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Von der Referenz zum "funktionierenden Dokument"
 
Beispiele für "funktionierende Dokumente"
 
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Das Dokument als Benutzerschnittstelle 


Computerprogramme sind nicht intuitiv bedienbar. Diese einfache Tatsache kann jeder beobachten, der einem Anfänger an Tastatur und Maus über die Schulter blickt. Natürlich geben sich Produktentwickler alle Mühe, Benutzerschnittstellen eingängig und übersichtlich zu gestalten. Die Optimierung der Kommunikation mit dem Benutzer und die eingängige Präsentation von Daten und Aktionsmöglichkeiten sind bei der Entwicklung von Benutzerschnittstellen hervorragende Designziele. 

Trotzdem erklärt sich die Bedienung einer Benutzerschnittstelle nicht "von allein". Für das Erlernen des nötigen Grundlagenwissens, für das "Zeigen und Nachvollziehen" oder den Abruf von Referenz-Informationen werden oft ebenfalls Computerprogramme eingesetzt. Damit sind die benötigten Präsentationen, Lernmaterialien und Informationen ebenfalls mit einer Benutzeroberfläche am Bildschirm verfügbar. 

Was spricht also dagegen, bei der Entwicklung von Anwendung und Dokumentation die Erfahrung der jeweils anderen Berufsgruppe einfließen zu lassen oder gar die in vielen Fällen getrennt funktionierenden Benutzerschnittstellen zusammenzulegen? 

Von der Referenz zum "funktionierenden Dokument"

Wärend noch vor einigen Jahren sich die online verfügbare Informationsmenge auf die unmittelbaren Referenzaspekte von Computerprogrammen konzentrierte, ist die Akzeptanz und die Bandbreite der verfügbaren Online-Information heute wesentlich höher. Im Gegenzug verringerte sich die Menge der verfügbaren gedruckten Information stetig. Bei einem typischen Software-Produkt befindet sich oft nur noch ein gedruckter Marketing-Prospekt und ein kurzes Tutorial zur Installation und Erstinbetriebnahme des Produktes in der Schachtel. 

Diese Entwicklung bedeutet nicht, dass die Menge der für den Einsatz des Produktes benötigten Informationen geringer wurde. Vielmehr fand lediglich eine Verschiebung des für die Informationsübermittlung genutzten Mediums statt. Das neue Online-Medium erlaubt darüber hinaus eine Fokussierung auf die für einen Benutzer unmittelbar benötigten Informationen und damit die Verdrängung von größeren Teilen des Angebotes in den "Background-Bereich". 

Insbesondere die Anbindung des Informationsangebotes an eine Benutzeroberfläche ("kontextsensitive Hilfe") und die Gestaltung der für den Zugriff auf die Informationen vorhandene Mechanismen (TOC, Index, Intro-Seite o.ä.) erlaubt die besondere Hervorhebung eines Teils des Angebotes. Dieser Teil des Informationsangebotes wird durch entsprechende Gestaltung von Benutzeroberflächen möglichst "nahe" beim Benutzer platziert, beispielsweise auf der Webseite, auf dem Desktop, im Dialog, oder in einer Sprechblasen-Hilfe. 

Denkt man diese Entwicklung weiter, so stellt sich die Frage, bei welchem Verhältnis der Bildschirmaufteilung zwischen Funktion und Dokumentation es sich um ein Computerprogramm und wann es sich um ein "Dokument mit Funktion" handeln könnte. 

Unmittelbar erlebbar sind solche funktionierenden Dokumente im WWW. Eine Web-Anwendung (Shop, Suchmaschine, o.ä.) setzt sich nicht nur aus HTML-Dokumenten zusammen, sondern die unmittelbare räumliche Nähe von Information und Funktion kann hier vielfach beobachtet werden. Aber auch bei monolithischen Programmen ("die mit dem Setup") finden sich vielfach Dokumentationsteile mit der Benutzeroberfläche verwoben. 

Beispiele für "funktionierende Dokumente" 

Das Bildschirmfoto zeigt eine Webapplikation zur Konfiguration einer Telefonanlage. Über eine für Online-Dokumente typische Navigationsleiste erfolgt der Zugriff auf eine in Text- und Dialogseiten gegliederte Benutzeroberfläche. Gerade für seltener ausgeführte Konfigurationsaufgaben bietet sich die Möglichkeit an, erklärende Texte neben den eigentlichen Funktionen darzustellen. Fehler! Kein gültiger Dateiname. 

Auch das nächste Beispiel zeigt die aus dem WWW übernommene Gestaltung von Benutzeroberflächen. Das Programm nutzt das mit dem Microsoft Internet-Explorer mögliche Einbetten von Browser-Komponenten zur Darstellung von Inhalten. Zum Ausführen einer Funktion muss hier die Überschrift eines erklärenden Textes angeklickt werden. Fehler! Unbekanntes Schalterargument. 

Die Autorenseite 

Für einen Benutzer liegt der Vorteil unmittelbar verfügbarer erläuternder Texte auf der Hand: 
  • Ein "unaufdringliches" Informationsangebot, das unmittelbar und ohne Zeitverzögerung wahrgenommen wird. 
  • Die Information kann dem Benutzer die Aufgabe erleichtern, für sich zu entscheiden, ob weitergehende Information benötigt wird. 
  • Gerade bei selten ausgeführten administrativen Tätigkeiten kann der Benutzer gezielt informiert werden. Es existiert also die Möglichkeit des "Information-Push". 
Für das Team aus Programmierern und Dokumentationsautoren ergeben sich in der Praxis jedoch einige Schwierigkeiten: 
  • Die Motivation, Texte zu integrieren, entspringt oft eher dem Wunsch eines Programmierers, den bei der Gestaltung einer Oberfläche verfügbaren Leerraum sinnvoll zu belegen. Dabei wäre es sinnvoll, Bildschirmplazierung und Navigationselemente schon bei der Planung (und Budgetierung) einer Oberfläche vorzusehen. 
  • Die Texte entziehen sich häufig den in der parallel vorhandenen Online-Hilfe nutzbaren Navigationsmechanismen (z.B. der Volltextsuche). Häufig werden Texte deshalb doppelt vorgehalten. Der Aufwand, die Referenzintegrität beizubehalten, steigt damit im Laufe der Produktlebensdauer. 
  • Die Werkzeuge, die von der jeweiligen Berufsgruppe typischerweise eingesetzt werden, haben häufig noch keine für diese Anwendung ausgelegte Interaktionsmöglichkeit. Hier werden letztlich oft aufwändige Brückenlösungen eingesetzt. 
Letztlich fällt auf, dass der Einfluss des WWW hier die Entwicklung nachhaltig beeinflusst. Dies betrifft sowohl die bei der Textintegration eingesetzten Techniken und Autorensysteme als auch die "Gewöhnung" von Benutzern an die im WWW üblichen Oberflächen. 
 

Sven-Ola Tücke
 Commando GmbH
Berlin


Literaturempfehlungen 

Die folgenden Titel behandeln in allgemeiner Weise die Gestaltungsprinzipien und die ergonomischen Regeln zur Planung und Produktion von Computer-Benutzerschnittstellen. Leider liegt das hervorragende Buch von Ben Shneiderman nur in englischer Sprache vor. 
  • "Designing the User Interface" von Ben Shneiderman, Verlag Addison-Wesley 1998, ISBN 0-201-69497-2, Book-Site: http://www.aw.com/DTUI/ 

  • "Das intelligente Interface" von Jef Raskin, Verlag Addison-Wesley 2001, ISBN 3-8273-1796-7 
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004