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Bilder 
als technisch-wissenschaftliche Medien

Kommunikation und ihr Umfeld

Bilder dienen menschlicher Kommunikation. Jedes Kommunikationsmedium benutzt einen Code („Vokabular“), den die Beteiligten kennen. Mitteilungen („Nachrichten“) setzen sich räumlich und/oder zeitlich aus elementaren Einheiten des Codes zusammen. Nachrichten lösen in den Beteiligten Reaktionen aus, die abhängig sind von der Kombination der Einheiten („Kontext“), den äußeren Umständen („Umgebung“) und den Lebewesen („Sender und Empfänger“). 

Die Bedeutung einer Nachricht (die erzeugten Reaktionen) liegt also nicht in der Nachricht selbst; die Teilnehmer erzeugen sie aus ihr mit Hilfe von Kontext und Umgebung („Interpretation“). Zur Umgebung gehören insbesondere die jeweils anderen Teilnehmer. 

Eine Gruppe von Lebewesen, die ein Kommunikationsmedium gemeinsamen haben, nennen wir Kultur. Kommunikation ist sinnvoll, wenn die Bedeutung von Nachrichten für die Beteiligten hinreichend ähnlich ist. Die Veränderung aufgrund von Kommunikation nennen wir Lernen; dabei können Sender und Empfänger identisch sein. Wir lernen also nicht die Inhalte von Nachrichten, sondern die durch die Nachricht erzeugten Bedeutungen. 

Lernen durch Kommunikation ist von anderer Art als Lernen durch Nachahmung: Da i.a. mehrere Lebewesen beteiligt sind, werden Erfahrungen “getestet“ und nicht ungefiltert weitergegeben; andererseits entstehen durch Kombinieren neue Erfahrungen. Beim Lernen verändern sich der Code und seine Bedeutung durch Abstimmung in der Kultur, aber langsam im Vergleich mit dem Lernprozess. Je enger die Interpretation an den Code gebunden ist, desto langsamer verändert sich die Kultur. 

Dazu einige Beispiele: 

(Verbale) Sprache: Die generischen Einheiten sind Wörter. Sie lösen in Sprechenden und Hörenden Gedanken und Gefühle, Handlungen und Wahrnehmungen aus, die wiederum „in Worte gefasst“ werden können. In der Philosophie wird meist nur das Individuum mit seinem Denken ins Auge gefasst; die Einheiten heißen dann Begriffe, die erzeugten Gedanken Vorstellungen („Anschauung“). Begriffe sind also nur ein Mittel, um Anschauung zu gewinnen. 
Die verbale Sprache steht so im Mittelpunkt unserer Kultur, dass „Sprache“ oft generisch für jede Art von Kommunikationsmedium benutzt wird. 

Lernen: Menschen lernen nicht nur über Sprache, sondern über verschiedene Medien, die zu unterschiedlichen menschlichen und gegenständlichen Bereichen gehören. In der Psychologie betrachtet man vor allem Gedanken und Gefühle; manche Entwicklungspsychologen nennen die sie erzeugenden Einheiten des geistigen Codes Schemata. In der Soziologie gilt das Interesse den Handlungen und Wahrnehmungen; die generischen Einheiten des sozialen Codes heißen Routinen („Habitus“). ... Tatsächlich sind die verschiedenen Arten generischer Einheiten eng gekoppelt. Wir lernen nicht Fakten, sondern Zusammenhänge; wir lernen nicht durch Aufnehmen, sondern durch Umgang; wir lernen keine Inhalte, ohne sie zu bewerten. 

Embryologie: Die generischen Einheiten sind die Gene. Zellen und Körperteile benutzen das genetische Material des entstehenden Lebewesens, um das Wachstum zu steuern. Über die Abhängigkeit der Bedeutung solcher Nachrichten von Kontext und Umgebung ist noch wenig bekannt. Es gibt daher Biologen, die Gene nicht als Einheiten betrachten wollen. Wenn wir Code und Bedeutung unterscheiden, vereinfacht sich die Diskussion: Weitergegeben wird der Code, gelernt wird die Bedeutung. 
 

