Home Previous Zeitschrift 2002/07 Next Archiv Index
 
  Inhalt:
 
 
 
Autor

 

Sprachlabor

Haben Sie ein Fremdwort zu verzollen?

Deutsch ist eine Einwanderungssprache:
Wie fremde Vokabeln hierzulande integriert werden

Solange über das Deutsche öffentlich und wissenschaftlich nachgedacht wird, hat unsere Sprache ihre „Fremdwortfrage". Die Fragerichtung ändert sich, aber das Ziel bleibt im wesentlichen dasselbe. Im siebzehnten Jahrhundert soll das Deutsche erst einmal zu einer gesitteten und ausdrucksstarken Sprache werden, im achtzehnten soll es sich zudem gegen den Einfluß des Französischen behaupten, im neunzehnten Jahrhundert wird die Abgehobenheit der lateinisch und griechisch fundierten Bildungssprache von der Allgemeinsprache beklagt, im zwanzigsten und bis heute überfällt uns das Englische. Glaubt man dem öffentlichen Sprachdiskurs, dann kommt das Englische in Wellen. Nach dem Ersten Weltkrieg etwa als Wissenschafts- und Diplomatensprache, nach dem Zweiten Weltkrieg als Sprache der dominanten Ökonomie, Politik, Kultur und Unkultur, später auch noch als Sprache der dominanten Hochtechnologie und insgesamt als Reflex wie Motor von Globalisierungstendenzen.

Besonders erhellend ist der Zusammenhang zwischen den Fragen, wie sie die Sprachkritik und der öffentliche Sprachdiskurs stellen, und allgemeinen gesellschaftlichen Empfindlichkeiten. Die Sprachwissenschaft hat nach dem Zweiten Weltkrieg und verstärkt seit Beginn der siebziger Jahre vor allem nach den Entlehnungswegen und den „Einfallstoren" für Wörter aus dem Amerikanischen und Englischen gefragt. So wurde untersucht, was über die Werbung, als Produktbezeichnung, über die Musikszene oder den Tourismus zu uns kam, was im „Spiegel" oder in „Bravo" geschah, welche Sprechergruppen betroffen sind und wie sich Anglizismen im Deutschen ausbreiten, festsetzen oder wieder verschwinden. Die Fremdwortforschung und insbesondere die Anglizismenforschung gehörte in den weiteren Bereich von Lexikographie und Soziolinguistik.

Das Interesse hat sich in den letzten Jahren deutlich verschoben. Die Zunahme von Anglizismen wird nicht mehr nur registriert und in ihren Bahnen verfolgt, sondern sie wird als epidemisch empfunden und in Hinsicht auf weiter reichende und tiefer gehende Folgen bewertet: Die deutsche Sprache scheint bedroht. Es gehe um ihren Knochenbau wie ihren Tiefencode. Beide seien durch fremde und insbesondere englische Wörter angegriffen. Die fremden Wörter können sich nicht integrieren, und umgekehrt reiche auch die Integrationskraft des Deutschen nicht aus, etwa um Substantiven eine Pluralform -Schemas, Schemen oder Schemata? - und Verben ein Partizip zuzuweisen - upgegradet oder geupgradet? Bei Nachfragen erhält man stets die Auskunft, sowohl mit Knochenbau als auch mit Tiefencode sei die Grammatik gemeint. Die Grammatik, die ja auch in anderen Zusammenhängen und vor allem in verschiedenen Spielarten der modernisierten Linguistik längst zu einem kognitiven Modul, einem spezifischen Bestandteil der genetischen Ausstattung des Menschen oder einer abstrakten, allen Sprachen gemeinsamen Universalstruktur avanciert ist, die Grammatik wird demnach zum Objekt physischer wie psychischer Zerstörung, mindestens aber Bedrohtheit. Der nächste Schritt ist mit einer Verlängerung auf den Menschen selbst schnell getan. Für den mitgliederstarken "Verein deutsche Sprache" sind es "nicht wieder gutzumachende Schäden mit zerstörerischen Folgen für die Selbstfindung des Individuums", und sie entstehen "durch den übermäßigen Zustrom von Wörtern und Wendungen aus dem angloamerikanischen Sprachraum" (aus den Leitlinien des Vereins vom Juni 2000).

