Home Previous Zeitschrift 2002/04 Next Index
 
  Inhalt:
 
 
 
Autor

 

Sprache der Technik

"Alle technischen Sprachnormungsbestrebungen sind auf sogenannte 'Eindeutigkeit' aus." 

Alle Schriftsprachen sind Kunstsprachen durch Vereinbarung und Konvention. Allzu leicht wird über der Dunkelheit der Sprachanfänge und der geheimnisvollen, überindividuellen Weisheit, die in der Sprache sich als der leibhaftige objektive Geist offenbart, übersehen, daß Sprache auch ein logisch rationales Gebilde ist. Die Sprache raunt nicht nur, sie denkt auch, und die sie sprechen, denken in ihr. Sie ist ein Begriffssystem. Man könnte paradox sagen, in der Sprache sei das Entscheidende nicht das einzelne Wort, sondern das, was zwischen den Wörtern ist. Selbst wenn man von der Geschichte der Wörter absieht, die nicht nur Entwicklung ihrer Lautgestalt, sondern auch ihrer Bedeutung ist, wenn man also die Sprache in einem gegebenen geschichtlichen Moment als etwas Fertiges nimmt, ergibt sich die jedem Laien bekannte, beim Erlernen von Fremdsprachen besonders schwierige Tatsache, daß dieselbe Lautgestalt dies und das und ganz Verschiedenes heißen kann.

Zu der Vieldeutigkeit der Bedeutungen, die in einem Wort beschlossen sind, trägt der begriffliche Zusammenhang bei, in dem das Wort verwendet wird. Die Isolierung des einzelnen Stichworts der Lexika und des Worts als Gegenstandes der philologischen Untersuchung ist ein Notbehelf. Das Wort ist als Sinnträger nicht isoliert. Im Bedeutungsfeld des Satzes gibt und empfängt es Sinn. Wie dies geschieht, durch welche Art von Verknüpfungen, dies unterscheidet mindestens ebenso stark die verschiedenen Nationalsprachen voneinander wie die Verschiedenheit der Lautgestalt. Die innere Logik einer Sprache hängt auf komplizierte Weise mit ihren Wortbildungs-, Beugungs- und Satzbildungsgesetzen (Syntax) zusammen.

Der jeweilige sprachliche Gesamtzustand, der das Ergebnis überaus komplizierter sprachgeschichtlicher Entwicklungen ist, trifft nun auf die allgemeinen Tendenzen der modernen Zeit, als deren eine uns "die verwaltete Welt" gilt. Merkwürdigerweise ist die Sprache der verwalteten Welt nicht etwa eindeutiger, genauer und rationaler geworden. Die Kapitel dieses Buches haben diesen Tatbestand von verschiedenen Ansatzpunkten aus zu erhellen und zu verstehen versucht. Die verwaltete Welt bringt vielfach eine Aufschwellung und zugleich eine Entleerung der Sprache mit sich.

Der allgemeinste Grund dafür ist darin zu sehen, daß in der verwalteten Welt jedes Einzelne in künstliche Organisations- und Kommunikationszusammenhänge gestellt wird. Dinge, Vorgänge und Personen werden Fälle der Statistik und Anwendungsfälle von Verwaltung im allgemeinsten Sinne. Wörter und Wortverbindungen nehmen die Bedeutung des Stellenwerts im riesigen Ganzen jener Apparatur an, die wir als verwaltete Welt begreifen. Da die Sprache von Menschen gesprochen wird, kommen in den Sprachprägungen der Epoche all jene offenen und geheimen Machttendenzen zum Ausdruck, die in der verwalteten Welt wirksam sind. Dies aber ist der Grund, weshalb die Sprache unserer Epoche vielfach nicht nur weniger konkret, sondern auch oft weniger rational ist, als sie einmal war.

