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 Inhalt: 
 
  

Konkrete Definitionen  

Europanormen  

Definition des EG- Normungsprogramms  

Sicherheitsnorm mit Aussagen zur Dokumentation  

Bedeutung für die Dokumentation  

Begriff „Benutzerinformation“  

Betriebsanleitung  

Inhalt, Aufbau, Gestaltung  

Redaktion  

Sollen Anwender denken? 

Ist "warum?" eine relevante Frage? 

  Autor 
 

Die Bedeutung von Europa-Normen im Maschinenbau 

Wenn Konstrukteure, Entwickler und Technische Redakteure aufmerksam in der Maschinenrichtlinie lesen, schütteln sie an vielen Stellen den Kopf. Ihr Anstoß wird durch die zum Teil sehr allgemeinen Aussagen der Richtlinien erregt. 

Als Kostprobe ein Auszug aus einer Forderung an die Auslegung von Nahrungsmittelmaschinen: 

„Alle Flächen sowie ihre Verbindungen müssen glatt sein, sie dürfen weder Rauheit noch Vertiefungen, in denen sich organische Stoffe festsetzen können, aufweisen.“  

Mit solchen Aussagen kann der Techniker nichts anfangen, weil sie keine klaren numerischen Definitionen enthalten. Wie glatt oder wie rauh darf die Fläche genau sein? Der Techniker benötigt eine Maßangabe. 

Konkrete technische Definitionen sind erforderlich 

Dieses Beispiel zeigt, daß viele Aussagen der EG-Richtlinien der Konkretisierung bedürfen. Solche Konkretisierungen dürfen die EG-Mitgliedstaaten jedoch nicht durch gesetzliche Vorschriften vornehmen. Die EG-Richtlinien werden also nicht mit genauen Definitionen erweitert werden. Gesetzlich festgeschrieben werden nur ihre allgemeinen Aussagen. 

Zur Konkretisierung wird ein System von Sicherheitsnormen geschaffen. Dabei handelt es sich nicht um Normen einzelner nationaler Organisationen, wie etwa des DIN, sondern um sogenannte „harmonisierte Europanormen“, die zumindest von allen Normungsorganisationen der EG-Staaten anerkannt werden müssen. 

Europanormen zur Konkretisierung 

Interessant ist, daß diese Sicherheitsnormen unverbindlich bleiben. In keinem EG-Staat dürfen sie den Status einer Rechtsvorschrift, eines Gesetzes oder dergleichen erhalten. Ihre Einhaltung wird nicht obligatorisch. Wer dazu in der Lage ist, kann die Anforderungen der EG-Richtlinien auch auf einem nicht in diesen Normen beschriebenen Weg zu erreichen suchen. 

Dabei muß man jedoch im Sinn behalten, daß jeder Hersteller über die Übereinstimmung seiner Produkte mit den Richtlinien einen Nachweis führen muß. Wenn er nachweisen kann, daß er zutreffende, harmonisierte Europanormen eingehalten hat, soll angenommen werden, daß das Produkt auch die Anforderungen der jeweiligen EG-Richtlinien erfüllt. 

Mit anderen Worten: Der einfachste Weg zur Erfüllung der EG- Richtlinien ist die Einhaltung der darunter angesiedelten harmonisierten Europanormen. Dadurch nehmen sie einen quasi-gesetzlichen Charakter an. 

Allerdings sind viele der benötigten Normen noch im Entwurfs- oder Vornomenstadium. Dies gilt besonders für die produktspezifischen Maschinensicherheitsnormen. Aus diesem Grund müssen Unternehmen heute zuverlässige Mechanismen entwickeln, die es ihnen gestatten, auf dem laufenden zu bleiben, was die Normung betrifft. 

 
 
Abbildung 1: Verbindlichkeit von Sicherheitsanforderungen
 
Definition des EG- Normungsprogramms 

Um zu verdeutlichen, was uns bevorsteht, ist im folgenden die offizielle Definition dieses Normungsprogramms aus der DIN EN 292 abgedruckt (eine der ersten harmonisierten Europanormen in diesem Programm): 

„Typ A Normen (Sicherheitsgrundnormen) enthalten Grundbegriffe, Gestaltungsleitsätze und allgemeine Aspekte, die für alle Maschinen, Geräte und Anlagen gelten (Beispiel DIN EN 292).  

Typ B Normen (Sicherheitsgruppennormen) behandeln einen Sicherheitsaspekt oder eine Art von sicherheitsbedingten Einrichtungen, die für eine ganze Reihe von Maschinen, Geräten und Anlagen verwendet werden können.  

