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Schrift verliert ihre Hegemonie
   
Computer vermehren barocke Zeichenflut 
   
Schrift in multimedialer Umgebung ist flächig, nicht linear zu lesen
   
Die Textbrocken sind nicht kohärent
Die Bilder erhellen die Texte kaum
Multimedia-Zeichen untergraben geschlossenen Sinn
Der Bildschirm wird zum Arbeitsfeld
  
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Sprachlabor

Schriftliche Texte in multimedialen Kontexten
 

1. Schrift verliert ihre Hegemonie

Wer an Sprache denkt, denkt meist an Wort oder Schrift, also an mündliche Dialoge oder schriftliche Texte. Oft wird Schrift als ein sekundäres System gegenüber der gesprochenen Sprache angesehen. "Denn in der Darstellung der Verstandeshandlung durch den Laut liegt das ganze grammatische Streben der Sprache." (Humboldt 1994b:58f) So meint Saussure (1967:28), Sprache und Schrift seien "zwei verschiedene Systeme von Zeichen; das letztere besteht nur zu dem Zweck, um das erstere darzustellen". Wechselwirkungen zwischen beiden werden untersucht (ebd.28ff.; Günther/Ludwig (Hg.) 1994/1996), kaum aber zwischen gesprochener und geschriebener Sprache einerseits und anderen semiotischen Systemen anderseits.

Dafür gibt es drei Gründe. Zum einen ist es schwer, und es fehlt an geeigneten Methoden. Zweitens stieg mit der Erfindung des Buchdrucks Schrift für einige Jahrhunderte zum dominanten Kulturträger auf, demgegenüber Bild und Ton an Ansehen verloren. Und drittens hat sich in der Folge erfolgreicher Wissenschaft ein Paradigma ausgebreitet, das blind macht für unerwartete Entwicklungen. "Die normale Wissenschaft strebt nicht nach tatsächlichen und theoretischen Neuheiten und findet auch keine, wenn sie erfolgreich ist." (Kuhn 1967:79) Der Strukturalismus und seine vielfältigen Nachfolger neigen dazu, mehr in Oppositionen als in fließenden Übergängen zu denken; und derart systematisches Denken hat sich überall dort etabliert, wo Normen und Regeln über eine gewisse Weile konstant zu bleiben scheinen. 

Alle drei Gründe spielen ineinander, verstärken sich gegenseitig und nähren ein logozentrisches Vorurteil im abendländischen Denken (vgl. Derrida 1974; Brumlik 1994). Darin wird Rationalität hoch bewertet und an Sprache geknüpft, insbesondere an Sprache in schriftlicher Form. Bilder gelten demgegenüber tendenziell als primitiv (vgl. z.B. Postman 1983:87f).

Hinter dem Rücken der Schriftgelehrten haben sie dennoch die Macht ergriffen. Denn die Wirklichkeit bewegt sich schneller als das Nachdenken über sie. Zeichen wuchern, heute mehr denn je. Wenig Räume gibt es ohne Zeichen, und unter den Zeichen sind reine Wort- oder Schriftkomplexe selten geworden: altmodisch oder elitär. Das unbefangene Ohr hört Wörter immer häufiger im Zusammenhang mit musikalischen oder anderen akustischen Zeichen oder auch nur noch als deren untergeordnete Elemente. Der unbefangene Blick trifft im Alltag fortwährend auf Text-Bild-Kombinationen vielfältiger Art, sei es auf Hinweistafeln, Werbeplakaten, Verpackungen, Bildschirmen oder in Schaufenstern, Zeitschriften, Tageszeitungen und mehr und mehr auch in Büchern. 

