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Der gesunde Menschenverstand
  
Das wissenschaftliche Denken
   
Die Anschauung der Sinne
  
Der verarbeitende Verstand
  
Literatur
  
Autor

 

Sprachlabor

Logik des Alltags

"Der naive Realismus ist ein metaphysisches System, d.h. ein Komplex von Ansichten, der die Dinge-ansich zur Ursache unserer Empfindungen macht."

Der gesunde Menschenverstand

In der Alltagslogik, mit anderen Worten im gesunden Menschenverstand, nehmen wir die Begriffe ohne viel Nachdenken für die wirkliche Welt. Die automatische Verwendung der Wörter haben wir bereits als Kinder gelernt. Kinder setzen mit der größten Selbstverständlichkeit Wort und Sache gleich. Sie glauben, jedes Ding habe seinen richtigen Namen. Mit der allmählichen Gewöhnung an den Gebrauch der Sprache im täglichen Umgang verwischen sich die konkreten Bedeutungen der Dinge immer mehr und machen weiter gefassten Verallgemeinerungen Platz, bis am Ende geglaubt wird, auch die abstraktesten Gegenstände wären konkret greifbar. 

Es gibt kaum jemanden, der sich unter den gegebenen Erziehungsbedingungen vom einmal erlernten Sprachgebrauch - und dem damit verbundenen Denken - wirksam zu emanzipieren vermag. Die meisten Menschen bewegen sich im Reich der Hypothesen und Spekulationen, wähnen sich aber in der Wirklichkeit. Die je nach Gemütslage heile oder angstvolle Welt der naiven Realisten ist eine vom Erkennen noch nicht durchdrungene Welt - eine unreife Welt. In Illusionen verfangen liebäugeln die Leute mit einer idealen Welt-ansich oder verzweifeln an einer solchen.

Die natürliche Weltansicht entsteht aus dem praktischen Leben. Die Alltagswelt ist zwar grob, ungenau und vereinfacht bis entstellt, aber praktisch bequem. Es wäre oft mühsam und erschiene uns unnütz, die Gegebenheiten über ein allgemeinverständliches Maß hinaus zu präzisieren. Wir treffen viele Unterscheidungen und damit Entscheidungen, rein gewohnheitsmäßig. Gewohnheit ist eine wesentliche Kategorie des alltäglichen Denkens. Unkritisch-alltägliche Begriffsbildungen sind auf Generalisierung eingestellt und deshalb nur ungefähre Bezeichnungen. Sie sind bloß so übernommen und nicht reflektierend erarbeitet. Deshalb sind auch die Dinge und das Ich so deutlich, so einfach und ohne Fraglichkeit. 

Das Selbstverständliche pflegt am wenigsten gedacht zu werden. Sobald aber die selbstverständlichen Unterscheidungen des gewöhnlichen Lebens geklärt werden sollen, dann zeigen sich sofort schwere Unklarheiten und Widersprüche, dann sehen wir, daß diese Ansichten unfertig und unzulänglich sind, daß sie erst noch zuende gedacht werden müssen. So, wie wir uns im naiven Bewußtsein die Wirklichkeit denken, ist sie unklar und widerspruchsvoll. Wenn wir der Alltagslogik auf den Grund gehen, treffen wir auf selbstwidersprüchliche Vorstellungen, auf Begriffsbildungen, die eigentlich nach gegensätzlichen Richtungen auseinandergehen und sich dann zwangsläufig als Problem darstellen.

