserweiternd. Diese Wirkungen sind manchmal nicht in der Sache begründet, sondern in der Sprache. Sie beruhen dann auf sekundären Merkmalen wissenschaftlicher Texte, auf als typisch wissenschaftlich bekannten Ausdrucksweisen.

Die Verwendung von Abkürzungssymbolen z.B., wie sie in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern üblich ist, erzeugt im Zusammenhang sozialwissenschaftlicher oder geisteswissenschaftlicher Arbeiten die Suggestion der Exaktheit. Die Häufung von Fremdwörtern und Spezialausdrücken imponiert als fachmännisch und intelligent. Eine lehrhafte Darstellung, die in der Form des allgemeingültige Sachverhalte bezeichnenden Präsens Thesen aneinanderreiht, erweckt den Eindruck sachkundiger Objektivität, und eine Überblicksformel wie z.B. 'die bisherige Forschung...' läßt erwarten, ihr Benutzer habe tatsächlich einen Überblick.

Es ist aber durchaus möglich, daß der in diesen Ausdrucksweisen übermittelte Anspruch sich als faslcher Schein herausstellt. Der Übergang von der Wissenschaft zur Pseudowissenschaft ist fließend. Der gleiche Formelschatz wissenschaftlicher Darstellung kann sachlich begründet sein oder dazu dienen, längst Bekanntes, Belangloses, Falsches aufzuputzen und einen Leerlauf zu verdecken.

Die moderne Linguistik z.B. hat in den letzten Jahren vielen Philologen als Muster exakter Wissenschaftlichkeit gegolten. Liest man verschiedene Aufsätze und Bücher aus diesem Gebiet, so wird dieses Ansehen verständlich. Es gibt andere linguistische Veröffentlichungen, die ihre Existenz fast ausschließlich der Prestigeanleihe bei einer verbreiteten Vorstellung von 'Exaktheit' verdanken. Ihre 'Leistung' besteht darin, ziemlich bekannte oder leicht einsehbare sprachliche Tatsachen durch die Übersetzung in eine gleichsam naturwissenschaftliche exakte Zeichensprache oder sie in einer neuen Terminologie vorzustellen. Ein Autor definiert etwa:

Gemäß der vorgegebenen Struktur seiner Sprachfähigkeit und den durch erfahrungsgesichert Rekurrenz in Lernprozessen stabilisierten Verfahrensnormen realisiert der Sprecher intentionserfüllende syntaktische Matrizen, (deren Erfolg wie: Aussage, Frage, Befehl etc. er kennt) als Aktualisierungsrahmen für Nennwertkombinationen. 
Mit anderen Worten:

'Der Sprecher einer Sprache verhält sich gemäß der vorgegebenen Struktur seiner Sprachfähigkeit und den durch Einübung erlernten sprachlichen Konventionen; er verwendet seiner Redeabsicht entsprechende Satzmuster (deren Erfolg wie: Aussage, Frage, Befehl etc. er kennt) als Rahmen, in dem sich Bedeutungselemente (Wörter, Wortformen) zu einem bestimmten Sinn verbinden.'

Das ist leicht einsehbar und auch ziemlich bekannt. Ersetzt man die Ausdrücke der Zunftsprache durch die der Gemeinsprache, so zeigt sich, daß der Kaiser sehr wenig anhat. 

2. Die Kunst, mit Hilfe prestigebesetzter Ausdrucksweisen sprachliche Attrappen aufzubauen, hat zur Zeit viele Anhänger. Man wir gelegentlich an Erscheinungsformen in der einstigen Alchemie erinnert. Sie gab den sieben bekannten Metallen die Namen der sieben Planeten, nannte das Gold 'Sonne', das Kupfer 'Venus', das Quecksilber 'Merkur', und begnügte sich u.U., chemische Umwandlungen mythologisch zu verrätseln. "Der Betrüger war nicht vom Gelehrten zu unterscheiden", heißt es in einer kleinen Geschichte der Chemie.

