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  Inhalt:
 
1. Das Motiv: groß oder klein?

Betrachter verändert die Lage des Motivs

Betrachter ändert seine eigene Lage relativ zum Motiv 

 

2. Blickwinkel und Darstellung

natürlicher Blickwinkel

den natürlichen Blickwinkel verlassen

 

3. Informationsfülle des Bildes managen

wichtiges hervorheben

unwichtiges unterdrücken

Hintergrund entfernen

 

4. Beleuchtung beim digitalen Fotografieren

Umgebungslicht 

Halogenlicht

 

 
Streifzug: 

Digitale Fotos in der Technischen Dokumentation

Vorspann

Bei der Erstellung von Bedienungsanleitungen kommt in regelmäßigen Abständen - so alle zwei bis drei Jahre - immer wieder dieselbe Frage auf: Fotos oder Zeichnungen?

Was der einen Alternative zum Vorteil gereicht, ist der anderen ihr Nachteil und umgekehrt. Fotos, insbesondere mit Digital Kameras aufgenommen, sind schnell gemacht, können leicht weiterverarbeitet und bearbeitet werden und sind daher in ihren Erstellungskosten niedrig.

Zeichnungen sind deutlich aufwändiger zu erstellen, setzen Handskizzen voraus oder schnelle Fotos, ihre Aussagefähigkeit ist aber deutlich höher als bei Fotos. Der Grund ist offensichtlich. Fotos enthalten deutlich mehr Detailinformationen (gerade auch solche, die man im Augenblick nicht benötigt) als Zeichnungen. Schlicht und einfach, bei Zeichnungen kann man die Anzahl der Aussagen pro Bild bewusst steuern, bei Fotos nicht oder nur sehr bedingt.

Aber diesem Vorteil bei Zeichnungen, der wirklich nicht zu unterschätzen ist, steht ein immenser anderer Vorteil der Fotografie gegenüber: der Blickwinkel. Es ist nichts einfacher als die Kamera bei der Aufnahme so zu halten, wie der Bediener später in der Praxis sein Objekt, das er bedienen muss, sieht. Einem Zeichner diesen Blickwinkel zu vermitteln ist schon schwer, noch schwerer ist für den Zeichner, den Blickwinkel exakt zu treffen.

Lassen Sie uns heute so tun, als ob das Foto den Wettbewerb mit den Zeichnungen gewonnen hat, und machen wir uns zusammen ein paar Gedanken, wie wir am schnellsten und möglichst perfekt, Sachaussagen mit Fotos illustrieren können.

1. Das Motiv: handlich klein oder riesig groß ?

Der Bediener spricht von seinem Produkt, der Fotograf vom Motiv. Beide meinen dasselbe, aber jetzt wollen wir unsere Erkenntnisse aus der Sicht eines Fotografen zusammentragen. Grundsätzlich unterscheiden wir (zumindest in diesem Artikel) zwischen kleinen und großen Motiven. 

Ein kleines Motiv ist etwa eine Spiegelreflexkamera, mit der wir auch unsere Aufnahmen machen können. Wir können sie in die Hand nehmen, dabei drehen und von allen Seiten betrachten.

Ein großes Motiv ist ein Auto. Wollen wir es von allen Seiten betrachten, müssen wir außen herum laufen.

Für den Betrachter heißt dies, im Fall unserer Kamera kann er das Motiv in der eigenen Hand aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, ohne seine eigene Lage zu verändern. Im Fall des Autos muss der Betrachter seine Lage relativ zum Motiv verändern, will er einen anderen Blickwinkel auf dieses Motiv haben. 

2. Blickwinkel und Darstellung

Warum ist das nun so wichtig mit dem Blickwinkel? Ganz einfach: Bei einem kleinen Motiv versucht man immer, dem späteren Bediener die Bedienvorrichtungen (Knöpfe, Tasten, usw.) aus dem Blickwinkel darzustellen, der sich ergibt, wenn er das Produkt auf natürliche Weise bedienen will. So wird dem Bediener in der Anleitung gesagt, wie er die Kamera  in der (rechten) Hand halten soll, damit er die Bedienelemente genauso sieht, wie sie in der fotorealistischen Darstellung abgebildet werden.

