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Verlaufspassiv und Zustandspassiv
Ersatzformen
Empfehlung
Autor

 

Das Passiv

Über den Umgang mit dem Passiv
 

Kaum eine Debatte um sprachliche Fragen in der
Technischen Dokumentation wird so hartnäckig und
engagiert geführt wie die der Passiv-Verwendung.
Den Ton gibt hier der Klassiker unter den deutschen
Sprachratgebern an: die Stilfibel von Ludwig Reiners.
Dort gibt es im Abschnitt ,Die zwanzig Gebote",
Unterabschnitt „Die kleinen Stilgebrechen“ die
Empfehlung: „Sparen mit der Leideform!“ [l].

Für Wolf Schneider, Medienpreisträger für
Sprachkultur, ist Sparsamkeit nicht genug. Er fordert
mit einem bedenkenswerten Seitenhieb auf die Zunft
der Technischen Redakteure: „Dem Passiv gilt die
Liebe von Gebrauchsanweisungen, Kochbüchern und
Behördenbriefen. In allen anderen Texten sollte es
vermieden werden.“ [2]. Wahrscheinlich hat
Schneider bei Technischen Redakteuren,
Kochbuchschreibern und Beamten die Hoffnung auf
Besserung aufgegeben. Schauen wir uns das Passiv
genauer an und bewaffnen wir uns dann mit
Argumenten für und wider.
 

Verlaufspassiv und  Zustandspassiv

Wir unterscheiden zwei Formen des Passivs: das
Verlaufspassiv und das Zustandspassiv. Das
Verlaufspassiv wird mit dem Hilfsverb „werden“
gebildet und nimmt - wie der Name schon sagt - auf
den Verlauf eines Ereignisses Bezug. Beispiel: „Der
Hahn wird geschlossen.“ Das Zustandspassiv wird mit
dem Hilfsverb „sein“ gebildet. Beispiel: „Der Hahn ist
geschlossen.“
Das Verlaufspassiv wird häufiger verwendet.
Selten fragen sich die Autoren, ob das Zustandspassiv
nicht die korrekte Form ist. Prüfen Sie selbst!
Schreiben Sie: „Dies WIRD auf S. 18 erläutert.“ Oder
schreiben Sie: „Dies IST auf S. 18 erläutert.“?
 

Ersatzformen

Doch mit dieser Unterscheidung ist das Passiv-Feld
noch nicht hinreichend beschrieben. Das Passiv hat
"Verwandte", die ein versierter Technischer Redakteur
kennen muss. Man könnte von Ersatzformen des
Passivs sprechen. Hier eine Auswahl:

1. Konstruktionen mit „man“:
Man dreht den Hebel nach links.

2. Konstruktionen mit „lassen + sich“:
Der Hebel lässt sich nach links drehen.

3. Modaler Infinitiv mit „ist ... zu“:
Es ist zu berücksichtigen, dass ...

4. Modales Partizip:
... ein zu beherzigender Ratschlag.

5. Nominalisierungen der Verben finden/erfahren:
Anwendung finden.

6. Funktionsverbgefüge mit kommen/geraten: zur
Erledigung kommen.

Was haben diese Konstruktionen mit dem Passiv
gemeinsam? In allen Fällen bleibt der Handelnde
ungenannt. Wer dreht den Hebel nach links? Wer
berücksichtigt? Wer beherzigt, wendet an, erledigt?
Man (!) könnte also sagen, das Passiv und seine
Ersatzformen dienen der Verschleierung des
Handelnden. Hier liegt der Hase im Pfeffer, das ist der
Hebel, an dem die Passiv-Gegner ansetzen. Drum
fordern Sie: Aktiv statt Passiv!

Bei Handlungsanleitungen leuchtet diese Forderung
auch unmittelbar ein. Jeder Technische Redakteur
sollte ein klares „Benennen Sie die Datei.“ einem „Als
nächstes muss die Datei benannt werden.“ vorziehen.

Wenn es sich aber nun um einen beschreibenden
Text handelt? Die aktivische Alternative würde lauten:
„Als nächstes müssen Sie die Datei umbenennen.“ Ich
persönlich empfehle die aktive Form, weil ich mich
als Leser/Nutzer stärker einbezogen fühle. Aber
bewegen wir uns hier nicht im Raum der
Geschmacksfragen? Ich bin der festen Überzeugung:
Empirische Studien mit echten Handbuchnutzern tun
Not, um die Diskussion endlich auf wissenschaftliche
Füße zu stellen.
 

Empfehlung

1. Verwenden Sie das Passiv nur, wenn Sie ein
Argument haben, das für diese spezifische
Verwendung die Überlegenheit zeigt. (Beispiel:
„Dieses Verfahren setzt keinerlei Vorkenntnisse
voraus. Es kann aber nur angewendet werden,
wenn ...“ - Das zwingende Argument für Passiv:
Sie können besser an das Thema des vorherigen
Satzes anknüpfen.)

2. Schreiben Sie Handlungsauforderungen immer im
Aktiv. Allerdings sollte es nicht nur mir zu denken geben,
dass Hans Krings in dem Sammelband
„Wissenschaftliche Grundlagen der Technischen
Kommunikation“ [3] eine empirische Studie zitiert
(File & Jew 1973), mit der die Autoren nachweisen
konnten, dass Testpersonen Instruktionen in
Passivform signifikant besser behalten und auch
besser wiedergeben konnten als Instruktionen in
Aktivform. Kein Schelm, der dieses Ergebnis weiter
denkt ...

[1] Reiners, L. (1987): Stilfibel. 22. Aufl. München.
S. 41.
[2] Schneider, W. (1994): Deutsch fürs Leben. Was
die Schule zu lehren vergaß . Hamburg. S. 56.
[3] Krings, Hans (Hrsg.) 1996: Wissenschaftliche
Grundlagen der Technischen Kommunikation.
Tübingen. S. 92 ff.
 
 

Jürgen Muthig 

 
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004