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Sprache und die Logik des sozialen Gehirns
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Warum unser Gehirn offenbar Probleme mit
Gebrauchsanleitungen hat

Teil 3

Sprache und die Logik des sozialen Gehirns

Die wichtigste Funktion unseres Gehirns ist Kommunikation und Sprache. Das ist eine grundlegende Erkenntnis der Evolutionspsychologie. Doch wozu brauchen wir die Sprache? Frühere Theorien glaubten, daß man mit Hilfe der Sprache besser jagen kann. Dagegen spricht zweierlei: Zum einen jagen auch Tiere in Gruppen ganz effektvoll, ohne eine entsprechend ausgefeilte Kommunikation zu haben. Zum zweiten ist schwer vorstellbar, daß ein Vorgang, der eigentlich ruhig und leise vonstatten gehen sollte, eine so komplizierte Kommunikationsform hervorgebracht haben soll. Wir quatschen zu viel, als daß die Verwendung bei der Jagd Sinn machen würde.

Antropologen können das bestätigen. Sie haben Buschleuten bei der Gartenarbeit und beim Hausbau belauscht. Sie reden zwar viel, aber kaum über die Arbeit. Handwerkliche Fähigkeiten werden nicht verbal vermittelt, sondern man lernt, indem man zuschaut. Soziale Inhalte dominieren die Gespräche in vorindustriellen Gesellschaften. Die Verschiebung des Schwergewichtes fand erst mit der Entwicklung der technischen Zivilisation statt, wo die Vermittlung von Sachwissen durch Wort und Schrift einen größeren Raum einnimmt.

Wenn man sich aber mal ganz unvoreingenommen ansieht - respektive anhört -, worüber wir am meisten und intensivsten sprechen, dann kommt eine einfache Antwort: Wir reden am liebsten über uns und andere. Kommunikation ist ein Mittel der Kooperation und ein Mittel im sozialen Umgang. Menschen leben in Gruppen. Soziale Gruppen benötigen Informationen über jedes Mitglied. Wer kann mit wem? Wer hat Krach mit wem? Wer spricht was über wen? Als ob es nichts wichtigeres gäbe. Wir wollen wissen, wie es unseren Führungspersönlichkeiten geht, denn ihr Wohlergehen bestimmt das unsere. Wir wollen wissen, wer wen betrogen hat, denn diese Personen sollte man als Partner meiden. Wir wollen wissen, wer Gutes getan hat, denn mit denen wollen wir kooperieren.

Die Sprache reflektiert in ihrem Aufbau diese Bedürfnisse. Der Linguist Noam Chomsky hat entdeckt, daß alle Sprachen der Welt einige Gemeinsamkeiten haben und hat daraus eine Universalgrammatik entwickelt. Alle Sprachen beschreiben Subjekt-Objekt-Relationen. Es gibt Agierende und Gegenstände. Die Welt weist aber diese Relationen nicht auf. Ein Baum in einer Landschaft. Eigentlich gibt es in der Natur nur Objekt-Objekt-Beziehungen. Machen wir aus dem Tatbestand einen Satz, dann wird der Baum zum Subjekt. Vielleicht gibt es auch gar keine Relation. Nur der Betrachter organisiert die Wahrnehmung so, als gäbe es eine. Die Tendenz, diese Beziehungsbeschreibung aufrecht zu erhalten, ist so groß, daß wir Gegenstände zum Leben erwecken: "Der Computer merkt sich Dinge" ... "er hat was vergessen" ... "irgendwie mag er manchmal nicht". Wo rationale Erklärungen nicht weiterhelfen, produzieren wir Mystik. Die Astrologie ist ein Beispiel.

In Anleitungen ist der Technische Redakteur gezwungen, über unbelebte Natur zu schreiben. Aber die Sprache, die er benutzen muß - schließlich steht keine andere zur Verfügung - tut so, als seien die Dinge aktiv Handelnde, die irgendwie miteinander agieren, sich irgendwie aufeinander beziehen. Ich gebe zu, daß es ziemlich schwer ist, sich von der Vorstellung zu lösen.

Selbst Wirklichkeit und was wir uns darunter vorstellen, ordnet sich dem Primat der Kommunikation unter. Paul Watzlawik formulierte es so: "Wirklichkeit ist keine Vor-aussetzung für Kommunikation, sondern dessen Ergebnis." Wirklichkeit ist das, wor-über wir uns einig sind. Und wenn es Götter, UFOs und Übersinnliches gibt, na gut, dann sind sie Wirklichkeit. Da sind wir ganz flexibel. Wirklichkeit ist nicht objektiv, sondern Konsens.

