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Inhalt: 

   Einleitung  

   Einsatz von Zeichen  

   Visualisierung  

   Fazit  

   Autor 

Visualisierung von Informationen  

Einleitung  
 
Wie wir alle wissen, kann Kommunikation auf den verschiedensten Ebenen stattfinden: Man kann mit einem Blick miteinander kommunizieren, mit einer Berührung, mit einer Geste, durch die Haltung des Körpers usw. Dies sind alles nichtsprachliche Formen der Kommunikation, d.h. es muß dabei kein Wort fallen, und doch kommuniziert man miteinander, man verständigt sich. Eine andere Kommunikationsebene ist die sprachliche. In Verbindung mit den genannten Mitteln - Blick, Berührung, Geste, Körperhaltung - ist es die gesprochene Sprache, die anstelle der nonverbalen Mittel, oder in Verbindung mit ihnen, eingesetzt werden kann. Dies kann weiter fortgeführt werden: Man kann verbal A behaupten, obwohl die Körpersprache, Gestik, Mimik usw. eindeutig B sagt. In solchen Fällen ist, in der Regel, die nichtverbale Kommunikation eher die wahre Aussage, weil sie meist unbewußt ist, d.h. "natürlich" 1
 
Wenn es um die geschriebene Sprache geht - und dies trifft in den meisten Fällen für die Technische Dokumentation zu - wenn man von Videoclips etc. einmal absieht - so sind die entsprechenden nonverbalen Ebenen von anderer Art. Es kann sich um Zeichnungen und grafische Darstellungen handeln, um Abbildungen jeglicher Art, aber ebenso um Codes, um den Einsatz verschiedener Farben usw., mit denen man eine Verständigung herbeiführt 1
 
Sogar unbewußte, d.h. kaum beeinflußbare, oder auch bewußte Zeichen tragen zur Verständigung bei. Die natürliche Reaktion des Menschen ist in vielen Fällen international verständlich. Andere Körperreaktionen bzw. Gesten haben von Land zu Land verschiedene Werte bzw. eine andere Bedeutung 1
 
Die stärksten Konkurrenten der Worte sind Bilder 2. Bilder werden herangezogen um lange Erklärungen zu vermeiden, bzw. andere Sinne mit in die Kommunikation hinein zu bringen. Das Auge kann bestimmte Informationen viel schneller aufnehmen und enträtseln als die geschriebene Sprache, bzw. das Ohr die gesprochene Sprache. Kein Geringerer als Napoleon hat gesagt: "Eine kleine Skizze ist viel mehr wert als eine lange Erklärung." 3 
 
"Man geht heute davon aus, daß Bilder ganz anders auf die menschliche Reizverarbeitung wirken, als die Schrift: schneller, unmittelbarer, mit geringerem Involvement des Betrachters, auf der Basis einer räumlichen Grammatik, mit höherem Wiedererkennungs- und Erinnerungswert, mit intensiverer Prägekraft auf das Verhalten, mit stärkerer Bevorzugungsvalenz. Außerdem gibt es Indizien dafür, daß alle Vorgänge der Bildkommunikation in einem relativ eigenständigen Gedächtnissystem des Gehirns stattfinden."4 
 
"... der Technische Redakteur stützt sich wie der Werbetexter und -grafiker auf transformiertes wissenschaftliches Wissen, er erstellt Produkte, bei denen es auf die optimale Kombination von Text- und Bildpassagen ankommt, auch seine redaktionellen Entscheidungen sind letztlich vom Kriterium der Adressatenwirkung bestimmt."4 
 
Einsatz von Zeichen usw.  
 
Wir alle verwenden Zeichen (und hiermit werden nicht "Schriftzeichen" gemeint), um Sachverhalte darzustellen, die rein verbal sehr schwierig zu erläutern sind. Einige Exemplare sieht man täglich. Sie sind meistens auch leicht zu verstehen (Abb. 1, 2, 3). 

 
J K L 
Abbildung 1: "Smiley" 
 
? ! F F G
C " M N
 Abbildung 2: Gängige Zeichen als Wingdings 
 
:-) :) ;-) :-> :-D :-/ :-O :*)  
(-: :-} :-{ )} 8-) *<|{ )}  
 Abbildung 3: Computer-Figuren  
(durch drehen um 90° kann man den Sinn erraten)  
 
Erläuterung:  
 
Bilder können lange Erklärungen ersetzen. Wenn Sie z.B. einem Eskimo, der ohne Kontakte zur Außenwelt ist, einen Elefanten erklären wollen, so zeigen Sie ihm am besten das Bild oder die Zeichnung eines Elefanten. Aber ein Bild für den übergeordneten Begriff "Tier" können Sie nicht visuell machen. Visualisierung hat also ihre Grenzen: Eine übergeordnete Darstellung von Baum, Blume, Obst, Vogel, Tier, Mensch usw. ist nicht möglich. D.h. die Visualisierung ist gelegentlich nur auf einer niedrigeren, auch präziseren Ebene als die verallgemeinernde Darstellung möglich. Trotzdem lohnt es sich, auf ein vereinfachtes Bild zurückzugreifen, ehe man lange Erklärungen wagt. Nochmals die Worte von Napoleon: "Eine kleine Skizze ist viel mehr wert als lange Erklärungen." 3 
 
