Home Previous Zeitschrift 2005/06 Index
 

 
 
 

 

Das Foto und sein Betrachter (2)

Ein Foto sagt nichts 

– schon gar nicht mehr als 1000 Worte 
 

„Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ konstatierte wiederum Kurt Tucholsky 1926 und fährt fort: „...was hunderttausend Worte nicht zu sagen vermögen, lehrt die Anschauung, die direkt an das Gefühlszentrum greift, die die Vermittlung von Gehirnarbeit als fast nebensächlich übergeht, die unausradierbar sagt, wie es gewesen ist.“ Tucholskys Auslassungen über die Macht der Bilder kann man zustimmen, nicht jedoch seiner These von der Eindeutigkeit der Aussagen von Fotografien. 

Ein alltägliches Beispiel mag dies verdeutlichen: 

Beim Diaabend tritt der Fotograf in aller Regel in erster Linie als Kommentierender des Gezeigten und erst an zweiter Stelle als Zeigender auf. Er schweigt nie. Erst durch die Erläuterungen erhalten die Bilder einen ihnen zugedachten und für den Betrachter zu übernehmenden Sinn. Für sich genommen sind sie sprach- und sinnlos. Erst der Kommentator stellt die gebannte Zehntelsekunde in einen narrativen Zusammenhang, gibt ihr ein Vorher und Nachher, welches das Gezeigte erklärt und sinnhaftig erscheinen lassen soll. Das Bild als solches ist stumm, es redet und deutet allein der Fotograf.

Neben das Lesen der Bildlegende oder das Hören des Bildkommentars tritt jedoch immer noch das Sehen des Bildes. So ist es denkbar, dass ein Gast des Diaabends auf dem Fotos etwas sieht, was der Gastgeber nicht benannt oder selbst nicht gesehen hat. Er entdeckt oder sieht unter Umständen Bedeutungsebenen, die über die Bildlegende des Gastgebers hinaus weisen oder gar quer zu ihr liegen – sei diese auch in ihren Angaben über Ort, Zeit und Ereignis vollkommen korrekt. Das Foto lässt also Lesarten zu, die jenseits des Intendierten, Gewussten oder desjenigen liegen, was zum Zeitpunkt der Aufnahme gesehen wurde. Auch der Betrachter des Bildes „macht“ mit diesem etwas – er sieht es auf seine Art. Und fünfzig Jahre später sehen die Betrachter vielleicht gänzlich andere Dinge als die Zeitgenossen der Aufnahme.

 Entscheidend für die Deutung des Fotos ist also der Kontext, in dem es präsentiert wird. Zu dem Kontext gehört auch der Ort, an dem es gezeigt wird.

Neben diesen Kontext im engeren Sinne – dem Ort, der Art und Weise der Präsentation – tritt als weiteres Sinn stiftendes Moment der soziale und historische Standort des Betrachters bzw. die jeweiligen zeitgenössischen Diskurse zu dem Thema. Die Lesart des Fotos kann sich ändern – auch wenn die Bildlegende identisch bleibt. Der Gewerkschaftsfunktionär sieht das Foto sicher anders als der Vertreter der Arbeitgeber. Die sozial- und gesellschaftspolitischen Diskussionen der Tarifparteien des Jahres 2000 werden das Foto der verstümmelten Gliedmaßen sicherlich anders sehen als die der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Bild und Bildkontext stehen also in einem nicht auflösbaren Zusammenhang. Eine jede „Bildanalyse impliziert also eine Kontextanalyse.“ 

Die Bedeutung der grundlegenden Verbindung von Bild und Bildlegende illustriert eine amüsante Geschichte, die die berühmte Fotografin Gisèle Freund über ihren nicht minder berühmten Kollegen Robert Doisneau berichtet. In einem Pariser Cafe traf Doisneau auf ein junges, Wein trinkendes Mädchen. Neben ihr stand ein Mann mittleren Alters, der sie bewundernd ansah. Er bat die beiden, ein Foto von Ihnen machen zu dürfen. Er veröffentlichte dieses daraufhin in der Zeitschrift Le Point, die über Bistros berichtete und gab das Foto dann seiner Agentur. Bald darauf illustrierte das Foto in einer anderen Zeitschrift einen Artikel, der sich gegen den Alkoholismus wendete. Der fotografierte Herr, ein Lehrer, empörte sich, man werde ihn für einen Säufer halten. Doisneau entschuldigte sich und verwies darauf, dass er den Verkauf und Gebrauch seiner Fotos nicht überwachen kann. Kurz darauf druckte jedoch ein Pariser Skandalblatt das Foto nach. Es hatte keine Genehmigung bei der Agentur eingeholt. Die Bildlegende lautete diesmal: Prostitution auf dem Champs-Elysées. Der um seinen Ruf besorgte Lehrer klagte vor Gericht gegen die Agentur und den Fotografen. Doisneau wurde freigesprochen, die Agentur und die Zeitung zu einer Geldstrafe verurteilt.
 
 

Christoph Hamann
(von der Red. gekürzt)

 

© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 21.06.2005