Sollten einige Bedienelemente nicht in seinem Blickfeld liegen, wenn er die Kamera so hält, wie man es ihm in der Anleitung vorgeschrieben hat, dann ist mit einem Pfeil sehr leicht die Ebene zu markieren, in der sich diese Bedienelemente gerade befinden. Im nächsten Schritt kann man davon ausgehen, dass der Bediener nun die Kamera in der Hand so drehen wird, dass seine Blickrichtung mit der der Pfeilrichtung übereinstimmt. Er wird nun senkrecht auf die neue Bedienebene blicken.

Der große darstellerische Trick besteht darin, nicht mehr die gesamte Kamera aus der neuen Blickrichtung zu zeigen, sondern das alte Bild mit dem Pfeil weiter zu verwenden, und nun lediglich noch ein zweites Fenster in diesem Bild zu öffnen, das zeigt, wo sich die neue Bedienebene befindet.
 

Abbildung 1: Gesamtansicht Gesamtansicht mit Detail

Befindet sich die nächste Bedienebene diesmal unterhalb der Kamera, so machen wir entsprechend weiter. Wiederum nehmen wir das alte Bild mit der ursprünglichen Blickrichtung, richten diesmal den Pfeil gegen die Unterseite der Kamera und öffnen wiederum in diesem Bild ein neues leeres Fenster zur Darstellung der Bedienelemente auf der Unterseite. 

Der offensichtliche Vorteil dieser Methode besteht darin, dass der Bediener zu jedem Zeitpunkt beziehungsweise bei jedem Bedienschritt genau weiß, wo seine neue Bedienebene liegt. Er muss sie nun nicht mehr suchen.

Bei einem großen Motiv ist das leider nicht mehr so einfach. Wenn wir dem Bediener gerade gezeigt haben, wo und wie er das Wasser für die Scheibenwaschanlage nachfüllen muss und in einem nächsten Schritt zeigen wollen, wo der Hersteller den Wagenheber "versteckt" hat, dann wird der Bediener zwangsläufig seine erste Blickposition verlassen müssen. 

Aber wo soll er hingehen? Noch weiß der Bediener ja nicht, wo sich der Wagenheber in dem neuen Wagen genau befindet - er kann es ahnen aber er weiß es nicht genau. Wir müssen ihm also in einem Übersichtschaubild einen Hinweis geben. Nachfolgendes Bild zeigt dies prinzipiell.

Abbildung 2: Gesamtansicht mit Navigationshilfe

Das können wir in Anlehnung an die Darstellungsart mit dem kleinen Motiv ähnlich machen. Dazu nehmen wir ein kleines Bild als bloße Orientierungshilfe, das nur die Umrisse des Wagens schematisch darstellt. Mit einem Pfeil markieren wir wieder die ungefähre Stelle, von der aus sich der Bediener mit Hilfe der Anleitung zu dem Wagenheber vorarbeiten muss. Da sich der Wagenheber in unserem Beispiel im Kofferraum unter der Kofferraumabdeckung neben dem Ersatzreifen befindet, zeigen wir in unserem Übersichtschaubild mit dem Pfeil auf das Kofferraumschloss. In der Handlungsanweisung beschreiben wir dann verbal die weiteren Schritte, um zum Wagenheber vorzudringen. 

Dieses kleine Bild (die Orientierungshilfe) befindet sich zum Beispiel rechts oben in der Ecke des größeren Bildes, das den Wagenheber neben dem Ersatzreifen zeigt.
 

Abbildung 3: Detailansicht mit Navigationshilfe

Auf diese Art schaffen wir eine systematische Navigationshilfe für jede Position am und im Wagen, die wir dokumentieren müssen. Die Handlungsanweisung beginnt immer an der Stelle, auf die der Pfeil in der Orientierungshilfe deutet. Das dazugehörige Hauptbild zeigt die Endlage dessen, was wir gerade beschreiben wollen. 

3. Informationsfülle des Bildes managen

Leider liefert uns ein Foto immer mehr Informationen, als wir normalerweise gebrauchen können. Regelmäßig passiert dies, wenn wir unser Motiv komplett auf das Bild bannen wollen. Dann haben wir neben dem eigentlichen Motiv auch einen Hintergrund, den wir aber auf jeden Fall nicht gebrauchen können. Erstens lenkt er vom eigentlichen Motiv ab, zweitens nimmt er uns den Kontrast zum Motiv. Was wir haben möchten, ist im Idealfall ein weißer Hintergrund, der das eigentliche Motiv in den Vordergrund drückt.

