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Erfahrung und Wahrnehmung als aktiver Prozess 
   
Durch ein Glas im unklaren Bild  mit sozial verschriebenen Augengläsern 
  
Durch ein Glas im unklaren Bild mit  individuell verschriebenen Augengläsern 
  
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Sprachlabor

Behindert durch Wahrnehmung 

Einige Menschen in der Kulturgeschichte haben die Feststellung gemacht: daß es einen unüberwindlichen Unterschied gibt zwischen der Welt und unserer Erfahrung von ihr. Wir als menschliche Wesen wirken nicht direkt auf die Welt ein. Jeder von uns schafft sich eine Repräsentation der Welt in der wir leben - d.h. wir schaffen eine Landkarte oder ein Modell, welches wir für die Gestaltung unseres Verhaltens verwenden. Unsere Repräsentation von der Welt bestimmt weitgehend, wie unsere Erfahrung von der Welt sein wird, wie wir die Welt wahrnehmen werden, welche Wahlmöglichkeiten für unser Leben wir in der Welt sehen werden. 

"Man muß sich dabei daran erinnern, daß die ganze Vorstellungswelt in ihrer Gesamtheit nicht die Bestimmung hat, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein - es ist dies eine ganz unmögliche Aufgabe - sondern ein Instrument, um sich leichter in derselben zu orientieren.

Wo die logische Funktion mit ihrer Tätigkeit eingreift, da verändert sie das Gegebene, und entfernt es von der Wirklichkeit. Wir können nicht einmal die elementaren Prozesse der Seele schildern, ohne auf Schritt und Tritt diesem - sollen wir sagen störenden oder nachhelfenden Faktor? - zu begegnen. Sobald die Empfindung in den Kreis der Psyche eingetreten ist, wird sie in den Wirbel der logischen Prozesse hineingezogen. Die Seele selbst verändert selbständig das Gegebene und Dargebotene. Bei dieser Veränderung ist zweierlei zu unterscheiden:

  1. die Formen an sich, in denen diese Veränderung geschieht; 
  2. die durch diese Veränderung aus dem ursprünglichen Material geschaffenen Produkte. 
Die organisierende Tätigkeit der logischen Funktion reißt alle Empfindungen in ihren Prozess hinein und baut so ihre eigene innere Welt auf, welche sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt, und doch an gewissen Spitzen wieder mit ihr so eng zusammenhängt, daß ein Übergang von der einen in die andere stets stattfindet, und daß der Mensch gar nicht merkt, daß er gleichsam doppelt handelt - in seiner inneren Welt (die er freilich objektiviert als die sinnliche Anschauungswelt) und in einer ganz anderen Welt, in der äußeren." (1) 

Keine zwei Menschen haben genau die gleichen Erfahrungen. Das Modell, das wir schaffen, um uns in der Welt zu orientieren, beruht auf unseren Erfahrungen. Jeder von uns kann also ein anderes Modell der Welt, an der wir teilhaben, schaffen und kommt so dazu in einer etwas unterschiedlichen Realität zu leben.

"...wirkliche Charakteristika von Karten sollten festgestellt werden. Eine Landkarte ist nicht das Gebiet, das sie darstellt, sondern hat, wenn sie genau ist, eine dem Gebiet ähnliche Struktur, worin ihre Brauchbarkeit begründet ist..."(2)

Wir möchten hier zwei Punkte festhalten. Erstens besteht ein notwendiger Unterschied zwischen der Welt und jedem spezifischen Modell bzw. Repräsentation der Welt. Zweitens, die Modelle der Welt, die jeder von uns schafft, werden immer unterschiedlich sein. Dies kann in verschiedener Weise demonstriert werden. Für unsere Belange haben wir eine Dreiteilung vorgenommen: neurologische Einschränkungen, soziale Einschränkungen und individuelle Einschränkungen.

Erfahrung und Wahrnehmung als aktiver Prozess (neurologische Einschränkung)

Betrachten wir die menschlichen rezeptorischen Systeme: Sehen, Hören, Tasten, Schmecken, Riechen. Es gibt physikalische Phänomene, die außerhalb der Grenzen dieser fünf allgemein anerkannten sensorischen Kanäle liegen. So können z.B. Schallwellen unter 20 Schwingungen in der Sekunde bzw. über 20.000 Schwingungen in der Sekunde von Menschen nicht erkannt werden. Diese physikalischen Phänomene sind aber ihrer Struktur nach die gleichen wie die physikalischen Wellen, welche wir "Schall" nennen. 