Sinn und Zweck unserer Sprache ist nicht, die Welt zu beschreiben, sondern soziale Beziehungen zu schaffen und zu erhalten. Das mag jeder Technische Redakteur nachempfinden, der versucht, einen Videorecorder zu beschreiben. Wir haben ein soziales Gehirn und keine "all-purpose-maschine", die funktioniert wie ein Computer: kühl berechnend und unabhängig vom Gegenstand. Wir sind besser im Lösen sozialer Aufgaben als bei der Lösung mathematisch-logischer Fragestellungen. 

Daß dieses Problem universell ist, läßt sich durch den sogenannten Wason-Test belegen: Versuchspersonen bekommen vier Karten vorgelegt, die auf der Vorderseite Buchstaben, auf der Rückseite Nummern haben. Zu sehen sind die Buchstaben A und C und die Ziffern 3 und 8. Dazu wird folgende Aufgabe gestellt: "Welche der Karte oder Karten müssen Sie definitiv umdrehen, um festzustellen, daß auf Karten mit einem Vokal eine gerade Zahl stehen muß?" Etwa die Hälfte gibt die richtige Antwort: Die Karten A und 3. Selbst wenn man die abstrakte Logik in eine Geschichte verpackt, die lediglich die Anschaulichkeit erhöht, wird das Ergebnis nicht wesentlich besser. 

Ein Durchbruch beim Anteil der richtigen Antworten wird jedoch erreicht bei einer besonderen Art von Geschichte: Wenn es um das Herausfinden von Betrug geht, steigt die Anzahl der richtigen Lösungen signifikant: "Stellen Sie sich vor, sie sind in einer Diskothek, deren Regel lautet: "Minderjährige dürfen keinen Alkohol trinken." Nun zeigen die Gäste entweder ihren Ausweis oder ihr Getränk. Natürlich muß ich nur die unter 18 nach ihrem Getränk fragen oder als Alternative die Alkoholtrinker nach ihrem Ausweis. Was die über 18jährigen trinken ist egal und wer eine Cola in der Hand hat, verstößt auf keinen Fall gegen die Regeln des Hauses. Daß diese Variante, die sich von den anderen nur durch die Besonderheit der Story unterscheidet, so überaus gut abschneidet, ist ein Beleg für die Annahme, daß unserer Gehirn am besten arbeitet, wenn es soziale Konflikte zu lösen hat. 

Der Test wurde weltweit in allen möglichen Schichten und Kulturen mit dem gleichen verblüffenden Ergebnis durchgeführt. Das Beispiel wurde an die jeweiligen örtlichen Besonderheiten angepaßt, denn warum 18jährige in einer Disko keinen Alkohol trinken sollen ist einem Mitglied des Kaluame-Stammes auf der Pazifikinsel Maku schwer zu vermitteln. Dafür gibt es dort einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Cassavawurzeln und Tätowierungen, der hierzulande fremd erscheinen mag. Es wurde aus dem Versuch die These abgeleitet, daß unser Verstand von der Evolution für solche Denkaufgaben trainiert wurde, nicht aber für Logeleien. Es muß noch einmal betont werden: Diese neuartige Sicht auf die menschliche Psyche revolutioniert die Psychologie. Nicht nur unsere körperlichen Eigenschaften sind das Ergebnis einer Millionen von Jahren andauernden Entwicklung. Auch unser Gehirn mit seinen besonderen Fähigkeiten und damit unser Geist ist unter den Bedingungen der evolutionären Selektion zu erklären.

Vielleicht liegt in unserer angeborenen Wahrnehmungsweise, die eher soziale Konflikte verarbeiten kann, einer der Gründe, warum auf viele Leser die Anleitungen und Technikbeschreibungen so kalt und rational wirken. Es fehlen schlichtweg die Menschen und die Emotionen. Wir interessieren uns für Menschen, nicht für Maschinen. Geräte sind höchstens Mittel zum Zweck. Diesen Umstand vergessen viele Anleitungen, beziehungsweise die, die für die Formulierungen verantwortlich sind. Weder Verwendungszusammenhang oder Emotionen, noch Identifikationen kommen zur Sprache. Robert Pirsig drückt es in seinem Roman "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" so aus, wenn er über Handbücher spricht:

