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Menschen sind von Geburt an neugierig
 
Der kleine Unterschied: Männer und Frauen
 
Mentale Modelle und theoretisches Denken
 
Autor
 

 
 
 
Warum unser Gehirn offenbar Probleme mit
Gebrauchsanleitungen hat

Neue Forschungen der Evolutionspsychologie erklären die Schwierigkeiten der Technikvermittlung. Unser Gehirn und unsere Sprache sind für andere Aufgaben als für die Beschreibung der leblos mechanischen Welt gemacht: Wir sprechen am liebsten über uns und über andere.

Gebrauchsanleitungen sind schwer verständlich, Menschen lesen sie nicht gern und probieren Technik lieber selbst aus, als sie sich durch das Studium von schriftlichen Beilagen zugänglich zu machen. Das sind nicht nur Vorurteile von Zynikern der Technikdokumentation. Dies sind Erkenntnisse, die sich weltweit bestätigen lassen. Auch in den USA, dort, wo das kreative Schreiben an Universitäten gelehrt und das Schreiben über Technik intensiver erforscht wird als hierzulande, kommt man zu dem gleichen niederschmetternden Ergebnis: Das Lesen von Anleitungen wird vermieden, Anleitungen haben ein schlechtes Image.

Eine Forschungsrichtung, entstanden und entwickelt nach 1990, ist nun erstmalig in der Lage, Erklärungen für diesen Umstand zu geben: Die Evolutionspsychologie ist keine neue psychologische Theorie, sondern eine Theorie über die Entstehung der Psyche. Die Hauptthese ist: Wir sind, was wir sind, als Ergebnis des evolutionären Anpassungsprozesses der letzten zwei Millionen Jahre. Unser Körper ebenso wie unser Gehirn haben sich durch die Anpassung an die Umwelt entwickelt. Unser Geist ist seit Anfang der Menschheitsgeschichte darauf eingestellt, Probleme zu lösen, die bestanden und die geeignet waren, den Anforderungen unserer Vorfahren zu dienen, die als Jäger und Sammler durch die Savannen und Steppen zogen. Seßhaftigkeit, Ackerbau und das, was wir Kultur nennen, ist knapp 10.000 Jahre alt - in evolutionärer Zeitrechnung verdammt wenig. Evolutionspsychologisch gesprochen fahren im Grunde "Mammutjäger in der Metro" (um einen Buchtitel zu nennen, der die Theorie populärwissenschaftlich beschreibt). Dabei bedienen sich die Wissenschaftler der Erkenntnisse aus Paläonthologie, Anthropologie, Biologie, Primatenforschung, Ethologie, Neurophysiologie, Linguistik, Psychologie und Soziologie. Die immer wiederkehrende Frage ist dabei: "Welchen Sinn hatte und hat dieses oder jenes Merkmal im Rahmen der evolutionären Fitneß?"

An ein paar Beispielen stelle ich die Entdeckungen vor und leite daraus die Fragen ab, die mit dem Lernen und Verstehen von Technik zu tun haben. Die zentrale These: Unser Gehirn arbeitet nicht wie ein Computer, ist keine "all-purpose-maschine", die für alle Arten von Aufgaben programmierbar ist, sondern ist für besondere Aufgaben eingerichtet. Die Fähigkeit zu lernen und zu verstehen, ist begrenzt. Es gibt Dinge, die wir offenbar sehr leicht lernen (unsere Muttersprache), während uns andere schwerer fallen (schreiben und rechnen). Das eine lernen wir, ohne daß wir Grammatik und Vokabeln pauken zu müssen, das andere kostet uns viel Mühe, Konzentration und lange Jahre der Übung.