Im visuellen System der Menschen können wir nur Wellenformen zwischen 380 und 680 Nanometer erkennen. Wellenformen über oder unter dieser Größenordnung sind durch die menschlichen Augen nicht wahrnehmbar. Wieder nehmen wir nur einen Teil eines kontinuierlichen physikalischen Phänomens wahr, wie das durch unsere bedingten neurologischen Einschränkungen vorgegeben ist.

Die Grenzen unserer Wahrnehmung werden von allen Wissenschaflern klar erkannt, die Experimente mit der physikalischen Welt durchführen und dabei Apparate entwickeln, um diese Grenzen auszudehnen. Diese Instrumente erfassen Phänomene, die außerhalb der Reichweite unserer Sinne oder außerhalb unserer Unterscheidungsfähigkeit liegen, und sie stellen sie dar als Signale, die innerhalb unseres Sinnesbereichs liegen - Signale wie Fotografien, Druckmesser, Thermometer, Oszillographen, Geigerzähler und Alphawellendetektoren. Somit ist eine Art, in der sich unsere Modelle der Welt zwangsläufig von der Welt selbst unterscheiden werden, darin zu sehen, daß unser Nervensystem ganze Teile der realen Welt systematisch verzerrt und eliminiert.

Dies hat sowohl den Effekt, daß der Umfang der möglichen menschlichen Erfahrung verringert wird, als auch, daß Unterschiede zwischen dem, was tatsächlich in der Welt vorgeht, und unserer Erfahrung davon entstehen. Unser Nervensystem stellt also einen ersten Filter dar, die die Welt (das Gebiet) von unserer Repräsentation der Welt (der Landkarte) unterscheiden.

Durch ein Glas im unklaren Bild  mit sozial verschriebenen Augengläsern 
(soziale Einschränkungen)

"...es ist anzunehmen, daß die Funktionen des Gehirns und Nervensystems und der Sinnesorgane hauptsächlich eliminativ und nicht produktiv sind. Jeder Mensch ist in jedem Augenblick fähig, sich all dessen zu erinnern, was ihm je geschehen ist, und alles wahrzunehmen, was irgendwo im Weltall geschieht. Es ist die Aufgabe des Gehirns und des Nervensystems, uns davor zu schützen, von dieser Menge größtenteils unnützen und belanglosen Wissens überwältigt und verwirrt zu werden, indem es das meiste dessen, was wir sonst in jedem Augenblick gewahr werden oder uns erinnern würden, ausschließt und nur die sehr kleine und besondere Auswahl übrigläßt, die voraussichtlich praktisch nützlich sein wird. Gemäß einer solchen Theorie ist jeder von uns potentiell ein freier Geist...

Damit ein biologisches Überleben möglich werde, muß der freie Geist durch das Reduktionsventil des Gehirns und Nervensystems durchgeschleust werden. Was am anderen Ende hervorkommt, ist ein spärliches Rinnsal der Art von Bewußtsein, die uns hilft, auf der Oberfläche dieses speziellen Planeten am Leben zu bleiben. Um die Inhalte des so eingeschränkten Bewußtseins zu formulieren und auszudrücken, hat der Mensch die Symbolsysteme und implizierten Philosophien, die wir Sprachen nennen, erfunden und endlos ausgestaltet. Jeder Mensch ist zugleich Nutznießer und Opfer der sprachlichen Tradition, in die er hineingeboren wurde - Nutznießer insofern, als die Sprache Zugang zu den angesammelten Dokumenten der Erfahrungen anderer Menschen gewährt; Opfer insofern, als sie ihn in dem Glauben, dieses reduzierte Bewußtsein sei das einzige Bewußtsein, bestärkt und seinen Wirklichkeitssinn verwirrt, so daß er nur allzu bereit ist, seine Begriffe für Tatsachen, seine Worte für wirkliche Dinge zu halten."(3) 

Eine zweite Art, in der sich unsere Erfahrungen der Welt von der Welt selbst unterscheidet, ist durch soziale Einschränkungen gegeben, durch Kategorien oder Filter, denen wir als Mitglied eines sozialen Systems ausgesetzt sind: unsere Sprache, unsere allgemein anerkannten Arten der Wahrnehmung und alle sozial vereinbarten Fiktionen.

Der vielleicht am meisten anerkannte soziale Filter ist unser Sprachsystem. Innerhalb eines bestimmten Sprachsystems steht z.B. unser Erfahrungsreichtum mit der Anzahl der Unterscheidungen in irgendeinem Bereich unserer Wahrnehmung in Zusammenhang. Im Maidu, einer amerikanischen Indianersprache Nordkaliforniens, stehen nur drei Worte zur Beschreibung des Farbspektrums zur Verfügung. Sie unterteilen das Spektrum in "lak"(rot), "tit"(grün-blau) und "tuklak" (gelb-orangebraun).

