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Anleitungen auf CD?

Immer häufiger müssen Dienstleister in der Technischen Dokumentation mit ihren Auftraggebern aus dem Maschinenbau die Frage diskutieren, ob es nicht ausreichen würde, die umfangreiche Bedienungsanleitung ausschließlich auf CD zu erstellen, statt sie aufwändig auf Papier zu drucken.

Diese Frage ist von grundsätzlicher Bedeutung und gerade die Freiberufler als auch die Dokumentationsbüros sollten - wenn möglich - zu einer einheitlichen Meinung kommen. Es macht keinen Sinn, beim Kunden vor Ort immer neue Argumentationsketten - egal ob pro oder contra - aufzubauen, letztlich aber nur mit dem Ziel, den Dokumentationsauftrag zu erhalten, weil man diesem Kunden nach dem Munde geredet hat.

Dabei ist die Sachlage an sich gar nicht so schwierig. Die Motivation der Hersteller großer Maschinen oder Anlagen für eine Bedienungsanleitung auf CD, ohne diese in gedruckter Form ebenfalls auszuliefern, ist einleuchtend: Kosten sollen gespart werden. Die Hersteller argumentieren, dass der Betreiber ohnedies verpflichtet ist, sein Bedienpersonal zu unterrichten. Das ergibt sich bei gefährlichen Arbeiten zum Beispiel aus § 12 des Arbeitsschutzgesetzes:

Betriebsanweisung 
§ 12 ArbSchG 

Für gefährliche Arbeiten mit Werkzeugen, Maschinen und Verfahren sind Betriebsanweisungen erforderlich. Betriebsanweisungen sind Grundlage für die Unterweisung.

Betriebsanweisungen müssen enthalten:

- normale Einsatzbedingungen
- Verhalten bei Betriebsstörungen 
- Herstellerhinweise aus der Bedienungsanleitung

An die Herstellerhinweise, die sich ja jetzt auf der CD befinden, kommt der Betreiber aber nur heran, wenn er sich diese am Bildschirm anzeigen lässt oder gleich ausdruckt. Letzteres ist wohl der bequemere Weg. Also, argumentieren die Hersteller, bleibt dem Betreiber gar nichts anderes übrig, als die Bedienungsanleitungen in eigener Regie auszudrucken.

In der gerade diskutierten Fallkonstellation ging es zugegebenermaßen um »gefährliche Arbeiten mit Werkzeugen, Maschinen und Verfahren...«. Es ist durchaus auch möglich, andere Argumentationketten der Hersteller aufzubauen für nicht so gefährliche Arbeiten mit Werkzeugen, Maschinen und Verfahren. Aber darum geht es im Augenblick nicht. Vielmehr soll aufgezeigt werden, ob die Hersteller mit ihrer Argumentation Recht haben, wenn es explizite Vorgaben des Gesetzgebers gibt wie im zitierten § 12 des Arbeitsschutzgesetzes, nach denen der Betreiber die Herstellerhinweise aus der Bedienungsanleitung sozusagen noch "weiterverarbeiten" muss. Denn für den Fall, dass in einem so streng geregelten Bereich - wie gerade aufgezeigt - der Hersteller die Bedienungsanleitung auf jeden Fall in gedruckter Form liefern müsste, würde dies dann in einem nicht geregelten oder nicht so streng geregelten Bereich ebenfalls gelten.

Suchen wir uns in kleinen Schritten die Lösung zusammen und überlegen uns den vielleicht ketzerischen Gedanken, der Hersteller könnte ja gleich ganz auf eine Bedienungsanleitung verzichten und zum Beispiel die Unterweisung des Bedienpersonals vom Betreiber in eigenen Schulungsveranstaltungen vornehmen. Von diesem Gedanken (einer fehlenden Bedienungsanleitung) ausgehend müssen wir uns fragen, was zum Beispiel nach der EG-Maschinenrichtlinie der eigentliche Zweck einer Bedienungsanleitung ist? Die Antwort: Mehr Schutz und Sicherheit für den Bediener! Alles andere ist sekundär.