Menschen sind von Geburt an neugierig

Man kann die Leser von Gebrauchsanleitungen in drei Gruppen einteilen:

  • Die eine liest grundsätzlich nicht. Diese hat im sozialen Umfeld jemanden, der technische Aufgaben übernimmt. 
  • Eine weitere Gruppe liest die Anleitung vor der Inbetriebnahme. Tatsächlich, die gibt es. 
  • Die wahrscheinlich größte Gruppe liest jedoch nur im Notfall. Zu der Gruppe gehören Menschen, die von sich annehmen, daß sie das mit der Technik auch ohne Anleitung zumindest ein Stück weit selbst meistern können. Sie trauen sich das aufgrund ihrer eigener Intelligenz zu. Es sind Menschen, die Erfahrungen einbringen und den Mut, Dinge einfach auszuprobieren. Das sind die meisten. Zugute kommt ihnen die angeborene Neugierde. 
Neugierde ist eine erhöhte Aufmerksamkeit, die man Neuem und Unbekanntem entgegenbringt. Es ist eine Eigenschaft, die sich bei allen intelligenten Tieren, die nicht nur instinkthaft handeln, im Laufe der Lebensgeschichte ausgezahlt hat und uns Menschen in besonderer Weise zukommt. Neugierde ist der Trieb, sich Kenntnisse über die Umwelt anzueignen. Mehr noch: Die Befriedigung der Neugierde, das Darbieten neuer, unerwarteter Informationen, erhöht unsere Aufmerksamkeit. Wird eine Information immer wieder auf die gleiche Weise präsentiert, verlieren wir schnell das Interesse. Wir brauchen die Überraschung.

Wir sind es gewohnt, unserer Intuition folgend vieles auszuprobieren. Manchmal sieht man den Dingen ja auch an, was man mit ihnen machen kann. Auf einen Stuhl setzt man sich drauf, mit einem Hammer schlägt man. Der Umgang ist dabei nicht unbedingt eingeschränkt. Ich kann mich auch auf einen Stuhl stellen, um eine Glühbirne zu wechseln oder einen Hammer unter ein Tischbein klemmen, wenn der Tisch wackelt. Spontan ist zu entscheiden, was ich mit dem Gegenstand machen könnte. Der Umgang mit komplexer Technik, zumal in der elektronischen Variante, nimmt eine Sonderstellung ein. Weder kann ich einer Kiste mit Tastatur und Bildschirm ansehen, was ich damit machen, noch wie ich es anstellen kann, daß dabei Sinnvolles heraus kommt. Ad hoc-Verwendungen sind deutlich eingeschränkter. Aber wenn ich über genügend Erfahrung mit vergleichbaren Geräten verfüge, traue ich mich Neues auszuprobieren: Habe ich einmal mit einem Textprogramm erfolgreich gearbeitet, sind unbekannte und neue Versionen schneller zu meistern.

Der typische Umgang mit dem Computer ist ein gutes Beispiel für exploratives Verhalten. Bevor viele zur Anleitung greifen, nehmen sie selbst lieber Zeitverluste durch Fehler in Kauf. Wenn man davon ausgeht, daß die eigentliche Aufgabe darin besteht, zum Beispiel einen Aufsatz für eine Zeitschrift zu schreiben, dann ist der Computer mit einem Textverarbeitungsprogramm das Mittel. Die Gebrauchsanleitung soll mir helfen, dieses Mittel zu gebrauchen.

Es ist nun mal so, daß viele lieber ausprobieren als lesen. Die Gebrauchsanleitung ist dabei ein relativ junges Hilfsmittel. Durch die große Verbreitung von Technik im Alltag und im Beruf, sind wir gezwungen, auf schriftliche Zeugnisse zurückzugreifen, denn Ausbilder und Lehrer sind rar. Wo früher die meiste Technik eingesetzt war - im Handwerk und in der Industrie - verlangte niemand, daß man sie ohne weiteres beherrschte. Der Meister brachte sie einem bei und als Lehrling hatte man unter Umständen jahrelang Zeit, den Umgang zu erproben. Es gab praktisch keine Distanz zwischen Lern- und Anwendungssituation. Die Anleitung hält uns heute zunächst vom unmittelbaren Gebrauch ab. Dabei wollen und suchen wir das schnelle und umweglose Erfolgserlebnis. Jegliches Hinauszögern empfinden wir als störend. Geduld ist uns in solchen Fällen nicht von Natur aus gegeben.

