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  Inhalt:
 
 
 
Was in jedem Produktionsunternehmen geschehen könnte
    
Die Ringel erobert den Markt
   
In der Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer
   
Die Grundbegriffe der Terminologiearbeit
   
Fazit
   
Autor
  

 

Die Bedeutung der Terminologie oder was wir von der „Klingelrassel“ lernen können

Einleitung 

Terminologie - Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie dieses Wort hören? Meldet sich das schlechte Gewissen, weil Sie noch nicht dazu gekommen sind, in Ihrer Alltagsarbeit, etwas in Sachen Terminologie zu unternehmen? Oder denken Sie an die Probleme, die sich immer wieder mit der italienischen Vertretung Ihres Unternehmens ergeben, weil die dort offensichtlich eine andere Sprache sprechen, als Ihre Italienischübersetzerin?

Mehr als Wortlisten 

Zweifellos denken die meisten an eine zwei- oder mehrsprachige Liste von Wörtern, die Sie Ihrem Übersetzer schicken, oder hoffen von ihm zu erhalten. Und schon machen wir etwas verkehrt.

Die Wörter könnten auch Worte sein - mehrere zur Übersetzung des einen Wortes zum Beispiel. Deshalb sprechen einige von Listen mit Begriffen. Das klingt gebildeter, ist aber genauso verkehrt. Treiben wir es auf die Spitze und machen es wie die Softwareanbieter: Sprechen wir doch von Konzepten,die in der Terminologie vorkommen. Das ist zwar nichts weiter als die Eindeutschung der englischen Entsprechung für Begriff, aber es klingt märchenhaft fachmännisch, geradezu abgehoben. Und schon sind wir beim Thema, haben auf einmal drei Benennungen für das, was in Terminologien steckt: Wörter, Begriffe, Konzepte.

Was in jedem Produktionsunternehmen geschehen könnte

Um zu verdeutlichen, worum es bei Terminologie eigentlich geht, möchte ich Ihnen eine kleine, selbsterfundene Geschichte erzählen. Ähnlichkeiten mit dem Geschehen in wirklichen Unternehmen sind dabei weder zufällig noch unbeabsichtigt.

Ein neues Produkt muß her! 

Alles begann damit, daß man bei Quietschi-Spielwaren mit den Umsatzzahlen für Babyrasseln nicht mehr glücklich sein konnte. Ein innovatives Nachfolgemodell für Rassel 126 mußte dringend geschaffen werden. Die Marketingleute setzten sich zusammen und erschufen am grünen Tisch die Rassel 127. Sie sollte statt mit Reiskörnern zu scheppern, klingeln wie eine Glocke. Außerdem sollte sie deutlich größer sein, als die bisherigen Modelle.

Nach Abschluß der Entwicklung und Konstruktion stand ein überzeugendes neues Modell zur Verfügung. Das war dann auch der richtige Zeitpunkt, dem Kind einen Namen zu geben. Der mußte im PPS-System des Unternehmens „matchcodefähig“ sein,d. h.er mußte in der Teilestamm-Datei möglichst hierarchisch einzuordnen und leicht wieder auffindbar sein. Nur logisch, daß man sich für Rassel 127 entschied. Diese Rassel besteht aus drei Bauteilen:

  • Kugel
  • Glocke
  • Griff
Die Glocke ist in der Kugel eingeschweißt, und die Kugel klemmt an zwei kleinen Stiften zwischen den Armen des Griffes. Klar, daß auch die Teilebenennungen Kugel, Glocke und Griff dem Schema-F des Teilestamms entsprechen mußten. Kugeln gab es bei Quietschi-Spielwaren schon viele (nach Abmessung und Material auflistbar), Griffe noch vielmehr und Glocken auch nicht eben wenige.

Der Vertrieb „tauft“ das neue Produkt

Leicht vorstellbar ist, daß die Benennung Rassel Marketing und Werbung nicht gerade vom Hocker rissen. Wer anpreisen will, muß lautmalen. Also begab man sich auf die zermürbende Suche nach einer neuen Produktbezeichnung für die markttote Rassel. Aus Glocke oder Klingel und Rassel ward rasch und genial die Ringel creiert und als solche feil geboten.