Während wir Menschen eigentlich bis zu 7500 Farbunterscheidungen in unserem sichtbaren Farbspektrum treffen können, gruppieren Menschen, deren Muttersprache Maidu ist, ihre Erfahrung gewöhnlich in drei Kategorien, die durch ihre Sprache geliefert werden. Diese drei Maidu-Farbbezeichnungen decken den gleichen Bereich der Sinneswahrnehmungen der realen Welt ab, wie die acht (spezifischen) Farbbezeichnungen der englischen Sprache. Das wesentliche ist hier, daß ein Mensch, der Maidu spricht, charakteristischerweise nur drei Kategorien der Farbempfindung kennt, während der Englischsprachige mehr Kategorien besitzt und damit mehr unterschiedliche Wahrnehmungen gewohnt ist. Im Gegensatz zu unseren neurologischen Einschränkungen sind aber jene, die durch die sozialen Filter eingeführt werden, relativ leicht zu überwinden. Wir sind fähig, mehr als eine Sprache zu sprechen, um unsere Erfahrung zu repräsentieren.

Nehmen wir zum Beispiel den einfachen Satz: "Das Buch ist blau." 'Blau' ist der Name, den wir in unserer Muttersprache zu benützen gelernt haben, um unsere Erfahrung eines bestimmten Teils des Kontinuums des sichtbaren Lichts zu beschreiben. Durch die Struktur unserer Sprache irregeführt, gelangen wir zu der Ansicht, daß "blau" eine Eigenschaft des Objekts sei, welches wir als Buch bezeichnen, statt es als einen Namen anzusehen, den wir unserer Empfindung gegeben haben.

"In der Wahrnehmung ist immer wiedergekehrt die Empfindungsverknüpfung des "Süßen" und "Weißen", es ist der beliebte Bestand des "Zuckers". Die Psyche wendet also auf diese Verknüpfung die Kategorie des Dings mit seiner Eigenschaft an: "Der Zucker ist süß." Hier erscheint aber noch als Ding das "Weiße". "Süß" ist die Eigenschaft. Die Seele bemerkt aber die Empfindung "weiß" auch sonst: letztere löst sich ab als eine Eigenschaft in anderen Fällen, als wird auch in diesem Fall "weiß" eine Eigenschaft sein. Nun läßt sich aber doch nicht mehr die Kategorie des Dinges mit Eigenschaft darauf anwenden, wenn "süß" und "weiß" Eigenschafen sein sollen und sinnlich weiter keine Empfindung gegeben ist. Hier kommt die Sprache zu Hilfe, und indem sie den Namen "Zucker" für die Gesamtwahrnehmung gibt, ist es ermöglicht, die einzelnen Empfindungen als Eigenschaften anzusetzen... 

Wer autorisiert aber das Denken dazu, zuerst "weiß" als Ding und dann "süß" als Eigenschaft anzusetzen? Was gibt jemandem das Recht, sogar beides als Eigenschaften anzusetzen und ein Ding hinzuzusetzen als ihren Träger? Weder in den Empfindungen selbst liegt dieses Recht, noch in dem, was wir als Wirklichkeit betrachten...

Gegeben sind dem Bewußtsein nur Empfindungen; indem es ein Ding hinzudenkt, dem diese Empfindungen als Eigenschaften angehören sollen, begeht das Denken einen kolossalen Irrtum! es setzt die Empfindung, die doch nur ein Prozess ist, zu einer seienden Eigenschaft; es schreibt diese "Eigenschaft" einem "Dinge" zu, das entweder nur in dem Komplex der Empfindungen selbst besteht oder zu dem Empfundenen hinzugedacht wird...

Wo ist denn das "Süß", das dem Zucker zugeschrieben wird? Es besteht ja nur in dem Empfindungsakt... Das Denken verändert nicht nur die unmittelbare Empfindung, es entfernt sich auch immer mehr von der Wirklichkeit, es verstrickt sich immer mehr in seinen eigenen Formen. Vermittels seiner "Einbildungskraft", um diesen unwissenschaftlichen Ausdruck zu gebrauchen, hat es sich ein Ding ersonnen, welches eine Eigenschaft haben soll. Jenes Ding ist eine Fiktion; jene Eigenschaft ist als solche eine Fiktion; das ganze Verhältnis ist eine Fiktion."(4)

Die Kategorien der Erfahrung, die wir mit anderen Mitgliedern der sozialen Situation, in der wir leben, teilen, z.B. die gemeinsame Sprache, stellen eine zweite Form dar, in der sich unsere Modelle der Welt von der Welt selbst unterscheiden.

