Home Previous Zeitschrift 2005/09 Next Index
 

 
 
 

 

Risiko – ein vielschichtiger Begriff mit mannigfachen Verständnis- und Interpretationsproblemen

Risiko und Sicherheit tangieren einander - nicht nur im beruflichen Umfeld. 
 

Im täglichen Sprachgebrauch wird der Begriff Risiko oder mit diesem Begriff verknüpfte Termini sehr häufig aber gleichwohl unscharf und meist wenig definiert verwendet. Allein diese Unklarheit bewirkt vielerlei Missverständnisse und tatsächliche Irrtümer bei Entscheidungen.

Dabei werden Risiko-Betrachtungen für Prognosen bei wichtigen Entscheidungen bei schwierigen Fragen dringend benötigt. So sprach beispielsweise unser Finanzminister von dem „riskantesten Haushalt, den er bislang vorgelegt habe“, der Sportjournalist von einer riskanten Ski-Abfahrtstrecke, der Polizeireport spricht von riskanten Akteursgruppen, oder man bezeichnet ganz allgemein eine Mutmaßung über eine kommende Entwicklung eine riskante Prognose, wenn man mit der gemachten Aussage nicht übereinstimmt. Alle verwenden den Begriff Risiko zwar in grob ähnlicher, jedoch nicht in gleichsinniger Begriffsbedeutung. Der Minister meint die Gefahr einer erkennbaren oder einer sogar bereits sicher erkannten haushalterischen Fehlkalkulation.

Der Sportjournalist hat eine anspruchsvolle, besonders schwer zu beherrschende Sportanlage im Blick, die bei bestimmungsgemäßer Benutzung zwar hinreichend sicher benutzt werden kann, bei welcher aber unter den Herausforderungen eines Wettbewerbs im Einzelfall die Sicherheitsgrenzen überschritten werden können. Im Polizeireport ist eine Personengruppe angesprochen, die bestimmte gefahrengeneigte Aktionen gegen die Allgemeinheit ausüben könnten, wobei es keine belegbaren Beweise darüber gibt, ob und in welchem Ausmaß sie dies auch tun werden.

Bei der Aussage: „Das ist eine riskante Prognose“ ist der Aspekt im Auge, dass die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit einer Aussage äußerst gering ist. Alle Verwendungen des Begriffs adressieren vor allem zwei Elemente: Das Element einer Gefahr und das Element der Wahrscheinlichkeit des Eintritts dieser Gefahr; allerdings gibt es eine sehr unterschiedliche Schwerpunktsetzung und Gewichtung.

Schon sehr früh haben die Menschen diese Zusammenhänge erkannt, wenn sie Aussagen über Entwicklungen in die Zukunft hinein wagten. Im alten China wurde der Risikobegriff durch zwei Schriftzeichen charakterisiert. Es waren die Zeichen für Gefahr und Chance im Sinne von Wahrscheinlichkeit gemeint. In die abendländische Kultur gelangte der förmliche Risiko-Begriff dann recht viel später. Es waren wohl venizianische Kaufleute, die zu Beginn der geschichtlichen Neuzeit das Wort „riscio“ verwendeten, um die ihnen bekannte Tatsache einer möglichen Verlusterwartung ihrer Waren beim See-Handel mit fernöstlichen Ländern zu beschreiben und sogar zu bewerten. Bei besonders wertvollen Waren, wie beispielweise kostbaren Gewürzen oder Textilien war eine möglichst rationale und auch nachvollziehbare Prognose besonders begehrt.

Risiko ist demnach eine Funktion von der Gefahrensgrösse und der Eintrittswahrscheinlichkeit. R = F (G; C). Die Behandlung der italienischen Kaufleute lenkte das Augenmerk schon sehr früh auf einen Sachverhalt, der danach sehr lange – teilweise bis in die heutige Zeit hinein – vernachlässigt wurde. Eine Gefahr ist ein Wertverlust, bei welchem wiederum zwei Komponenten beachtet werden müssen: Einerseits eine mit objektivierbaren Maßstäben messbare, quasi materielle Größe wie Länge, Gewicht oder Volumen einer Ware; darüber hinaus aber die Bewertung des materiellen Produktes und seines von ihm ausgehenden Nutzen für den Käufer, den Markt oder überhaupt für die Gesellschaft. Diese Bewertungskomponente ist natürlich sehr stark subjektiv gefärbt und wurde und wird bei technischen Risikobetrachtungen als ein viel zu vages Feld gerne ausgeklammert oder gar vollends vernachlässigt. Die Gefahr hat also einerseits eine eher einfach zu handhabende, materielle Komponente und anderseits einen sehr viel komplexeren und damit schwierigeren Teil. G = F (Gm; Gou) Der amerikanische Risiko-Forscher Sandeman hat auf die ganz wesentliche Bedeutung von Gou bei der öffentlichen Debatte über Großrisiken (Kernenergie, Gentechnik, Klimathematik etc.) hingewiesen, und dieser Komponenten den Namen „outreach-faktor“gegeben. 