Zuerst unterminierten die klassischen Massenmedien die Macht der Schrift: Rundfunk und Fernsehen brachten "das Zeitalter der ,sekundären Oralität'" (Ong 1987:136). Man braucht heute nicht mehr gründlich lesen und schreiben zu können, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben (vgl. z.B. Postman 1983:94f). Die Talkshow genügt. Dann diversifizierte das System der Massenmedien; heute gehört jede Plastiktüte und jedes nicht sehr teure Kleidungsstück dazu. Schrift ist keineswegs überflüssig geworden, im Gegenteil wird täglich immer mehr gedruckt, geschrieben und gelesen. Doch sie verliert ihre vormalige Selbständigkeit, wie wir sie aus dem prototypischen Buch, dem langen Schulaufsatz, der frühen Annonce oder dem hergebrachten Geschäftsbrief kannten und teils auch noch kennen. Meist gehen Schriftzeichen heute in komplexe Zeichengebilde ein. Werbefilme, Plakate und Texte an Waren sind Schrittmacher dieser Bewegung. Doch selbst in ehemals rein schriftlichen Texten wie etwa Geschäftsberichten, Gebrauchsanweisungen oder Lateinbüchern spielen Grafik und Textdesign eine wachsende Rolle. Und das zunehmend auch flüchtig gesprochene Wort, Töne, Geräusche, stehende und bewegte Bilder tragen immer größere Teile gesellschaftlicher Selbstverständigung. Schrift war nur für eine kurze Zeitspanne das dominante und gegenüber anderen Zeichensystemen weitgehend autarke Medium abendländischer Kultur. 

Diese Differenzierungen im Zeichengebrauch waren von technischen Entwicklungen getragen und von gesellschaftlichen Interessen genutzt. Foto, Film, Fernsehen, verschiedene Tonaufzeichnungsverfahren und Vierfarbdruck rationalisierten und industrialisierten die Produktion optischer und akustischer Zeichen, so wie es der Buchdruck vorher mit Schriftzeichen erlaubt hatte. Gleichzeitig wandelte sich die Öffentlichkeit von einer vornehmlich bürgerlich aufklärenden (vgl. Habermas 1962) zu einer immer mehr massenhaft Aufmerksamkeit heischenden (vgl. Franck 1993).

Das neue Medium Computer bringt einen neuen Entwicklungsschub. Die Integration vormals eher getrennter Zeichensysteme wird noch einmal verstärkt und beschleunigt. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit könnte in andere (auch demokratischere, Verantwortung teilende) Richtungen verlaufen. In den letzten zehn Jahren wurde der Computer zur semiotischen Universalmaschine entwickelt. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte kann ein und dasselbe Gerät alle technisch vermittelten Kommunikationsformen tragen. Schon eine einfache Computeranlage für weniger als viertausend Mark vereint die herkömmlichen Funktionen von Schreibmaschine, Radio, CD-Player, Fernsehen, Telefon, Faxgerät, Vierfarbdrucker u.a. mit neuartigen Kommunikationsformen wie e-mail, Hypertext und Internet. Die klare Trennung von Individual- und Massenkommunikation wird verwischt und obsolet. Wie Menschen damit umgehen werden, ist genauso offen, wie die Nutzung von Buch und Massenmedien offen war und teilweise noch immer ist. 

Im folgenden konzentrieren wir uns auf die Position, die schriftliche Texte in multimedialen Kontexten im Medium Computer einnehmen. Wie verändert sich die Rolle der Schrift? Welche neuen Textsorten und Zeichenkomplexe entstehen? 

2. Computer vermehren barocke Zeichenflut 

Betrachten wir einen Computerbildschirm im Herbst 1996. Er zeigt ein ganz anderes Bild als ein typischer Computer der fünfziger Jahre (hauptsächlich Ziffern), sechziger Jahre (hauptsächlich Programmtext) oder siebziger Jahre (hauptsächlich fortlaufende Texte in natürlicher Sprache).

Das ist kein herkömmlicher Text, sondern barocke Zeichenflut. In der schwarz-weißen Druckwiedergabe fehlen Farbe, Ton und Bewegung. Auf dem farbigen Computerbildschirm ändert sich das Bild teils von allein, teils aufgrund der mausübertragenen Aktionen des Benutzers. Automatisch bewegen sich Filmbilder, einzelne Felder blinken. Und dazu hören wir Sprache, Geräusche und Musik. Der Benutzer kann an zahlreichen Stellen eingreifen, Programme und Fenster öffnen oder schließen, Text eingeben und vielfältige maschinelle Operationen in Gang setzen. Der Bildschirminhalt kann auf ein einziges Element zurückgeführt oder um beliebig viele neue Elemente erweitert werden. 