Beispiele einer an der Sprache ablesbaren Gegenaufklärung finden sich auch in der heterogenen Bewegung, die man allzu summarisch als 'Neue Linke' zusammengefaßt und die sich selbst als 'Zweite' Aufklärung eingeführt hat. Eines ihrer Kennzeichen war eine wissenschaftliche Form und Sprache, wie sie seit MARX mit der politischen Theorie der Linken verbunden sind. Man hat ihr angekreidet, daß sie eine eigene Terminologie hatte; zu Unrecht. Der Schock des Neuen und seine Durchsetzung ist vermutlich an die neue eigene Sprache gebunden, die nicht so leicht mit Hilfe einer überkommenen Terminologie mißverstanden oder eingebürgert werden kann.

Auch die betonte Neigung zum 'Fremdwort' ist nicht ohne weiteres ein Anlaß zu berechtigter Kritik. Gemeinsprachlich läßt sich oft nur mit seiner Hilfe etwas kurz und genau und mit einem Wort, also 
'p r ä g n a n t' ausdrücken, und seine Benutzung als Terminus ist allgemeiner wissenschaftlicher Brauch.

Was dagegen betroffen machen kann und zur Kritik herausfordert, ist der 'Umgang' mit der Sprache und Terminologie und das 'Verhältnis' zu ihnen. Bei Schülern der Frankfurter Schule oder bei ehemaligen Schülern, die sich bis jetzt bevorzugt der Lektüre des '"Kapital"' zugewandt haben und daraus zitieren, stößt man nicht selten auf eine fassadenhafte Sprache, in der die Darstellungstechniken ihrer Lehrer oder allgemein der Wissenschaft sich verselbständigt haben und als frei montierbare Versatzstücke 'arbeiten'. Wissenschaftlichkeit genießt ein ungemeines Prestige und führt zur "Wissenschaftlichkeit" in Anführungsstrichen.

Zwei Autoren beschäftigen sich beispielsweise kritisch mit den Überlieferungen zur Bildungsplanung in der Bundesrepublik. Es gibt Lehr- und Ausbildungspläne, die in Kraft sind, es gibt die Abänderung solcher Pläne und die Entwicklung neuer. Diese Tatsachen fassen sie in die Termini 'fungierendes Curriculum' (FC), 'Curriculum-Revision' (CR) und 'Curriculum-Entwicklung' (CE). In ihrer gerade geschneiderten Sprache bewegen sie sich nun wie in einer Uniform, welche die Haltung vorschreibt:

FC, CR und CE bezeichnen jeweils verschiedene, voneinander abhängige Teilprozesse, die sich in unterschiedlicher Distanz zu den unmittelbar qualifikationserzeugenden Lehr- und Lernprozessen befinden. Als reale gesellschaftliche Vorgänge können fungierende Curricula, Curriculum-Revision und -Entwicklung sowohl zum Gegenstand theoretischer Analysen als auch zum Objekt von Planung gemacht werden. 
(Es lohnt nicht, sich das zu übersetzen.) In einem Schema mit Kästchen und Pfeilen werden nun die Beziehungen zwischen CE, CR und FC, zwischen CE-Planung und Theorie der CE (TCE) usf. der Anschauung entzogen. Der sprachliche Apparat verselbständigt sich. Die 'wissenschaftliche' Form verstellt die peinliche Dürftigkeit des Inhalts, sie verstellt aber auch den Durchblick auf die Menschen und Vorgänge, die eigentlich gemeint sind.

Auf diese Weise gewinnt man keine Vorstellung, der Leser vermag das Gemeinte nicht mit der empirischen Wirklichkeit zu vergleichen - deren Stelle tritt, bewirkt durch die Kunstsprache, eine abgelöste scheinbare 'Objektivität'. Abkürzungssymbole belasten ohne jeden Grund das Gedächtnis. Termini aus der Soziologie, Linguistik, Kybernetik, Wirtschaftswissenschaft, Erziehungswissenschaft werden leichthin übernommen und gemischt.

