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Wozu denken wir überhaupt?
   
Haarspaltereien?
   
Abstraktionsweisen überprüfen
   
Erkenntnistheorie
   
Alle Logik ist Verwertungslogik
  
Recht und Gesetz
  
Werte sind keine Eigenschaften der Dinge
  
Literatur
  
Autor
   

 

Sprachlabor

ABC der Sprachkritik 

"Philosophische Laien halten Scharfsinn, Gründlichkeit und Genauigkeit im alltäglichen Leben für entbehrlich. Das ändert nichts daran, daß sie ebenfalls in Begriffen denken, Gegenstände zu Klassen ordnen und mehrstufige Begriffshierarchien benützen."

Wenn wir vom Denken sprechen, so ist die Logik und die Sprache nicht weit davon entfernt. Was wir für richtig oder falsch halten, hängt davon ab, wie wir die Regeln der Logik und die Möglichkeiten der Sprache verwenden. Da wir im praktischen Leben oft logische Schlüsse von mehr oder weniger großer Bedeutung ziehen müssen, sollten wir sicherstellen, daß diese Schlüsse auch die ihnen zugedachte Wirkung der Mehrung und Festigung von Erkenntnissen tatsächlich besitzen und uns nicht etwa verblöden oder Verwirrung stiften. Aber wie schwer wiegen logische Fehler? Nicht selten sind sie schuld an empfindlichen Schäden und Verlusten. Aber hüten wir uns: Logik ist nicht gleich Logik. Wäre es nicht schön, wenn wir alles, was auf der Welt verkehrt läuft, wirklich als 'falsch' nachweisen könnten? Aber so einfach ist das nicht.

Was wir können, ist aufzeigen, daß bisher sehr viele auch logische Fehler gemacht wurden auf allen Ebenen und in allen Etagen. Dazu müßten wir nur verstehen, wie die Sprache funktioniert. Die Frage ist aber, wie immer, ob sich der Aufwand eines gründlichen Nachdenkens überhaupt lohnt und ob der Leser nicht bereits an dieser Stelle die Lektüre beenden soll? Eine gründliche Absicherung des Denkens kann zu praktischen Zwecken oft zu lange dauern, so daß ein Zauderer mit seinem Urteil oft zu spät kommt. Auf der anderen Seite kann das gründliche Überlegen oft helfen, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und schwache Stellen aufdecken. 

Wozu denken wir überhaupt?

Kardinalfrage: Wozu denken wir überhaupt? Fest steht auf alle Fälle, daß wir zum Denken die Wörter brauchen. Wie wir diese Wörter bekommen, ist eine knifflige Angelegenheit und eigentlich der entscheidende Punkt. Warum hat es z.B. speziell bei mir so lange gedauert bis mir die Offenbarung zuteil wurde? Hier spielt die Gewohnheit und Selbstverständlichkeit unseres Umgangs mit der Sprache eine große Rolle. Es ist einfach auch total ungewohnt für uns, (wenn wir nicht gerade in der Umgebung einer totalen Leuchte aufgewachsen sind) bestimmte Sachen zu denken oder in Frage zu stellen. 

Die Bildung von Begriffen dient uns zur praktischen Vereinheitlichung unseres Denkens und Handelns. Durch Abstraktion wird eine Vielzahl individueller Personen (z.B. Mütter) oder unterschiedlicher Dinge (z.B. Rundfunkempfänger) im Denken einheitlich dargestellt. Jede Frau, die bestimmte Bedingungen (Definitionsmerkmale) erfüllt, ist eine Mutter und jeder Kasten, der bestimmte Laute von sich gibt aufgrund festgelegter Voraussetzungen, ist ein Radio. Wir lernen die Definitionen und können sagen: Schalt mal das Radio aus. Dadurch können allgemeine Aussagen gemacht und allgemeine Regeln für ihre Behandlung aufgestellt werden. 

Haarspaltereien?

