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Bilder als Attrappen der Realität
Visuelle Repräsentation und Emotion
Autor

 

Warum unser Gehirn offenbar Probleme mit
Gebrauchsanleitungen hat

Teil 2

Bilder als Attrappen der Realität

Daß unsere Sinne ebenso wie unser ganzer Körper das Ergebnis der Evolution sind, ist keine Überraschung, außer vielleicht für Dogmatiker, die an eine spontane göttliche Kreation des Menschen glauben. Durch unsere gemeinsamen Wurzeln mit den Primaten, die in den Wäldern wohnten und auf Bäume kletterten, ist die visuelle Wahrnehmung von besonderer Bedeutung. Die Augen stehen nebeneinander, was das dreidimensionales Sehen erlaubt. Da, wo die Einzelbilder jedes Auges überlappen, errechnet das Gehirn die lokale Zuordnung. Die Augen liefern die Bilder, das Gehirn erarbeitet die Realität, beziehungsweise den Teil der Realität, der zum Überleben wichtig ist. Wenn man sich schnell von Ast zu Ast bewegen muß, ist diese Fähigkeit überlebenswichtig.

Obgleich die Fähigkeit der dreidimensionalen Wahrnehmung angeboren ist, müssen wir die Interpretation der Bilder erlernen: Gegenstände, die andere verdecken, sind uns näher, Dinge erscheinen mit zunehmender Entfernung vom Betrachter kleiner, weiter Entferntes verliert an Schärfe und Detailzeichnungen, Parallelen scheinen am Horizont aufeinander zuzulaufen. James Jerome Gibon hat insgesamt 13 Merkmale entdeckt, die die Wahrnehmung des perspektivischen Sehens bestimmen. Die moderne Hirnforschung ist der Auffassung, daß die Repräsentation von Gebilden in der Erinnerung dennoch eher an ine Fotografie erinnert, also zweidimensional geschieht. Erst die Interpretation dieses Bildes gibt ihm die Räumlichkeit. Sehen heißt konstruieren. Das Betrachten von zweidimensionalen Bildern macht offenbar keine Probleme bei der Übertragung in eine dreidimensionale Vorstellung.

Diese Muster macht man sich bei Abbildungen zunutze. Dreidimensionalität wird auf der zweidimensionalen Unterlage dabei nach den bekannten Mustern simuliert. Die Simulation der Darstellung ist bereits ein Trick. Die Evolution hat nämlich nicht vorgesehen, daß unsere Augen und damit unser Gehirn durch Bilder zu täuschen sind. In der Biologie wird dieser Effekt durch Attrappen experimentell untersucht: Ein roter Bauch auf schlechter Fischattrappe löst beim Stichlingsmännchen Kampfverhalten aus, gute Attrappen ohne roten Bauch nicht. Das heißt in der Konsequenz, daß es ein bestimmtes visuelles Merkmal gibt, das auch losgelöst von der Realität funktioniert. Abstraktion und eine Reduzierung auf wesentliche Merkmale reichen für eine angeborene Reaktion aus. Ein roter Bauch ist für Stichlingsmännchen ein angeborener Auslösemechnismus für Kampfverhalten.

Obgleich Film und Fernsehen nur zweidimensionale Bilder liefern, die zudem auch eine schlechte Qualität haben können und obwohl die Größen etwa einer Detailaufnahme mit der Realität nicht übereinstimmen und sich alles in einem viereckigen Rahmen abspielt, lassen wir uns von den Bildern täuschen: Wir leiden mit, wir weinen und lachen über Lichtspiele auf einer weißen Leinwand und über kleine Bildpunkte auf einer Glasscheibe.

Warum funktioniert das Schema? Weil sich die Speicherung der Umwelt in unserem Gehirn auf wenige, wichtige Elemente reduziert. Welche dies sind, ist im Einzelfall sicher verschieden, aber Farbe, Form und Oberflächenstruktur sind offenbar dominanter als Geruch, Geschmack oder Dreidimensionalität.