Anleitungen, das ist keine neue Erkenntnis, müssen dem explorativen Vorgehen der Nutzer Rechnung tragen. Experimente mit sogenannten "guided explorations" sprechen für dieses Verfahren. Die Gliederung einer Anleitung ist entsprechend zu gestalten. Zugriffe und Einstiege sind an jeder nur denkbaren und undenkbaren Stelle zu ermöglichen. Formulierungen in Register und Inhaltsverzeichnis müssen die Probleme benennen, nicht die Lösungen. Ein Technischer Redakteur kann sich kaum vorstellen, auf welche Ideen seine Leser und Leserinnen kommen. Die Menschen sind beim Ausprobieren phantasievoller, als man sich in den kühnsten Vermutungen vorstellen kann. Oder um es mit dem ersten Gesetz aus Murphy‘s berühmter Sammlung zu sagen: "Was immer schief gehen kann, wird auch schief gehen."

Menschliches Bewußtsein beinhaltet bewußte Steuerbarkeit der Wahrnehmung. Wir können uns auf dieses konzentrieren und im nächsten Moment auf etwas anderes. Wir schauen gezielt dahin und dorthin. Darüber hinaus können wir etwas, was uns wahrhaft zu Menschen macht: Wir können komplizierte und uneindeutige Zusammenhänge auf unterschiedliche Weise interpretieren, gerade so, wie es uns in den Sinn kommt: eine wahrhaft intelligente Fähigkeit, aber ein Graus für jeden Technikredakteur, der sich um interpretationsfreie Eindeutigkeit bemühen soll.

Der kleine Unterschied: Männer und Frauen

Ja, es gibt Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Diese beziehen sich auch auf Wahrnehmung und besondere Aufgaben. Frauen haben bessere verbale Fähigkeiten, eine bessere Erinnerung und eine schnellere Auffassungsgabe. Männer sind im Vergleich besser bei logisch-mathematischen Fragestellungen, der abstrakten Raumwahrnehmung und Aufgaben, die eine räumlich-zeitliche Koordination von Bewegungsabläufen betreffen. Das drückt sich darin aus, daß Frauen tatsächlich eher dazu tendieren, vor der Inbetriebnahme eines Gerätes die Anleitungen zu lesen und Männer eher zum Ausprobieren der Technik neigen. Die Geschlechtsunterschiede sind dabei zwar durchaus erkennbar, jedoch in aller Regel nicht ausreichend, um grobe Verallgemeinerungen zuzulassen. Natürlich finden sich auch Männer, die lesen und Frauen, die ausprobieren. Lediglich Tendenzen lassen sich nachweisen.

Anerzogen oder angeboren? Auf diese Entweder-Oder-Frage lassen sich Evolutionspsychologen nicht festnageln. Für sie sind es zwei Seiten einer Medaille. Daß wir nicht nur nach Instinkten und angeborenen Mustern handeln, sondern auch einen freien Willen haben, ist von Natur aus vorgesehen und angeboren. Die Struktur des Gehirns bestimmt die Fähigkeiten, wie auch Übung und Lernen Gehirnstrukturen beeinflußt. Selbst Hormone wirken auf bestimmte Lernfähigkeiten. Um es deutlich zu sagen: Diese Erkenntnisse haben nichts mit Intelligenz zu tun. Denn je nachdem welche Fähigkeiten ein Test bevorzugt, schneidet eines der Geschlechter besser ab. Das heißt, bereits die Gestaltung eines Intelligenztests bestimmt über das Ergebnis. Allerdings ist aus diesen Forschungsergebnissen zu schließen, daß Frauen und Männer unterschiedlich wahrnehmen und einen unterschiedlichen Zugang zur Technik haben, der durchaus in den Einführungstexten berücksichtigt werden muß.