Danach wäre also das Ergebnis der Rationalisierung, die ein Grundzug des Verwaltens im umfassenden Sinne ist, neue Irrationalität? In gewissem Sinne ist es so. Aber es ist nicht die ganze Wirklichkeit. Die Welt wird verwaltbar durch technische Mittel. Von der Technik nimmt man gemeinhin mit Recht an, daß sie als Maschinen- und Kunststofftechnik die Welt, die Jahrhunderte und Jahrtausende lang nur theologisch oder philosophisch-spekulativ oder allenfalls astronomisch eine Welt war, in unsrer Epoche die One World habe entstehen Lassen. One World, inzwischen schon wieder ein fragwürdiger Begriff, weil er politisch unwirklich ist, bezeichnet doch eine moderne Wirklichkeit, verschieden von allem, was an Weltzuständen geschichtlich vorausgegangen ist. Da wir Sprachuntersuchungen treiben, sei ein kleines One-World-Vokabular in Erinnerung gebracht, das zugleich die zugehörigen Realitäten der Reflexion gegenwärtig werden läßt. Industrie, Maschine, Konstruktion, Radio, Kino (Cinema), Phono, Auto, Optik, Mechanik, Manager, Technik, Elektrizität, Energie, Atom, Nylon sind einige Beispiele. Ihnen in ihrer sprachlichen Übernationalität gleichzusetzen sind andere, obwohl es den Anschein hat, als seien sie dank der nationalen technischen Sprachnormung, die das internationale Fremdwort zu vermeiden versucht, auf die Nationalsprache beschränkt.

Wenn es deutsch statt International Television Fernsehen und Spannung statt Tension (englisch und französisch), Kernspaltung, Rakete, Hochfrequenztechnik, Rundfunk, Fernspruch, Kunstfaser, Zellwolle, Kunststoffe (statt englisch Plastics) heißt, so besteht nicht minder auch sprachlich dadurch eine weltumspannende Internationalität, daß diese Worte ihre genaue Entsprechung in allen Weltsprachen haben. Die industrielle Zivilisation ist international, und wenn auch die Sprachnormung der nationalen technischen Ausschüsse aus Prinzip auf gemeinsame Bezeichnungen verzichtet, ja sogar eher die Fremdworte langsam und mühsam ersetzt, so gibt es doch eine gemeinsame Begrifflichkeit der modernen technischen Zivilisation. Ob wir deutsch Rundfunk sagen oder Fernmeldetechnik, die englischen oder russischen Entsprechungen decken sich so genau, wie sich die Denkmodelle und die Sachen der internationalen Einheitszivilisation decken. So entsteht innerhalb der weiterlebenden nationalen Sprachen ein immer größer werdender gemeinsamer Begriffs- und Bildvorrat, dessen zugehörige sprachliche Bezeichnungen zum großen Teil nicht mehr aus dem geschlossenen nationalen Sprachsystem stammen, sondern aus der internationalen Vereinbarung - und dies trotz Rückübersetzung in nationale Sprachformen.

Nun ergeben sich hier Probleme, über die noch kaum Literatur besteht, die auch noch kaum durchdacht sind. Während nämlich die zünftige Sprachwissenschaft (WEISERBER) mit guten Argumenten darauf aufmerksam gemacht hat, daß die Technik, an deren Anfang ja auch heute Ideen, Begriffe, Entwürfe stehen, ihre Sachen gleichsam erst nach den Namen, die Maschinen also erst nach den Wörtern und Begriffen gefunden habe und sie nicht anders habe finden können, da ja Technik Geist und also Sprache ist (Nomina ante res), dürfte auf der anderen Seite der Tatbestand unbestreitbar sein, daß die vorhandene und benutzte technische Superstruktur auf der Erde durch die Sachen auch die Denkvorstellungen und Wörter genormt hat. Mögen die Teile des Automobils auch durch die Sprachnormung der nationalen technischen Ausschüsse nationalsprachlich fixiert und nur durch ein Codesystem über Grenzen vermittelbar sein, das Auto mit seinen sämtlichen Motor- und sonstigen Konstruktionsteilen normt das Denken und Sprechen der breiten Massen unseres Globus. Kühler, Vergaser, Stoßdämpfer, Differentialgetriebe, Schaltung, Ganggetriebe, Zündung, Zylinderblock, Anlasser, Schaltung -, ein fast rein deutsches Vokabular und doch ein ohne Rest übersetzbares, auf dem gesamten Globus von den Sachen her bekanntes Vokabular.