Wer praktisch denkt, kann sich nur ein gewisses Maß an Nachdenklichkeit erlauben. Darüber hinaus wäre er nicht mehr handlungsfähig. Die alltägliche Konversation in Gemeinplätzen sichert darum eine Welt, die stillschweigend für selbstverständlich gehalten wird. Die Typisierungen des Alltagslebens werden als gesellschaftlich bewährt erlebt. Das abstrakt-allgemeine Denken beruhigt und gibt ein Gefühl der Geborgenheit. Die Sicherheit des gewöhnlichen Verstandes ist die Sicherheit der Allgemeinheit der Vorstellungen. Allgemeinheit bedeutet Konfliktlosigkeit. Wir glauben, uns am besten zu verstehen, wo wir die allgemeinsten Begriffe gebrauchen. Das Abstrakteste gilt oft als das Gewißeste. Die gewöhnliche Verwendung der Sprache und der Gebrauch der Alltagslogik haben so immer die Tendenz, die Wirklichkeit gegen Veränderungen zu immunisieren. In alltäglicher Befangenheit neigen wir dazu, der Wirklichkeit entweder mehr anzudichten, als vorhanden ist, oder aber zu unterschlagen, was uns unangenehm sein könnte. Weltfremde Abstraktionen schieben sich an die Stelle der wirklichen Welt. Die Sprache spricht uns und das Wissen denkt uns.

Das wissenschaftliche Denken

Das Denken der breiten Masse hinkte von jeher dem wissenschaftlichen, bzw. gebildeten Denken hinterher. Alle allgemein verbreiteten Ansichten wurden Jahrhunderte zuvor von einigen Vordenkern bekannt gemacht und waren erst allmaehlich jedermann zugaenglich. Es hat auch kaum jemanden gegeben, der nicht fuer seine neue Wahrheit gelitten haette oder um ihretwillen Verfolgung, oft auch Gefangenschaft und Tod zu dulden hatte. Jede neue Wahrheit setzte sich immer im Kampf gegen die allgemeine Meinung durch. Diese allgemeine Meinung existiert auch heute noch. Heute sind es die objektiven Wissenschaften und die klassische Logik, also die Logik des Aristoteles, der Geist-Materie-Dualismus eines DESCARTES und die Physik eines NEWTON, welche den gesunden Menschenverstand ausmachen.

ARISTOTELES war ueberzeugt, dass die Wahrnehmung nur Qualitaeten liefert. Fuer ARISTOTELES konnte die Logik ein getreues Bild der Wirklichkeit geben. Der kartesianischen Vorstellung entsprechend entwerfen unsere Sinne eine Art inneres Bild, das eine getreue Nachbildung der Wirklichkeit sein soll. 

"... dass ich jetzt hier bin, dass ich, mit meinem Winterrock angetan, am Kamin sitze, dass ich dieses Papier mit meinen Haende betaste und aehnliches; vollends dass die Haende selbst, dass ueberhaupt mein ganzer Koerper da ist, wie koennte man mir das abstreiten? Ich muesste mich denn mit ich weiss nicht welchen Wahnsinnigen vergleichen..."(1)

Auch NEWTON fasste die sinnlich wahrnehmbaren Groessen als materielle Koerper auf, Farben waren ihm dem Licht anhaftende physikalische Eigenschaften. Der gesunde Menschenverstand geht dementsprechend davon aus, dass sich alle seine Begriffe letzten Endes auf wirkliche Einzelwesen beziehen. Was wir als gesunden Menschenverstand bezeichnen, laesst sich hauptsaechlich aus dem Realismus des Aristoteles, Descartes und Newton ableiten. Im Alltag gehen wir von der gewoehnlichen Anschauung aus, die uns allen natuerlich ist: dem Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart des Objekts in der Wahrnehmung der Sinne. Dieses sinnliche Bewusstsein, mit dem die Erfahrung beginnt, kennt keinen Unterschied zwischen Wahrnehmung und Gegenstand, es weiss nur vom Gegenstand und nicht von seiner Wahrnehmung. 

