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Wann sind Texte verständlich
Was bedeutet der AVI?
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Lesen Sie verständlich?

Quatsch!, werden Sie sagen. »Schreiben Sie verständlich?«, sollte wohl als Überschrift dastehen. 

Doch immerhin ist das Schreiben und Lesen von Texten ein bilateraler Vorgang. Was nützt es Ihnen beziehungsweise Ihrem Text, wenn er verständlich geschrieben ist - aber der Leser nicht in der Lage ist, das Geschriebene geistig (intelligent) umzusetzen. Der Text muss also Zielgruppen gerecht aufbereitet sein. Bei Bedienungsanleitungen sind das häufig auch Laien oder Fachfremde. 

Aber: Wissen Sie eigentlich, wie verständlich Sie wirklich schreiben? Haben Sie das jemals getestet oder gar gemessen? Als Abonnent haben Sie jetzt die Möglichkeit dazu.

Wann sind Texte verständlich?

In dem Wort »verständlich« steckt »Verstand«. Wir müssen vor und während des Schreibprozesses unseren Verstand nach gewissen Kriterien ausrichten. So fordert bereits Goethe, dass sich der Autor »... denn auch der schlichtesten Sprache, in dem leichtesten, fasslichen Silbenmaße... befleißigt«. Damit hatte Goethe bereits damals den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn erst Mitte des letzten Jahrhunderts wurden die ersten Lesbarkeitsformeln entwickelt. 

»Die Variablen der Lesbarkeitsforschung sind objektive Kriterien wie Satz- und Wortkomplexität sowie Worthäufigkeiten. Sie werden zu Indikatoren der Lesbarkeit in arithmetische Relation gesetzt (Lesbarkeitsformeln)« (aus "Kontrolliertes Deutsch" von Anne Lehrndorfer). Einschränkend muss man allerdings berücksichtigen, dass die Anwendung der Lesbarkeitsformeln als Maß für die Verständlichkeit von Texten lediglich eine Aussage hinsichtlich der Lesegeschwindigkeit macht, die der jeweilige Text zulässt. Aber immerhin! Ausgehend von der Überlegung, dass ein flüssig zu lesender Text dem Gehirn quasi den Weg bereitet, sich leichter mit dem Inhalt des Textes auseinander zusetzen, ist dies ein deutlicher Schritt nach vorne, die Qualität der eigenen Textproduktion zu beurteilen. Moderne oder besser neuzeitliche Lesbarkeitsformeln berücksichtigen Satzlänge, Anzahl Worte und Anzahl der Silben. Goethe hatte also  Recht.

Es gibt selbstverständlich auch die Möglichkeit, durch empirische Untersuchungen Texte auf ihre Lesbarkeit beziehungsweise Verständlichkeit hin zu untersuchen. Der Vorteil dieser Verfahren ist, dass die Ergebnisse sehr genau sind - der Nachteil ist, diese Untersuchungsmethoden sind extrem zeitaufwändig und daher in der täglichen Praxis der Dokumentationserstellung zu teuer.

Im Zeitalter von Computer und PC bieten sich eher Verfahren an, die auf der Grundlage der Auswertung von Zeichen, Silben, Wörtern und Sätzen arbeiten. Nun sind Textanalyseprogramme erst einmal eine Sache für Linguisten - und bis dato blieb es dabei. Die Sprachwissenschaftler setzten diese Programme fast ausschließlich für ihre eigene Forschungstätigkeit ein. Dabei stellt die automatisierte Verständlichkeitsanalyse nur ein einziges von vielen Features dar, um Texte ganz nach Belieben in die verschiedensten Richtungen zu analysieren.