Vermutlich ist die Sprache der industriell angewandten und anwendbaren Naturwissenschaften im weitesten Sinne trotz nationalen Wortmaterials internationaler als die der theoretischen Naturwissenschaften, deren spekulative Elemente heute ja bekanntlich immer wieder an jene Grenze führen, wo aus Naturtheorie Philosophie wird. Verwaltete Welt ist nicht nur technisch organisierte Welt. Aber die technische Organisation ist eine Seite der verwalteten Welt. Und die internationale Technik hat sich längst über die Normung nicht nur der Sachen, sondern auch der Sprache verständigt. Norm heißt technisch Festsetzung. Die Technik unterscheidet zwischen Maßnormen, die alle Arten von Abmessungen zum Inhalt haben, und Qualitätsnormen. Zu den letzteren zählen die Techniker auch die Begriffs- und im engeren Sinne die Sprachnormen. Als Begriffsnormen gelten nicht nur Wörter, sondern auch Zeichen. In der technischen Zwecksprache sind Wörter und Zeichen prinzipiell gleichrangig. Als Beispiel für den Definitionsstil der technischen Worterläuterung entnehmen wir dem Band von WÜSTER den Satz "Generator ist eine umlaufende Maschine, die mechanische in elektrische Leistung verwandelt".

Die technisch-industrielle Sprachnormung wird seit dem Jahrhundertbeginn von großen Normenvereinigungen bzw. Ausschüssen, deren Namen bekannte Abkürzungsworte sind, durchgeführt. Die ASA ist die American Standards Association, die BESA die entsprechende britische Vereinigung, und DIN heißt Deutsche Industrienorm (der deutsche Normenausschuß DNA). Das definitorische Verfahren dieser Normungsträger ist dem der Juristen verwandt. Die Normen sollen die Sprache so eindeutig machen, daß die ausschließliche Zuordnung eines Begriffs zu einem Lautträger gewährleistet und keine Schwankung möglich sei. Da das Sprachmaterial der Technik zum überwiegenden Teil den herkömmlichen Sprachen entnommen ist, soll durch die Definition jene Vieldeutigkeit der Sprache ausgeschaltet werden, die geradezu das Charakteristikum von Sprache überhaupt ist.

WÜSTER führt als ein eindrucksvolles Beispiel die Geschichte des physikalischen Begriffs Spannung an, die in vier Phasen von Volta über Ohm und Helmholtz zur nunmehr endgültigen vierten Phase, da Spannung Potentialunterschied bedeutet, führt. Besonders interessant ist dabei die Feststellung, daß vor der endgültigen Konvention für die verschiedenen Begriffe Spannung auch noch eine ganze Reihe von Synonymen in Umlauf waren. Das Synonym aber ist der Todfeind der technischen Sprache. Daß dieselben oder eng verwandten Dinge durch mehrere lautlich voneinander verschiedene Wörter bezeichnet werden können, widerstreitet dem Präzisionscharakter der technischen Apparatur. Daher sind alle technischen Sprachnormungsbestrebungen auf sogenannte "Eindeutigkeit" aus.

Die Technik ist ihrem Wesen nach mathematisch eindeutig, durch Rechengrößen geschaffen und beliebig reproduzierbar. Die Serie und die Exaktheit sind Wesensgesetze der technischen Produktion. Alle technischen Verfahren und Anwendungen beruhen auf Exaktheit. Daher die definitorische Kahlheit und "Eindeutigkeit" der Gebrauchsanweisungen, Lehrbücher, Funktionsbeschreibungen.