Die Anschauung der Sinne

Die Anschauung der Sinne ist gewoehnlich nach aussen und nicht nach innen (auf uns selbst) gerichtet. Unsere Wahrnehmungen erscheinen uns selbst als die Dinge und wir werden uns der Taetigkeit unserer Wahrnehmung nicht bewusst. Die populaere Auffassung ist die, dass eine Vorstellung die ihr entsprechende Wirklichkeit abbilden muss. Der volkstuemlichen Ansicht gemaess wird die Erscheinung als Ding an sich genommen. Im Alltag halten wir immer noch unerschuetterlich an der Überzeugung fest, dass alles, was unser Sinnesapparat uns meldet auch wirklichen Gegebenheiten einer aussersubjektiven Welt entspricht. Der gesunde Menschenverstand scheint unbeugsam objektivistisch.

Dass visuelle Sinneswahrnehmungen durch die Augen entstehen ist jedermanns wirkliche Überzeugung. Die taegliche ist die anschauliche Erfahrung. Den Alltagsverstand interessieren lediglich die unmitelbaren Wirkungen der Dinge. Wenn wir uns keinen Zwang antun, sehen wir die Erde feststehend, die Sonne und den Fixsternhimmel aber bewegt. Diese Auffassung ist fuer praktische Zwecke die vorteilhafteste. Aber vieles von dem, was wir durch unsere Sinne erfahren, ist ein Vorurteil. Was uns als Eigenschaft eines Dings vorkommt, ist nichts als Wirkung, Wirkung auf unsere Sinne. Das Zeugnis der Sinne ist, eine objektive Wirklichkeit betreffend, blosser Schein. Die Überzeugung von einer objektiven Qualitaet der Sinnesempfindungen ist falsch. Es gibt nichts Sichtbares oder Fuehlbares ueberhaupt, weil es kein Sehen oder Fuehlen ueerhaupt gibt. Die Anschauung, dass unsere Sinne unmittelbar Objekte wahrnehmen, ist eine Idee, die uns die Wirklichkeit verschleiert. Farben, Klaenge und Gerueche sind blosse Erregungsformen unserer Sinnlichkeit. Der Glaube an die Untaeuschbarkeit der inneren Wahrnehmung ist eine Illusion.

Unser Erkenntnisapparat ist nur sehr schlecht auf objektive Erkenntnis ausgerichtet. Wir koennen von der Materie nicht mehr Eigenschaften wahrnehmen, als wir Sinne haben. Unsere Sinne funktionieren aber nur innerhalb eines genau festgelegten und begrenzten Bereichs. Unsere Wahrnehmung sich auch nur auf begrenzte Zeitintervalle erstrecken und nicht darueber hinaus. Der Zustand eines Dings muss einen gewissen Grad der Groesse erreicht haben, um fuer unsere Sinne ueberhaupt wahrnehmbar zu sein. Makroskopisch betrachtet moegen die materiellen Objekte um uns herum passiv und unbeweglich erscheinen, schon unter einem mittelstarken Mikroskop jedoch ist das nicht mehr so. Unter dem Mikroskop gibt es keine absolut gerade Linie. 

"Unsere Sinne haben enge Wahrnehmungsgrenzen, so dass wir staendig Instrumente wie Mikroskope, Teleskope, Tachometer, Stethoskope und Seismographen benuetzen muessen, um die Vorgaenge entdecken und aufzuzeichnen, die unsere Sinne nicht unmittelbar wahrnehmen koennen. Es ist deshalb absurd zu glauben, dass wir jemals etwas wahrnehmen, wie es wirklich ist."(2) 

Ein Ding ist weiter gar nichts, als eine konstante Summe von Empfindungen im Bewusstsein. Es gibt keine Farben und Toene, sondern nur Farbsehende und Tonhoerende. Was wir sehen, haengt davon ab, wie wir sehen. Im Alltagsmaterialismus glauben wir, Toene seien in Wahrheit Luftschwingungen. Die Farb- und Tonqualitaeten sind aber Produkte unserer Sinnesempfindung und unseres Verstandes. Naive Realisten dagegen glauben, dass das Gras gruen ist. Das gruene Blatt ist aber nicht fuer sich oder an sich gruen, sondern nur fuer unser Auge. Die Farbe ist keine Eigenschaft des Gegenstandes. Die Farbe eines Gegenstandes ist eine optische Deutung. Die Farbe blau z.B. laesst keine Beschreibung zu, dasselbe gilt von allen anderen Farben. Was fuer Farbe und Geschmack gilt, gilt auch von Ausdehnung und Festigkeit und es gilt auch von der Substanz: Alles existiert nur im wahrnehmenden Geist. 

