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Sprach-Labor
 

Bedeutungslehre 

Die Aufgabe, die Bedeutung eines Wortes festzustellen, mag für den Logiker besagen: seinen begrifflichen Inhalt möglichst genau erfassen und abgrenzen, eine Definition liefern, die nach altbewährtem Rezept die übergeordnete Art und die unterscheidenen Merkmale angibt. Für den Sprachforscher bedeutet sie etwas anderes und in der Regel weit Schwierigeres, denn er ist schon hier, wie in allen weiteren Stadien seiner Arbeit, genötigt, neben den klar erfaßbaren logischen auch psychologische Faktoren von oft schwer greif- und wägbarer Natur in Betracht zu ziehen.

Was bedeutet z.B. der Name "Albrecht Dürer"? Für mich wie für jeden andern den großen Nürnberger Maler, geboren am 21. Mai 1471, gestorben am 6. April 1528. Diese Angaben genügen, um den Träger dieses Namens von anderen Menschen hinlänglich zu unterscheiden, mögen also vom logischen und praktischen Standpunkte aus als ausreichende Begriffsumschreibung gelten. Aber erschöpfen sie nur im entferntesten die Vorstellungen, die man mit dem Namen verbindet? 

Schon deshalb nicht, weil diese Vorstellungen nicht bei zwei Menschen die gleichen sind, ja nicht einmal bei ein und demselben Individuum in den verschiedenen Stufen seiner Entwicklung. Wer nur ein paar schlechte Reproduktionen nach Dürerschen Werken kennt, für den bezeichnet der Name des Meisters notwendig etwas anderes als für den, der vor seinen Originalgemälden gestanden hat. Wer seine Briefe und Tagebücher gelesen hat, dessen Vorstellung enthält Elemente, die demjenigen fehlen, der nur den Künstler DÜRER kennt. 

Und wer, nachdem er sich von DÜRERs Eigenart schon einen einigermaßen klaren Begriff gebildet hatte, in Nürnberg, auf seinen Spuren wandelnd, sein Haus betreten durfte, für den hat dieses Erlebnis sicher eine neue wesentliche Bereicherung seiner Auffassung herbeigeführt, mithin auch eine Änderung der Bedeutung, die das Wort DÜRER für ihn besitzt. Und was die klare Erfassung der Wortbedeutung noch mehr erschwert, jede dieser Begriffswandlungen ist notwendig verbunden mit einer Wandlung der Gefühlstöne, die das Sprechen, Hören oder Lesen des Namens DÜRER ausgelöst. 

Das Kennenlernen der Originale wird Gefühle erhöhter Bewunderung zur Folge haben, die Lektüre der Tagebücher vielleicht Enttäuschung darüber, daß der große Künstler zugleich ein so zäher und berechnender Geschäftsmann war, die Bekanntschaft mit seiner Heimat ein Gefühl der persönlichen Vertrautheit. Alle diese Gefühlsverschiebungen sind aber mit den Veränderungen der Vorstellungen so unlösbar verquickt, daß sie unmöglich von ihnen getrennt werden können. Müssen wir diese als Elemente der Wortbedeutung anerkennen, so haben auch jene darauf einen vollgültigen Anspruch. 

Was hier an einem Beispiel dargelegt wurde, läßt sich auch an hundert zeigen. Es ist ein Verdienst K.O. ERDMANNs, klar und definitiv festgelegt zu haben, daß wir es bei der Behandlung einer Wortbedeutung nicht ausschließlich mit seinem logischen Begriffsinhalt zu tun haben, sondern mit drei verschiedenen Elementen: 

  1. dem begrifflichen Inhalt
  2. dem Nebensinn
  3. dem Gefühlswert oder Stimmungsgehalt 
Unter Nebensinn verstehen wir mit ERDMANN "alle Begleit-  und Nebenvorstellungen, die ein Wort gewohnheitsmäßig und unwillkürlich in uns auslöst", unter Gefühlswert "alle reaktiven Gefühle und Stimmungen, die es erzeugt". 

Diese verschiedenen Seiten der Wortbedeutung sind nicht bei allen sprachlichen Gebilden gleich stark entwickelt. Zahlreiche Wörter, wie z.B. "Tisch", "Stuhl", "gehen", "auf" enthalten zwar einen deutlich ausgeprägten Begriff und natürlich auch in jedem einzelnen Fall, wo sie gesprochen oder gedacht werden, gewisse Nebenvorstellungen, aber keinen, oder jedenfalls nur einen äußerst schwachen Gefühlston. 