Der Technische Redakteur „tauft“ das neue Produkt

Nun kommt die Rassel, die jetzt eigentlich eine Ringel ist, in die fürsorglichen Hände eines Kollegen, eines Technischen Redakteurs. Was hat nun der TR mit der Ringelrassel zu tun? Na ja, er muß so ein Ding verfassen, Sie wissen schon, so eine Art Beipackzettel, in dem gezeigt wird, daß die verwendeten Farben nicht giftig sind, und daß null- bis dreijährige das erworbene Spielzeug getrost in den Mund schieben können, ohne daran zu ersticken. Eine Warnung ist nur für die Großmäuler angebracht. Die könnten´s verschlucken.

Allerdings kennt niemand im Markt eine Ringel. Rasseln schon eher. Aber es ist ja eine neue Art Rassel. Die klingelt mit Hilfe der Glocke im Innern. Was liegt also näher als sie in der Dokumentation ganz und gar verständlich als Klingelrassel zu bezeichnen? Oder ist Glockenrassel doch besser? Oder eher Rasselklingel? Rasselglocke?

Und woraus besteht das gute Stück?

  • aus einem Ball,es ist ja eine große Rassel,
  • aus einer Klingel,die den Mördersound erzeugt, und
  • aus dem Halter,man hält das Ding ja daran, obwohl man natürlich auch danach greift und unser TR auch das Wort Griff hätte belassen können.
Halten wir Inne: Ihnen wird aufgefallen sein, daß unser neues Produkt jetzt schon drei Namen hat:
  • Rassel
  • Ringel
  • Klingelrassel und die Nebenbenennungen Glockenrassel, Rasselklingel und vielleicht sogar Rasselglocke.
Und es gibt inzwischen auch zwei vollständige Sätze unterschiedlicher Bauteile-Benennungen:
 
Kugel Ball
Glocke Klingel
Griff Halter

Aber noch stehen wir am Anfang des sich anbahnenden Terminologieproblems.

Die Ringel erobert den Markt

Die Verkäufer des Hauses Quietschi ziehen nun mit dem neuen Kleinod übers Land und es dauert nicht lange, da hat sich bei ihnen anfänglich aus purer Gaudi, später aus Gewohnheit, das Wort Rappel für die Rassel-Ringel-Klingelrassel-Rasselklingel eingebürgert. In den Spielzeugläden und Einkaufsabteilungen der Großversandhäuser schwärmen sie fortan von der Rappel. Dort ist man faul und liest kaum Werbematerial. Sonst hätte man erfahren, daß die Rappel in Wirklichkeit eine Ringel ist.

Alle verstehen „Bahnhof“ 

Kommen wir zum Höhepunkt, damit es nicht langweilig wird. Mit der - wie nenn ich sie denn nun? - mit der Rasselringel gibt es im Markt bald Probleme. Der Mördersound ist nur von dem Geschrei unzufriedener Babys zu übertönen. Und außerdem brechen die Griff-Halter-Stiele ab - ein Konstruktionsfehler. Kein Wunder, daß aufgebrachte Mütter das Ding zurück in die Kaufhäuser tragen. Anrufe bei Quietschi-Spielwaren von Seiten der Einkäufer folgen. Ahnen Sie schon, was passiert? Schauen wir im Schnelldurchgang einen Vorfall an:

Ein Einkäufer ruft bei Quietschis Vertriebsabteilung an und beschwert sich über die Rappeln. Der Innendienstler hat keine 
Ahnung davon, daß von der Ringel die Rede ist, denn er ist ja nicht mit dem Außendienstlerjargon vertraut. Er ruft den technischen Redakteur an und beschreibt ihm das Problem mit der Rappel. Im logischen Denken geübt und mit Sprachverwirrung vertraut, folgert unser Redakteur, daß die Klingelrassel gemeint ist. „Ach jetzt weiß ich, was sie meinen“,stöhnt er nach 5 Minuten Telefonat, „die neuen Klingelrasseln. Sprechen Sie doch mit der Konstruktion über das Problem“.