Mentale Modelle und theoretisches Denken

Wissenschaftliche und theoretische Anwendungen im Alltag sind auch in den zeitlichen Dimensionen der Evolution nicht neu. 
Wir bringen Wissenschaft zum Einsatz, ohne es zu wissen. Wir probieren Dinge aus, bis sie funktionieren, ohne daß wir im Einzelnen immer wissen müssen, warum. Versuch und Irrtum. Irgendwann fingen unsere Vorfahren an, verschiedene Nahrungsmittel zu kochen. Sie schmeckten dadurch nicht nur besser, sie waren auch leichter verdaulich. Über die chemischen Zusammenhänge mußten unsere Vorfahren dabei nichts wissen. Evalutation ist der moderne Ausdruck für dieses Verfahren. Man nennt dieses Wissen auch Kochbuch-Wissenschaft, da es ein Wissen der Handlungen beschreibt im Gegensatz zur schulmäßigen Wissenschaft, die ein Wissen der Zusammenhänge beschreibt. 

Im ersten Fall wissen wir, daß etwas der Fall ist, das andere Mal wissen wir, warum. Die zweite Form der Wissenschaft spielt in unserem Alltagsleben kaum eine Rolle. Wir brauchen sie selten. Dennoch ergeben sich daraus unterschiedliche Denkweisen. Kochbuchwissen läßt nur einen begrenzten Handlungsspielraum zu. Variationen sind zwar möglich, Ergebnisse sind nur in engem Rahmen vorhersagbar. Wenn wir eine bestimmte Speise zubereiten wollen, bringen wir die vorgesehenen Zutaten ungefähr in den vorgesehen Anteilen und der uns bekannten Verfahrensweise zusammen: Wir teilen Eier in Eigelb und Eiweiß, schlagen das Eiweiß zu Schnee, geben Mehl und Zucker dazu, rühren, bis es eine einheitliche Masse ergibt. Der Vorteil dieses Verfahrens: Wir müssen nicht nachdenken bei den Entscheidungen. Es hat so oft geklappt mit den Omeletts nach diesem Rezept, so wird es auch diesmal klappen. Der Nachteil: Aufgrund des reduzierten Wissens können wir außerhalb unserer Erfahrung kaum variieren. 

Ein Wissenschaftler weiß, warum sich Eiweiß, wenn man es schlägt, in Eischnee verwandelt, welche chemisch-physikalischen Prozesse ablaufen, welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen. Er kann aufgrund des theoretischen Wissens freier variieren. Er weiß in der Regel, was geht und was nicht. In der Praxis ist dieses zeitraubende Verfahren eher hinderlich. Gerade in vorgeschichtlicher Zeit sind aufwendige Prozesse zum Finden von Entscheidungen, wenn es um Leben und Tod geht, eher kontraproduktiv. Da haben sich Denkweisen, die schnelles Handeln erlauben, als vorteilhafter erwiesen. Nicht unbedingt notwendig beim Omelettbacken, aber in Momenten, wo ich mich und meine Lieben in einer gefährlichen Situation auf einem Baumstamm über einen Fluß retten muß, sollte ich nicht allzu lange brauchen, den Auftrieb von Holz und dessen belastbare Tragfähigkeit auf Wasser zu berechnen.

Das heißt natürlich nicht, daß wir keine theoretische Vorstellung von den Dingen haben. Wir machen uns sehr wohl Gedanken darüber, wie sie funktionieren. Wir folgen unserer Intuition und bilden spontan Muster. Psychologen nennen diese Vorstellungen "mentale Modelle". Diese sind nicht primär visuelle Repräsentationen von Einzelfällen, sondern ähneln vielmehr Hypothesen und Theorien. Wir sehen Baumstämme und Äste auf dem Fluß treiben und entwickeln daraus die Vorhersage, daß Holz auf Wasser schwimmt. Dabei muß der Klotz, der da gerade in Ufernähe treibt, während ein Säbelzahntiger hinter uns her ist, nicht so aussehen, wie all die anderen, die ich bisher gesehen habe. 