Philosophische Laien amüsieren sich oft über spitzfindige Debatten von Experten über Begriffe und nennen sie Haarspaltereien. Laien halten den Scharfsinn und die Gründlichkeit der Experten im alltäglichen Leben für entbehrlich. Das ändert nichts daran, daß sie ebenfalls in Begriffen denken, Gegenstände zu Klassen ordnen und mehrstufige Begriffshierarchien benützen. So sind etwa jeder Kennerin der deutschen Sprache Worte wie Blume, Fisch und Auto neben Rose, Karpfen und Volkswagen geläufig - wobei die ersten Begriffe eine Oberklasse, die letzteren eine Unterklasse darstellen. Der Unterschied von Laien und Experten ist vor allem: Experten können gemeinsame und trennende Merkmale benennen. Laien, obwohl sie ihre Begriffe für Zwecke ihres Lebens als ausreichend betrachten, sind meist unbeholfen bei der Aufzählung von einzelnen Begriffsmerkmalen. 'Honig' ist eben 'Honig' und das 'Fahrrad' ein 'Fahrrad'. 

Nun gibt es aber Sachverhalte im wirklichen Leben, die sind etwas komplizierter. Das Komplizierte daran ist hauptsächlich, daß wir es verlernt oder eigentlich nie richtig gelernt haben, zwischen dem Wort und dem Ding einen gehörigen Unterschied zu machen. Wir brauchen uns dafür gar nicht zu schämen, weil es viele sogenannte Wissenschaftler noch heute tun. Hier haben wir es mit einem logisch sehr bedeutsamen Umstand zu tun. Daß das Wort Baum nicht der Baum selbst ist, hat weitreichende logische Konsequenzen. Daß das Wort Freiheit nicht notwendigerweise etwas mit Freiheit zu tun haben muß, leuchtet nur wenigen aufgeklärten Geistern ein. Und so ist es mit allen Sachen. Das logische Problem der Beziehung zwischen Wort und Idee wird nicht in seiner methodischen Tragweite erkannt. Wenn wir irgendwelche Texte lesen oder Reden hören, können wir leicht feststellen, daß Wörter gesprochen/geschrieben werden, denen nichts in der Wirklichkeit entspricht, ja gar nichts entsprechen kann, Wörter die reine Erfindung sind über Sachen, die es gar nicht gibt. Und das kann nicht einmal als Lügen bezeichnet werden, weil sich niemand dessen bewußt ist. 

Abstraktionsweisen überprüfen

Hier nun die erste sprachkritische Einsicht: Wir können nicht ohne Abstraktionen denken, deshalb ist es von äußerster Wichtigkeit, unsere Abstraktionsweisen sehr sorgfältig zu überprüfen. Begriff (Idee) und Wort (Zeichen) dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Wer das nicht begreift, ist nicht fähig, einen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Einbildung, d.h. zwischen Realem und Idealem zu machen. Gewählt ausgedrückt heißt das: Der Wortrealismus ist der Aberglaube an die Substantialität der abstrakten Begriffe. Mit anderen Worten: Unter Wortrealismus kann die Neigung verstanden werden, überall dort, wo jemand ein Wort in Umlauf gebracht hat, einen Wirklichkeitssachverhalt anzunehmen, der diesem Wort entsprechen soll. 

Die Möglichkeiten der Sprache verleiten uns dazu, Namen für gar nicht existierende Gegenstände zu erfinden und diesen Erfindungen dann Realität zuzuschreiben. Da wir die Worte meist als Prototypen gebrauchen, idealisieren wir unsere Gegenstände. Der Glaube, daß wir das Erlebte auch so zu denken vermögen, wie es erlebt wird, ist aber logisch unrichtig. Das Wissen von einem Vorgang ist etwas anderes, als der Vorgang selbst. Idealtypische Abstraktionen sind im Grunde utopische Konstruktionen und wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn nichts so läuft, wie wir uns das denken. Unsere Gedanken und Begriffe sind einfach zu allgemein und damit zu ungenau, um die Tatsachen zu treffen. 

Das oberflächliche Denken hält sich an Verallgemeinerungen. Im Grunde genommen ist aber jeder Begriff ein Problem. Daß uns etwas als unproblematisch erscheint liegt lediglich daran, daß wir keine Zeit oder Lust haben, uns mit einem Gegenstand gründlicher auseinanderzusetzen. Es stimmt, daß wir niemals alles wissen können und deshalb auswählen müssen. Aber nach welchen Kriterien treffen wir diese Auswahl? 