Der outreach-faktor spielt bei der Frage nach Akzeptierbarkeit (Akzeptabilität) und Akzeptanz von Risiken eine oft dominante Rolle. Wertefragen sind meist hochkomplex und ohne vertiefte gesellschaftliche Überlegungen nicht zu lösen. Eine der großen Hürden, die bei Risikodebatten von Wissenschaftlern sowie Technikern entstanden sind, beruhen ohne Zweifel darauf, dass die Gefahr G ausschließlich als Gm verstanden wurde. Mit großer Heftigkeit wird dann oft völlig aneinander vorbei argumentiert. 

Die Vielschichtigkeit des Risikobegriffs birgt in besonderem Maße die Fallgrube, dass es bei selektiver Betrachtung zu völlig unterschiedlichen Beurteilungen kommt. Zur Erläuterung möge ein Zylinder dienen, bei dem der Deckel rot, die Mantelfläche dagegen grün angestrichen ist. Bei ausschließlich axialer Betrachtung sieht man nur einen roten Kreis. Schaut man von der Seite, so erkennt man ein grünes Rechteck. Die unterschiedlichen Betrachtungsperspektiven ein und des selben Gegenstandes liefern gänzlich unterschiedliche Aussagen, die nicht miteinander vereinbar sind und sich krass ausschließen. Streit ist programmiert.

Jede einzelne Betrachtungsweise muss die eigene Analyse für richtig halten, da die andere Perspektive völlig ausgeblendet ist. Diese andere Perspektive wird daher als zwangsläufig fundamental falsch bewertet. Beide Aussagen sind dagegen falsch, denn es handelt sich ja weder um einen Kreis oder ein Rechteck; sondern um den oben beschriebenen Zylinder. Zur Ergründung des wahren Sachverhalts ist es erforderlich, sich in die jeweilig andere Perspektive zu begeben. Dies aber tut man nur äußerst ungern. „Ich lasse mir doch nicht mein (Vor) Urteil ausreden.“ Beim Umgang mit Risiko-Aspekten gibt es vielfältige Irrtümer dieser Art, was bei den oftmals sehr wichtigen Entscheidungen auf der Basis von Risiko-Überlegungen natürlich äußerst misslich ist. Diese hier angesprochene Ambivalenz bei Beurteilungen ist auch bei der Komponente der Wahrscheinlichkeit zu verdeutlichen.

Im täglichen Leben gehen wir oft recht unbeschwert und bisweilen mit einer geradezu schlafwandlerischen Entscheidungs-Sicherheit um. Den für uns augenscheinlich günstigen Fall halten wir für hochwahrscheinlich und entscheiden uns dafür. Das bekannte Sprichwort vom Spatz in der Hand, der besser als die Taube auf dem Dach sei, bestätigt diese Haltung. Doch Vorsicht! Es lauern unter Umständen tückische Fallstricke.

Das Beispiel des Lotterie-Spiel erläutert dies: Für den einzelnen Spieler betrachtet spricht alle Wahrscheinlichkeit gegen einen Gewinn und dennoch erzeugt das Mitspielen große Hoffnung und erfreut sich größter Beliebtheit. Die Frage warum, lässt sich nicht mit rationalen Argumenten befriedigend erklären. Die Einbeziehung irrationaler Sachverhalte und individuell geprägter Erwartungen – also insgesamt psychologische Aspekte - müssen mit einbezogen werden. Risiko-Überlegungen müssen fast immer in erheblichem Maße psychologische Sachverhalte mitberücksichtigen. Diese Erkenntnis fällt Wissenschaftlern oder Technikern nicht leicht. Die Psychologie wird, als nicht zur Sache der harten Fakten gehörend, strikt ausgeblendet. Das führt aber bei der Suche nach Akzeptanz von Risiken - was ja eigentlich meist die wichtigste Zielsetzung von Risiko-Betrachtungen ist – zu unüberwindbaren Problemen. Personen aus der wissenschaftl.-/ technischen Welt sprechen dann gern von den „unbelehrbaren Spinnern“, die man ja nicht ernst nehmen kann. Die Laien-Bürger antworten ebenso hart mit der Unterstellung, dass Technokraten „seelenlos und weltfremd“ seien. Ein schwerer Konflikt ist vorprogrammiert. Es geht dabei zu , wie in den Zylinder-Beispiel beschrieben. 