Andere, wie z.B. die Interjektionen "Hu!" oder "Brr!" haben keinen klar ausgedrückten Begriff, hingegen einen kräftigen Gefühlston spezifischer Natur. Aber bei den allermeisten Worten, mit denen die Sprachgeschichte es zu tun hat, müssen wir mit dem Vorhandensein aller drei Elemente rechnen, und daß die Bedeutungslehre bisher die Veränderungen des eigentlichen Begriffsinhalts so sehr in den Vordergrund geschoben, es hingegen oft unterlassen hat, den Schwankungen des Nebensinns und der Gefühlstöne nachzugehen, hat vielleicht mehr als irgend etwas anderes den Fortschritt dieser Wissenschaft gehemmt. 

Denn die Geschicke eines Wortes sind von seinem
Nebensinn und Gefühlston mindestens ebenso abhängig wie von seiner Hauptbedeutung. 
Das gilt vom Nebensinn deshalb, weil es ja gerade die assoziativen Verbindungen der Worte untereinander sind, die entscheiden, in welchem Zusammenhang ein bestimmtes Wort einem Sprechenden oder Schreibenden einfällt. Und welch großen Einfluß die Art und Stärke des Gefühlstons darauf hat, ob ein Ausdruck häufig oder selten, gleichgültig oder mit Nachdruck angewendet wird, darüber braucht wohl kein Wort verloren zu werden; im weiteren Verlauf werden wir sehen, daß die sprachverändernde und sprachbildende Kraft gerade dieser Seite der Wortbedeutung einen Faktor von nicht hoch genug einzuschätzender Wichtigkeit bildet. 

Allerdings muß zugegeben werden, daß die vollständige und lückenlose Erfassung einer Wortbedeutung ein Ding der Unmöglichkeit ist, sobald man unter Wortbedeutung das versteht, was wir hier im Anschluß an ERDMANN dargelegt haben. Schon die Definition des Begriffes "Nebensinn" als "alle jene Begleit- und Nebenvorstellungen, die ein Wort gewohnheitsmäßig ... in uns auslöst", zeigt ja, daß eine auch nur annähernd erschöpfende Lösung dieser Aufgabe undenkbar ist. 

Wer könnte auch nur für seine eigene Person allen jenen Irrgängen der Assoziationen nachgehen, die von jeder Wortvorstellung aus nach allen Richtungen hin verlaufen. Und noch viel weniger läßt sich die Bedeutung, die ein Wort für ein anderes Individuum oder gar für eine Gruppe von Individuen, eine Sprachgemeinschaft besitzt, restlos festlegen. 

Aber von einem Ignorabimus (1) in diesem Sinn ist noch ein weiter Weg zur Gutheißung der bisher fast allgemein üblichen Praxis, sich um Nebensinn und Gefühlston der Worte, mit deren Bedeutung der Sprachforscher es jeweils zu tun hat, überhaupt nicht zu kümmern. Der Versuch, wenigstens einzelner wichtiger Charakteristika dieser weniger greifbaren Bedeutungselemente habhaft zu werden, ist, wie wir gleich sehen werden, keineswegs aussichtslos und "muß" überall dort gemacht werden, wo man die Geschichte eines Wortes nicht bloß buchen, sondern auch verstehen will. 

Welche Mittel stehen uns also zu Geboten, um den Nebenelementen der Wortbedeutung wenigstens teilweise auf die Spur zu kommen? Wo es sich um Beobachtungen am Sprachgebrauch lebender Personen handelt, die gleichen Methoden, deren sich die Psycholologie in anderen Fällen bedient. Soweit der Forscher sich selbst als Studienobjekt verwendet, kommt in erster Linie die introspektive Selbstbeobachtung in Betracht, soweit ihn andere Personen interessieren, neben der direkten Beobachtung und Befragung auch das Experiment, vor allem auch die verschiedenen Arten des "Assoziationsversuchs", der natürlich ein vorzügliches Mittel ist, die Nebenvorstellungen, welche die Versuchsperson mit einem Wort verbindet, ans Licht zu fördern. 

Aber auch für die Beantwortung der Frage, ob ein Wort für die Versuchsperson einen stärkeren Gefühlston besitzt, bietet diese Art des Versuchs, wie vor allem JUNG nachgewiesen hat, zuverlässige Anhaltspunkte (2)

Es unterliegt unter diesen Umständen keinem Zweifel, daß die experimentelle Psychologie berufen ist, auch der Bedeutungslehre wichtige Aufschlüsse zu geben. Im einzelnen auf die dabei zu verwendenden Methoden einzugehen, ist vorläufig unmöglich, da die auf anderen Gebieten mit Erfolg angebahnte Arbeitsgemeinschaft zwischen Sprachforschern und Experimentalpsychologen auf das Gebiet der Bedeutungslehre leider kaum noch hinübergegriffen hat. 
 
 
 

Hans Sperber


Anmerkungen: 

  1. Ignorabimus (lat., "wir werden es nicht wissen"), eine Formel, die die gegenwärtigen Grenzen des Erkennens zu Grenzen für alle Zukunft machen will.
  2. C.G. JUNG: Diagnostische Assoziationsstudien I, Leipzig 1906
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004