Um einen Eindruck zu vermitteln, welche Daten alleine bei einer Verständlichkeitsanalyse vom Softwareprogramm geliefert werden, wird nachfolgend ein Auszug wiedergegeben, der auf den ersten beiden Textseiten eines Romans von Mario Simmel beruht.
 

input file     Simmel.txt
output file       Simmel.itx

- I 01:        52 lines read
- I 04:         1 empty lines 
- I 20:        33 words in a text unit
- I 21:       759 strings processed
- I 22:      4130 characters processed
- I 24:        51 text units written
- I 25:    14.882 strings/text unit
- I 26:       192 char. in longest text unit 11
- I 27:        35 characters separated before 
- I 28:       122 characters separated after 

application: readability analysis
- I 01:        51 text units read
- I 03:       759 strings read
- I 04:      5034 letters read
- I 05:    14.882 strings/text unit
- I 06:     6.632 letters/string
- I 07:    98.706 letters/text unit
- I 08:     0.039 foreign words/text unit
- I 09:      1046 other read

syllables   0     1     2     3     4 
words with  183   260   216   58    33 

(Fortsetzung)
            syllables   5     6     7     8     9
            words with  6     3     0     0     0
 

- I 10:    20.510 syllables/text unit
- I 11:     1.378 syllables/string
- I 12:         2 foreign words read

- I 27:    84.497 84.497 value of AVI

Tabelle 1: Teilergebnis einer automatisierten Textanalyse 

Die Linguisten haben in den letzten fünfzig Jahren sehr viel geforscht. Sie haben jede Menge Bücher veröffentlicht, die sich auch mit Texten für zu erklärende Produkte befassen. Es wurden Studien angefertigt und der Öffentlichkeit Modelle vorgestellt (z. B. das Hamburger Verständlichkeitsmodell). Aber offenbar kam keiner auf die Idee, dieses hervorragende Forschungsmaterial denjenigen als Werkzeug an die Hand zu geben, deren Berufung es ist, verständliche Texte zu verfassen. In erster Linie sei dabei an Technische Redakteure gedacht, eingeschränkt auch an Übersetzer aber auch an alle jene, die für ganz andere Branchen Texte produzieren. Nicht zuletzt sind das Schriftsteller, Drehbuchautoren oder Journalisten.

In der Tat benutzen Linguisten Textanalyse-Werkzeuge, um fremde Texte der verschiedensten Genre zu untersuchen. Für den Nicht-Linguisten taucht dabei das Problem auf, die Ergebnisse in den veröffentlichten Werken branchenspezifisch zu interpretieren. Das liegt einmal an der Art und Weise, wie Linguisten formulieren und agieren. Schlicht und einfach heißt das, man versteht schlecht, was Sie schreiben und es fehlt die Brücke, deren Ergebnisse z. B. in die Technische Dokumentation zu transportieren beziehungsweise zu transformieren.

Das liegt also nicht mehr am Fehlen der entsprechenden (Software-)Werkzeuge sondern an dem Wissen um die Interpretation der statistisch ermittelten Ergebnisse. In Tabelle 1 lautet die letzte Zeile: »- I 27:    84.497 84.497 value of AVI«

Für den Dezimalpunkt müssen wir uns ein Komma denken, und die Dezimalstellen hinter dem Komma können wir vernachlässigen. Das Ergebnis lautet dann: AVI = 85.

Was bedeutet der AVI? 

Der AVI ist ein so genannter reading score, der Werte zwischen 0 und 100 annehmen kann. Werte oberhalb von 80 deuten im Bereich der Unterhaltungsliteratur auf eine hervorragende Verständlichkeit des Textes (readability) hin. Es hängt jedoch vom Textgenre ab, wie der jeweilige Text einzuschätzen ist. Das Geheimnis besteht also darin, den gemessenen AVI-Wert innerhalb eines bestimmten Genres richtig einordnen zu können. Dazu sind Untersuchungen nötig, wobei sich derjenige, der die Tests vornimmt, auch über die Zielgruppe im Klaren sein muss, für die der jeweilige Text geschrieben wurde. So liegt es in der Natur der Sache, dass z. B. Beschreibungen von chemischen Abläufen für Chemiker, bei denen naturgemäß auch die komplizierten Namen der chemischen Substanzen genannt werden müssen, regelmäßig einen schlechteren AVI-Wert erhalten als eine Beschreibung des Gesellschaftsspiels »Mensch ärgere dich nicht«.

