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Konstituenten und Konstituententests
  
Kontextfreie Phrasenstruktur-
Grammatiken

  
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Sprachlabor

Syntax

Konstituenten und Konstituententests

Das Modell der topologischen Felder. Sätze sind nicht nur hierarchisch sondern auch bezüglich der Reihenfolge von Konstituenten strukturiert. Diese Abfolgebedingungen der verschiedenen Elemente eines Satzes lassen sich durch das sog. Topologische Feldermodell erfassen, welches die Stellung des finiten Verbs, die Verteilung von Konjunktionen und die Position von Verbargumenten und freien Angaben liefert.

Zu unterscheiden sind die folgenden topologischen Felder: 

  • Vorfeld: enthält stets nur eine Konstituente 
  • linke Satzklammer (l.S.): enthält eine Konjunktion oder das finite Verb 
  • Mittelfeld: enthält Argumente des Verbs und freie Angaben 
  • rechte Satzklammer (rS): enthält das finite Verb 
  • Nachfeld (NF): Unter bestimmten Bedingungen (welchen?) können/müssen Konstituenten hinter das in Endstelllung befindliche finite Verb bewegt werden. 
Wir gehen zunächst davon aus, daß sich in einer zugrundeliegenden Form des deutschen Satzes das finite Verb in Endstellung befindet. Fragesätze und Hauptsätze werden damit zu abgeleiteten Varianten von Nebensätzen (vgl. ob Karl der Oma beim Spaziergang die Handtasche geklaut hat.)

Die relevante Metapher für diese Ableitung liefert das Konzept der Bewegung. Wir sagen, daß im deutschen Frage- und Hauptsatz das finite Verb aus der rechten Satzklammer in die linke Satzklammer bewegt wird. Dabei hinterläßt es eine Spur in seiner Ausgangsposition. Bewegtes Element und Spur sind koindiziert. Analog dazu werden bewegte Phrasen (Konstituenten) behandelt, etwa bei der Besetzung des Vorfelds.
 

Vorfeld lS Mittelfeld rS Nachfeld
  ob Karl der Oma beim Sg die Ht geklaut hat  
  ob beim Sg der Oma Karl die Ht geklaut hat  
  ob der Oma die Ht Karl beim Sg geklaut  hat  
Karlj hati tj der Oma beim Sg die Ht geklaut ti  
[Der Oma]j hati Karl j beim Sg die Ht geklaut  ti  
[Beim Sg]j hati Karl der Oma tj die Ht geklaut  ti  
Geklautj hati Karl der Oma die Ht beim Sg tj ti  
[Die Ht. geklaut]j hati Karl der Oma beim Sg tj ti  
Werj hati tj der Oma die Ht geklaut  ti  
Wemj hati Karl tj beim Sg die Ht geklaut ti  
Wasj hati Karl der Oma beim Sg tj geklaut ti  
Wannj hati Karl der Oma tj die Ht geklaut ti  
  Hati Karl der Oma beim Sg. die Ht. geklaut ti  
  Gibti Otto dir tatsächlich dieses Buch ti  
  Gibi Otto doch dieses Buch ti  
  Machti Otto die Tür ___________________ auf- ti  
  Fängti Peter endlich zu schreiben _______ an- ti  
  weil Karl die Kuh zu melken versucht hat  
  weil Karl ti versucht hat [die Kuh zu melken]i
  weil Karl ohne abzusetzen trinkt  
  weil Karl ti trinkt [ohne abzusetzen]i
  weil Karl mehr als er verträgt getrunken hat  
  weil Karl mehr ti getrunken hat [als er verträgt]i
  weil Karl wie ein Loch gesoffen hat  
  weil Karl ti gesoffen  hat [wie ein Loch]i
  weil er den Mann, der sieben Messer hat, sieht  
  weil er den Mann ti sieht [der sieben Messer hat]i

Bei Bewegung ins Nachfeld (Extraposition) wird ebenfalls eine koindizierte Spur in der Ausgangsposition der Bewegung zurückgelassen. 

Das Modell macht deutlich, daß die linke Satzklammer i.d.R. besetzt sein muß, und zwar entweder durch eine lexikalische Konjunktion oder durch das finite Verb. Argumente und freie Angaben stehen konstruktionsabhängig (Entscheidungs-Fragesatz und Imperativsatz) im Mittelfeld. Im 'normalen' Hauptsatz (Deklarativsatz) besetzt eine Konstituente das Vorfeld. Im konjunktional eingeleiteten Nebensatz befindet sich das finite Verb in Endstellung und das Vorfeld ist unbesetzt. 

Merke: Sätze haben neben der hierarchischen KonstituentenStruktur auch eine lineare Struktur, die die Abfolge der Konstituenten festlegt. 

Auf welche Art lassen sich sowohl die Linearität als auch die Hierarchie von Sätzen beschreiben, so daß wir Repräsentation für diese strukturellen Eigenschaften angeben können? Eine geeignete Form sind Baumdiagramme: 

Sie drücken einerseits die Konstituenz aus und andererseits die lineare Abfolge.

Kontextfreie Phrasenstruktur-Grammatiken

Wie lassen sich derartige Repräsentationen erzeugen?
Eine kleine Phrasenstrukturgrammatik: 
PSR heißt Phrasenstrukturregel. PSRn bestimmen die Strukturen, die Phrasen haben dürfen. 
 

  1. PSR1: S -> NP VP 
  2. PSR2: NP -> Det N 
  3. PSR3: PP -> P NP 
  4. PSR4: VP -> V NP 
  5. PSR5: N -> Mädchen, Otto, Stuhl, ... 
  6. PSR6: Det -> das, der, dem, ein, eine, ... 
  7. PSR7: V -> liest, steht, ... 

Ableitung des Satzes Das Mädchen liest ein Buch:

S -> NP VP  (nach PSR1)
S -> DET N VP  (nach PSR2)
S -> DET N V NP  (nach PSR4)
S -> DET N V DET N (nach PSR2)
S -> Das N V DET N  (nach PSR6)
S -> Das Mädchen V DET N (nach PSR5)
S -> Das Mädchen liest DET N  (nach PSR7)
S -> Das Mädchen liest ein N (nach PSR6)
S -> Das Mädchen liest ein Buch (nach PSR5)

Durch die jeweiligen Ersetzungen rechts der Pfeile haben wir eine Ableitung erhalten. Die den Regelanwendungen entsprechende Satzstruktur zeigt das folgende Diagramm: 
 


Terminologie: S Satz, NP Nominalphrase, AP Adjektivphrase, PP Präpositionalphrase, VP Verbalphrase, N Nomen, Det Determinator (Artikel),P Präposition, V Verb, I INFL(ection), C 'Comp(lementizer)' (nebensatzeinleitende Konjunktion)
Die bisher besprochenen Grammatiken heien generative Grammatiken, weil sie aus einem Symbol, dem Startsymbol S, einen Satz generieren (bzw. ableiten).

Terminologie: Der Begriff 'generative Grammatik' verführt häufig zu einer Identifikation mit dem Begriff 'Sprachproduktion'. 
Eine 'generative Grammatik' ist eine formale mathematische Theorie der Kompetenz. Unter Sprachproduktion fat man die Phänomene, die beim Planen und ausführen tatsächlich gesprochener Sprache auftreten, also Phänomene der Performanz

Da das Vokabular AV Repräsentanten von Phrasen enthält, heißt eine solche Grammatik auch Phrasenstrukturgrammatik (=PSG). Bezeichnung: generative Phrasenstrukturgrammatik
 
 

Horst Lohnstein
 


Weiterlesen: Teil 3
 
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004