Von konkreten Details, die uns im Alltag begegnen, bilden wir Kombinationen von Einzelfällen, die schließlich zu abstrakten Verallgemeinerungen zusammengefaßt werden. Dieses Verfahren ist so dominant, daß bisweilen auch falsche Modelle entstehen. Die alten Ägypter beobachteten Wasserstände des Nil, Überschwemmungen oder wiederkehrende Wettererscheinungen und sahen Sternenkonstellationen. Wenn diese des öfteren zusammen auftraten, schlossen sie auf eine Beziehung: Die Astrologie entstand. Korrelationen werden zu Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen. Das Beispiel zeigt auch, wie stark unsere Tendenz ist, Muster zu finden und Modelle als Erklärungen zu suchen, selbst wenn es keine ursächliche Beziehung gibt. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein formulierte es in seiner frühen Philosophie radikaler: "Außerhalb der Logik ist alles Zufall ... Einen Zwang, nach dem Eines geschehen müßte, weil etwas anderes geschehen ist, gibt es nicht."

Lernen ist somit der Prozeß des aktiven Aufbaus eines mentalen Modells. Durch eine größere Sachkenntnis, die mehr Detailkenntnisse einschließt, bilden Experte andere, vielleicht adäquatere, mentale Modelle. Damit wird klar, warum Fachleute meist nicht verstehen, was Laien für Probleme haben.

Eine weitere Konsequenz daraus ist, daß lange erprobte und bewährte Modelle stabiler sind als neue. Ein Beispiel für ein stabiles Modell aus unseren Tagen ist die Diskussion um die Reform der Rechtschreibung. Vor allem ältere Herrschaften beteiligen sich heftig und fordern die Beibehaltung der alten Regeln. "Was Hänschen einmal gelernt hat", so könnte man das Sprichwort umdichten, "verändert Hans nicht mehr". Kindern, die gerade das Schreiben lernen, ist es egal, ob sie "Delphin" oder "Delfin" schreiben.

Neben dem Geschlechtsunterschied bei der Wahrnehmung finden wir hier einen Altersunterschied bei der Bildung mentaler Modelle. Will man auf ältere und erfahrene Leser eingehen, muß man viel intensiver auf traditionelle Vorstellungen eingehen, als dies bei jüngeren Lesern nötig ist. Eingefahrene Denkmuster sind schwerer zu durchbrechen, aber man kann sich ihrer genauso bedienen und sie bei der Didaktik der Technikeinführung nutzen.

Wir denken in Verallgemeinerungen und Kategorien (eine Fähigkeit, die Computer übrigens äußerst schwer lernen; die KI arbeitet daran). Kleine Kinder, die das Sprechen gerade erlernen, zeigen uns dies, wenn sie zu einem erwachsenen Mann "Papa" sagen, oder zu vierbeinigen Tieren "Hund".

Ein Szenario, das mir bekannt ist, dient als Erklärung und als Grundlage der Vorhersage: "Bislang schwamm Holz immer auf dem Wasser und so wird es dies auch heute tun." Wir sind faul im Denken und versuchen alle neuen Erfahrungen in alte Muster einzuordnen. Unsere Vorstellungen, Hypothesen und Theorien sind bei der Wahrnehmung stark beteiligt. Wir nehmen die Welt so wahr, wie sie unserer Meinung nach sein muß. Selbst die Erinnerung unterliegt dieser Ordnung. Erinnerung ist ein Kompromiß aus Regel und Erlebtem. Wenn mehrere Personen den Hergang eines Autounfalls berichten, erzählt jeder Zeuge seine Geschichte so, wie er glaubt, daß die Dinge passiert sein müssen. Sie ordnen die Wirklichkeit ihrer Theorie unter. Insofern ist Wahrnehmung eine Hypothese über die Wirklichkeit und nicht mehr.