Nun muß freilich zugegeben werden, daß alle Wissenschaft die sinnenfälligen Alltagsbegriffe seit eh und je revidiert, sie in kritisch geprüfte Begriffsgruppen einbringt und sie in gewissem Sinne reicher macht, indem sie sie in größere Zusammenhänge einordnet. Die Sprache befindet sich toto coelo in einem ständigen Prozeß vermehrter Verwissenschaftlichung. Technik und administrative Steuerung bedeuten jedoch einen neuen Einschnitt in der Sprachentwicklung, weil plötzlich nicht nur Lebenszusammenhänge, sondern auch die mannigfaltigsten Dinge der Umwelt seriell, mengenhaft und austauschbar werden. Was die Technik heute anstrebt, ist der rationelle Sprachausbau im großen. Daß man dabei das übernationale Fremdwort ausschaltet, dessen sich die technischen Amateure gern bemächtigen, zum Beispiel die Radioamateure zu Beginn des Rundfunks, geschieht aus Zweckmäßigkeit, weil man erkannt hat, daß das zweckmäßigste Wort dasjenige ist, das durch seinen Wortstamm Merkhilfen bietet, und weil man weiß, daß internationale Wortübertragung nicht automatisch Bedeutungsübertragung bewirkt, da Worte allein nicht die Sprache sind. So sind die Techniker prinzipielle Gegner der Sprachänderung, da diese Energieverlust bedeute, es sei denn, die Begriffe änderten sich und mit ihnen notwendig auch die Bezeichnungen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn sich durch Normung und trotz Normung gewisse Konkurrenzworte in verschiedenen technischen Anwendungsbereichen halten, so daß der Ruf nach dem Diktat einer obersten Normungsbehörde laut wird. So hat die Normung der Lokomotivteile die Pleuel- oder Schubstange verworfen, während in den Normblättern über die Kraftwageneinzelteile die Pleuelstange über die Treibstange gesiegt hat. Das Beispiel ist insofern instruktiv, als der alte Wortstamm bleuen d. i. schlagen kaum mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung bekannt ist (man bringt das Verb mit "blau" zusammen, womit es etymologisch nichts zu tun hat). Seit die Wortherkunft dem Sprachbewußtsein verlorenging, hat Pleuel in der Verbindung Pleuelstange einen leicht altertümlich echten, sozusagen einen Klang von romantisiertem Handwerk. Die Treibstange ist begrifflich klarer und durchsichtiger, aber auch nüchterner, ein reines Funktionswort.

Sprache ist einer jener Geistesbezirke, in denen Sinn früher da ist als Definition. Solche Sätze klingen wie prinzipieller Irrationalismus und Magie. Solange die empirisch und historisch festzustellenden Tatsachen unleugbar sind, ist es töricht, sie zu bestreiten. Erst die Dogmatisierung ergibt unbrauchbare Theorien und Anschauungen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Fortschritt und die Verbreitung wissenschaftlichen Denkens die Sprache und die Sprachen mehr und mehr mit rationalen Zweckprägungen durchsetzen und sie insgesamt rationaler machen, das einzelne Wort seiner magischen Kraft entkleiden und es stärker mit Begrifflichkeit aufladen. Aber auch die rationalste und begrifflich geklärteste Bezeichnung bleibt an das überkommene Sprachmaterial gebunden. Das Spracherbe ist nicht einmal im Esperanto auszuschalten, wenn auch in dieser erfundenen Zwecksprache die Strukturgesetze nach technischer Rationalität und Zweckmäßigkeit ausgedacht sein mögen.

Am deutlichsten wird diese Sachlage in den zahlreichen Fällen, wo die Normung neue Bezeichnungen erfindet. Ein Paradebeispiel ist die Normung der Keile, die für den modernen Maschinenbau unumgänglich geworden war, seit man aus Stahl die mannigfaltigsten Keile fertigen kann. Der Wirrwarr ungeregelter Synonyme, die natürlich Verwirrung in der Weitergabe von Maschinen bedeutete, wurde durch Normung, verbunden mit genauer Definition, ausgeschaltet. Von jeweils fünf nicht genau unterschiedenen Keilbenennungen blieb eine übrig. Die Technikerphilologen sind stolz, daß sie drei von vier genormten Keilnamen durch neue Zusammensetzungen neu gebildet haben. Die Sprachproduktion der Normer geht sogar weiter. Sie haben ein Reihe guter, sofort verständlicher neuer Wörter aus alten Wurzeln erfunden, so den Lüfter (für Ventilator) und den Erder. Das Wort Wichte ist analog zu Dichte gebildet und soll das spezifische Gewicht bedeuten.

Mag diese Kühnheit problematisch erscheinen, so sind Bildungen mit Suffixen wie der Regler, Schalter, Anlasser, Starter, Umformer Wörter aus dem Geist der Sprache, das heißt dem Geist der Ursprache. Die Neubildungen technischer Herkunft aus altem Sprachgut und -geist sind noch nicht gesammelt und gedeutet. Es ließe sich vor allem der Rundfunk samt seinem Spezialwörterbuch als Anwendungsfall nennen. Auch die Luftfahrt hat viele sprachliche Neuschöpfungen zu verzeichnen. Worte wie Raster, einrasten, Reißverschluß, -Lunker (Glasblasen in gegossenen Kunststoffen), koppeln, kuppeln, einschnappen, schallen mögen als eine zufällig zusammengeraffte Auslese dessen hier stehen, was systematisch zu sammeln und zu sichten wäre.