An dieser Stelle könnten wir jetzt lange in eine Diskussion treten, ob bei den Betreibern das Bedienpersonal selbst regelmäßig Einblick in die Bedienungsanleitung nimmt oder nicht. Aber darum geht es eigentlich nicht. Letztendlich geht es nur darum, den Schutzgedanken für den Bediener so weit wie möglich zu verwirklichen. Dieser muss eine höchstmögliche Chance haben, so schnell wie nur irgend denkbar an potenzielle Sicherheitsinformationen in der Bedienungsanleitung zu gelangen.

Im Falle einer Bedienungsanleitung auf CD ist der Aufwand, den irgend jemand betreiben muss, um Kenntnis von möglichen Sicherheitsinformationen in der Bedienungsanleitung zu bekommen, auf jeden Fall höher als wenn die Bedienungsanleitung bereits in gedruckter Form vorliegt. Der potenzielle Schutz, den uns Sicherheitsinformationen in der Bedienungsanleitung auf CD bieten, ist offensichtlich nicht von gleicher Qualität wie der potenzielle Schutz einer Sicherheitsinformation in der Bedienungsanleitung auf Papier.

Es gibt aus der Sicht des Bedieners noch ein weiteres sehr gewichtiges Argument, dass gegen die Bedienungsanleitung auf CD spricht (unter der gedanklichen Prämisse, dass auch der Betreiber die Bedienungsanleitung auf CD nicht ausdruckt!). Mit einer Bedienungsanleitung auf Papier kann ich nämlich um die Maschine oder Anlage herumlaufen, ich kann mich bücken, von schräg unten in die Maschine schauen und abwechselnd mit den Augen zwischen einem Teil der Maschine und einem Ausschnitt in der Bedienungsanleitung hin und her springen. Mit einem PC geht das nicht und mit einem Laptop bzw. Notebook ist das nur sehr bedingt möglich.

Wir haben jetzt zwei Argumente gefunden, die gegen eine Bedienungsanleitung ausschließlich auf CD sprechen. Unser fiktiver Hersteller könnte uns jetzt sagen: Na und, was kümmert es mich? Ich habe jedenfalls meine Kosten gespart.

Solange nichts passiert, hat unser Hersteller recht. Er hat tatsächlich Kosten gespart beziehungsweise seine Kosten auf den Betreiber verlagert. Dies gilt aber längstens nur bis zu dem Zeitpunkt, wo ein Schaden passiert, verursacht durch die Maschine bzw. Anlage unseres Herstellers. Im Schadensfall wird jetzt der Betreiber versuchen, die ihm entstandenen Kosten - welche auch immer - auf den Hersteller zu wälzen. Der Betreiber verlangt Schadensersatz und vielleicht ist auch noch der Bediener ums Leben gekommen (so häufig passiert das natürlich nicht aber in unserem Modellfall sollten wir uns auch das überlegen...). Dann haben wir neben dem Streit um Sachwerte auch noch an die strafrechtliche Komponente zu denken.

Nun soll diese Betrachtungsweise der Dinge nicht in einen rechtlichen Aufsatz münden. Es soll nur daran erinnert werden, welche Weiterungen das haben kann, wenn eine Bedienungsanleitung nicht in dem Maße genutzt wird wie es angebracht wäre. Dabei ist es völlig egal, ob ein Verschulden auf der einen oder anderen Seite, also beim Hersteller oder Betreiber oder bei beiden, vorliegt oder nicht. Die kritische Frage lautet einzig, ob bei einer entsprechenden Nutzung der Bedienungsanleitung der Schaden vermieden worden wäre oder nicht.

Der Hersteller, der eine Bedienungsanleitung ausschließlich auf CD ausliefert, muss sich des erhöhten Risikos bewusst sein, das er eingeht, unabhängig erst einmal von den Konsequenzen seiner möglichen strafrechtlichen Verantwortlichkeit. Und der Betreiber weiß ja vorher, was er beim Hersteller einkauft. Ihm steht es auf jeden Fall frei zu sagen, dass er eine Bedienungsanleitung auch in gedruckter Form geliefert haben möchte.
 
 
 

Harald B. Adolph
Herausgeber dieser Fachzeitschrift
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004