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Das Äußere: die Verpackung
Das Äußere: die Gebrauchsanweisung
Der Inhalt der Anleitung
Achtung! 
Fazit
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Unter der Lupe

Gebrauchsanweisung für wieder verwendbare Kalt-Warmkompressen

Wer krank ist, wer Schmerzen hat oder wem es elend zu Mute ist, der hat oft weder die Geduld noch auch nur die Konzentrationsfähigkeit, um Informationen richtig zu verarbeiten. Dennoch muss, vor allem wenn der Kranke zu einem neuen Heilmittel greift, zuerst der Beipackzettel gelesen werden. Schließlich ist die Gesundheit ein kostbares Gut – wer will da schon etwas falsch machen und womöglich den Teufel mit Beelzebub austreiben? Die Informationen müssen also so gestaltet sein, dass auch der Unkonzentrierte, weil Leidende, schnell zum richtigen Ziel kommt. 

Unter der Lupe hat diesmal die Gebrauchsanweisung der Firma 3M Health Care für ihre Kalt-Warmkompressen ColdHot Classic, Maxi, Mini & Comfort gelegen. Daneben wurde aber auch die Verpackung mit berücksichtigt, die die Gebrauchsanweisung ergänzt.

Das Äußere: die Verpackung

Wer leidet, hat es eilig (auch wenn in solchen Situationen ja alle Zeit der Welt vorhanden ist). Dem Bedürfnis, schnell zu den benötigten Informationen zu kommen, entspricht im Falle der ColdHot-Kompressen am ehesten die Produktverpackung (siehe Bild 1), die einige wichtige Hinweise zum Produkt gibt. 
 


Bild 1

Hier ist zunächst einmal an zentraler Stelle angegeben, was die Packung enthält (eine wieder verwendbare Kalt-/Warm-Kompresse), welchen Zweck die Kompresse hat (Linderung bei Schmerzen) und welche Besonderheit die Kompresse aufweist (mit Fixationsbandage). Auch die Größe der enthaltenen Kompresse ist deutlich aufgedruckt. Eine Reihe mit vier einfachen Abbildungen auf einer der Seiten der Verpackung gibt Beispiele für die Anwendung der Kompresse. Und schließlich sind jeweils auf einer der Packungsseiten Beispiele für die Kaltanwendung („Kopfschmerzen, Verstauchungen, Quetschungen, Zahnschmerzen, Insektenstiche“) und für die Warmanwendung („Rheuma, Muskelverspannungen, Hexenschuß“) angeführt. Die wichtigsten Informationen erhält der Kranke also bereits, bevor er die Packung öffnet.

Das Äußere: die Gebrauchsanweisung

Die in Form eines Faltblatts beiliegende eigentliche Gebrauchsanweisung unterstützt den Kranken bei der Suche nach Informationen dagegen leider in keinster Weise. Zunächst einmal hat der Kranke damit zu tun, das Blatt aufzufalten. Das Blatt enthält Anleitungen in zwölf Sprachen. Der „Auffaltprozess“ gestaltet sich beispielsweise für einen deutschsprachigen Leser folgendermaßen: Nach dem Öffnen der Packung liegt das Faltblatt mit dem mehrfach gefalzten englischsprachigen Teil vor dem Leser. Erster Schritt: Der englischsprachige Teil ist weiter zu sehen, auf der Rückseite ist der Rest des englischsprachigen Teils zu finden. Zweiter Schritt: Der englischsprachige Teil liegt komplett vor dem Leser, auf der Rückseite ist der komplette finnische Teil. Dritter Schritt: Entweder stößt der Leser jetzt zusätzlich auf den französischen und den schwedischen oder auf den dänischen und den norwegischen Teil. Vierter Schritt: Je nachdem, was er im dritten Schritt getan hat, kann der Leser jetzt schon auf den deutschsprachigen Teil stoßen – oder er holt die andere Variante von Schritt 3 nach. (Natürlich kann man auch schneller zum Ziel kommen, indem man das Faltblatt nimmt, es einmal kräftig schüttelt, so dass es sich ganz entfaltet, und dann auf beiden Seiten nachschaut, wo der gesuchte Text steht. In diesem Fall empfiehlt es sich, das Blatt auf einen großen Tisch zu legen, immerhin bringt es es auf die Maße 67 cm x 44,7 cm.)

Der Inhalt der Anleitung

Die Anleitung umfasst die von 1 bis 4 durchnummerierten Kapitel

  • Anwendungstips für die Kalt-/Warmkompressen (incl. Vorbereitung für die Kaltanwendung, Kaltanwendung, Vorbereitung für die Warmanwendung, Warmanwendung, Anweisungen für das Erhitzen in der Mikrowelle),
  • Indikationen (Kaltanwendung),
  • Indikationen (Warmanwendung) und
  • Reinigung der Kompresse (incl. Entsorgung, Inhaltsstoffe der ColdHot-Kompressen, Erklärung der Symbole).
Die Beurteilung der inhaltlichen Vollständigkeit der Anleitung möchte ich an dieser Stelle Fachleuten, wie beispielsweise Krankenpflegekräften, überlassen. Eine Lücke scheint sich m. E. aus dem Vergleich zwischen Verpackung und Gebrauchsanweisung zu ergeben: Auf der Verpackung wird eine Fixationsbandage erwähnt, in der Gebrauchsanweisung ist dagegen immer nur vom „Auflegen“ der Kompresse auf bestimmte Stellen die Rede. Es fehlt ein Hinweis darauf, wie die Kompresse fixiert werden kann.