Ein subalternes Verhältnis zu der mit Abkürzungssymbolen und Termini hantierenden Wissenschaft und ein pedantischer, bürokratischer Ernst kommen in dem Buch zum Ausdruck. Die beiden 'Wissenschaftler' zitieren einen unter dem Einfluß der Organisationssoziologie stehenden Autor und kritisieren sein mangelndes Interesse an den Individuen. Aber was sie selbst schreiben, erweckt oft den gleichen Eindruck menschenleerer Objektivität:

Wie zwischen TCE und der Bildungsökonomie bei der Sollwert-Ermittlung kooperiert wird, läßt sich also nicht generell feststellen, denn die Kooperationsmode sind von den Modellen der Curriculum-Entwicklung abhängig, die von der TCE generiert werden. 
Als erklärte Gegner einer "technologischen Grundorientierung" in der staatlichen Bildungsplanung, ihrer "Transformation von Bildungsökonomie, Curriculum-Entwicklung und Didaktik in Strategien zur Produktion kapitalkonformer Qualifikationen" sind sie ein Opfer des Geistes, gegen den sie sich wenden; nur das Vorzeichen, plus oder minus, hat sich geändert. 

Für Sprachkritiker der Aufklärung galt der Grundsatz der 'Verständlichkeit'. Eine verständliche Sprache bedeutete Austausch, Öffentlichkeit des in ihr Mitgeteilten. Die 'Zweite' Aufklärung hat das schöne Idealziel herrschaftsfreier Kommunikation formuliert. Seine Fürsprecher erwecken aber sehr oft den Eindruck, als sei ihnen am Gegenteil gelegen. Man fragt sich manchmal, ob sie denn ganz und gar in ihrer Gruppensprache befangen sind oder den Imponiereffekt einer schwierigen wissenschaftlichen Sprache ausnutzen.

3. Natürlich handelt es sich hier nicht um 'die' Sprache 'der' Neuen Linken, sondern um negative Beispiele. Aber man braucht nach solchen Beispielen nicht zu suchen. Man begegnet dieser Sprache in der Universität auf Wandzeitungen und in Flugblättern, in Diskussionen und Übungen, in Protokollen von Seminarsitzungen und in Vorlesungen. In den Buchhandlungen trifft man sie, wenn man vielleicht nur beliebig ein farbiges Bändchen aus dem Regal zieht. Sie ist seit längerem aktuell. Sie wird in Zeitschriften gedruckt. Ehrgeiz und Anpassung, die Steigeisen der Karrieristen, bringen sie im wissenschaftlichen Wettbewerb zum Erfolg.

Die Termini und wenig eingebürgerte Fremdwörter haben, auch wo ihr Gebrauch einleuchtet, ihre schon kurz erwähnte Nebenbedeutung. Sie erzeugen das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Zunft, einer exklusiven Schicht oder Gruppe, haben eine gruppenstabilisierende und -abgrenzende Funktion. Sie sind keineswegs - etwa im Unterschied zu den muttersprachlichen Ausdrücken - ohne zum Bereich der Gefühle und Wertungen. Mit ihnen verbindet sich neben dem Prestige des Fachmännischen das Gefühl kühler wissenschaftlicher Objektivität.

Wenn sich die Fremdwörter und Termini auf engem Raum häufen, gewinnt die Nebenwirkung durch die ständige Wiederholung ein Eigenleben. Es entsteht ein ähnlicher Eindruck wie in manchen Texten der 'konkreten Poesie', die derartige Phänomene bewußt sichtbar zu machen sucht. Der Sprachgebrauch wird unsozial und steril. Man spricht von 'Kauderwelsch, Jargon, Parteichinesisch'. Der Eindruck verstärkt sich, wenn die Spezialausdrücke gehäuft in Sätzen auftreten, die rhythmisch monoton oder schwer durchsichtig sind. 

Unklare Beziehungen zwischen den Satzgliedern und ein die Wirkung der Einzelwörter unterstreichender Stil ersetzen dann oft einen Satzbau, der die Wörter dem Gedankengang unterordnet und die Gliederung des Gedankengangs nachzubilden versucht.