Erkenntnistheorie

Erkenntnistheorie kann als Methodenlehre verstanden werden (Methode: modus logicus). Methodologie ist eigentlich nichts anderes, als die Beschäftigung mit der Logik der Begriffsbildung. Wir können grob zwei Arten des Methodendenkens unterscheiden: Problemdenken und Systemdenken. Im Problemdenken holen wir die Begriffe aus dem Himmel der Abstraktionen herunter in unser tägliches Leben. Im Systemdenken blasen wir unser Vokabular auf, um ihm möglichst bei allen Menschen dieser Welt Geltung zu verschaffen. Wir verwenden Worthülsen, um Eindruck zu schinden, nicht aber um Klarheit zu schaffen. Im Systemdenken geht es nicht mehr darum, was ich denke, sondern wieviele Leute verstehen was ich will und tun das auch. 

Im Systemdenken fallen die Einzelheiten raus, weil sie für das Ganze unwichtig sind. Damit werden wir aber auch gleichzeitig unseres eigenen Denkens beraubt. Wir haben nicht mehr die Freiheit die für uns wichtigen Unterschiede machen zu können und damit nicht mehr die Freiheit selbständig zu denken. Der Unterschied ist das wesentliche Denkprinzip. Denken ist eigentlich nichts anderes, als Unterschiede und Verallgemeinerungen zu erkennen. 

Die gegebene Rechtfertigung für eine Verallgemeinerung besteht meist darin, nicht jeden Einzelfall beweisen zu müssen, wenn sich etwas mit unbeschränkter Allgemeinheit beweisen läßt. Mit einer solchen Methode müssen wir die einzelnen Situationen nicht jedesmal aufs Neue bewältigen. Es widerspricht auch denkökonomischen Erwägungen, für jeden Fall ein eigenes Prinzip zu benötigen. Zuviele Einzelheiten erschweren das Denken. Deshalb besteht immer die Tendenz das qualitativ Besondere zugunsten der Quantität zu vernachlässigen. Wir denken, um zu ordnen und um uns nicht zu sehr mit Details zu belasten, lassen wir viele Einzelheiten nach unserem eigenen Ermessen weg. Wir schaffen die Ordnung, die wir wollen. Systematisierungsfragen sind Zweckmäßigkeitsfragen. Der Zweck aller Begriffe ist zwar Denkökonomie, Arbeitsersparnis durch Zusammenfassung gleicher Einzelheiten, aber ich darf mir nie einbilden, daß es notwendigerweise nur eine Art der Zweckmäßigkeit gibt, der unbedingt zu folgen ist. 

Das Problem ist immer dasselbe: Allgemeingültiges, d.h. objektives Wissen aus subjektiver Erfahrung zu gewinnen. Ein solches Wissen gibt es nur durch die Vernachlässigung der Einzelheiten, die nicht selten zu einer Vergewaltigung des Einzelnen führt. Oft spielen Einzelheiten keine Rolle, entscheidend aber ist, daß ich das feststelle und niemand anderer. Es würde keine Wissenschaft geben ohne diese Einigung auf unwichtige Einzelheiten, mit anderen Worten ohne die Einigung auf Objektivität. Wissenschaftler müssen objektiv sein. Eine Wissenschaft, die sich das Prädikat der Objektivität prinzipiell aberkennt, fällt damit ihr eigenes Todesurteil. Aber wir brauchen doch unsere Wissenschaft. Die Frage ist nur wozu. Die Wissenschaft ist eigentlich ein typisch bürokratisches Unternehmen. Indem sie den Vorrang der Methode vor der Sache behauptet, verfährt sie nicht anders als ein Bürokrat, der stur nach seinen Vorschriften geht, auch wenn die schwangere Frau ohne Wohnung und mit Röteln ein Sonderfall ist, dem geholfen werden muß. 

Alle Logik ist Verwertungslogik

Das bringt uns zu einer weiteren sprachkritischen Einsicht: Jede Logik ist nur pragmatisch und nützlich. Mit Erkenntnis hat das kaum zu tun. Wir benützen die Logik, wie es uns am vorteilhaftesten erscheint. Alle Logik ist Verwertungslogik, weil es immer darum geht, willentlich beschlossene Zwecke zu verwirklichen und nicht die Wirklichkeit zu erkennen. Ohne Fragen gibt es keine Antworten und die Antworten sind beeinflußt durch die Formulierung unserer Fragen. Fragen bringen unser Interesse zum Ausdruck. Was wir beobachten, ist nicht die Natur selbst, sondern die Natur, die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist. Alle unsere Begriffe sind auf eine bestimmte Fragestellung oder Interesse rückführbar. Am Anfang steht das Interesse, nicht die Tatsache. Basissätze sind, wie Grundsätze, willkürliche Festsetzungen durch Beschluß oder Konvention. 