Visualisierung  
 
Die einfachste Art auch komplizierte Inhalte und Konzepte zu verdeutlichen, ist die Visualisierung. Ein typisches Beispiel der Visualisierung ist die Wettervorhersage, die man in der Tageszeitung findet. Das Wetter wird übersichtlich dargestellt, mit piktogrammartigen Zeichen auf der Landkarte. Hierbei ist es unwesentlich, ob die jeweilige Karte das heimische oder das fremde Gefilde, z.B. im Urlaub, darstellt (Abb. 4, Abb. 5). 

 
Abbildung 4: Wettervorhersage aus der Rheinischen Post, 27. Mai 1999 
 

 
Abbildung 5: Wetterbericht aus Le Figaro, 28. Februar 1999 

Der Wind wird durch einen Pfeil gekennzeichnet. Die gleichen Informationen zu versprachlichen wäre viel zu schwierig und wenige Leute würden sich die Mühe machen, den Bericht zu lesen. Hinzu kommt, daß man alle angebotenen Informationen nicht aufnehmen muß. Der Leser selektiert aus dem Angebot die Informationen, die für ihn von Interesse sind. 
 
Wie kann man die beste Art und Weise, einen Computer-Arbeitsplatz einzurichten, optimal vermitteln? Auch ohne Worte gelingt dies - sogar international (Abb. 6 ). 

 
Abbildung 6:  DAG Journal Nr. 472/49, Oktober/November 1996  

Es ist ebenfalls viel leichter, die Teile einer Gartenschere visuell darzustellen, als zu erklären (Abb. 7 ). Die visuelle Darstellung wird von der dazu gehörigen Terminologie begleitet. Mißverständnisse können hier fast ausgeschlossen werden.

Abbildung 7:  Felco Gartenschere, Beipackzettel
 

Komplizierte Vorgänge, wie z.B. die Funktionsweise einer Formel-1-Tankanlage (Abb. 8 ), lassen sich viel leichter visuell darstellen. 

 
 
Abbildung 8:  Power Story, Deutsche Shell AG, März 1997
 
Was in der Welt geschieht ist manchmal schwer zu verstehen. Bilder helfen dem Leser dabei. Ein weiteres Beispiel zeigt wie wilde Tierarten, die mancherorts fast ausgestorben waren, wieder in der Natur angesiedelt werden. Wo in Frankreich Wölfe, Luchse und Bären ihr neues Zuhause gefunden haben, ist beeindruckend einfach in Bildern dargestellt, was enorm zum Verständnis des Sachverhaltes beiträgt (Abb. 9 ). 

 
 Abbildung 9:  Le Figaro, 3./4. April 1999 

Fazit 
 
Die Visualisierungsmittel - ob Fotografien, Zeichnungen, Skizzen, Konzeptdarstellungen usw. - erhöhen das Verständigungspotential und sind eine nicht mehr wegzudenkende Hilfe für den Technischen Redakteur. Mit Mitteln der modernen Technik werden Sachverhalte in Filmen, Videofilmen und sogar im Computer visuell dargestellt. Es gibt kaum ein Gebiet des menschlichen Wissens, das nicht visualisiert werden kann - bis auf die Tatsache, daß Abstraktheiten und Spezifika entweder gar nicht oder nur unzureichend visualisierbar sind. Nicht umsonst ist die Visualisierung "visual Esperanto" genannt worden. 
 
Verständigung kann nur dann funktionieren, wenn alle an der Kommunikation Beteiligten den dahinter stehenden Sinn verstehen, d.h. wenn alle Kommunikationskomponenten richtig gedeutet werden können. 
 
Dass dies auch visuell bestens funktioniert, wird durch Verkehrsschilder, Gefahrzeichen usw. belegt. Schilder und Piktogramme sind schon längst zum internationalen Esperanto geworden. Animierte Piktogramme sind überall im Internet zu finden. Selbst für Analphabeten sind solche Visualisierungen eine verständliche Botschaft. 
 

John D. Graham
1. Vorsitzender, Deutscher Terminologie-Tag e.V.
Vorsitzender, Deutsches Institut für Terminologie e.V.
 



 
Bibliographie: 

1. Aus: Reisen, Ursula und John D. Graham: Nonverbale Kommunikation (noch nicht veröffentlichtes Werk) 

2. Buhrfeind, A.: Bilder, die stärksten Konkurrenten der Worte, in VDI-Nachrichten, 28. Dezember 1994. 

3. "Un croquis vaut mieux qu'un longue discours", Napoleon Bonaparte zugeschrieben 

4. Ruder, G.: Kommunikation durch Bilder, in tekom-Nachrichten Nr. 3, 1994. 
 

 

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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004