Ein Autor entwirft das Programm einer materialistischen Hermeneutik:

"In den durch die Einheit von Logischem und Historischem bestimmten Wissenschaften arbeitet die materialistische Hermeneutik als Anwendung des Prinzips 'dialektische Rekonstruktionen der Genesis' auf jene Widerspiegelungsformen, deren Objektivierungen und Materialisierungen in Dokumenten der Sprache vorliegen; sie erklärt die Dokumente der Sprache asl Funktionen der Aneignung der Wirklichkeit; der Gegenstandsbereich der materialistischen Hermeneutik ist abgrenzbar: sie wendet an die Ergebnisse 

1. der Wissenschaft von den materiell-praktischen, die Wirklichkeit gesetzmäßig strukturierenden gesellschaftlichen Arbeits- und Produktionsweisen (Politische Ökonomie),

2. der Wissenschaft von den materiell-praktischen und psychischen Konstitutionsbedingungen des Bewußtseins (Wahrnehmung/ Erkenntnis/ Wissen) und der gesellschaftlichen Spezifik der individuellen Widerspiegelungsakte (dialektische Erkenntnistheorie)..."

Man hört in solchen Sätzen keine Stimme, sieht keinen Leser, nichts läßt auf den doch menschlichen Gegenstand der Rede schließen. Der Autor rasselt mit Begriffen, daß einem das Hören und besonders das Sehen vergeht. Die Hermeneutik 'arbeitet' wie eine Maschine, indem sie bei der Auslegung des sprachlich Überlieferten ein festes 'Prinzip anwendet'. Der Hermeneutiker selbst kommt nicht zum Vorschein, er unterschlägt, daß er unter anderem auch ein Subjekt ist, das hier seine Ansichten vorträgt.

Wortautoritäten und vorfabrizierte Formeln werden zitiert, und ihre Wirkung wird durch rhetorische Mittel wie das der lehrhaften Aufzählung und der Nachstellung ("sie wendet an die...") erhöht. Die Unklarheit der Beziehungen "Anwendungen des Prinzips... auf" ist ein Ausdruck dessen, wie sehr in diesen Sätzen die Wortautoritäten dominieren. Ein schwacher Kopf läßt hier eine Formation etablierter Termini auf den Leser zurollen; er selbst hat sich bis zur Unkenntlichkeit hinter seiner aus Versatzstücken montierten leeren Objektivität verschanzt.

4. Zur psychologischen Grundlage dieser Sprache gehört offenbar eine erhebliche Autoritätsgläubigkeit. Das subalterne Verhältnis zu 'der Wissenschaft' im allgemeinen und zu (wechselnden) Lehrer-Idolen im besonderen ist sehr auffallend. Es ist häufig die Sprache von Schülern. Die Schüler verwenden in der Regel eine stärker terminologisch gepanzerte Sprache als der Lehrer. Ihre Abhängigkeit drückt sich in der Übernahme und sorgsamen Beachtung von dessen Termini aus.

Sie zitieren oft die Termini, als handele es sich bei diesen Begriffsnamen um feste Größen. Im Gegensatz zum Lehrer, der von der Sache zum Wort gelangt ist und deshalb von seinen Termini unabhängig ist, kommen sie häufig vom Wort zur Sache, gehen mit Wörtern um, als hätten sie in ihnen die Sachen, und es kann ihnen so gehen, daß sie diese gar nicht mehr als etwas möglicherweise Eigenständiges wahrnehmen.

Der Denk- und Redestil in studentischen Versammlungen der letzten Jahre hatte von außen oft viel mit Aufklärung und Demokratie und von innen wenig damit zu tun. (Das sagt nichts über den Sinn solcher Versammlungen, sondern über den in ihrer Kostümierung steckenden Anspruch.) Die Sätze waren in der Diskussion oft schwer zu 'fassen', es waren eigentlich keine Sätze, sondern Wörter. Man dachte in Wörtern, und diese hatten offenbar nur teilweise eine begriffliche Funktion. Sie deuteten eine neue Erfahrung mehr, als daß sie sie aussprachen, und diemten im übrigen als Kennmarken eines Zusammengehörigkeitsgefühls, als mit starkem Gefühl beladene Losungen.