Dies ist auch die Grundlage für die Gestaltung und Wahrnehmung von Abbildungen in der Technikdokumentation. Abstraktion und Ergänzung von Leerstellen ist eine besondere Fähigkeit unserer Wahrnehmung. Bilder müssen offenbar nur das Wesentliche enthalten: Formen, Umrisse, Farben und bisweilen besondere Merkmale. Kinder und Kunstexperten erkennen auch ein Strichmännchen als adäquate Darstellung an. Das Motto "Punkt, Punkt, Komma, Strich - fertig ist das Mondgesicht" machen sich Piktogramme zunutze. Selbst Zeichen auf einer Schreibmaschine können, neigt man den Kopf zur Seite, als Gesicht interpretiert werden :-). Fotografien eignen sich aufgrund der Abstraktionsfähigkeit tatsächlich weniger gut als Strichzeichnungen beim Erkennen und Zuordnen etwa von Bedienelementen an Maschinen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, hier ist sie aus der Evolution eines Sinnesorgans abgeleitet. Strichzeichnungen haben hingegen gegenüber Fotografien bei der Darstellung von dreidimensionalen Gebilden eindeutig Nachteile.

Visuelle Repräsentation und Emotion

Wir denken in Bildern. Das trotz der Tatsache, daß wir mentalen Modellen folgen, die Verallgemeinerungen sind. An einer kleinen Geschichte läßt sich das anschaulich machen: Ein Zweibeiner sitzt auf einem Dreibeiner, vor sich einen Einbeiner. Kommt ein Vierbeiner, schnappt sich den Einbeiner. Der Zweibeiner wirft mit dem Dreibeiner nach dem Vierbeiner. Diese Geschichte ist kaum verständlich und kaum nacherzählbar ohne visuelle Repräsentation. Wenn nämlich aus dem Einbeiner ein Eisbein wird, aus dem Zweibeiner ein Mensch, aus dem Dreibeiner ein Schemel und aus dem Vierbeiner ein Hund, bekommt die Geschichte Sinn und läßt sich leicht erzählen.

Über die Anschaulichkeit der konkreten Sprache hinaus wird hier die Frage aufgeworfen, inwieweit es möglich ist, abstrakte und nicht sichtbare Vorgänge in sichtbare umzusetzen. Die Forschung kann dazu noch keine eindeutigen Ergebnisse vorlegen. Bei einer Untersuchung, die 1984 am psychologischen Institut der TU Braunschweig durchgeführt wurde und die Frage untersuchte, inwieweit Analogien bei der Handhabung von Software helfen und ob Analogien das Lernen unterstützt, konnte keine endgültige Antwort gegeben werden. In der Tendenz hat sich dabei gezeigt, daß die angebotenen Analogien keinen erkennbaren positiven Einfluß hatten. Genauer muß jedoch untersucht werden, ob dies generell zutrifft. 

Eine Sortieraufgabe in einer Datenbank wurde erklärt mit der Arbeit eines Bibliothekars. Möglicherweise mußten die Versuchspersonen hier zweimal übersetzen: Einmal wie vorgegeben vom Computer in die Bibliothek und dann in eine weitere, der eigenen Erfahrungswelt näherliegende Vorstellung. Ein Gegenbeispiel, wo die Analogiestruktur offensichtlich funktioniert, ist die Büro-Metapher aus dem Computerbereich: Dateien, Ordner, Ablage usw. bei Mac-Programmen und der Windows-Oberfläche helfen dem Verständnis bei der Arbeit mit Bits und Bytes. Hier haben visuelle Repräsentationen einen eindeutigen Vorteil beim Herstellen von Handlungskompetenz. Die Regel beim Verständnis von Metaphern ist einfach: Um sie zu verstehen, muß man den kulturellen Hintergrund und Bezug verstehen.

