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Den Bogen spannen...

Warum eigentlich nicht? Setzen wir bei der Berufsbezeichnung »Technischer Autor« das »Technischer« einmal in Klammern oder denken wir es uns ganz einfach weg. Was übrig bleibt ist schlicht der »Autor«.

Dazu schreibt der Duden:

Au|tor,  der; -s, ...oren [lat. auctor = Urheber, Schöpfer, eigtl. = Mehrer, Förderer, zu: augere (2. Part.: auctum) = wachsen machen, mehren]: a) Verfasser eines Werkes der Literatur, eines Textes: ein viel gelesener A.; unter Mitwirkung eines bekannten -s; neue -en gewinnen; b) (seltener) Urheber eines Werks der Musik, Kunst, Fotografie, Filmkunst.

Technische Autoren kennt der Duden offenbar (noch) nicht. Aber das macht nichts. Jedenfalls ein Teil der Duden-Definition stimmt: »Verfasser eines Textes«. Und wir können ergänzen: "Unsere" Autoren sind Urheber des Genres »Technische Dokumentation«, landläufig häufig verstanden als »Bedienungsanleitungen«.

Es erhebt sich bei weiterem Nachdenken die Frage, ob es zwischen Bedienungsanleitungen und etwa Romanen Parallelen gibt. Nein meinen Sie? Doch sage ich! Eine ganz ausgeprägte sogar. Die Handlungsanweisungen einer Bedienungsanleitung sind bedingt vergleichbar mit den Dialogen in einem x-beliebigen Roman, etwa in einem Kriminalroman.

Lassen Sie uns die Probe aufs Exempel machen. Bitte lesen Sie den nächsten Satz laut vor (wenn Sie jetzt aber im Büro sitzen, ist es wohl besser, Sie sprechen mit gedämpfter Stimme).

»Heben Sie die Hände hoch.« ((Wenn sich jetzt Ihr Nachbar umgedreht hat, müssen Sie noch leiser sprechen.))

Ist das eine Handlungsanweisung? Mit ziemlicher Sicherheit können wir ja sagen. Die Frage ist nur, entstammt sie einer Bedienungsanleitung oder einem Krimi? Diese Frage beantwortet uns der Kontext. Also schauen wir uns den nächsten Satz an.

»Spreizen Sie die Finger.«

Diese Forderung ist etwas ungewöhnlich für einem Krimi. Aber lesen wir dennoch weiter.

»Lassen Sie sich den Gummihandschuh über die erste Hand ziehen.«

Jetzt ist es klar. Der Kontext verrät uns die Herkunft dieser Textstellen. 

Der Schritt von Handlungsanweisungen in Bedienungsanleitungen zu Dialogen in Dokumentarliteratur, Theaterstücken oder Romanen ist (erst einmal) ein ganz kleiner. In Bedienungsanleitungen spricht immer nur einer - nämlich der Technische Autor - während er zur Handlung auffordert. In literarischen Werken führen im Regelfall mindestens zwei Figuren einen direkten Dialog. So fordert die eine zur Handlung auf, etwa: »Heben Sie die Hände hoch!« Und die andere Figur antwortet: »Wer sind Sie?«

Und das soll schwer sein? - Also worauf will ich hinaus?

In den vergangenen Jahren haben mich immer wieder Technische Autoren bzw. Technische Autorinnen angesprochen, die nicht nur von Berufs wegen »geschrieben« haben, sondern auch in ihrer Freizeit. Und das gar nicht mal schlecht. Sicher sind Kurzgeschichten zu schreiben, eine ganz andere Schreibe, als Bedienungsanleitungen. Aber ist die literarische Form des Schreibens nicht genau das, was wir bei dem Schreiben von Bedienungsanleitungen (fast zwanghaft) unterdrücken müssen: Ausschmücken, heterogene Wortwahl, Gefühle wecken? Dem einen oder anderen dient das (literarische) Schreiben offenbar als Ventil, der strengen Reglementierung beim Abfassen von Bedienungsanleitungen wenigstens zeitweise zu entfliehen.

Und was ist mit Ihnen? Würden auch Sie mal gerne über den literarischen Gartenzaun sehen wollen? So wie manche ihrer Kollegen das bereits heimlich tun? Aber Sie wissen nicht, wie beginnen?

Ich will Sie auch nicht zwingen. Aber verführen möchte ich doch den einen oder anderen von Ihnen, auch wenn es nur ein kurzer Blick wird. Wie? Nur ein kurzer Klick. 

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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004