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Lesbarkeit und Verständlichkeit von Texten (Teil 1)
 

Die Lesbarkeit und die Verständlichkeit von Texten hängt von einer Vielzahl von Merkmalen ab. Dazu gehören auch technische Eigenschaften wie Schriftart und Schriftgröße, aber auch syntaktische Merkmale wie Wort- und Satzlänge. In diesem Beitrag geht darum, ob und wie diese Merkmale die Verständlichkeit von Texten beeinflussen, und wie man dies messen kann.

Schon seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es Forschung auf diesem Gebiet, insbesondere in der Entwicklung von Lesbarkeitsformeln. Die Idee zur Entwicklung solcher Formeln, die einer Regressionsgleichung entsprechen, ist einfach: die intuitiv gewählten Merkmale des Textes werden mit Kriterien wie Behaltensleistung oder Lesegeschwindigkeit korreliert. Mittlerweile gibt es weit über 50 verschiedene Lesbarkeitsformeln. Selbst Microsoft Word hat einige eingebaut. Aber so einfach kann man die Lesbarkeitsformeln nicht nutzen, denn sie sind an bestimmte Voraussetzungen gebunden: Sprache und Textgenre. Während der Flesch-Index allgemein gültig für englische Texte ist, kommt es bei der Verwendung von deutschen Texten vor, dass die Werte über 100 liegen. Eine Formel für Spanisch gilt nur für Lehrbücher in der Primarstufe von Schulen (also 6-10 jährige). Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, sind auch die Werte nicht interpretierbar. 

Ein weiteres Problem ist die Textgröße. Oft erfordert die Verwendung bestimmte Stichprobengrößen, meist 100 Wörter. Ist der Text größer oder kleiner, muss standardisiert werden, zumindest bei den Formeln, die absolute Häufigkeitsangaben enthalten (also z.B. Anzahl der einsilbigen Wörter). Hat also ein Text 200 Wörter, müssen die einzelnen Werte durch 2 dividiert werden.

Die Verwendung von Lesbarkeitsformeln ist einfach: die Werte aus den Formeln im Text auszählen, meist sind es die durchschnittliche Satzlänge (in Wörtern, manchmal auch in Silben), und Wörter mit speziellen Eigenschaften (entweder Wörter mit nur einer Silbe, oder Wörter mit 6 und mehr Buchstaben). Welche Merkmale das sind und wie sie verrechnet werden, ist je nach Formel unterschiedlich.
Die Ergebnisse sind genauso unterschiedlich. Einige Formeln geben normierte Werte zwischen 0 und 100 aus, dabei bedeutet 0, dass der Text fast unverständlich ist, 100 bedeutet, er ist sehr leicht verständlich. Andere Formeln geben Lesealter oder Lesegrad (vergleichbar mit Schulklasse) aus.

Man könnte nun der Auffassung sein, dass Computerprogramme zur Bestimmung von Lesbarkeit unter Verwendung von Lesbarkeitsformeln einfach zu entwickeln seien. Jeder Unix/Linux User weiss dies, denn der Befehl style berechnet einige Formeln, auch eine deutsche (Wiener Sachtextformel) ist dabei.
Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Programme Sätze erkennen müssen. Das ist nicht ganz einfach, weil ein Punkt kein eindeutiges Satzendezeichen ist, sondern genauso gut ein Dezimalpunkt oder Abkürzungspunkt sein kann. Zählt man jeden Punkt als Satzendezeichen, kann das Ergebnis erheblich verfälscht werden, weil die Satzlänge dementsprechend kleiner wird.

Ein weiteres Problem ist die Beschaffung der Literatur. Bei der Flesch-Formel beispielsweise ist festzustellen, dass sehr viele, teilweise sehr renommierte Autoren, die Originalliteratur nicht gelesen und falsch abgeschrieben haben. Andere Hindernisse sind fehlerhafte Formeln, manchmal gibt es eine Formel unter zwei verschiedenen Namen, und die Lix-Formel gibt es für drei verschiendene Sprachen (Englisch, Dänisch und Schwedisch).

Fazit: Lesbarkeitsformeln sind einfach anzuwenden, haben aber nur eine begrenzte Aussagekraft. Sie können als Vorabfilter jedoch sehr nützlich sein. Im nächsten Teil werden einige Formeln und ihre Anwendungsbereiche vorgestellt.

Dr. Harald Klein


Literatur:

Ballstaedt, Steffen-Peter; Heinz Mandl; Wolfgang Schnotz; Sigmar-Olaf Tergan (1981): Texte verstehen. Texte gestalten. München, Wien, Baltimore.
  

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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004