Weiteres kann man aus der kleinen Geschichte mit dem Eisbein ableiten: Wenn Objekte in eine Handlung eingebunden sind, sind sie leichter zu merken. Denken Sie nur daran, daß Sie beim Einkaufen einen Zettel brauchen, weil die Dinge, an die man denken muß, zu zahlreich sind und man sich unmöglich alles merken kann. Wenn es ihnen aber gelingt, diese Dinge in Zusammenhänge zu bringen, wie zum Beispiel als Zutaten für ein Abendmenü, kann die Liste ziemlich lang werden. Auch hier arbeitet wieder ein Trick unseres Gehirns: Normalerweise braucht unsere Erinnerung nicht mit nutzlosem Zeug belastet werden und es ist besser, wenn wir Dinge, die in keinem sinnigen Zusammenhang stehen, schnell wieder vergessen.

Die Konsequenz für das Erstellen von Anleitungen ist hier ziemlich klar: Zusammenhänge schaffen! Eine Anleitung darf kein dadaistisches Gedicht sein, sondern sollte eine plausible Geschichte erzählen mit konkreten Dingen und klaren Bezügen. Hinzu kommt, daß - wie bereits ausgeführt - Bedeutung den Dingen nicht inhärent ist, sondern wir produzieren Bedeutung aus unseren Vorurteilen, unseren Vermutungen, unseren Lebenserfahrungen, unserem Weltbild. Die Objekte der Beschreibung haben an sich keine Bedeutung - wir geben ihnen Bedeutung. Das Erschaffen von Bedeutung ist wesentlich für die Schaffung von Erinnerung. Wir erinnern uns eher an die Bedeutung als an physikalische Details. Um das zu belegen, hat man Versuchspersonen Bilder vorgelegt: Nach gewisser Zeit konnten sich die Teilnehmer zwar an Umstände und Konstellationen erinnern, jedoch nicht mehr an Einzelheiten auf den Abbildungen.

Durch ein anderes Experiment läßt sich belegen, daß wir in der Regel nicht abstrakt und unabhängig vom Inhalt lernen. Erlebnisse wie auch Texte werden niemals vollständig erinnert. Unser Gehirn scheint eine Auswahl zu treffen. Um die Auswahl zu vergrößern müssen Zusammenhänge klar sein. Für diesen Zusammenhang schuf der Linguist Roger Schankt den Begriff  "Skript". Er meinte damit eine strukturierte Wissensrepräsentation. Das Gehirn schafft nicht nur eine Auswahl, sondern auch eine Ordnung. Durch ein alltägliches Erlebnis läßt sich die Hypothese bestätigen. Lesen Sie den folgenden Einkaufszettel:

Gemüsesuppe, grüner Salat, Mohrrüben, Essig, Öl, Radieschen, Weißwein, Rindfleisch, Kartoffeln, Sauce Hollandaise, Rotwein, Vanilleeis, Sahne, Kaffee. 
Wenn Sie die Liste beiseite legen und sich zu erinnern versuchen, werden Sie noch etwa fünf bis sieben der genannten Lebensmittel aus dem Gedächtnis hervorkramen können. Die Erinnerung arbeitet wesentlich besser, wenn das Ganze in eine Speiseabfolge eingebunden ist: Sie gehen in ein Restaurant und bestellen eine Gemüsesuppe, einen gemischten Salat, dazu ein Glas Weißwein; danach essen Sie Rindfleisch mit Sauce Hollandaise, trinken einen Rotwein, bestellen als Nachtisch Vanilleeis und dann einen Kaffee. Sie haben nun wesentlich weniger Probleme sich die Dinge zu merken, da Sie über ein Skript zum Thema "Restaurantbesuch" verfügen. Ihre Erfahrung und Erinnerung über die übliche Verteilung der Speisen sieht nämlich bereits eine Struktur vor: Suppe, Salat, Hauptgericht mit Fleisch und Nachtisch mit Kaffee.