"Die Empfindungsqualitaeten gehoeren als solche sicherlich allein dem Bewusstsein an, durchaus nicht dem Nervensystem. Wenn ich einen bitteren Geschmack empfinde oder einen lauten Ton hoere, so sind nicht meine Nerven bitter oder laut."(3)

"Nicht die Körper zeugen Empfindungen, sondern Empfindungskkomplexe bilden die Körper."(4)

"Hätten wir keinen anderen Sinn, als das Gehoer, so wuerde alle Erfahrung in Toenen bestehen."(5)

Wir meinen auch, die Dinge unmittelbar da wahrzunehmen, wo sie sind, waehrend sich der Vorgang nur im Gehirn abspielt. Wir vermeinen den Schmerz im Fuss zu empfinden, spueren ihn aber im Hirn. Auch das Sehen findet nicht im Auge statt, sondern im Gehirn. Der Sehakt ist im tiefsten Sinne mental. Die Wahrnehmung ist kein Sehen, sondern ein unbewusstes Schliessen. Das, was wir die Aussenwelt nennen, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines komplexen psychologischen Prozesses. Die Prozesse der Wahrnehmung selbst sind unzugaenglich, allein die Produkte sind bewusst. Die periphere Retina empfaengt viel mehr Informationen, als ins Bewusstsein gelangen. Jedes Bild ist ein vielschichtiger Komplex der Kodierung und Abbildung. Der sogenannt materielle Gegenstand und seine durch das Bewusstsein vollzogene Aufzeichnung sind rein geistige Konstruktionen. Die Konformitaet des Konstruierten mit dem Gegenstand aber ist reine Vermutung. Die Wahrnehmung ist darum kein Beweis fuer Realitaet.

Unsere Wahrnehmungen erfolgen ueber die Vermittlung eines konzeptuellen Schemas und sind vorgeordnet. Wir sind auf Wahrnehmungstypen, wie etwa Gegenstaende, Formen oder Farben eingestellt. Allein schon der Wahrnehmungsprozess ist ein Akt logischer Typisierung. Schon die einfachste Perzeption ist kategorial vorgeformt. Beobachtungen sind immer schon Interpretationen. Beobachtungsbegriffe sind nicht nur theoretisch geladen, sondern zur Gaenze theoretisch. Schon das einfachste Beobachten ist denkstilbedingt. In der Wahrnehmung operieren wir mit einer nuetzlich-pragmatischen Perspektive, die in Wirklichkeit gar nicht existiert. Wir nehmen die Dinge nicht einfach wahr, sondern benuetzen unseren Denkapparat, um sie zu interpretieren. Es gibt keine uninterpretierten Tatsachen. 

Der verarbeitende Verstand

Die Wahrnehmung ist nichts wirkliches, sondern ein Produkt unseres verarbeitenden Verstandes und gleichzeitig in hohem Mass eine Funktion der sprachlichen Kategorien, die dem Wahrnehmenden zur Verfuegung stehen. Wir neigen dazu, Dinge zu beobachten, deren Namen wir ohne weiteres kennen und alles andere zu uebersehen. Unsere Sprachgewohnheiten produzieren sozusagen Wahrnehmungen. Wir sehen mit unseren Kategorien und nicht die tatsaechliche Wirklichkeit. Unser Wissen von der Aussenwelt, aber auch unser Wissen von der Innenwelt bleibt immer hypothetisch. Die Naturgesetze zeugen lediglich von der psycho-physischen Beschaffenheit unseres Sinnesapparates. Die grundlegenden Strukturen der materiellen Welt sind letztlich durch die Art und Weise bestimmt, wie wir die Welt sehen, bzw. erkennen. Die Strukturen der Materie sind eher Spiegelungen der Struktur unseres Bewusstsein.

