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Das Äußere der Unterlagen
      
Anleitung in Bildern
   
Die nötigen Informationen
   
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Unter der Lupe

Bedienungsanleitung für eine Armbanduhr

Swatch-Armbanduhren haben einen Ruf zu verteidigen. Mal sehen, ob die Bedienungsanleitung für eine Swatch-Armbanduhr „Skin“ dem edlen Image entspricht.

Das Äußere der Unterlagen

Gar nicht so einfach zu beschreiben, das Äußere dieses Winzlings! Kaum größer als eine Sonderbriefmarke ist die Bedienungsanleitung incl. Garantie im zusammengefalteten Zustand, aber natürlich erheblich dicker. Eigentlich müsste man richtiger von der Garantie incl. Bedienungsanleitung sprechen, denn Hinweise zur Garantie, die Garantiebescheinigung des Händlers usw. nehmen gut zwei Drittel der gesamten Papierfläche ein, die Bedienungsanleitung dagegen noch nicht einmal ein Zehntel (der Rest hat eher werbliche Funktion). Die Maße des kleinen Papierblocks: ca. 50 mm hoch, 36 mm breit und 3 mm dick. Entfaltet hat der Papierbogen die Maße 185 mm x 396 mm. Damit das zusammengefaltete Papierblatt nicht zu schnell auseinander fällt, ist es leicht verklebt; nach dem ersten Öffnen klebt die Stelle allerdings nicht mehr. Beigefügt ist noch ein separates Faltblatt mit dem Titel „Wichtig“, auch nicht größer als die Anleitung.

Anleitung in Bildern

Im Folgenden soll nur die eigentliche Anleitung interessieren. Während sich die abgedruckten Garantiebestimmungen an Leser mit insgesamt 13 verschiedenen Sprachen richten, ist die Anleitung selbst „sprachneutral“ in Bildern angelegt. Beschriftungen sind, wo nötig, in Englisch und in Französisch eingefügt (wohl in der Annahme, die Englisch- bzw. Französisch-Kenntnisse jedes denkbaren Lesers reichten zum Verständnis aus). Die Anleitung ist in Bild 1 komplett abgebildet.



Bild 1: Eine Anleitung in Bildern – reicht das?

Die Abbildungen sind als einfache Strichzeichnungen ausgeführt und die Druckqualität reicht hin, um sie „lesen“ zu können. Die Beschriftung kann dagegen Probleme bereiten: Zwar sind die Überschriften der einzelnen Bilder aufgrund der Schriftgröße gut zu entziffern (die englische Version wäre vermutlich noch besser zu lesen, wenn man sich statt eines fetten auf einen halbfetten Schnitt beschränkt hätte), aber andere Beschriftungen wie „min“, „h“ oder die Beschriftung der Batterie sind aufgrund ihrer geringeren Schriftgröße wesentlich schlechter zu lesen. 

Die nötigen Informationen

Welche Informationen muss die Anleitung für eine Armbanduhr enthalten? Natürlich hängt das davon ab, welche Eigenschaften die Uhr hat. Das Minimum sieht so aus: Der Nutzer muss die momentane Uhrzeit ablesen können, er soll in die Lage versetzt werden, die Uhr zu stellen, er muss erkennen können, ob die Uhr funktioniert oder nicht, er sollte wissen, wie er die Uhr „aufziehen“ bzw. mit der nötigen Energie versorgen kann. Falls Fehlfunktionen auftreten, muss er wissen, wie er diese beheben kann bzw. in welchen Fällen er die Uhr reparieren lassen muss. Armband und Uhr müssen eventuell gepflegt werden. Und natürlich sind auch bei einer Uhr Warnhinweise notwendig, um Beschädigungen der Uhr zu vermeiden. Bei Uhren mit weiteren Funktionen können noch eine ganze Menge anderer Punkte relevant werden. 

Vergleichen wir diese Minimalanforderungen einmal mit den gegebenen Informationen in der Gebrauchsanleitung: Die Uhr verfügt offenbar über ein gewöhnliches Zifferblatt, die Fähigkeit, die Uhrzeit abzulesen, kann also als selbstverständlich vorausgesetzt werden. 

Das erste Bild der Anleitung soll vermitteln, wie die Uhr gestellt wird. Den Stunden- und den Minutenzeiger kann der Leser sicherlich problemlos unterscheiden, immerhin folgt die Gestaltung der Uhr in diesem Punkt der Konvention. Die Beschriftung „h“ und „min“ ist somit überflüssig. Auch kann die Kenntnis zumindest des Kürzels „h“ nicht bei jedem Leser vorausgesetzt werden. 

Schwieriger ist es, die übrigen Bestandteile der Zeichnung zu interpretieren. Was bedeuten die beiden verschiedenfarbigen Punkte? Was die drei Pfeile? Befinden sich die Punkte auf der Uhr? Oder rechts daneben? Den schwarzen Punkt (oder das, was er darstellen soll) soll man wohl nach rechts bewegen. Wo bleibt dann der hellere Punkt? Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass die Swatch-Skin-Armbanduhr genauso gestellt wird wie x-beliebige andere analoge Uhren auch. Das könnte man jedenfalls mit gutem Willen auch in die Zeichnung „hineininterpretieren“.