Unsere unwiederholbare Momentaufnahme umfaßt acht Hauptbestandteile mit zahlreichen Unterelementen. (1) Die oberste Zeile enthält ein Warenzeichen, drei einzelne Substantive und ein Verb im Infinitiv, vier Ziffern als Uhrzeitangabe, ein Fragezeichen-Logo und ein Programm-Icon. Auf jedes einzelne dieser Elemente kann man mit der Maus klicken, meist mit der Folge, daß sich zusätzliche Fenster mit kurzen Wort- oder Textzeilen öffnen, durch deren Anklicken sich der Rechner weiter bedienen läßt (wie in unserem Beispiel unter "Einstellungen"). (2) Im Beispiel hat der Benutzer an dieser Stelle unmittelbar zuvor auf das Wort "Voreinstellungen" gezeigt mit der Folge, daß sich hier eine Sprechblase mit erklärendem, elliptischem Kurztext als situationsbezogen reduzierte Gebrauchsanleitung öffnete. (3) Der größte Teil des Bildschirms wurde, obgleich von anderen Programmen noch überlagert, von dem Internet-Browser "Netscape" gefüllt, also einem Programm, das nach Anweisung Informationen aus dem World Wide Web auf den Rechner holt. (a) Dabei wird das obere knappe Fünftel der Bildschirmfläche mit einem Standard-Layout gefüllt, das einzelne Wörter, Fragesätze, teilweise beschriftete Piktogramme sowie Buchstaben und Zeichenfolgen zur Bedienung des Programms durch Anklicken umfaßt. (b) Die unteren vier Fünftel enthalten das angesteuerte Informationsangebot aus dem Internet. Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine Teilseite der Rundfunk- und Fernsehstation MSNBC mit dem Firmenlogo, anklickbaren und nicht anklickbaren Einzelwörtern, presseähnlichen Schlagzeilen sowie einem Foto. (c) Die unterste Zeile enthält ein Icon, zwei Wörter zum Programmstatus und ein mit Fragezeichen versehenes stilisiertes Bild eines Briefumschlags, durch dessen Anklicken ein Programm zur Verwaltung von elektronischer Post (e-mail) geöffnet würde.

Dieser bewegliche Hintergrund ist in unserer Momentaufnahme von fünf weiteren Programmfenstern überlagert. (4) Unten links läuft das aktuelle Fernsehprogramm (im Bildschirmfoto aus technischen Gründen nur als schwarze Fläche zu erkennen) mit Ton und mit einigen Bedienungselementen aus Texten, Ziffern und stilisierten Grafiken. (5) Oben rechts bietet ein virtueller Taschenrechner seine Dienste an. (6) Darunter liegt ein Programm, das algebraische Formeln in Kurven übersetzt. (7) Weiter unten sehen wir beschriftete Teile eines virtuellen CD-Spielers (8) und rechts schließlich ein kleines Fenster einer traditionellen Textverarbeitung, in das gerade fortlaufender deutscher Text eingegeben wurde.

Alle diese acht Hauptbestandteile können auf unterschiedliche und meist vielfältige Weise bedient werden. Ein Teil der Zeichen in unserem Bildschirmbeispiel dient lediglich zum Anschauen (das Foto und der Fernsehfilm), zur Lektüre (der Sprechblasentext) oder zum Produziertwerden (der Text im Textverarbeitungsfenster). Ein weiterer Teil der Zeichen dient hauptsächlich als Bedienungselement. Text und/oder Bild funktionieren hier wie Knöpfe an einem herkömmlichen (z.B. mechanischen) Gerät, so etwa die Tasten auf dem abgebildeten CD-Spieler. Und eine letzte Gruppe von Zeichen schließlich vereint beide Funktionen. Diese Zeichen sind pragmatisch doppeldeutig: sie können gelesen und geschaltet werden, sind Zeichen und Taste zugleich. Das gilt beispielsweise für die Überschriften ("Israel braces..."), deren Anklicken weitere Informationen (Texte, Bilder, Filme) von der Radiostation auf den Bildschirm holt.