Alle Naturgesetze gelten nur in einem abegrenzten Bereich und fussen auf Voraussetzungen, die nicht ohne weiteres auf z.B gesellschaftliche Verhaeltnisse uebertragbar sind. Ein wirklich lebender Mensch ist nicht mit Naturgesetzen zu erklaeren. Alle Naturgesetze sind Menschengesetze, auf menschliche Beduerfnisse ausgerichtet. Hinter jedem Naturgesetz steht ein ganz bestimmter Zweck. Alle Zwecke aber sind subjektiv und werden nur als objektiv unterschoben. Was als Wissen behauptet wird, ist nur praktisch, d.h. es kommt lediglich darauf an, es durchzusetzen. Es ist der natuerliche und kindliche Realismus, in dem wir alle geboren sind, welcher im spaeteren Leben zum flachen Rationalismus wird und der uns als Wissende erscheinen laesst, wo wir nur Glaeubige sind. Wir glauben an die Wirklichkeit und glauben an eine Politik, eine Wissenschaft, an oekonomische oder Rechtsverhaeltnisse, wie religioese Menschen an Gott glauben.

Unser ganzes Weltbild setzt sich zusammen aus Objektivierungen, Rationalisierungen und Abstraktionen. Selbst was wir ganz konkret wahrzunehmen glauben, ist bereits ein logisches und gedachtes Gebilde. Wir objektivieren dauernd und instinktiv unsere Empfindungen. Wir haben z.B. die Empfindung rot; aber anstatt sie als etwas zu uns Gehoeriges zu behandeln, verlegen wir sie aus uns heraus, verknuepfen sie mit anderen Empfindungen und bilden so das, was wir einen Gegenstand nennen, und sagen von ihm, dass er existiert. Auf diese Weise wird das, was urspruenglich unsere Empfindung war, eine Qualitaet des Gegenstandes: der Gegenstand ist rot. Das ist die Ansicht des gemeinen Menschenverstandes, die von manchen Denkern als naiver Realismus bezeichnet wird. Der naive Realismus ist ein metaphysisches System, d.h. ein Komplex von Ansichten, der die Dinge-ansich zur Ursache unserer Empfindungen macht. 

"Gewöhnlich muessen wir etwas begreifen koennen, um seiner Existenz sicher zu sein. In der Richtung dieses Begreifen-Wollens liegt diese Substanzialisierungstendenz des objektiven Denkens, der zufolge uns alles, was existiert als Existieren einer Substanz denken muessen. Die Substanz ist aber keine Seins- sondern eine Denknotwendigkeit."(6)

"Das Rot scheint uns der Rose viel unmittelbarer eigen zu sein als ihr Duft; wir sagen daher aktiv: die Rose duftet, sie verbreitet Wohlgeruch, nicht sie ist Duft, wie wir sagen: sie ist rot."(7)

Der Wortrealismus ist deshalb eine Überschaetzung der Logik, d.h. der Aberglaube an die Substanzialitaet der abstrakten Begriffe. 

"Im taeglichen Leben koennen wir gerade das Haften an solchen Abstraktionen, das Blindwerden bei Menschen beobachten, die auf das abstrakte Denken schelten, die wenig denken, aber immerfort ihre gewohnten Abstraktionen fuer die Wirklichkeit halten."(8)

Es kann leicht festgestellt werden, dass ein Gegenstand einen Teil seiner Qualitaeten aendern und dennoch derselbe bleiben kann. 

