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SPRACHE

Verbildlichung und Sprache
 

Obschon nach deren jeweils eigenen MEDIALITÄT wesentlich getrennt, sind dennoch Sprachlichkeit und Bildlichkeit als kulturelle Modi symbolischen Handelns mehrfach miteinander verknüpft: Ergänzend, wie - alltäglich zu merken - am TV-Schirm, im Kino, auf Werbeplakaten etc. 

  • Als (wechselweise) Substitution mentaler Arbeit im (von Linguistik und Kognitionswissenschaft nicht unbedingt akzeptierten) sehr allgemeinen Verständnis der sprachlichen Metaphorik als ein 'Denken in Bildern' (METAPHERNFORSCHUNG). 

  • Als medial-hybrides Kunstwerk in der Textkollage oder im 'Künstlerbuch', das Bildnerisches und Textuelles integral vereinigt, ebenso wie die künstlerisch-bildnerische Gestaltung von Suren zur 'Dekoration' der Moscheen. Auch ist daran zu denken, dass meist das Bild durch einen Titel oder Begleittext (Bildlegende) 'benannt'/beschrieben wird und auch fast immer der Name der/s Schöpferin/s untrennbar mit ihm verbunden ist. 
Eine weitere Facette der Beziehung von Sprache/ Text und Bild ist die verbildlichte Repräsentation wissenschaftlicher Kenntnisse (VERBILDLICHUNG UND WISSEN), z.B. Isobaren in der Meteorologie. Und, nicht zuletzt, wird dieser Zusammenhang auch im Theoretisieren von Bildlichkeit, das 'Bilderlesen' ergänzend, dem Sprechen über Bilder (SPRACHE), hergestellt. 

'Gemeinsame' Metatheorie - oder die 'zusammenfassende' theoretisch formulierte Basis - der kulturellen Äußerungen ist die Semiotik. Als generelle Theorie der Zeichen und Bezeichnung gelingen damit die Beschreibung und Erklärung spezieller Verständigungsmuster in der Vermittlung und Verwendung (Herstellung, Austäusche, Interpretationen) von Zeichen und Zeichenstrukturen in den kulturellen Kontexten. Soweit dabei neben allgemeinen Theorien der Kommunikation, Information und Kognition auch auf die Medienspezifika referiert wird, sind die typischen Differenzen der Narrativität von Text und Bild (was Bilder 'erzählen'), dem Wissen (als das 'Begriff'ene) und der Wissensstrukturen etc. dar zu stellen. 

Dass dabei 'praktisch' auch akademische Disziplinarität (WISSENSCHAFTLICHKEIT) wirkt - neben historischen Entwicklungen (ZUR GESCHICHTE DER BILDLICHKEIT) und gesellschaftspolitischen Prägungen - ist evident. 

Eine bemerkenswerte Verknüpfung von Sprachlichkeit und Bildlichkeit entwickelte OTTO NEURATH mit der 'International Picture Language/ Internationale Bildersprache' (1936). Sie ist die formale Grundlage für das ISOTYPE (International System Of Typographic Picture Education) - System, einer elaborierten Form der Bildstatistik (BILDSTATISTIK UND INFOGRAFIK), die im Zentrum seiner -i nternationalen - Bildpädagogik steht und dem Credo folgt 'Was man durch ein Bild zeigen kann, soll man nicht mit Worten sagen'. 

Methodologisch nach der strukturalistischen Semiotik besteht diese Bild(er)sprache aus einer (endlichen) Menge von Bildsymbolen, den "Piktogrammen" als "visuelle Einheiten" mit eindeutiger Referenz, entsprechend dem Wörterbuch ("Isotypelexikon"). Die Einzel'elemente' können durch (ideo-) grafische Veränderungen attribuisiert und nach einer visuellen 'Grammatik' (syntagmatisch/ paradigmatisch) so miteinander verknüpft werden, dass damit Quasi-Sätze entstehen, d.h. verbildlichte Aussagen. Etabliert wird so mit der 'Piktogrammatik' eine Systematik von 'lesbaren' Symbolen, aus der unter Einbeziehung der Linearität der schriftlichen Lesegewohnheit (von links oben nach rechts unten) ganze 'Texte' gebildet werden. 

Insoweit Neurath dabei durchwegs sozialwissenschaftliche Themen abhandelt, ist die ISOTYPE-Sprache pädagogisch eine 'Sprache' des argumentativen Übersetzens; ein Medium der Vermittlung von (Herrschafts-) Wissen an Laien, die Wissenschaftssprache nicht verstanden, bisweilen sogar die eigene Alltagssprache kaum lesen konnten. 
 
 

Dr. Peter Bettelheim

 
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 07.11.2004