Was müssen wir also zuerst tun? Bei einem kleinen Motiv ist das noch recht einfach. Wir stellen es auf eine weiße Unterlage und fotografieren das Motiv. Bei einem großen Motiv müssen wir oft mit dem Hintergrund vorläufig leben. Im zweiten Bearbeitungsschritt laden wir das (digitale) Bild in ein Bildbearbeitungsprogramm (zum Beispiel Adobe Photoshop 6.0) und versuchen, auf möglichst einfache Art und Weise das Motiv freizustellen.

Ist uns das gelungen, hellen wir das Motiv auf und versehen es mit etwas Kontrast. Jetzt speichern wir das Ganze ab.

Im vierten Arbeitsschritt verwenden wir einen Filter im Adobe Photoshop (Menü Filter: Stilisierungsfilter-Konturen finden), mit dem wir quasi auf Mausklick aus dem abgespeicherten Bild die Umrisse extrahieren. Dieses Bild speichern wir unter einem neuen Namen ab; es stellt unsere sogenannte Orientierungshilfe dar.

Um wichtiges hervorzuheben, haben wir verschiedene Möglichkeiten. Im einfachsten Fall markieren will die Stelle mit einem Pfeil, auf die wir die Aufmerksamkeit des Bediener lenken wollen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, den hervorzuhebenden Bereich mit einem Kreisring zu schließen. Die Farbe von Pfeil oder Kreisring steht dabei immer in Kontrast zu der Farbe ist Motivteils, das hervorgehoben werden soll. Ist das Motiv dunkel, ist der Kreis hell oder umgekehrt.

Statt den Motivteil, um den es geht, mit einem Kreisring zu markieren, können wir diesen Teil des Bildes auch einfach ausschneiden und vergrößert darstellen. Das bietet sich dann an, wenn es auf Einzelheiten in diesem Bildausschnitt ankommt. Auf diese Art und Weise haben wir das Unwichtige unterdrückt, indem wir es gelöscht haben. Das Wichtige tritt durch die Vergrößerung deutlich hervor.

Erläuternd sei vermerkt, dass die heutigen Digital Kameras mit einer Bildgröße von ca. 3 Millionen Punkten gut auflösende Bilder zulassen, sodass eine Vergrößerung der Teile von Bildern unproblematisch ist.

Nachdem alle Bilder bearbeitet sind, kann je nach Publikationsart (zum Beispiel Internet oder Print) die Auflösung der Bilder heruntergesetzt werden, um die Dateigrößen nicht ins Uferlose ansteigen zu lassen. Bilder für die Ausgabe auf Laserdruckern können wir durch das Bildbearbeitungsprogramm auf ca. 200 bis 300 dpi herunterrechnen lassen. Bilder, die für eine Veröffentlichung im Internet gedacht sind, kommen mit einer Auflösung von 72 dpi aus.

4. Beleuchtung beim digitalen Fotografieren

Die Digital Kameras haben gegenüber herkömmlichen Kameras einen großen Vorteil, was die Beleuchtung der Objekte anbelangt. Sie verkraften fast jedes Licht, im Gegensatz zu  herkömmlichen Kameras. Das bedeutet, wir können mit einem einfachen handelsüblichen Halogenscheinwerfer unsere Motive in weißes Licht tauchen, ohne uns Gedanken über die mögliche Korrektur der Farbtemperatur machen zu müssen. 

Das einzige Problem, dem wir bei einer künstlichen Beleuchtung ausgesetzt sind, ist die Schattenbildung. Deshalb ist zu empfehlen, die Lichtquelle, also zum Beispiel den Halgenscheinwerfer, in etwa so auszurichten, wie der Blickwinkel der Kamera ist. Im Idealfall verschwindet der Schatten hinter dem Motiv. Dadurch wird ein starker Kontrast zwischen dem Motiv und dem Hintergrund erzeugt, der das anschließende Freistellen des Motivs stark erleichtert. 

 

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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004