In ihnen erkannte sich die Gruppe, fühlte ihre Identität gegenüber ihren Feinden. Nach der Diskussion hielt man oft nicht in der Hand außer der Erinnerung an eine Stimmung. Dabei fielen bevorzugt Worte der Wissenschaftlichkeit und Aufklärung. Ein Wort wie 'rational' wurde oft und beinahe beschwörend wiederholt, 'kritisch, Analyse, konkret, explizit, konsistent' waren andere Wörter, die sich durch Wiederholung verselbständigten und eine magische Wirkung ausübten. Gewissen Leitbegriffe, von Wortführern ausgesprochen, wurden aufgegriffen, dominierten eine Zeitlang in der Diskussion, bis sie fad und geschmacklos wurden, um von anderen abgelöst zu werden.

Wollte jemand in einer solchen Diskussion tatsächlich etwas in Frage stellen, regte sich eine gewisse kritische Selbständigkeit, so begegnete er einer vehementen Intoleranz der herrschenden Stimmung. Das assoziative, von den einzelnen Wörtern geführte Denken, das manchmal eher einem Gedachtwerden glich, war begleitet von einem Schrift- und Bildfetischismus. Idole und Feindbilder an den Wänden, Transparente, Wandzeitungen, Flugblätter und Resolutionen dienten und dienen oft nicht nur der Agitation, sondern genießen eine Verehrung, als sei, was man abwehren möchte, durch das Niederschreiben zu bannen, und was man herbeiwünscht, durch das Geschriebenhaben schon geschehen.

5. Eine von Leit- und Schlagwörtern bestimmte Diskussion erliegt notwendigerweise der Gefahr, zu verflachen und dogmatisch zu werden. Denn die Wörter deuten nur an. Das Schlagwort hebt an einem u.U. komplizierten und umfangreichen Vorstellungsbezirk nur ein Merkmal, das mit besonderen Gefühlen verbunden ist, hervor, etikettiert diesen Vorstellungsbezirk als in zuspitzender Weise und schafft einen suggestiven scheinbaren Gesamtüberblick. Er verabsolutiert in wirksamer Weise einen Aspekt. Erschließt man die Wirklichkeit aus einer Kette gefühlsbesetzter Leitwörter, so ergibt sich ein wortgesteuertes Halbverstehen bei einem gleichzeitigen Gefühl des Überblicks.

"Viele Übersichten des Ganzen, wie sie jetzt Mode sind, kommen so zustande, daß man alles einzelne übersieht und dann summiert", schrieb FRIEDRICH SCHLEGEL. 
Der rasche Substanzschwund bei den jüngeren 'Generationen' der Neuen Linken könnte damit zusammenhängen.

Die Formel z.B. die Geisteswissenschaften seien 'handlungsorientierend' und dienten einem 'praktischen Erkenntnisinteresse', hat an ihrem Ursprung, in der Frankfurter Antrittsvorlesung von HABERMAS (1965), einen unbestimmten und unausgeführten Sinn. HABERMAS verabsolutiert hier eine wesentliche Teilwahrheit. Sein Wort ist weniger eine empirische Formel als eine Vorschrift. Löst man es aus seinem wissenschaftstheoretischen Zusammenhang und interpretiert 'Handlung' und 'Praxis', wie es ja nahelag, nur als 'politisches Handeln' und 'politische Praxis', hat man dabei ein bestimmtes Ziel als Inhalt des politischen Handelns vor Augen, so wird aus der wissenschaftstheoretischen Vorschrift ein rigoroses, u.U. barbarisches Programm, das die Geisteswissenschaften auf das beschränken will, was sich im Sinne einer bestimmten Zielsetzung in politische Praxis übersetzen läßt und ihr dient.

Eben das ist bei vielen ehemaligen Schülern von HABERMAS eingetreten. Ähnlich erging es dem Schlagwort 'Politisierung der Wissenschaften'. Viele verstanden darunter zunächst allgemeine Aufklärung über die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge, in denen die Wissenschaften stehen. Diese allgemeine Bedeutung stand im Widerspruch zu dem engen Sinn, den man dem Wort gewöhnlich beilegt. Man gebrauchte das tabuverletzende Wort bewußt provozierend; aber die konventionelle enge Bedeutung von 'Politisierung' ließ sich nicht erweitern, sie schlug immer wieder durch und bestimmte zunehmend auch bei vielen Anhängern das Denken. Aus der 'Politisierung' als Aufklärung wurde die 'Politisierung' im Sinne einer vorgeformten Zielsetzung.