Das beschriebene sprachkritische Raisonnement verbindet seine Schlüsselbegriffe Integration und Assimilation mit dem Zustand und der Veränderung von Grammatik. Damit betritt die Sprachkritik das Gehege der Sprachwissenschaft, und das um so mehr, als diese sich in den vergangenen Jahren verstärkt mit der Grammatik von Fremdwörtern befaßte. Behauptungen über mangelhafte oder abnehmende Integrationskraft des Deutschen werden überprüfbar, Verfallsszenarien können nachgerechnet und mit denen älterer Sprachstadien verglichen werden.

Generell läßt sich sagen: Im öffentlichen Sprachdiskurs wird meistens auf Integrationsprobleme hingewiesen, die das Deutsche angeblich mit den Fremdwörtern und vor allem den Anglizismen habe. Man führt sich aber kaum einmal vor Augen, wo es keine Probleme gibt. Der Fremdwörterduden enthält ungefähr 50 000 Einträge, deren grammatische Integration so gut wie vollständig geklärt ist. Wir wissen, daß der Plural von der Boss regelmäßig gebildet wird und die Bosse heißt, nicht aber die englische Form bosses beibehält. Wir wissen, daß ein Adjektiv wie soft im Deutschen flektiert wird und Formen wie softe, softem oder softes bildet, im Englischen dagegen keine einzige außer der Grundform hat. Wir wissen auch, daß die dritte Person Singular von surfen im Deutschen er surft, im Englischen he surfs heißt und so weiter und so fort.

Wie man sich solche lautlos ablaufenden Integrationsprozesse vorstellen kann, läßt sich gut an einem Kategorienbündel demonstrieren, das im Deutschen lebendig, im Englischen fast vollständig verlorengegangen ist, nämlich am Genus der Substantive. Die Genuszuweisung an Anglizismen hat schon in den siebziger Jahren das Interesse von Sprachwissenschaftlern geweckt, Pionierarbeit leistete damals der Paderborner Anglist Broder Carstensen. Aber erst neuerdings ist die Reichweite des Vorgangs einigermaßen deutlich geworden.

Bei den Anglizismen geht es darum, genuslose Wörter auf die drei Geschlechter (Genera) des Deutschen zu verteilen. Das ist ein Prozeß ganz anderer Art als die Zuordnung von drei Genera des Lateinischen oder zwei des Französischen. Für die Prototypen auf -us, -a, -um des Lateinischen hat das Deutsche eine ganz direkte und noch immer lebendige Abbildung entwickelt. Nichts ist natürlicher als der Ritus, Fiskus; die Villa, Liga und das Serum, Album. Wir projizieren sogar zahlreiche Formen irrtümlicherweise auf dieses System, indem wir etwa die Dokumenta oder die Agenda als feminin ansehen, obwohl beide Formen des Plurals im Neutrum sind. Solche „Reanalysen" werden von Sprachkennern beklagt, von Sprachhistorikern aber als entscheidendes Movens der Sprachentwicklung angesehen.

Die beiden Genera des Französischen lassen sich viel weniger eindeutig zuordnen. Unklar ist insbesondere das „masculin" im Verhältnis zum deutschen Maskulinum und Neutrum. Bei den Substantiven auf -on etwa bleibt das Genus meist gewahrt, wir haben der Balkon, Beton, Jargon. Gelegentlich wird aber das Neutrum gewählt (das Pardon), und manchmal muß sogar ein Femininum zum Neutrum werden (das Chanson). Angesichts von das Lied ist ausgeschlossen, daß wir im Deutschen die Chanson sagen. Automatisch erfolgt die Genuszuweisung dagegen bei echten Suffixen. Wir haben das Femininum wie im Französischen bei die Nation, Region, Rebellion, und weil die Abstrakta im Deutschen generell Feminina sind, haben wir auch die Blamage, Massage, Montage, Sabotage, obwohl Substantive auf -age im Französischen stets dem „masculin" angehören.

Nun also zu den Anglizismen. Sie finden im allgemeinen ohne jede Schwierigkeit ihr Genus, möglicherweise macht sie ihre Ungeprägtheit sogar besonders flexibel. Bei Substantiven ohne genusspezifische Formmerkmale herrscht wieder das Prinzip der Genuswahl nach dem nächsten deutschen Verwandten vor. Man sieht beispielsweise sofort, warum es heißt der Job, Boss, Fight; die Cream, Show, Site und das Girl, Lunch, Brain. Ein Ausdruck wie keinem neuen Boss ist in jeder Einzelheit so aufgebaut wie keinem neuen Chef oder Vorgesetzten

Auch die pronominalen Bezüge sind identisch, so daß man bei er, ihn, den usw. schon nicht mehr sieht, ob Boss oder Vorgesetzter das Bezugsnomen war. Die eine Festlegung auf das Maskulinum hat sozusagen unabsehbar weitreichende Folgen für die grammatische Integration des Wortes insgesamt.