Der Ausgangspunkt ist aber immer das Problem. Der fehlerhafte Zirkel im Beweisen besteht darin, daß vorausgesetzt wird, was eigentlich erst bewiesen werden muß. (Und wenn die Anfangssätze nicht bewiesen sind, sind es auch die Schlußsätze nicht.) Die richtige Fragestellung ist eigentlich schon mehr als die halbe Lösung. Für HEGEL ist das Bekannte, gerade weil es bekannt ist, das Unerkannte. Gegebenes gibt es nur als Aufgabe. Das vermeintlich Erstgegebene ist eigentlich vielmehr das Gesuchte, sagt PAUL NATORP. Tatsachen sind deshalb Begründungen und Begriffe, aber keine Tatsachen. Objektive Zusammenhänge werden lediglich hergestellt, um daraus praktische Absichten legitimieren zu können. Die Gesetze der Logik betreffen nicht das Verhalten der Dinge, sondern sind Gesetze, die hauptsächlich unsere Sprache betreffen. 

Alle Begriffe müssen erst definiert werden. Sie hängen nicht fertig auf den Bäumen. Bei Definitionsfragen handelt es sich immer um Fragen der Zweckmäßigkeit und nicht der Wahrheit. Harmlose Gemüter durchschauen aber den Definitionscharakter vieler wissenschaftlicher Theoreme nicht. Alle Definitionen sind Gebrauchsdefinitionen. Wir lösen sprachlich, was sachlich nicht gelöst werden kann und möglicherweise nicht lösbar ist. Die Methode, Problemlösungen durch Definitionen zu ersetzen, ist aber kein besonders fruchtbares Verfahren. Unterschiede in der Terminologie müssen nicht unbedingt einen Unterschied in der Sache ausmachen. Auf der anderen Seite sind viele unserer Probleme eigentlich keine wirklichen Probleme, sondern Probleme, die aus dem Mißverständnis der Sprache heraus entstehen, die aber verschwinden, wenn das Funktionieren der Sprache durchschaut wird. Sie werden nicht gelöst, sondern sie lösen sich auf, wie WITTGENSTEIN sagt. 

Das Problem der Setzung ist immer ein Problem der Rechtfertigung. Damit wären wir bei der dritten sprachkritischen Einsicht: Die bloße Tatsächlichkeit ist nicht denknotwendig. Notwendigkeit ist etwas, das es nur im Denken gibt und nicht in den Gegenständen. Begründungen und Rechtfertigungen werden hergestellt, nicht festgestellt. Es gibt keine Ordnung in der Natur. Ordnung ist nur im menschlichen Verstand. Tatsachenfragen sind deshalb Geltungsfragen. Die Wirklichkeit in ihrer Besonderheit und Individualität ist die Grenze für jede Art der Begriffsbildung. Das Einzigartige ist der Prüfstein der Logik. Was bisher als Wissen bezeichnet wurde ist eher das, was gilt, weniger das was ist. Die Macht der Logik endet an der Einzelheit, da, wo das Gebiet des individuellen Lebens, des persönlichen Seins, der Willensfreiheit und der Moral anfängt. Der wichtigste Bereich auf dem Gebiet der Geltung heißt Recht und Gesetz. 

Recht und Gesetz

In der Verwaltung, Rechtsprechung und Gesetzgebung, Wirtschaft und Politik wird unablässig über die Bestimmung und Auslegung von Begriffen diskutiert. Die praktischen Auswirkungen der Definition und Auslegung der Begriffe sind von enormer Bedeutung. Begriffe begründen Rechte. Jedes Gesetz stellt eine Perlenkette von Begriffen dar. Die gesetzliche Begriffskette setzt der Richter in Beziehung zu einem Sachverhalt, den wir auch Tatbestand nennen und der vorher durch Beweisaufnahme ermittelt wird. Die Beziehung von Rechtsbegriff und tatsächlichem Geschehen nennt der Jurist Subsumtion. Juristische Probleme entstehen, weil Begriffe und Tatsachen nicht deckungsgleich sind. Die fallbezogene Anpassung und die Eingrenzung des Begriffs heißt dann 'Auslegung'. 