Aber diese Neuerwerbungen sind nicht die einzigen. Die Technik und die industrielle Produktion schaffen ein gewaltiges Arsenal sogenannten Materials, von den Rohstoffen über die Zwischenstadien der Fertigung bis zu den Endprodukten. Die industriellen Prozesse sind so vielfältig, daß es heute nicht einmal mehr den universalen Ingenieur gibt, der einen annähernden Überblick hätte. In dieser Vielfalt stecken zahllose einzelne Momente von fast absoluter Neuheit. Die Molekularstruktur der Kunststoffe ist so neu wie die physikalischen Elemente der Hochfrequenztechnik. Wenn die technischen Naturwissenschaften auch nicht Schöpfung aus dem Nichts treiben, so sind sie doch die großen Magier, die binnen hundert Jahren mehr neue Wirklichkeiten entdeckt haben als Jahrtausende zuvor. Ein neues, nämlich das technische Universum will auch benannt sein. Die Mittel der traditionellen Sprachwissenschaften reichen nicht aus, die Sprache der Technik zu durchforschen. Wir können einzelne Bildegesetze an Zipfeln zu fassen bekommen. Das ist vorläufig alles. Aber es kann dazu helfen, daß uns auch das sprachliche Phänomen deutlicher wird, das mit der Technik nicht nur in die Natur und in die Seelen, sondern auch in die Sprache eingebrochen ist und der geistigen Eroberung harrt, es sei denn, wir hätten bereits resigniert und ließen uns von der unverstandenen Technik überwältigen.

Der Ingenieur WÜSTER, den wir bereits mehrfach zitierten, hat unter den Stichworten Wortgruppenbildung, Wortzusammensetzung Materialien zusammengetragen, die einige Bildgesetze erkennen lassen. Es ist da unter anderem von den sogenannten Passungen die Rede. Der Begriff, dem Techniker geläufig, ist trotz des verwandten und deutlich herauszuhörenden Grund- und Allerweltsworts passen nicht allgemein geworden. Also ist zunächst der Begriff selbst zu erklären. Er bedeutet die durch die International Federation of the National Standardising Association festgelegten minimalen Spielräume (technisch Toleranzen genannt) an Verbindungsstellen von Maschinenteilen, zum Beispiel die auf tausendstel Millimeter festgelegte Einpassung einer Welle in die Nabe eines Rades. Von der Sache her ist hier jedem Laien einleuchtend, weshalb Paßgenauigkeit von Einzelteilen auch sprachlich genau benannt werden muß. Die Ersatzteile im weitesten Sinne des Wortes müssen genau aufeinanderpassen, soll das komplizierte Gebilde der modernen technischen Apparatur funktionieren.

Es gibt nun durch Normung festgelegte verschiedene Gütegrade und Sitze von Passung. Die Toleranz nennt man dabei die zugelassene kleine Ungenauigkeit. Für die verschiedenen genormten Gütegrade unterscheidet die Technik, geordnet nach abnehmender Toleranz, das heißt also nach zunehmender Qualität, folgende Passungen: Grob-, Schlicht-, Fein- und Edelpassung. Für die Sitze das heißt also, wie ein Teil am oder im andern sitzt - folgende nach dem abnehmenden Spiel, das heißt also nach zunehmender Passendheit geordnete Grade: Lauf- und Gleitsitz (gemeint sind Bewegungssitze) und Schiebe-, Haft-, Treib-, Fest- und Preßsitz. Beide Passungen können vereinigt sein, also Dichte und Spiel. Dann ergeben sich Benennungen wie Schlichtlaufsitz, Edelgleitsitz, Edelschiebesitz usw. Abwandlungen wie "weiter Schlichtlaufsitz" sind zugelassen. Als Grundbegriffe der Passungslehre werden genannt: Ab-, Grenz-, Größt-, Kleiner-, Nenn-, Ist, Über-, Größtüber-, Kleinstübermaß, Größt-, Kleinstspiel-, Paßeinheit, Paßtoleranz, oberes Abmaß, unteres Abmaß usf.

Diese Vokabulatur gibt mancherlei Aufschlüsse über die für technisch exakte Messungen gewonnenen sprachlichen Unterscheidungen. Von diesen technischen Meßgrößen ist es nicht weit zu den Einheiten der Verwaltung, als da sind die Sollstärken, die Nennziffern, die Kleinstkinder und die Übersollerfüllung.