Die oft bewundernswerte Fähigkeit linker Autoren, Überblicksformeln zu finden, die schlagartig einen großen Gegenstandsbereich erhellen, kehrt bei ihren Schülern oftmals wieder als Stil der schlechten Verallgemeinerung. Ihre Vorliebe für zusammenfassende 'Systembegriffe' ist auffallend ('Systemüberwindung, systemkonform'), für Ausdrücke, die den Gefügecharakter eines undurchschauten Gebildes andeuten (vor allem 'Struktur'), für Zusammensetzungen mit 'Gesamt-' ('Gesamtproduktion, Gesamtarbeiter'). Ein Autor bevorzugt das Wort 'Totalität', ein anderer hält es mit 'global'. Er fabelt:

"Die synthetische Arbeit verschiedener, untereinander divergierender Gesamtarbeiter könnte zur synthetischen Areit eines Gesamtarbeiters von globalem gesellschaftlichen Statut werden. Wovon hängt es ab? Offenbar davon, daß die Technologie entsprechende Verbundmaschinerien zur Verfügung stellt..." 
Verallgemeinerungen, die einen Gesamteindruck zuspitzend zusammenfassen, haben die Wirkung, polemische Energien zu entbinden. Mit den Stil der schlechten Verallgemeinerung verbindet sich oft ein rigoroses Vokabular des Kampfes. Da sprechen kämpferische Professoren und Studenten von der 'Liquidation' einer wissenschaftlichen Lehre, ist der 'Gesamtstrategie' eines Seminars die Rede, da wird mit 'Reformflausen' Schluß gemacht. Die Wortreihe 'radikal- konsequent - endgültig' weckt ihre eigenen Assoziationen.

Die Selbstdarstellung als 'fortschrittlich' schließlich ist ein besonders gerne benutztes Mittel, sich ohne geistige Unkosten als der Überlegene zu etablieren. Neue wissenschaftliche Schulen führen sich spätestens seit der Frühscholastik ein mit Hilfe des suggestiven Eindrucks ihrer Modernität. Tatsächlich ist 'Fortschritt' jedoch nur ein sekundärer, abgeleiteter Begriff. Ihm fehlt die Ergänzung: 'Fortschritt an Wissen, Einsicht, Freiheit, Gerechtigkeit, Humanität' usf. Das abkürzende Begriffspaar 'fortschrittlich - überholt' eignet sich allzu leicht als Schwarz-Weiß-Klischee.

In der hochschulpolitischen Diskussion hat sich der in ihm enthaltene schlichte Dualismus tötend ausgewirkt. Die Kategorien 'progressiv' und 'reaktionär' haben hier vielfach die Qualität moralischer Urteile wie 'gut' und 'böse' oder religiöser Begriffe wie 'rechtgläubig' und 'irrgläubig' angenommen. Als starre Etikette richten sie Trennwände auf und ersetzen das Nachdenken darüber, was jeweils als 'progressiv' und 'reaktionär' empfunden wird.

Der Widerspruch zwischen dem Anspruch der Neuen Linken, Aufklärung und Wissenschaft für sich zu haben, und den Beispielen eines unaufgeklärten und außerwissenschaftlichen Sprach- und Denkstils drängt sich seit langem auf. Man tut gut daran, darauf zu achten, mit Hilfe welcher Sprache sich die Kinder der 'Neuen Linken' als Hochschullehrer, Bildungsplaner oder dergleichen etablieren, und auf den Verputz des wissenschaftlichen Scheins und der menschenleeren Objektivität, des Autoritätenzitats, der überschauenden Verallgemeinerung und des fortschrittlichen Fortschritts zu klopfen, um zu sehen, was jeweils dahintersteckt. 
 
 

Uwe Poerksen

 

Literatur: 

Uwe Poerksen, Wissenschaftssprache und Sprachkritik - Untersuchungen zu Geschichte und Gegenwart, Tübingen 1994
 
 

Zum Seitenanfang
 

© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 27.05.2003