Beispiele für diese Haltung und Verfahrensweise gibt es in der realen Praxis genügend. Man denke an die Kernenergie-Debatte, an Fragen nach der Akzeptanz von Produkten oder Verfahren der Chemie. Die Diskussion über Gen- oder allgemein über Biotechnologien liefert weiteres Anschauungsmaterial hierzu. Das Einzige, was hier weiter helfen kann, ist eine faire und zugleich geschickt-kluge Kommunikation. Um im schon oft benutzten Bilde zu bleiben: Die Kontrahenten müssen lernen, sich in die Position des anderen zu versetzen. Bei vielen und vor allen Dingen konsequenzenreichen Angelegenheiten tut man sich erfahrungsgemäß mit dieser Risiko-Kommunikation erheblich schwer. Der Diskurs wird lieber mit großer Härte und in der Manier von heftigen Keulenschlägen geführt, weil jeder beteiligte Diskutant der Ansicht ist, dass hier „nicht mehr Worte sondern nur noch der Stock hilf“. Die in verschiedenen Ländern geführte Diskussion über Großrisiken zeigt im Prinzip dieses Grundmuster, wenngleich die angewandten Muster und Verfahren der Risiko-Kommunikation doch deutlich differieren können. Hier gibt es gute Gelegenheit, sich im internationalen Gedankenaustausch die Suche nach den zweckmäßigsten und wirksamsten Wegen aufzunehmen.

Diese Überlegungen lassen es angezeigt sein, einige Ausführungen über die Vielzahl der zusammengesetzten Begriffe zu machen, bei welchen der Terminus Risiko Verwendung findet. 

  • Risiko-Beschreibung, 
  • R.-Charakterisierung, 
  • R.-Psychologie, 
  • R.-Kommunikation, 
  • R.-Bewertung, 
  • Risiko-Akzeptanz 
seien hier als Beispiele aufgeführt. Es ergibt sich bei der strukturierenden Zuordnung dieser Begriffe die Frage, wie sie einander zuzuordnen sind, ob es eine Begriffshierarchie gibt und wo oder wem die jeweiligen Entscheidungskompetenzen zukommen. Ich lege hier einen Vorschlag vor, der mit der Risikobeschreibung beginnt um zur Risikoakzeptanz zu führen.

Die Entscheidungskompetenz für Fragen der Risikobeschreibung liegt sicher unstreitig im fachlichen Bereich der meist wiss.-/ technischen Sphäre. Die Entscheidungskompetenz für die Risiko-Akzeptanz ist bei der betroffenen Gruppe der Gesellschaft angesiedelt. Nach unserem Gesellschafts- und Demokratieverständnis ist dies ein Primat der Politik. Wenn auch manchem dieses Modell als zu simpel erscheinen mag, so zeigt es dennoch, welche Fehler und warum gemacht werden: Der Fachmann meint über die Akzeptanz von Risiken abschließend entscheiden zu dürfen, während sich die Laien und die Politik – meist ohne die erforderliche Kompetenz - einmischen. Auch hier ergibt sich ein Dilemma und eine Kontroverse, die überwunden werden muss. Es ist unschwer einzusehen, dass der Risikokommunikation eine zentrale Bedeutung zufällt.

In den vorangegangenen Ausführungen wurden zahlreiche und vielschichtige Ansatzpunkte für Missverständnisse erwähnt und die dazugehörigen Stolperfallen, die dazu führen, abgeleitet. Als seien es nicht schon genug, möchte ich zum Abschluss noch auf einige weitere Grundirrtümer im Zusammenhang mit einer Beschäftigung mit dem Risiko- Thema verweisen. Es sind: 

Die Forderung nach einem absoluten Null-Risiko, der Wunsch nach sowie die Behauptung der Existenz einer absolut risikofreien Alternative. Schließlich wird unterstellt, Forderungen , Wünsche, oder gar Träumereien seien völlig ohne Auswirkungen auf die Freiheit einer Gesellschaft durchzusetzen. In bildhafter Form wird die Fehlerhaftigkeit dieser Forderungen belegt. Der Begriff Risiko wird in einer stark von den Wissenschaften sowie der daraus jeweilig abgeleiteten Technik geprägten Gesellschaft zu einen Fundamentalbegriff von größter Tragweite. Allen Wissenschaftlern und Technikern sei es daher ganz besonders ans Herz gelegt, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Da es ohne angemessene Modelle für eine Risiko-Kommunikation keine Akzeptanz gibt, sollten bereit Studierende oder junge Vertreter von Wissenschaft und Technik an dies Thema herangeführt werden, damit nicht das zumeist große Engagement und der Entdecker- oder Erfinderfleiß um ihre Früchte für die Gesellschaft gebracht werden.
 

Vortragsmanuskript
für die Veranstaltung bei der BAM / Berlin am 23 07-04
Prof. Herwig Hulpke, Wuppertal
Zum Seitenanfang
 

© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 19.09.2005