Im Fall der neurologischen Einschränkungen sind die Filter für alle Menschen dieselben - dies ist eine gemeinsame Grundlage der Erfahrung, die wir als Spezies teilen. Die sozialen Filter sind für alle Mitglieder einer sozial-sprachlichen Gemeinschaft dieselben, aber es gibt eine große Anzahl verschiedener, sprachlicher Gemeinschaften. Diese Gruppe von Filtern unterscheiden uns als Menschen untereinander. Unsere Erfahrungen unterscheiden sich hier grundlegender und bedingen drastischere Unterschiede in der Repräsentation der Welt. Die dritte Art der Einschränkungen, die individuellen Einschränkungen, sind der Grund für die weitreichendsten Unterschiede zwischen uns Menschen.

Durch ein Glas im unklaren Bild mit  individuell verschriebenen Augengläsern 
(individuelle Einschränkungen)

Mit individuellen Einschränkungen meinen wir all diejenigen Repräsentationen, die wir als Menschen schaffen und die auf unserer einzigartigen persönlichen Geschichte beruhen. Jeder Mensch hat einen Erfahrungsschatz, der seine persönliche Geschichte darstellt und so einmalig ist, wie seine Fingerabdrücke. So wie jeder Mensch ganz bestimmte Fingerabdrücke hat, so hat auch jeder Mensch einzigartige Erfahrungen des Heranwachsens und Lebens, und keine zwei Lebensgeschichten werden jemals identisch sein. 

Obwohl sie auch Ähnlichkeiten haben mögen, sind zumindest einige Aspekte verschieden und bei jedem Menschen einmalig. Die Modelle oder Karten, die wir im Laufe des Lebens schaffen, basieren auf unseren individuellen Erfahrungen, und da einige Aspekte unserer Erfahrungen als Individuen einzigartig sind, sind auch einige Teile unseres Modells der Welt für jeden von uns einzigartig. 

Diese individuellen Arten, wie jeder von uns seine Welt repräsentiert, werden unsere ureigenen Interessen, Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen und Verhaltensregeln konstitutieren. Diese Unterschiede unserer Erfahrungen werden gewährleisten, daß jeder von uns ein Modell der Welt hat, das sich in irgendeiner Weise vom Modell der Welt jedes anderen unterscheidet.

Zum Beispiel könnten zwei eineiige Zwillinge zusammen im selben Haus aufwachsen, mit denselben Eltern und fast identischen Erfahrungen, aber jeder könnte bei dem Erleben, wie die Eltern aufeinander und auf die übrige Familie eingehen, seine Erfahrungen unterschiedlich modellieren. Die eine Schwester würde vielleicht sagen: meine Eltern hatten sich nie sehr lieb, sie stritten ständig, und meine Zwillingsschwester war der Liebling - während die andere vielleicht sagen würde: meine Eltern mochten sich wirklich, sie besprachen alles ausgiebig und bevorzugten eigentlich meine Zwillingsschwester.

So werden selbst im Grenzfall eineiiger Zwillinge ihre Erfahrungen als Menschen Unterschiede hervorrufen, wie sie ihre eigenen Modelle oder Wahrnehmungen der Welt schaffen. In Fällen, in denen sich unsere Diskussionen auf nichtverwandte Personen beziehen, werden die Unterschiede in den persönlichen Modellen größer und umfassender sein.

Diese dritte Gruppe von Filtern, die individuellen Einschränkungen, bilden die Grundlage für die tiefen Unterschiede zwischen uns Menschen und wie wir Modelle der Welt schaffen. Diese Unterschiede in unseren Modellen können entweder unser soziales und individuelles Verhalten so verändern, daß unsere Erfahrung bereichert wird und sich uns mehr Wahlmöglichkeiten bieten, oder sie können unsere Erfahrung verkümmern lassen, so daß unsere Fähigkeit, effektiv zu handlen, eingeschränkt wird. 
 

Richard Bandler
John Grinder



Literatur: 

Richard Bandler/John Grinder: Metasprache und Psychotherapie, Paderborn 1981



Anmerkungen: 

1.HANS VAIHINGER, Die Philosophie des Als Ob, 1924, Seite 290-91
2.ALFRED KORZYBSKI, Science and Sanity, 1958, Seite 58-60
3.ALDOUS HUXLEY, Die Pforten der Wahrnehmung, 1970, Seite 16
4.HANS VAIHINGER, Die Philosophie des Als Ob, 1924, Seite 300-304 
  

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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004