  • Typ B1-Normen beziehen sich auf spezielle Sicherheitsaspekte (z. B. Sicherheitsabstände), Oberflächentemperaturen, Lärm) 
  • Typ B2-Normen beziehen sich auf sicherheitsbedingte Einrichtungen (z. B. Zweihandschaltungen, Verriegelungen, Kontaktmatten, trennende Schutzeinrichtungen) 
Typ C Normen (Maschinensicherheitsnormen) enthalten detaillierte Sicherheitsanforderungen für eine bestimmte Maschine oder Gruppe von Maschinen.“ 
 
 
Abbildung 2: Normungsprogramm „Sicherheit von Maschinen“
 
Die europäische Normungsarbeit wird im Rahmen dieses Programms immer konkretere Aussagen über die Sicherheit industrieller Produkte ergeben. Im Zuge dieser Entwicklung darf man sicher auch konkretere Anforderungen zum Thema technische Information/Dokumentation und Betriebsanleitung erwarten. 

Das wird deutlich, wenn man eine der ersten dieser Sicherheitsnormen genau studiert — DIN EN 292 Sicherheit von Maschinen, Grundbegriffe, allgemeine Gestaltungsgrundsätze Teil 1 und 2. 

Die erste Sicherheitsnorm mit Aussagen zur Dokumentation 

In Teil 2 dieser Norm findet sich ein ganzes Kapitel, das sich ausschließlich der formalen und inhaltlichen Gestaltung von „Benutzerinformationen“ widmet. 

Für Normenkenner sei angemerkt, daß DIN EN 292 in weiten Teilen einen Ersatz der bekannten DIN 31 000 bzw. VDE 1000 „Allgemeine Leitsätze für das sicherheitsgerechte Gestalten technischer Erzeugnisse“ darstellt. 

Umfang, Inhalt  

DIN EN 292 „Sicherheit von Maschinen, Gundbegriffe, allgemeine Gestaltungsleitsätze“ umfaßt zwei Teile: 

  • „Teil 1: Grundsätzliche Terminologie, Methodik“ 
  • „Teil 2: Technische Leitsätze und Spezifikationen“ 
Teil 2 beinhaltet unter anderem den Anhang I der Maschinenrichtlinie. Außerdem ist ein dreisprachiges Wortverzeichnis der in der Norm verwendeten Fachbegriffe enthalten (in Deutsch, Englisch, Französisch). 

Bedeutung für die Dokumentation  

Für die Dokumentation sind insbesondere von Bedeutung: 

  1. Die umfassende Definition des Begriffs „bestimmungsgemäße Verwendung“ in Teil 1 (vergleiche Default   Fontparanum in dieser Broschüre). 

  2.  
  3. Die klare Aussage, daß die Sicherheit von Maschinen durch deren Konstrukteure gewährleistet werden muß. Ebenso ist es primär Aufgabe der Konstrukteure, sicherheitsrelevante Informationen zusammenzutragen (eine in vielen Unternehmen bislang strittige Frage). 

  4.  
  5. Die detaillierten Anforderungen zum Thema „Benutzerinformation“ in Teil 2, Kapitel 5. 
Begriff der „Benutzerinformation“  

Die Norm führt den neuen Oberbegriff „Benutzerinformation“ ein (in DIN EN 292 Teil 2 Kap. 5). Benutzerinformation besteht  danach aus: 

  • Texten
  • Wörtern
  • Zeichen
  • Signalen
  • Symbolen oder Diagrammen
Diese Kommunikationselemente erscheinen nicht nur in der Betriebsanleitung. Die Norm nennt drei Anwendungsgebiete: 
  • Signale und Warnanlagen (am Produkt) 
  • Kennzeichnungen, Symbole (Piktogramme), schriftliche Warnhinweise am Produkt, 
  • Begleitunterlagen (insbesondere Betriebsanleitung) 
Diese Definition der „Benutzerinformation“ verdichtet die Informationsübermittlung an den Benutzer zum Gesamtsystem. Dessen Teile müssen aufeinander abgestimmt sein. Samt und sonders sind sie „integraler Bestandteil der Lieferung einer Maschine“. 

In DIN EN 292 Teil 1 Abschnitt 3.11 wird dieser integrale Bestandteil jedes Produktes konsequenterweise zur Konstruktion der Maschine gerechnet. Durch diese Definition wird die Betriebsanleitung in ihrer Stellung zum Produkt richtig eingeordnet. Sie ist Teil der Konstruktion und somit Konstruktionsaufgabe. 

Die Betriebsanleitung ist Konstruktionsaufgabe  

Allerdings darf sie nicht dem klassischen Konstrukteur überlassen werden, sondern erfordert ein spezialisiertes Ressort innerhalb der Konstruktion und den Einsatz entsprechend ausgebildeter Fachkräfte. 

Endlich wird mit dieser Definition in bezug auf die Betriebsanleitung der Schritt vom „notwendigen Übel“ zum unabdingbaren Produktbestandteil vollzogen. Allerdings nur theoretisch in der Welt der Normer. Mit Blick auf den gesetzlichen „Unterbau“ der DIN EN 292 dürfen wir jedoch hoffen, daß diese Theorie Schritt um Schritt Wirklichkeit wird. 