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Techniker die Welt anders beschreiben als Laien. Techniker interessieren sich für andere Dinge. Ihre Vorstellung darüber, "was die Welt im innersten zusammenhält", unterscheidet sich mitunter erheblich von der Weltsicht des Laien. "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen", nannte es Wittgenstein. Oder: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. ... Daß die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, daß die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten. ... Die Welt und das Leben sind Eins. ... Wenn ich ein Buch schriebe 'Die Welt, wie ich sie vorfand', so wäre darin auch über meinen Leib zu schreiben und zu sagen, welche Glieder meinem Willen unterstehen und welche nicht."

Wirklichkeit unter dem Aspekt der Theorie wahrzunehmen, war im vorzeitlichen Überlebenskampf durchaus effektiv. Es bleibt in kritischen Situationen keine Zeit für eine vorsichtige, detaillierte Analyse, die von allen diskutiert und beschlossen wird. Außer bei sozialen Angelegenheiten brauchen wir schnelle Ergebnisse. Im Zwischenmenschlichen und Privaten nehmen wir uns sehr viel Zeit zum Diskutieren und Palavern, ansonsten muß es schnell gehen. Unser Geist ist von der Evolution zu dieser Haltung erzogen: keine mehrstufigen, Logik erfordernde Schritte, sondern rasche Entscheidungen mit sofortigen Ergebnissen. 

Das ist der Moment, wo man das Paradebeispiel der Schwierigkeiten bei Gebrauchsanleitungen wieder einmal anführen kann: Die Programmierung des Videorecorders, der normalerweise gegen diese offenbar angeborenen Tendenzen unseres Gehirns läuft: Datum, Anfangszeit, Endzeit, Programm, VPS, long-play, Entscheidungen, Bestätigungen und alles ohne die Gewähr, daß es nun auch klappt. Daß es nicht immer klappt, ist nicht das Problem der Anleitung, sondern ein Problem des Gerätes, der komplexen Lösung und der Kapazität des Gehirns; nur die Gebrauchsanleitung muß mal wieder ausbaden, was an anderer Stelle verursacht wurde. Letztendlich bildet sie die Nahtstelle zwischen Mensch und Technik, deren Aufgabe es ist, den Umgang mit dem Videorecorder zu vermitteln. Es ist die Aufgabe des Technischen Redakteurs, die Unzulänglichkeiten zu reflektieren und die eventuell auftretenden Probleme anzusprechen. Ein guter Redakteur wird bei der Erstellung der Dokumentation zukünftig auch die Kapazitäten unseres Denkorgans berücksichtigen müssen. 

Die Einschränkung von Wahrnehmungen beginnt bereits mit der Verarbeitung der Reize im Gehirn. Nicht alles, was wir sehen, hören, riechen, schmecken oder tasten wird gleichermaßen vom Gehirn erfaßt und gespeichert. Beispielhaft - weil es für das Erfassen und Verstehen von Anleitungen wichtig ist - sei die visuelle Rezeption herausgegriffen: Obgleich unser Gesichtsfeld recht groß ist, sehen wir nicht alles gleichzeitig und gleich intensiv. Wir können den Blick bewußt fokusieren. Wir sehen Einzelheiten. Das ist der Grund, warum wir auch die Fähigkeit haben, zu lesen. Nicht nur ein Blatt mit vielen Buchstaben nehmen wir wahr, sondern wir können unsere Aufmerksamkeit auf einzelne Zeilen und auf Buchstabengruppen lenken. Diese Form der Wahrnehmung ist so perfektioniert, daß wir - so groß das Durcheinander der visuellen Eindrücke auch sein mag - sofort erkennen, wenn etwas fehlt oder wenn etwas Unerwartetes im Umfeld auftaucht. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb uns Schreib- und Druckfehler sofort unangenehm auffallen. Nicht nur das, sie lenken auch von der Aufnahme neuer Inhalte ab.
 

Dr. Clemens Schwender
Technische Universität Berlin


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