Gesagt getan. Unser Vertriebsmensch spricht über die Probleme mit den Klingelrasseln, deren Stiele abbrechen. Und überhaupt seien diese Ringel-Rappeln eher ein Rückschlag, da die Mütter sie bergeweise wieder ablieferten. Der Konstruktionsleiter versteht nur Bahnhof. „Nennen Sie mir doch mal die Typennummer des beanstandeten Produktes“, grunzt er schon etwas ungeduldig in den Hörer. Die hat der geplagte Vertriebsmensch nicht. Aber er erklärt wortreich, was für ein Produkt er meint. Und in der Konstruktionsabteilung fällt endlich der Groschen. Der Geschäftsleitung kann unser Konstruktionsleiter daher beim Mittagstisch mitteilen, daß es leider ein Problem mit Rassel 127 gibt. „Womit?“, fragt der Chef.

Halt, jetzt reichts! So schlimm ist es doch wirklich nicht in unserem Unternehmen! Oder doch?

In der Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer

Stellen Sie sich vor, was geschieht, wenn wir das Problem jetzt noch in 11 EU-Sprachen fortpflanzen. Dann bekommen Sie langsam einen Eindruck davon, welche Bedeutung Terminologie für die Kommunikation im Unternehmen und zwischen Unternehmen und Markt hat. Das Märchenbeispiel läßt sich beliebig auf jede Branche beziehen.

In der Softwarebranche werden Menüs und Funktionen uneinheitlich benannt und von den TR dann mit wieder neuen Benennungen versehen und erklärt.

Im Maschinenbau herrscht ein Wirrwarr von Benennungen, besonders für Bauteile. Sie werden nicht nach logischen Kategorien sortiert zielgerichtet benannt, etwa nach ihrer Form oder ihrer Funktion, sondern stets bunt durcheinander. Interessiert den Konstrukteur eher die Form eines Bauteils, nennt er ein im rechten Winkel gebogenes Blech beispielsweise einen Winkel. Den TR interessiert die Form gar nicht. Hier zählt nur die Funktion. Es handelt sich daber beispielsweise um einen Halter,eine Versteifung usw. usf.

Und welche Folgen ergeben sich daraus? Mangelnde Festlegung der Terminologie im Unternehmen verursacht:

  • Verzögerungen bei der Kommunikation,
  • Mißverständnisse und Fehlreaktionen
  • und behindert auch die Kommunikation mit dem Markt, beispielsweise im Vertrieb und im Kundendienst.
Terminologie betrifft, wie die Ringelrasselklingel-Geschichte beweist, alle Bereiche eines Unternehmens. Deshalb kann wirklich erfolgreiche Terminologienormung nur von der Geschäftsführung ausgehen und muß sich dann auf alle Bereiche des Unternehmens erstrecken. Insellösungen,z. B.in der Doku-Abteilung, laufen sonst Gefahr das Problem noch zu verschärfen. Die wichtigsten Ziele der Terminologienormung sind:
  • Einheitlichkeit, d. h. sauberes Gliedern von Benennungen in hierarchischen Strukturen, die leichtes Wiederauffinden bestehender und Einfügen neuer Benennungen ermöglichen.
  • Durchgängigkeit, d. h. möglichst alle Betroffenen im und außerhalb des Unternehmens sollen die gleichen Benennungen auf die gleiche Weise in ihren jeweiligen Kontexten verwenden.
Wer das schafft, setzt ein schlummerndes Potential frei: bessere Verständigung über die Dinge, mit denen wir zu tun haben.
Und das bewirkt:
  • bessere Zusammenarbeit,
  • reibungsärmere Abläufe,
  • engeren Kontakt zwischen Beteiligten im Unternehmen und Marktpartnern außerhalb.
Das sind allerdings Früchte einer Saat, die nur langsam aufgeht und viel behutsame, gründliche Pflege erfordert. Mit Gewalt durchgepeitsche Gießkannen-Projekte bewirken eher Widerstand statt Einsicht und Mitwirken.