Die technischen Möglichkeiten elektronischer Datenverarbeitung haben die Kommunikationsarten der herkömmlichen Medien im Computer zusammengeführt. Manuskript, Brief, Schreibmaschine, Buch, Foto, Film, Rundfunk, Fernsehen, Telefon, Fax und andere Kommunikationsgeräte und -formen bleiben zwar neben dem Computer bestehen, weil ihre anderen materiellen Grundlagen andere Benutzungsformen nach sich ziehen, die als gewohnte, längerlebige oder bequemere bevorzugt werden. Die Funktionen aber, die sie ausüben, kann der Computer sämtlich übernehmen, wenn auch in anderer (flexiblerer, weil elektronischer) Gestalt. Neue Kommunikationsweisen und -formen (wie Internet und Hypermedia) kommen hinzu. Die klassische Trennung zwischen Individual- und Massenmedium schwindet, Informationsmengen und Übertragungsraten können bei vergleichsweise geringen Kosten unbegrenzt steigen, und die verschiedenen semiotischen Kanäle können ungetrennt alle zugleich bespielt werden.

Damit beschleunigen Computer eine abendländische Entwicklung, die schon die letzten Jahrhunderte prägte. Erst langsam, dann immer schneller wurden immer mehr Zeichen erzeugt, verteilt und wahrgenommen; zuerst in wenigen getrennten Kanälen (gesprochenes Wort, gemaltes Bild, geschriebener Text), dann mit immer mehr und zunehmend integrierten technischen Mitteln (Foto, Stummfilm, Farbfernsehen etc.). Die Taktfolge der Neuerungen wird immer kürzer und hat die Lebensdauer menschlicher Generationen längst überholt, inzwischen schon im Faktor 1 zu 5 oder 1 zu 10. Auf diese Weise werden nicht nur immer mehr, sondern auch immer komplexere und flüchtigere semiotische Gebilde vervielfältigt. Zeichen wuchern immer rasanter und massenhafter.

3. Schrift in multimedialer Umgebung ist flächig, nicht linear zu lesen

Aus diesem großen Bereich menschlicher Kommunikationsgeschichte betrachten wir hier nur die aktuellen Folgen für den Status geschriebener Texte. Nicht jeder Computerbildschirm sieht so aus wie in der obigen Abbildung. Neue Medien können wie alte benutzt werden; hergebrachte Kommunikationsweisen (wie in der Verwendung des Computers als besserer Schreibmaschine) bleiben bestehen. Aber wir können an diesem Beispiel prototypische, wegweisende Entwicklungen studieren.

Der ungeübte Blick erkennt ein Durcheinander. Schrift- und Bildzeichen verschiedenster Art und Größe scheinen wahllos über die Fläche verstreut. Kompositionsregeln sind nicht auszumachen. Ob und wie Texte und Bilder sich aufeinander beziehen, erscheint höchst fraglich, wenn man von Ausnahmen wie dem als "Home" beschrifteten Bild eines Hauses oben links absieht. Der unerfahrene Leser findet sich in der Lage eines kleinen Kindes: von Zeichen umstellt, hinter denen sich Rätsel verbergen.

Das Kind wie jeder gutwillige Leser ahnt und sucht Sinn. Der Erwachsene gleichwohl wendet sich leicht unwirsch ab, wenn sein hergebrachtes Regelsystem nicht funktioniert. Gehen wir den mühseligeren und lustvolleren Weg. In der Schule haben wir Schrift, kaum aber Bilder zu lesen gelernt. Deshalb, und auch als Philologen (Freunde des Wortes), konzentrieren wir uns zunächst auf die Schriftzeichen. Ein bi- oder trilinguales Gemenge aus (a) englischen und (b) deutschen Wörtern, Worten und Sätzen sowie (c) allerlei Abkürzungen, Ziffern und Kombinationen aus Buchstaben und typographischen Zeichen tritt uns entgegen. Wie entziffert man das?

3.1 Die Textbrocken sind nicht kohärent

Von herkömmlichen schriftlichen Texten sind wir Ganzheit und innere Geschlossenheit gewohnt. Einen Brief, einen Aufsatz, einen Roman lesen (und oft auch schreiben) wir schön der Reihe nach von links oben nach rechts unten, folgen einem klar gegliederten Geschehen, einer Handlung oder einem Ziel. Die aristotelische Einheit von Ort, Zeit und Handlung und der gegliederte Aufbau nach Anfang, Mitte und Schluß waren oft auch Leitbilder vieler Alltagstexte. Ganzheit war eine Zeitlang geradezu ein Kriterium von Sinn. Besonders klar galt und gilt das nach herkömmlicher Lehre für die Lektüre belletristischer Texte, deren "Bedeutungsfülle [...] das Sinnganze des Lebens vertritt" (Gadamer 1972:66). Eine Idee von Ganzheit leitet aber auch das Verständnis vieler profaner Texte. Deshalb sehen die meisten Richtungen der Textlinguistik "Sinnkontinuität" (Beaugrande/Dressler 1981:88), nämlich einen kontinuierlichen Sinnzusammenhang ("Kohärenz") als "das dominierende Textualitäts-Kriterium" an, das also Texte von Nicht-Texten unterscheide (z.B. Vater 1992:65).