Das zeigt, daß es zwei Arten von Gedächtnis geben muß: Eines, das sich auf explizit konkrete Gegenstände, Gesichter, Geschichten, musikalische Themen, Klänge und ähnliches bezieht und ein anderes, das eher implizit auf Muster gerichtet ist und assoziativ abgerufen werden kann. Der Begriff Mapping steht mit dieser Form von Erinnerung in Verbindung. Mapping bezieht sich auf den englischen Begriff für Landkarte. Wie eine Landkarte haben wir für viele Dinge und Abläufe Muster im Kopf, die wir bei unbekannten Situationen anwenden. Ein Beispiel dafür läßt sich manchmal beim Staubsaugen beobachten. Manche Leute machen die gleichen Bewegungen wie mit einem Besen oder einem Schrubber, obwohl die optimale Bewegung zum Aufsaugen von Staub viel langsamer sein sollte. Aber irgendwie scheint es eine Landkarte - Mapping - für Saubermachen zu geben und deshalb machen wir die Schrubberbewegung mit dem Staubsauger. Auch festeres Aufdrücken hilft übrigens nichts.

Gute Gebrauchsanleitungen gehen darauf ein, nutzen bekannte Landkarten und knüpfen an geläufige Muster an. Für unser Gehirn ist es wie gesagt einfacher, sich an altbewährte Strukturen zu halten, als neue zu erlernen. Lernen ist immer dann effektiver, wenn es auf Bekanntem aufbauen kann.

Erinnerung funktioniert übrigens noch wesentlich besser, wenn eigenes Erleben hinzukommt und darüber hinaus noch besser, wenn Emotionen beim Erlebnis beteiligt waren, denn das allgemeine Musterwissen wird aufgrund von konkreten Erfahrungen gebildet. Der Bezug zum evolutionären Vorteil ist offensichtlich. Intensive Erlebnisse und Stimmungen, die für mein Wohlergehen bedeutend sind, stehen in Verbindung mit bestimmten Situationen und Konstellationen. Diese zu erinnern, ist unbestreitbar nützlich. Anderes bleibt belangloses Zeug und ist bald vergessen. Sinneseindrücke werden bereits bei der Wahrnehmung auf Besonderheiten vorsortiert und danach auch noch emotional gefiltert.

Für Instruktionstexte heißt das nun nicht notwendig, daß sie mit Emotionen angereichert werden müssen. Obwohl - man sollte mal darüber nachdenken. Man muß darauf eingehen, daß der Nutzer emotional mit dem Produkt umgeht. Niemand kauft einen Videorecorder, um abends auf Knöpfe zu drücken. Man kauft Videorecorder um zeitversetzt fernzusehen, Leih- und Kaufcassetten anzusehen, selbst aufgenommene Familienfeiern vorzuführen, sich durch Pornos anzuregen. Die Funktionen Programmieren, Zeitraffer und Zeitlupe werden in den beigegebenen Erklärungstexten in aller Regel technokratisch dargeboten. Wo kommen Emotionen und Intentionen der Nutzer in der Gebrauchsanleitung vor?

Früher gab es zu Beginn vieler Anleitungen die Floskel: "Wir gratulieren Ihnen zum Kauf ihrer neuen Waschmaschine!" Es folgten ein paar Zeilen, die nach Eigenwerbung und Kaufbestätigung klangen. Dieses Kapitel ging auf die Gefühle des Käufers ein. Die Emotionen nach einem Neuerwerb sind gekennzeichnet durch eine Kombination aus Besitzerstolz und Nachkaufreue, durch Vorfreude und Angst vor dem Unbekannten. So aufdringlich die Einführungen oftmals erscheinen, erfüllen sie doch eine wichtige Funktion. Durch die Thematisierung von Stimmung und Verwendungsinteresse ist die alte und immer wieder neu erhobene Forderung nach Eingehen auf die Zielgruppe tatsächlich zu erfüllen.
 
 
 

Dr. Clemens Schwender
Technische Universität Berlin


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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004