Was die zweite Abbildung darstellt, ist nicht ganz zweifelsfrei zu erkennen. „Go/Activer“ – muss die Uhr aufgezogen oder anderweitig in Gang gesetzt werden? Nicht nur die Überschrift, sondern auch die neben dem Zifferblatt abgebildeten beiden Punkte stellen den Betrachter wieder vor ein Rätsel. Wie kann die Zeichnung zu der Uhr in Beziehung gebracht werden? Läuft die Uhr nicht vielleicht von selbst, vorausgesetzt, eine Batterie ist eingelegt?

Die restlichen vier Abbildungen scheinen einen Batteriewechsel darzustellen. Die dazugestellten Überschriften „Take off/Enlever“ und „Press in/Presser“ tragen zu dieser Interpretation übrigens nichts bei. Das Wort „Battery“ wäre in der Überschrift wohl angebracht gewesen. Eher führt die Abbildung der Batterie mit Pluspol und Beschriftung 1,55 V auf diese Fährte. Aus den Zeichnungen zu entnehmen, wie die Batterie gewechselt wird, ist möglich, aber schwierig. Das fängt bereits damit an, dass die Uhr selbst kaum zu erkennen ist. Aus welcher Perspektive wird sie eigentlich gezeigt? Wo hat man das Zifferblatt zu suchen? Und warum wurde die Uhr in der vierten Abbildung gegenüber der ersten Abbildung gedreht? Besonders wichtig ist anscheinend die Richtung der jeweiligen Bewegung. Jedenfalls lassen die übertrieben dicken Richtungspfeile dies vermuten. Interessant wäre es aber auch, zu wissen, was denn da eigentlich bewegt werden soll. Zumindest in der ersten der vier Abbildungen ist das nicht ganz klar. Was für ein Hebel wird da nach unten gedrückt? Das ist nicht zu erkennen.

Da die Uhr mit Batterien betrieben wird, vermisst man an dieser Stelle einen Hinweis darauf, wie und wo gebrauchte Batterien entsorgt werden müssen.

Über den Punkt Fehlerbehebung erfährt der Leser nichts. Sind Fehler etwa ausgeschlossen? Die umfangreichen Garantiebestimmungen lassen anderes vermuten … Immerhin enthält das Faltblatt eine lange Liste mit Kundendienstadressen weltweit.

Zur Pflege bzw. Reinigung von Armband und Uhr schweigt die Anleitung sich ebenfalls aus. Zumindest zur Pflege des Armbandes enthält allerdings das beigefügte zweite Faltblatt eine Kurzinformation: „Armband aus echtem Silber, kann auf übliche Weise gereinigt werden.“

Warnhinweise enthält die Anleitung nicht. Dass Gefahren von der Uhr ausgehen, ist tatsächlich kaum vorstellbar. Allerdings müsste auf die mögliche Umweltgefährdung durch falsch entsorgte Batterien hingewiesen werden. Durchaus vorstellbar sind Gefahren für die Uhr oder für das Armband. Zwar soll die Uhr wasserdicht und stoßfest sein (dies ist an anderer Stelle des Faltblatts vermerkt), aber wie sieht es beispielsweise aus, wenn eine leere Batterie zu lange in der Uhr bleibt? Wie unempfindlich ist das Armband? Auch die Garantiebestimmungen lassen vermuten, dass es durchaus möglich ist, die Uhr durch falsche Behandlung zu beschädigen. So heißt es dort: „Von dieser Herstellergarantie ausgeschlossen sind: (…) Schäden durch unsachgemässe Behandlung, mangelnde Sorgfalt, Unfälle oder normale Abnützung (…)“ Ein echter Warnhinweis ist in dem oben bereits erwähnten Beiblatt enthalten. Dort heißt es nämlich: „Das Uhrgehäuse darf keinesfalls in Kontakt mit dem Reinigungsmittel (für das Silber-Armband, Anm. d. Verf.) gelangen.“ Hier scheint ein echtes Risiko für die Uhr zu liegen. Der Warnhinweis ist nachdrücklich formuliert („keinesfalls“) und fett gedruckt. Wahrscheinlich ist er auch die Ursache dafür, dass noch ein zusätzliches Faltblatt beigelegt wurde. Hier liegt aber auch ein Problem: Wird überhaupt jeder dieses Faltblatt lesen? Zwar steht auf dem Blättchen „Wichtig“, aber als separates Blatt kann es andererseits auch leicht übersehen werden oder gar verloren gehen. Zudem ist trotz der recht dringlichen Formulierung des Hinweises doch versäumt worden, den Leser auf die Konsequenzen seines Tuns hinzuweisen. Was mag passieren, wenn er das Silberreinigungsmittel auf das Uhrgehäuse bringt? Welche Folgen sind zu befürchten? Der Leser, der das nicht weiß, wird vermutlich weniger geneigt sein, sich nach dem gelesenen Hinweis zu richten. Die Warnung bleibt diffus und unverbindlich.

Ulrike Grüne
Stuttgart


  
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004