Solchen Bedingungen genügt auf unserer Bildschirmseite überhaupt kein einzelner Text und das gesamte Zeichengewirr schon gar nicht. (1) Die mit fünfzehn Wörtern längste Passage, nämlich der elliptische Text in der Sprechblase, ist prädikativ wie die von Wygotski (1969:329) beschriebene innere Sprache, "auf Kosten der Auslassung des Subjekts und der dazugehörigen Wörter". Er macht nur Sinn, wenn man ihn als informierenden (nicht anleitenden) Teil einer Gebrauchsanweisung für die unterste Zeile im Pull-down-Menü "Einstellungen" versteht, auf die er sachlich referiert und, damit man eben das erkennt, optisch (als Sprechblase) zeigt. (2) Der zweitlängste Text (im Textverarbeitungsfenster unten rechts) enthält zwar einen kompletten Hauptsatz und hat auch einen typischen Textanfang, in dem nämlich das Referenzobjekt ausdrücklich zur Sprache gebracht wird ("Auf dieser Bildschirmseite"). Er ist aber noch nicht fertig formuliert, und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Dieser Text könnte ähnlich fungieren wie die kurze Bildunterschrift in einem klassisch illustrierten Buch; er könnte ebensogut aber auch die Einleitung zu dem Aufsatz werden, den Sie gerade lesen.

(3) Herkömmlichen Textsorten am nächsten kommt noch die halb verdeckte Gruppe der vier unterstrichenen Schlagzeilen in der Mitte der Seite ("Israel..."). Freilich werden die zugehörigen Texte (bzw. Filme) erst sichtbar, wenn man die Schlagzeilen anklickt. (4) Analoges gilt für die beiden englischen Fragen oben links im Bild. Klicken steuert das turn taking (den vermeintlichen "Sprecherwechsel"; vgl. Levinson 1990:295ff): so erhält man die Antwort auf eine Frage, die man selbst gar nicht stellte. (5) Das Wortcluster "TV Sendungen vormerken..." ganz oben scheint grammatischen Zusammenhangs fast zu entbehren (was der fehlende Bindestrich unterstreicht) und der Pivot-Grammatik der frühen Kindersprache zu folgen (vgl. z.B. Szagun 1980:29-33,68-71). Leicht erraten wir aber, daß man hier offenbar Fernsehsendungen vormerken kann, um rechtzeitig an ihre Ausstrahlung erinnert zu werden. (6) Ähnliche, wenn auch vagere Schlüsse werden wir bei den vier Einzelwörtern in den folgenden Zeilen ziehen und uns durch die drei Punkte eingeladen fühlen, durch Anklicken mehr zu erfahren. Überhaupt scheint es so zu sein, daß wir einfach ausprobieren, was wir nicht verstehen. Wie das sprechenlernende Kind unbekannte Wörter ahnungsvoll erfragt oder erprobt, klicken wir attraktive Wörter an und sehen, was passiert. Das funktioniert bei vielen, wenngleich nicht allen Einzelwörtern auf dieser Bildschirmseite. (7 & 8) Die restlichen Textstücke der Seite sind fachsprachliche Einzelwörter sowie Abkürzungen, Ziffern und Zeichenfolgen, die allesamt der Bezeichnung technischer Funktionen oder Adressen dienen.

All das ist nicht nur als Ganzes nicht kohärent, sondern auch in jedem seiner einzelnen Bestandteile nicht. Einen wie auch immer gearteten kontinuierlichen Sinnzusammenhang wird die noch so bemühte bloße Lektüre jedenfalls nicht finden. Technik scheint vor Sinn zu gehen. Es wird weniger gelesen als vielmehr geblickt und geklickt.