"Dieser jetzt ausgewachsene Hund aehnelt z.B. kaum dem, was er vor vier Jahren war; dennoch betrachten wir ihn als denselben Hund. Von einem Tisch hat man die roten Farbe abgekratzt und ihn schwarz gestrichen; dennoch tragen wir kein Bedenken zu behaupten, dass es noch derselbe Tisch ist. Im Fall des Hundes sehen wir sehr wohl ein, wie wir zu dieser Überzeugung kommen. Die Menschen - das weiss ich von mir selbst, das fuehle ich unmittelbar - versuchen ihre Identitaet trotz tiefgehender Veraenderungen zu behalten. Ich erinnere mich noch ungefaehr, wie ich mit zehn Jahren ausgesehen habe, und ich zoegere nicht zu erklaeren, dass ich dieser kleine Junge war. Ich koennte eines Tages durch eine Krankheit oder einen Unfall vollkommen entstellt werden; aber ich werde immer ich bleiben. Mit anderen Worten: wenn ich glaube, dass der Hund derselbe ist, wie vor vier Jahren, so heisst das, dass ich ueberzeugt bin, er sei ein Subjekt, ungefaehr wie ich selbst eines bin. Mit einem Tisch verhaelt es sich fast ebenso. 

Bei fluechtigem Hinsehen erscheint uns der Gegenstand tatsaechlich als derselbe, als identisch mit dem, was er frueher war, und erst wenn wir ihn genauer betrachten, bemerken wir die kleinen Unterschiede, die entstanden sind: der Hund ist dicker geworden, die Politur des Tisches ist nicht mehr so frisch. Auf jeden Fall existiert die Ueberzeugung von der substanziellen Identitaet auch in Bezug auf die unbeseelten Gegenstaende. Nur ist sie schwankend, denn in diesem Falle haben wir kein sicheres Kennzeichen mehr. Welche Änderungen kann ich zulassen, ohne dass ich aufhoeren muss zu erklaeren, dass der Tisch derselbe geblieben ist? Ich waere sehr in Verlegenheit, wenn ich sie angeben sollte. Aber mehr oder weniger unbewusst teile ich die Qualitaeten des Tisches in wesentlichere, z.B. die Farbe und die Tatsache, dass er auf Rollen laeuft. Wenn ich bei der Untersuchung des Tisches finde, dass ein Kratzer, den ich frueher auf der Platte bemerkt habe, nicht mehr vorhanden ist, so werden mir Zweifel ueber die Identitaet des Tisches kommen."(9)

M. Nemo
Mauthner-Gesellschaft




Literatur:

M.Nemo, Logik des Alltags in "Geist der Revolte", Penzberg 1993



Anmerkungen:
  1. DESCARTES: Abhandlung ueber die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, zitiert bei A.N. Whitehead: Prozess und Realitaet, FfM 1987, Seite 151  -->zurück
  2. S.I. HAYAKAWA: Sprache im Denken und Handeln, Darmstadt 1966, Seite 238  -->zurück
  3. MORITZ SCHLICK: Nachwort zu H.v. Helmholtz: Schriften zur Erkenntnistheorie, Berlin 1912, Seite 160  -->zurück
  4. ERNST MACH: Analyse der Empfindungen, Darmstadt 1991, Seite 23  -->zurück
  5. F.A. LANGE: Geschichte des Materialismus, Ffm 1975, Seite 478  -->zurück
  6. FERDINAND EBNER: Das Wort und die geistigen Realitaeten, Innsbruck 1921, Seite 60f  -->zurück
  7. ALOIS RIEHL: Zur Einfuehrung in die Philosophie der Gegenwart, Leipzig/Berlin 1921, Seite 51  -->zurück
  8. G.W.F. HEGEL : "Wer denkt abstrakt?" in Werke 17, Seite 400   -->zurück
  9. Vgl. EMILE MEYERSON: Identitaet und Wirklichkeit, Leipzig 1930, Seite 337f   -->zurück
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004