Zum Beispiel ist das schlichte Sitzen auf einer Fahrbahn Gewalt, obgleich der Mensch überhaupt nicht handgreiflich wird. Dennoch baut jemand eine psychische Hemmschwelle auf, die stärker wirkt, als ein gezielter Faustschlag. Die Frage ist also: in wieweit ist es zulässig, den Begriff der Gewalt zu vergeistigen, zu entmaterialisieren, damit ein strafwürdiges Verhalten noch geahndet werden kann? Unser Begriff der Gewalt ist also kein logisches, rational bestimmtes Gebilde, das aus einem juristischen Begriffshimmel fällt, sondern steckt tief in einem Wertungszusammenhang. Für den Richter sollen bei der Auslegung eines Gesetzes Wertungen bei der Gerechtigkeit des Einzelfalls die ausschlaggebende Rolle spielen. 

Und dabei ändert sich am Wortlaut des Gesetzes wohlgemerkt nicht das Geringste. Deshalb wird die Bindung des Richters an das Gesetz vor allem von juristischen Laien oft überschätzt. Vielfach ist sogar die Neigung zu beobachten, delikate politische Entscheidungen auf die Gerichte abzuschieben, weil die weite oder auch enge Auslegung vorhandener Rechtsbegriffe mehr Erfolg verspricht, als ein umständliches und in seinem Ausgang ungewisses Gesetzgebungsverfahren. Die ethische Argumentation wird über logische Ableitungen verschleiert. Hinter Recht und Gesetz steckt ein praktisch-technisches Interesse. 

Werte sind keine Eigenschaften der Dinge

Es ist von enormer Bedeutung, daß Bewertung und Wirklichkeit strikt voneinander geschieden werden. Wir dürfen unsere Zwecke nicht mit irgendwelchen Tatsachen verwechseln. Werte sind keine Eigenschaften der Dinge. Die Farbe eines Gegenstandes z.B. ist nicht objektiv gegeben, sondern eine Zutat eines beobachtenden Subjekts, das imstande ist, in einer bestimmten Weise zu sehen. Die unmittelbaren Erlebnisse sind nur einmal unmittelbar gegeben. Sie sind einmalig. Die Überzeugung von der objektiven Qualität der Sinnesqualitäten ist Blödsinn. Die Sprache macht uns nur glauben, daß die Dinge Qualitäten haben. Streng genommen müßte es heißen: mir ist gelb und nicht ich sehe gelb. Mit unseren moralischen Einstellungen ist es nicht viel anders. Laster und Tugend können mit Tönen oder Farben verglichen werden. Diese sind ebenso keine Eigenschaften der Dinge sondern Perzeptionen unseres Geistes. Die Tatsachen selbst sind nicht gut oder schlecht - wir machen sie erst dazu. 

Wir gehen gewöhnlich viel zu leicht von Tatsachen aus und bilden uns noch eine Menge auf diese Tatsachen ein - verkaufen sie sogar als Wahrheit mit der Konsequenz, daß viele Leute hinter Gittern landen oder mit Strafe bedroht werden, die diesen Wahn nicht teilen. In manchen Fällen wird dieser Blödsinn sogar mit dem Leben bezahlt. Ich krieg jedesmal Zustände, wenn ich das Wort Beweise höre. Beweise gibt es nur, weil es vorher Entschlüsse gegeben hat, die diese Beweise erst möglich machen. Bloß werden diese Entschlüsse nicht von mir mitgetragen oder wenigstens nicht so ohne weiteres. 

Die klassische Physik beruhte auf der Illusion, daß wir die Welt beschreiben können, ohne von uns selbst zu sprechen. Auf diese Weise war es möglich, den Menschen im Menschen auszuschalten. Der objektive Mensch an sich ist kein Mensch - so wie alle Objektivität unmenschlich ist.

Werner Petschko
Mauthner-Gesellschaft



Literatur: 

Werner Petschko: Sprachkritik für Anfänger, Penzberg, 1995
 

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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004