Derart unübersichtliche Sinngestalt sind wir nicht nur aus klassischen Textsorten (wie etwa Briefen, Erzählungen und Zeitschriftenartikeln) nicht gewohnt, sondern auch aus sämtlichen anderen Sorten geschriebener Texte nicht, die in unserem Alltag eine Rolle spielen, auch wenn man seltener darüber nachdenkt (wie etwa Telefonbücher, Fahrpläne, Kataloge und Formulare). Vielleicht sollten wir also mehr auf die Bilder und Töne achten?

3.2 Die Bilder erhellen die Texte kaum

Schließlich gibt es, seit überhaupt geschrieben wird, viele Botschaften, die nur durch die Beziehung von schriftlichem Text und zugehörigem Bild einen Sinn erhalten. Oft dienen Bilder ja als virtueller Ersatz für die nicht wirklich vorhandene Situation, und der Text referiert dann nicht unmittelbar auf die Wirklichkeit, sondern indirekt über deren Abbild (wie etwa bei Stadtplänen). Oder ein Sinn wird erst durch ästhetisierende Komposition von Bild und Text erzeugt (wie etwa bei Werbeplakaten).

Freilich kommen wir auch auf diese Weise bei unserem Beispiel kaum weiter. (1) Das große, zur Hälfte verdeckte Foto ist eine Illustration zur ersten Schlagzeile (was man nur bei entsprechendem Vorwissen erkennt, weil anders als bei Zeitungen das Seitenlayout keine äußere Hilfe gibt) und erhellt deren Sinn nicht weiter. (2) Der im Bild nachempfundene Fernsehapparat unten links und der CD-Spieler unten rechts lassen deren fachsprachliche Aufschriften verstehen, sofern wir die Geräte aus dem wirklichen Leben kennen. Freilich referiert der Text nicht auf tatsächliche Geräte außerhalb dieser Abbildungen, sondern er funktioniert als Bedienungselement der entsprechenden Programme selbst, die den Computer zum Fernseher bzw. CD-Spieler machen. Diese Text-Bild-Kombinationen sind also eindeutige Metaphern, die das neue als altes Medium erscheinen lassen ("Das metaphorische 'ist' bedeutet zugleich 'ist nicht' und 'ist wie'; Ricur 1986:10). Sie wollen weniger als Sinn verstanden, sondern vielmehr als technische Funktion bedient werden. (3) Analoges gilt für den simulierten Taschenrechner oben rechts im Bild. Vielleicht weil er ein viel einfacheres Gerät darstellt als Fernseher und CD-Spieler, zudem den multifunktionalen Computer auf seine ureigensten Ursprünge zurückführt und nur mit Ziffern und den arithmetischen Zeichen für die Grundrechenarten beschriftet ist, trägt er als einziger noch seine Gattungsbezeichnung "Rechner" als Aufschrift. Name und Sache sind, wiederum wie in der frühkindlichen Vorstellungswelt, kaum getrennt ("Auf dem Niveau, wo das Kind die äußeren toten Gegenstände belebt, materialisiert es dafür das Denken und die geistigen Phänomene"; Piaget 1975b:322). (4) Eine weitere Gruppe von Bildern (nämlich in der Bedienungsleiste des Netscape-Programms oben links in der Abbildung) übersetzt die Bedeutung einzelner Wörter in Bilder und hilft so dem Analphabeten oder der rechten Hirnhemisphäre. Wer das Wort nicht versteht, hält sich ans Bild; ebenso umgekehrt. Insbesondere "Home" mit dem zugehörigen Bildchen erinnert an Grundschulfibel, Anlauttabelle oder der ersten Fremdsprachenlektion. Wort und Bild bezeichnen dasselbe auf zweierlei Weise. Syntax entfällt. Semantik ist hier Pragmatik, nämlich technisches Handeln. (5) Die restlichen Bildelemente unseres Beispiels stehen ohne Text da und machen auch einen eher verspielten Eindruck. In allen vier Ecken soll Spielzeug drin stecken: Apfel, Antenne, Schlüssel und Briefumschlag mit Fragezeichen - wie Türchen am Adventskalender laden sie ein, dahinter zu schauen. Irgendwelche Texte erhellen sie jedenfalls nicht.