Sprache der Technik und Sprache der durch Verbände gesteuerten verwalteten Welt überschneiden oder nähern sich auch in der sogenannten Akü-Sprache. Akü heißt Abkürzung. In dem Kapitel "Die Namen der Anonymität" wird die Chiffrierung als ein Moment dargestellt, das zur Ausbreitung der Abkürzungen geführt hat. Die Erscheinung hat eine zweite nicht minder kräftige Wurzel. Technische Sprache ist Zwecksprache zur möglichst eindeutigen Übermittlung von Funktionen und Funktionsträgern. Die Techniker suchen sowohl die Vieldeutigkeit der Sprachbegriffe wie auch die Vielfalt mehrerer Wörter für eine Sache (Synonyme) zu beseitigen. Sie eliminieren durch gemeinsame Anstrengung alle Bedeutungen von Spannung, bis die eine allgemein gültige von Potentialunterschied übrigbleibt.

Die Begriffsfülle, die das Wort Spannung nicht nur in der Umgangssprache, sondern etwa auch in der Psychologie oder der Ästhetik (etwa des Dramas und der Novelle) hat, bleibt, da den Techniker störend, vollends außer Betracht. Worte wie Bildung, Geist, Gnade, Erfahrung, Idee, Humor, Seele, Sinn und Sinne sind im technischen Verstande unscharfe Begriffe, weil sie eine Bedeutungsaura um sich haben und ihre begriffliche Präzision der jeweils mitgegebenen ausdrücklichen oder unausdrücklichen Interpretation, also einem subjektiven Moment, verdanken. Wo immer Sprache durch intuitives Verständnis weitergegeben wird, herrscht für die Auffassung der Techniker und wohl auch der Juristen die bare Willkür und Unsicherheit. Die Technik drängt die Sprache zur festen Konvention, zur Eindeutigkeit und zum Zeichen, also auch zum künstlichen Zeichenwort, zur Abkürzung.

Nicht eigentlich Sprache sind die zahllosen Buchstabenzeichen, deren sich die Technik bedient. Da gibt es kleine Anfangsbuchstaben für Gütegrade, die in anderen Ländern durch Ziffern bezeichnet werden. Zeichen für Begriffe wie Frequenz, Arbeit, Stromstärke, Leistung, Potential, Widerstand, Spannung, Erdbeschleunigung, Windungszahl, Kapazität stehen, mögen sie nun international genormt sein oder nicht, mögen sie Anfangsbuchstaben sein oder auf andere Weise zustande gekommene, wissenschaftlich-technische Konventionen, auf einer Stufe mit Bildzeichen, wie sie etwa die Biologie für männlich und weiblich verwendet. Die Anstrengungen der internationalen Normung haben dazu geführt, daß zum Beispiel in der Elektrotechnik eine Anzahl Buchstabenzeichen für elektromotorische Kraft, dielektrische Flußdichte, Dielektrizitätskonstante, Frequenz, Phasenverschiebung, Maße, Permeabilität, Temperatur in Celsius und absolute Temperatur einheitlich angewandt werden, obwohl die benutzten, zum Teil griechischen Buchstabenzeichen den zugehörigen nationalen Sprachbegriffen fremd sind.

Reine Zeichen sind nicht Worte. Das Wort ist auf geheimnisvolle Weise noch etwas mehr als nur ein Anschauungszeichen. Die Tendenz der Technik ist, die Sprache nur als Zeichen zu verstehen. Grundsätzlich gelten dem Techniker abstrakte Zeichen, Wörter und Zeichnungen gleich. Und doch ist es sogar innerhalb der Technik ein wesentlicher Unterschied, ob ich die Masse Masse nenne oder ob ich dafür das kleine m als Zeichen setze. Und so ist es auch nicht dasselbe, ob Abkürzungen durch reine Schrift- oder Zahlzeichen geschrieben oder gedruckt werden oder ob visuelle Abkürzungselemente durch Sprechen in Sprache zurückverwandelt werden. Nicht nur, daß die Abkürzungsworte unter die Beugungsgesetze der Sprache geraten, der bloße Umstand der Hörbarkeit eines Lautleibs macht aus den Abkürzungen, wenn nicht Sprache, so doch sprachähnliche Zwittergebilde. 
 

Karl Korn


 

Zum Seitenanfang
 

© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004