Inhalt, Aufbau und Gestaltung von Benutzerinformationen  

Das Kapitel 5 in DIN EN 292 Teil 2 beschäftigt sich ausschließlich mit dem Inhalt und dem Aufbau von Benutzerinformationen. Diese hier aufzulisten sprengt jedoch den Rahmen des Artikels. Eine Liste aller Anforderungen ist z. B. in der Broschüre „Betriebsanleitungen nach EG-Richlinien“ von Matthias Schulz enthalten. Dort findet sich auch eine Beispielanleitung, in der diese umgesetzt sind (erhältlich bei Adolph Verlag GmbH). 

Beachtung verdienen auch die Anforderungen an die Gestaltung und Redaktion: 

  • größtmögliche Lesbarkeit der Schrift (Typ und Größe), 
  • Sicherheitshinweise hervorheben durch Farbe, Symbole und/oder große Schrift, 
  • Sprachen bei Mehrsprachigkeit deutlich unterscheiden, 
  • Abbildungen auch bei Fremdsprachen nah zum Text stellen, 
  • Abbildungen wo immer möglich verwenden, 
  • Abbildungen mit Text ergänzen, beim Begleittext belassen, 
  • Abbildungen in der Reihenfolge der Handlung plazieren, 
  • Tabellen anbringen, wo dies dem Verständnis dient, Tabellen neben Begleittext plazieren, 
  • Verwendung von Farben erwägen (Bauteile, die schnell erkannt werden müssen), 
  • bei langen Betriebsanleitungen Inhalts- und Stichwortverzeichnis anbringen (Problem: Was ist „lang“?), 
  • in haltbarer Form herstellen. 
Redaktion von Benutzerinformationen  

Interessant sind auch die Anforderungen an die Abfassung und Redaktion. Hier sind jedoch — typisch für Normen — einige Pauschalforderungen enthalten, deren Erfüllung kaum nachprüfbar ist und deren Sinn immer wieder bezweifelt und diskutiert wird: 

  • eindeutige Beziehung der Information zum speziellen Maschinenmodell (vergleiche Default   Fontapitel  in dieser Broschüre), 
  • Kommunikationsprinzip: „Sehen — Denken — Anwenden“ einhalten, 
  • Fragen „wie?“ und „warum?“ vorwegnehmen und beantworten, 
  • so einfach und knapp wie möglich, schlüssig, logisch darstellen, 
  • Fachbegriffe ausführlich (!) erklären, 
  • bei Einsatz im nicht-gewerblichen Bereich Information so darstellen, daß sie von Laien problemlos verstanden wird. 
Diese Anforderungen enthalten Punkte, die von vielen Technischen Redakteuren sicher als „Stand der Technik“ angesehen werden. Gleichzeitig rühren sie aber auch erneut an Fragen, die in der Branche mit „religiösem Eifer“ diskutiert werden. 

Sollen Anwender denken?  

Manchen wird es kaum begeistern, daß ein Anwender vor dem Handeln denken soll (Prinzip: Sehen — Denken — Anwenden). Haben wir mit den knappen Schritt-für-Schritt-Anleitungen nicht gerade versucht, ihm das abzugewöhnen? Argumentiert man nicht immer wieder, daß ein Anwender der nachdenken muß, Fehler machen wird? 

Ist „warum?“ eine relevante Frage?  

Ins gleiche Zielgebiet trifft die Forderung nach den Antworten auf die Frage „warum?“. Dagegen kann man einwenden, das wolle in vielen Fällen überhaupt niemand wissen. Interessant sei letztlich nur das Ergebnis der Nutzung, und zwar ein möglichst schnell herbeigeführtes. Das habe die Benutzerinformation zu leisten, und nicht Aufklärung über Hintergründe. 

Und wenn wir die Frage nach dem „warum?“ doch beantworten, wie weit sollen wir dann gehen? Vielleicht kennen Sie die „Warum- Spiele“ von Dreijährigen. Ist es das, worauf wir uns einstellen müssen? 

Diese Fragen muß sich jeder auch mit DIN EN 292 weiterhin selbst beantworten. Das liegt daran, daß der wissenschaftliche Überbau solcher Anforderungen mehr als dürftig ist. Es gibt zu wenige Forschungsprojekte zum Thema Benutzerinformation. Und deshalb hätte man sich aus solchen Fragen besonders in einer Norm besser herausgehalten. 

In diesen Aussagen gibt die Norm lediglich die „Pro-Forma-Wahrheiten“ einer kleinen Gruppe von zumeist selbsternannten Fachleuten wieder. Das ist jedoch symptomatisch für die sog. „Dokumentations-Branche“. Wir verkaufen unser Halbwissen allenthalben als erwiesene Tatsache. 

Trotzdem muß man resümierend sagen: eine beachtliche Norm, deren Teil 2 auf den Tisch jedes Technischen Redakteurs gehört, (obwohl sie natürlich unverschämt teuer ist). 
 

Matthias Schulz
ProfiServices
E-Mail: info@profiservices.de
 
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004