Wir beginnen zu ahnen, daß das vielgestaltige Zeichenkonglomerat sich auf anderen Wegen lichten könnte als in der erwachsenen Suche nach Sinnkontinuität, wie wir sie in der logozentrischen Tradition abendländischer Schriftgelehrter gelernt haben. Metaphorische Nachahmung, symbolisches Spiel und magischer Traum scheinen uns auf sprachliche Schichten zu führen, die kindliche Neugier tragen, in profanen Alltagstexten sonst aber kaum zutage treten.

3.3 Multimedia-Zeichen untergraben geschlossenen Sinn

Ähnliches gilt für die Töne. Entweder begleiten sie mit oder ohne Zusammenhang das Bild wie in alten Medien (so im Fernsehprogramm, das in dem auf der obigen Abbildung schwarzen Fenster unten links abläuft). Oder sie stehen als Musik für sich allein (so beispielsweise, wenn man den CD-Spieler unten rechts betätigt). Oder sie wiederholen geschriebenen Text (im Beispiel erst nach Anklicken der vierten Schlagzeile). Oder schließlich sie dienen eher spielerischer Untermalung (etwa bei Fehlbedienung irgendeines Programmteils).

Multimedia-Zeichen weisen jedenfalls nicht die Kohärenz auf, die wir von schriftlichen Texten gewohnt sind. Die Frage nach innerer Ganzheit, die durch einen kontinuierlichen Sinnzusammenhang gestiftet werde, mag klassischen geschriebenen Texten angemessen sein. Vielleicht lädt das Medium Schrift mitsamt den sie tragenden Institutionen (Schule, staatliche Verwaltung u.a.) Verfasser erst dazu ein, Texte als in sich abgeschlossene Ganzheiten zu erzeugen, die sie sonst gar nicht gesucht oder erstrebt hätten. (Immerhin unterstellt eine abweichende Lehre gerade schriftgebundener Belletristik, daß sie über formale Sinnkonsistenz und inhaltliches Sinnziel eine "fiktive Befriedigung von Sinnbedürfnis" schaffe, die das wirkliche Leben nicht biete; vgl. Enzensberger 1977:61.)

Wie immer Sinn in früheren Epochen erzeugt wurde - heute steht man Sinnangeboten, die in sich geschlossen sind, eher skeptisch gegenüber. Massenmedien und Neue Medien multiplizieren und diversifizieren die Sinnproduktion derart ins Uferlose, daß alles möglich ist. Die großen Erzählungen der Vergangenheit sterben aus oder werden kleine neben unendlich vielen anderen. Und das hat Folgen für die Form der Zeichen. Wo alles möglich ist, wird Einheit machtlos. Lyotard (1986:14-16) zufolge löst das "Veralten des metanarrativen Dispositivs der Legitimation" auch sprachliche Homogenität auf. "Wir bilden keine sprachlich notwendigerweise stabile Kombinationen, und die Eigenschaften derer, die wir formen, sind nicht notwendigerweise mitteilbar." Eine "Pragmatik der Sprachpartikel" entstehe, und wir müssen lernen, "das Inkommensurable zu ertragen".

Die Auflösung schriftgetragener Einheit hin zu immer komplexeren Gemengen von Zeichenfragmenten vollzieht sich über Massenmedien und geht einher mit zunehmender Integration aller semiotischen Mittel und Kanäle. Was immer technisch möglich ist, wird semiotisch sogleich ausgenutzt. Lange Jahre spielten Werbefilme die Vorreiterrolle (Kloepfer/ Landbeck 1991). Jetzt sind die neuen elektronischen Medien und besonders das Internet an die Spitze der Avantgarde getreten.

So griff die Frage nach Kohärenz nicht weit genug. Gemessen an der Komplexität des Gegenstandes ist sie altmodisch-beschränkt. Schriftliche Texte in multimedialen Kontexten und auch diese selbst können zwar im hergebrachten Sinne kohärent sein (alles ist möglich), sind es typischerweise aber nicht.