Noch detaillierter sind diese Folgen bei Wörtern mit genusspezifischen Bestandteilen. Betrachten wir als kleines Beispiel die im Englischen wie Deutschen verbreitete Substantivendung -er. Sie kommt im Kernwortschatz bei allen Genera vor (der Hammer, die Mauer, das Luder), und dasselbe gilt für Anglizismen (der Trigger, Buffer; die Power, Order; das Paper, Dinner). Wie im Deutschen sind jedoch die weitaus meisten Anglizismen auf -er Maskulina und werden interpretiert als Analogbildungen zum Substantivierer -er. Er bildet auf verbaler Basis Substantive, die den Handelnden (nomina agentis) bezeichnen, z.B. denken - Denker, schreiben -Schreiber. Auch wenn es kein entsprechendes Basisverb gibt, werden die Anglizismen wo immer möglich so interpretiert, zum Beispiel solche wie Manager, Designer, Rocker, Ranger, Raver, Insider, aber auch solche wie Toner, Browser, Compiler, Computer. Grammatisch verhalten sie sich haargenau wie die deutschen Maskulina auf -er und gerade nicht so wie die englischen. Sie bilden den Genitiv auf -s (des Computers), den Plural endungslos (die Computer, engl. Computers) und den Dativ Plural auf -n (den Computern). Wie die deutschen Wörter sind sie sofort ins Wortbildungssystem integriert, wir haben beispielsweise computerhaft, computerfrei, Computerei, Computerchen und, wo semantisch sinnvoll, auch das abgeleitete Femininum auf -in, etwa Managerin, Designerin. Dies sind nur einige Andeutungen über die grammatische Reichweite, die eine einzige Integrationsentscheidung hat. Das Deutsche integriert die weitaus meisten Anglizismen schnell und reibungslos auf allen Ebenen, es integriert sie phonologisch, morphologisch und syntaktisch. Etwas träger ist die Rechtschreibung, aber auch hier entwickelt das Deutsche häufig einen starken Integrationsdruck - es sei denn, man verhindert das durch eine unausgegorene Rechtschreibreform.

Gelegentlich sind Integrationswege etwas länger, müssen in Einzelschritten zurückgelegt werden und erwecken deshalb bei Momentaufnahmen den Eindruck chaotischer Zustände. So wird ein Verb wie recyclen zuerst mit dieser Form des Infinitivs und dem zweiten Partizip in der Form recycled übernommen. In der Verwendung als Prädikativum (dies Papier ist recycled) ist keine Integration notwendig, wohl aber in der normalerweise später auftretenden als Attribut. Ein recycledes Papier ist für das Verhältnis von Lautung und Schreibung im Deutschen ausgeschlossen, es wird integriert zu recyceltes Papier. Die Schreibweise setzt sich dann für recycelt und schließlich für den Infinitiv recyceln durch. Damit haben wir ein vollintegriertes Verb vom Typ segeln, nörgeln, lächeln erreicht, das auch alle Personalformen nach deren Muster bildet.

Gerade was das Verständnis möglicher Integrationswege, aber auch möglicher Integrationshemmnisse und -barrieren betrifft, ist die Sprachwissenschaft in den vergangenen Jahren gut vorangekommen. Das Deutsche erweist sich dabei als Sprache, deren Vitalität für eine unauffällige Integration fremder Strukturen bei weitem ausreicht. Insbesondere hat das Deutsche von heute viel weniger Integrationsprobleme als das des achtzehnten Jahrhunderts mit dem Französischen oder das des fünfzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts mit dem Lateinischen.
  

Prof. Dr. Peter Eisenberg
Professor für Deutsche Philologie
an der Universität Potsdam
und Autor des zweibändigen
„Grundrisses der deutschen Grammatik“
 Stuttgart/Weimar 1999 und 2001



 
Erstveröffentlichung: 
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 03.02.2002
Zum Seitenanfang
 

© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004