Zur Reihenfolge der Kapitel:

Warum die Indikationen erst nach den Anwendungstipps aufgeführt werden, leuchtet nicht ein. Schließlich muss der Kranke sich zuerst darüber klar werden, ob für ihn die Warm- oder die Kaltanwendung in Frage kommt (und dies hängt von der Indikation ab), bevor er die richtige Anwendung durchführt. 
Dass sich das Kapitel „Reinigung“ am Ende der Anleitung findet, entspricht der Logik der Handlung. Unverständlich ist allerdings, wieso der Punkt „Entsorgung“ (u. a.) unter „Reinigung“ subsumiert wurde. (Vielleicht soll es sich ja auch gar nicht um einen Unterpunkt handeln, sondern lediglich um ein weiteres Kapitel, das nur nicht nummeriert wurde – die Kapitelgrenzen sind leider mangels eines durchdachten Layouts kaum zu erkennen.) 

Als fatal erweist sich die Entscheidung, Symbole erst am Ende der Anleitung zu erläutern (siehe Bild 2). In der Anleitung selbst kommen überhaupt keine Symbole vor. Eine Erklärung der Symbole ist also nicht nötig, um die Anleitung zu verstehen. Aber das erste abgebildete Symbol (üblicherweise als „Achtung!“- oder auch „Gefahr“-Symbol verwendet) wird auf der Verpackung der Kompresse verwendet. Wer die Verpackung in Händen hält, muss also wissen, was das Symbol bedeutet. Am Ende der Gebrauchsanweisung wird der Leser schließlich aufgeklärt, dass das Symbol heißt „Bitte beachten Sie die Gebrauchsanweisung“! Was soll diese Erläuterung da noch nützen? Wer die Gebrauchsanweisung nicht liest, wird nie erfahren, dass er sie lesen soll … Die Symbole für die Aufwärmzeiten in der Mikrowelle hätten besser in den Abschnitt „Anweisungen für das Erhitzen in der Mikrowelle“ gepasst, da der Leser dort den direkten inhaltlichen Bezug hätte herstellen können.


Bild 2: Symbole

Achtung! 

Die Anleitung enthält eine ganze Reihe von Warnhinweisen. Auffallend ist dabei die typografische Variationsbreite. Deshalb soll hier (obwohl keine größeren Gefahren von der Kompresse ausgehen) näher darauf eingegangen werden:
Der erste „Warn“hinweis begegnet dem Leser, wie bereits erwähnt, auf der Verpackung: das Achtung-Symbol. Die Warnhinweise, die der Text der Gebrauchsanweisung selbst enthält, beginnen fast alle mit dem Wort „Achtung“. Doch darin erschöpft sich die Einheitlichkeit dann auch schon. In Bild 3 finden Sie die verschiedenen Warnhinweise zusammengestellt:
 

Bild 3: ein wahres Sammelsurium an Warnhinweisen

Eine einheitliche Gestaltung von Warnhinweisen (übrigens auch von anderen Elementen eines Textes, wie beispielsweise Überschriften oder Handlungsschritten) ist nicht etwa ein Luxus, „damit es schöner aussieht“. Vielmehr dient sie dazu, solche Hinweise aus der Gesamtheit des umgebenden Textes herauszuheben, so dass der Leser sie auf Anhieb erkennt als das, was sie sind: Warnhinweise. Anders als bei anderen Textelementen kommt es bei Warnhinweisen zudem auch noch darauf an, dass sie besonders auffallen. Sie soll auch derjenige nicht übersehen, der eine Anleitung nicht durchliest, sondern den Text nur überfliegt.

Wie sehr ein Warnhinweis auffällt, hängt natürlich auch vom Umfeld ab. Da es in der vorliegenden Anleitung sehr viele halbfett gedruckte Überschriften, Zwischenüberschriften und einzelne halbfett hervorgehobene Wörter in verschiedenen Schriftgrößen gibt, gehen die Warnhinweise zum großen Teil trotz halbfetter Auszeichnung optisch unter. Auch kursive Schrift schafft nur wenig Aufmerksamkeit, vor allem, wenn sie so klein ist wie in zweien der oben abgebildeten Beispiele. 

Die Platzierung der Warnhinweise ist auch unter inhaltlichen Gesichtspunkten nicht in jedem Fall geglückt. So sind die Warnhinweise „Nur zur äußeren Anwendung“ bis „Vorsichtig anwenden, falls das natürliche Wärme- oder Kälteempfinden beeinträchtigt ist“ (siehe Bild 3) zwischen den Absätzen zu Entsorgung und zu den Inhaltsstoffen der Kompressen eingeordnet, ganz am Ende der Anleitung somit. Gerade dieser Absatz enthält wichtige, gesundheitlich relevante Hinweise und sollte an einer Stelle stehen, wo er nicht übersehen werden kann! Wesentlich mehr Wert als auf die Gesundheit des Patienten hat man dagegen auf die Unversehrtheit der Kompresse gelegt: Warnungen, die Kompresse nicht zu überhitzen, finden sich an mehreren Stellen der Anleitung in unterschiedlichen Varianten.

Fazit

Wer sich im Krankheitsfall selbst helfen muss, ist arm dran. Die Ruhe, sich durch die Anleitung zu arbeiten, haben vermutlich allenfalls die pflegenden Angehörigen.
 
 

Ulrike Grüne
Stuttgart

 

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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004