Im Folgenden wird in der Tabelle 2 der AVI-Wert für verschiedene Textgenres wiedergegeben.
 
 

Autor, Titel AVI Textgenre
Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar sein
85
Roman
Lawrence Sanders: Der Lannihan-Coup
77
Roman
Stephen King: »es«
62
Roman
Sydney Sheldon: Die Pflicht zu schweigen
78
Roman
Sigmund Freud: Der Witz
36
Fachbuch
Frey: Wie schreibt man einen verdammt guten Roman
81
Sachbuch
Stuttgarter Zeitung vom 8.12.00:
Kommentar
64
Zeitung

Tabelle 2: Der AVI-Wert für verschiedene Textgenres

Es liegt auf der Hand, dass durch die Textsorte häufig auch die Zielgruppe bestimmt wird. Im Bereich der Unterhaltungsliteratur wird der Roman von allen Bevölkerungsschichten gelesen. Hier wenden wir uns eindeutig an die Zielgruppe Laien. 

Bei einem Fachbuch aus dem Bereich der Psychologie (Sigmund Freud, 1940!), das noch dazu 60 Jahre alt ist  - also für heutige Verhältnisse einen veralteten Sprachschatz benutzt - werden bezüglich des Fachvokabulars besondere Anforderungen an den Bildungsstand der Leser gestellt. Der AVI mit 36 spricht für sich selbst.

Von einem Autoren, der über das Schreiben lehrt und schreibt, erwartet man eine verständliche Ausdrucksweise. Frey schreibt in der Tat sehr verständlich. Der ermittelte AVI-Wert scheint mit 81 angemessen.

Der gemessene Wert für den Zeitungskommentar in der Stuttgarter Zeitung vermittelt mit einem AVI von 64 einen relativ schlechten Platz, verglichen mit den Werten der Romane. Aber ist dieser Wert wirklich schlecht? Eine Antwort darauf kann nur ein umfangreicher Test ergeben mit ähnlichen Textsorten aus verschiedenen Tageszeitungen. Jedenfalls wird in der Literatur dieser Wert als normal angesehen.

Und ähnlich ist das auch mit den Texten aus der Technischen Dokumentation. Erst wenn wir wissen, für welche Zielgruppe der Text geschrieben wurde - und auch zu welchem Zweck - müssen wir uns Gedanken machen, wie die Verständlichkeit eines speziellen Textes, den wir jetzt gemessen haben, in das entsprechende Spektrum derselben Zielgruppe und derselben Textart einzuordnen ist.

Texte mit vielen Fachtermini fallen dann natürlich beim Messen der Verständlichkeit/ Lesbarkeit deutlich ab gegenüber jenen ohne oder mit nur wenigen Fachausdrücken. Aber die Textanalyse-Werkzeuge berücksichtigen auch heute schon den Anteil der Fremdwörter. In Tabelle 1 findet sich dazu ein Beispiel: 

- I 12:         2 foreign words read. 

Mario Simmel hat also auf den ersten zwei Seiten seines Romans lediglich zwei Fremdwörter benutzt.

Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass die Beurteilung der Verständlichkeit eines Textes auf Grund der Auszählung und Auswertung von Silben, Wörtern und Sätzen ein Aspekt unter mehreren ist. Ein anderer ist die Anzahl der benutzten Fremdwörter - unabhängig ob das vermeidbar ist oder nicht - und dann gibt es noch einige weitere Kriterien, auf die in einem weiteren Artikel eingegangen wird.

Wer möchte, kann jetzt einen Textblock in das Formularfenster kopieren. Wir empfehlen ca. 2000 Zeichen zu nehmen. Der Text geht uns als E-Mail zu und wir werden unter der angegebenen E-Mailadresse den von uns gemessenen AVI-Wert zurück übermitteln. Dieser Service steht ausschließlich Abonnenten der Fachzeitschrift Technische Dokumentation Online zum Test zur Verfügung.

Harald B. Adolph

 
  
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004