Formale Sprache: Das wissenschaftliche Programm wird verschärft: Die Bedeutung von Be- griffen wird durch Regeln festgelegt, die sich nur auf andere Begriffe beziehen. Sprache soll keine Anschauung mehr generieren, Bedeutung kommt aus der sprachlichen Form. Formale Sprachen sind daher für Kommunikation und Lernen wenig, zur Beschreibung physikalischer und technischer Zusammenhänge hervorragend geeignet; so sind sie auch entstanden. Sie lassen sich kaum sprechen, nur zeigen (Käthe Trettin „Die Logik und das Schweigen“, 1991), sollten also eher formale Schriften heißen. 

Programme: Computer können wir nur über formale Sprachen instruieren; darüber können graphische, sprachliche und gestische Umgangsformen nicht hinwegtäuschen. Beim Programmieren reduzieren wir Muster des Bereichs auf ihren Code und gewinnen daraus eine formale Beschreibung, die Computer ausführen können. Wenn Computer eingesetzt werden, reagieren sie statt der Beteiligten und diese entwickeln neue Muster im Umgang damit. 

Diagramme: Damit meine ich schematische Darstellungen von Größen oder Beziehungen durch Kurven, Flächen, Graphen oder ähnliches. Der Code ist durch ein festes Vokabular und formale Regeln gegeben, die die Bedeutung eindeutig – also unabhängig von Kontext, Umgebung und Betrachter – machen (sollen). Um Diagramme zu generieren, zu manipulieren oder zu kopieren, braucht man i. a. technische Hilfsmittel, wie Lineal und Zirkel oder Computer. Diagramme verhalten sich zu Bildern wie formale Sprachen zur Umgangssprache, sie lassen sich auch leicht durch formale Sprachen wiedergeben. 

Digitale Bilder: Sie unterscheiden sich von anderen nicht in ihrem Aussehen, sondern in ihrer Repräsentation: Farben und Linien werden, z.B. über Pixelung, durch Zeichenfolgen über einem endlichen Alphabet wiedergegeben. Digitale Bilder lassen sich ohne großen Aufwand mit Computern generieren, manipulieren und kopieren. Die digitale Repräsentation steht aber in keinem Zusammenhang mit dem Code der Bildformen des für Menschen wahrnehmbaren Bildes.

Lernen durch Betrachten und Lernen durch Generieren, Manipulieren und Kopieren fallen auseinander. Digitale Bilder verhalten sich zu nichttechnisch hergestellten wie gedruckte Texte zu gesprochener Sprache. Daher gilt für sie ähnliches wie für Texte: Von digitalen Bildern lernen wir nichts anderes als von gewöhnlichen; aber wir haben weniger Anlass zu lernen, die Muster sind stabiler. Andererseits lässt uns die Leichtigkeit, mit der wir sie behandeln können, leichtfertiger mit dem Dargestellten umgehen; die Muster sind variabler. Das ist für Fotographie, Film, Fernsehen und Video jeweils extensiv diskutiert worden; die Diskussion sollten wir für die digitalen Bilder nicht auslassen. Wir sollten mit den digitalen Medien umgehen können, Informatiker allemal; aber gute Filme machen wir mit diesem Können noch nicht. Zeichen: Semiotiker erklären Kommunikation durch den Gebrauch von Zeichen. Muster, Bildformen, vielleicht sogar genetische Instruktion, sind nichts als reichhaltige Zeichensysteme. Ich finde es besser, den Interpretanten genauer zu beschreiben, die Abhängigkeit der Interpretation von Kontext, Umgebung und Beteiligten explizit in den Zeichenbegriff aufzunehmen. Die formale Theorie von Peirce ist mir zu mager; mit ihr kann ich z.B. nicht zwischen toten und lebendigen Mustern oder zwischen gelingender und sinnloser Kommunikation unterscheiden. Ich betrachte daher umgekehrt die Zeichen von Peirce als formale Reste von Mustern. Muster erscheinen mir geeigneter, Kommunikation zu verstehen.
 

Dirk Siefkes
TU Berlin, Informatik

 
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 23.03.2005