3.4 Der Bildschirm wird zum Arbeitsfeld

Vielmehr sind sie inkohärent, flüchtig, beweglich, experimentell und offen. Die abgebildete Beispielseite war, ganz im Gegensatz zu schriftlichen Texten, so einmalig und unwiederholbar wie mündliche Gespräche. Schriftliche Texte sind (gewöhnlich) situationsunabhängig und insofern allgemein. (Ein Buch ist ein Buch.) Mündliche Gespräche können (typischerweise) nur in einzelnen Situationen verstanden werden und sind insofern individuell. (Ein Gespräch war ein Gespräch.) Multimediale Zeichengebilde am Computer (und typischerweise im Internet) nutzen allgemein verfügbare semiotische Angebote ad hoc in einem bestimmten Moment individuell aus und verändern dauernd ihre Gestalt. ("Steigen wir hinein in die gleichen Ströme, fließt andres und andres Wasser herzu." Heraklit 1986:9=B12).

Im Gespräch konstruieren Sprecher Sinn, indem sie Zeichen komponieren. In der Lektüre konstruiert der Leser Sinn aus vorgegebenen Zeichenkompositionen. Im Internet verknüpft der User beides. Er komponiert eigene Botschaften (wenn er tippt), er selegiert und kombiniert vorgegebene Zeichen zu ständig wechselnden Botschaften und Gemengen von Botschaften (wenn er klickt), und er liest sich daraus seinen Sinn zurecht (wenn er blickt). Hier wird kein Ganzes erschlossen, sondern Stücke werden zusammengestellt.

Unsere Beispielseite will also gar nicht als solche verstanden werden. Jemand hat sie für bestimmte individuelle Zwecke aufgebaut oder aus purer Lust zusammengezappt. Wir sehen eine Momentaufnahme, die nur für Millisekunden so da steht. Ihre verschiedenen Bestandteile haben unterschiedlich lange Lebensdauer. Das Fernsehbild ändert sich so schnell, daß die Momentaufnahme es gar nicht erfaßt. Die Sprechblase bleibt nur so lange stehen, wie der Nutzer den Mauszeiger auf "Voreinstellungen..." hält, normalerweise also vielleicht zwei Sekunden. Die digitale Uhr in der obersten Zeile rechts ist so eingestellt, daß sie jede Minute ihr Erscheinungsbild ändert (es könnte auch jede Sekunde sein). Die Ergebnisse im Rechner, im Algebra-Programm und in der Textverarbeitung hängen vom Arbeitstempo des Nutzers ab - und so fort. Auch das Gesamtbild der Seite ändert sich mit den Aktionen der Person, die vor dem Bildschirm sitzt. Jedes einzelne Programmfenster kann in seiner Größe und Position verstellt werden, hintere Fenster können nach vorn geholt, jedes Fenster kann geschlossen, neue können geöffnet werden. Selbst wenn das gleiche Fenster erneut geöffnet wird, mag dessen Inhalt unter Umständen wieder anders aussehen; zum Beispiel ändert die gewählte MSNBC-Seite (die in der Beispiel-Abbildung die größte Fläche einnimmt) ihr Aussehen alle paar Stunden.

Was also auf den ersten Blick wie ein wahlloses Durcheinander erscheint, ist in Wahrheit ein flüchtiger Moment in einem Arbeitsprozeß. Die Texte und Bilder machen nur in diesem Arbeitsprozeß Sinn. Sie sind so (in-)kohärent wie dieser. In dieser Hinsicht sind sie den mündlichen Äußerungen in schriftlosen Kulturen vergleichbar, wie Malinowski (1974:336-346) sie beschreibt. Auch wenn, anders als dort, der aktive Umgang mit Zeichen am Computer nicht unmittelbar in weitere Tätigkeiten eingebunden ist und dementsprechend viele einzelne Bestandteile auch normativ geregelt oder technisch schabloniert sind, so ist doch das Gesamtgefüge, die Struktur des gesamten semiotischen Materials "mit dem Ablauf der Tätigkeit, in die die Äußerungen eingebettet sind, unentwirrbar vermischt und von ihm abhängig" (ebd.345) Anders und stärker als bei der Lektüre schriftlicher Texte und auch anders, aber weniger stark als bei der Produktion mündlicher Rede wird dadurch die Verantwortung für Sinnkonstruktion auf die Person übertragen, die mit Zeichen umgeht.
 
 
 

Prof. Dr. Ulrich Schmitz
Essen

Quelle: Linguistik-Server LINSE


 


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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004