Die Grundbegriffe der Terminologiearbeit

Definition „Terminologie“ 

Was bedeutet eigentlich Terminologie? Das Wort setzt sich zusammen aus lat. Terminus = festgelegte Benennung und griech. Logos = das Wort, hier: die Lehre. Terminologie ist also die Lehre von den Benennungen. Der Brockhaus definiert unter anderem „Wissenschaft vom Aufbau eines Fachwortschatzes“. In dieser Wissenschaft haben folgende Begriffe eine grundlegende Bedeutung:

der Begriff 

In unserer Umwelt umgeben uns Dinge, die wir sehen, anfassen, riechen und hören können. In unserem Kopf existieren die gleichen Dinge in gedanklicher Form. Wir begreifen Sie. Zum Beispiel wissen wir von der Rassel, daß sie ein Kinderspielzeug ist, das ein Geräusch erzeugt, daß man sie mit der Hand hält und schüttelt, daß sie aus einemGriff und einer Kugel mit irgendwas darin, das hin- und herklappert, besteht. Wir haben einen Begriff  von diesem realen Ding.

Begriffe bilden wir aus den Merkmalen und Eigenschaften der Dinge. Der Begriff ist allerdings nichts sprachliches, er existiert nur imKopf. Es ist daher terminologisch falsch, von Begriffslisten oder Begriffsverwendung zu sprechen.

die Bezeichnung 

Solange es Menschen gibt, haben Sie ihre Gedanken, ihre Begriffe von den Dingen miteinander ausgetauscht. Dazu haben wir verschiedene Mittel, vor allem das Bild. Wir können das Ding in unserem Kopf an eine Höhlenwand zeichnen oder in ein Stück Holz ritzen,auf ein Blatt Papier malen oder in einer CAD-Zeichnung darstellen. Dadurch stellen wir das Gedankliche, den Begriff, der in unserem Kopf existiert, für andere anschaulich
dar. Terminologen sprechen daher von sog. Bezeichnungen. 

die Benennung 

Es gibt jedoch nicht nur Bezeichnungen, die auf grafischen Mitteln beruhen. Die wichtigste Form der Bezeichnung von Begriffen ist die sprachliche. Wir verleihen Dingen, die wir sehen, oder die in unserem Kopf als Idee entstehen, sprachlichen Ausdruck. Wir nennen sie beim Namen. Terminologen sprechen daher von Benennungen. Das sind Bezeichnungen mit sprachlichen Mitteln. 

Die drei bis hierhin beschriebenen Begriffe spielen in der Terminologie eine wichtige Rolle: Begriff, Bezeichnung, Benennung. Hinzu kommt ein vierter Aspekt, der das Sammeln von Benennungen erst sinnvoll und zu wirklicher Terminologiearbeit werden läßt.

die Definition 

Eine Benennung wie „Rassel“ ist für praktisch jeden von uns eindeutig, einleuchtend und anschaulich. Sie erzeugt im Kopf das Bild von diesem Ding, mit dem wir unsere Mutter genervt haben oder mit dem unsere Kinder uns lächelnd quälen. Das gilt aber beileibe nicht für jede Benennung. Besonders dann nicht, wenn die Benennung und das Ding, der Begriff, der dahinter steckt, neu sind.

Außerdem haben wir die sehr sinnvolle Angewohnheit, beim Erfinden neuer Benennungen auf bereits vorhandene zurückzugreifen. Diese Tendenzen machen es erforderlich, die Bedeutung einer Benennung zu erklären und festzulegen, sprich: sie zu definieren.

Die Arbeit von Terminologen besteht also in Wirklichkeit darin, Bennennungen zu sammeln, zu ordnen und zu definieren. Jeder Begriff wird somit in der Terminologie mindestens durch eine Benennung und eine Definition dargestellt. Das ist sozusagen das Ein-Mal-Eins der Terminologie.

Fazit

Wenn man sich mit dem Thema Terminologie überhaupt beschäftigen will, sollte man es professionell angehen. Dazu ist ein gesundes Verständnis der Zusammenhänge erforderlich. Am Beispiel der Firma Quietschi-Spielwaren wurde gewiß deutlich, daß Terminologienormung von unternehmensweiter Bedeutung ist und zu den verkannten Wirtschaftsfaktoren gehört.

Durch die kurze Einführung in die Grundbegriffe der Terminologie sollte erkennbar werden, daß das Problem systematisch, durchdacht und kompetent angegangen werden sollte - nicht hemdsärmlig, hosentaschig.
 

Matthias Schulz
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004