"Aus jeder Zeile spricht die Auffassung: 'Hier ist eine Maschine, zeitlich und räumlich von allem anderen im Universum getrennt. Sie hat keine Beziehung zu Ihnen, Sie haben keine Beziehung zu ihr, außer daß Sie bestimmte Schalter betätigen, die Spannung konstant zu halten, mögliche Fehlerquellen kontrollieren müssen ... und so weiter. Die Mechaniker unterscheiden sich in ihrer Einstellung zur Maschine im Grunde genommen nicht von der Einstellung zur Maschine, die in den Handbüchern zum Ausdruck kam, oder von der Einstellung, die ich gehabt habe, als ich ihnen die Maschine brachte. Wir waren alle nur Zuschauer. Und ich kam darauf, daß es überhaupt keine Handbücher gibt, die sich damit befassen, worauf es bei der Motorradwartung wirklich ankommt, mit dem allerwichtigsten Aspekt. Daß man mit Liebe zur Sache an seine Arbeit herangeht, wird entweder für nebensächlich gehalten oder als selbstverständlich vorausgesetzt."

Und an anderer Stelle:

"Das erste ist, daß man eine solche Beschreibung des Motorrads fast mit Sicherheit nicht versteht, wenn man nicht schon vorher wußte, wie so ein Ding funktioniert. Die unmittelbaren oberflächlichen Eindrücke, die für das erste, grundsätzliche Verständnis wesentlich sind, haben sich verflüchtigt. Zurück bleibt nur die innere Form.

Das zweite ist, daß der Betrachter fehlt. In der Beschreibung wird verschwiegen, daß man, um einen Kolben zu sehen, erst den Zylinderkopf abnehmen muß. 'Sie' tauchen nirgendwo auf. Selbst der Fahrer ist so etwas wie ein individualitätsloser Roboter, der die Maschine auf völlig mechanische Weise 'bedient'. Es kommen in dieser Beschreibung keine echte Personen vor, keine Subjekte. Lediglich Objekte, die unabhängig von jeglichen Betrachtern existieren.

Das dritte ist, daß die Wörter 'gut' und 'schlecht' mit allen ihren Synonymen völlig fehlen. Werturteile werden niemals geäußert, nur Fakten festgestellt."

Diese letztgenannten drei Punkte - wenn man sie als Forderungen versteht - laufen dem, was wir aus Anleitungen gewohnt sind, geradezu diametral entgegen. Aber sie beschreiben die Ursachen der Widerstände, die wir den Texten entgegenbringen, genau. Gebrauchsanleitungen scheinen Aufforderungen zu Handlungen zu sein, bei denen weder der Lehrer auftritt, noch der Schüler. Sie repräsentieren Handlungsaufforderungen, die emotionslos auf Objekte bezogen sind. 

Das menschliche Gehirn verfügt über eine weitere Ausstattung, die für das soziale Zusammenleben nötig ist. Mit dem Alter von etwa 3 1/2 Jahren entwickeln Kinder eine Theory of Mind, eine Vorstellung von anderen Menschen und deren Bewußtsein. In den So-Als-Ob-Spielen bekommen auch leblose Gegenstände wie Puppen und Figuren eine Individualität mit eigenen Willen und Wünschen. Kinder spielen Vater oder Mutter, Prinzessin oder Batman. Dies dient neben der Einübung in soziale Rollen auch der Vorbereitung auf einen wichtigen Aspekt sozialen Verhaltens: "Ich denke, daß du denkst, daß ich denke ..." Komplexe Gedanken dieser Art sind für uns kein Problem, solange sie sich auf  itmenschen, wie Freunde, Partner, Familienmitglieder, Gegner beziehen. Wir versetzen uns in die Gedankenwelt anderer. Dies ist wichtig für kooperatives Verhalten. Wir müssen eine Vorstellung davon haben, wie wir mit anderen umgehen und wie andere uns sehen. Wir müssen lernen, selbst unterschiedliche Rollen zu spielen und verschiedene Rollen von anderen zu erkennen.

Es gibt eine schwere Krankheit, die diese Fähigkeit versagt. Es ist der Autismus. Autisten können sich nicht in andere versetzen und folglich können sie nicht lügen. Die Lüge hat zur Voraussetzung, daß ich mein Wissen um die Welt von dem trennen kann, was andere wissen. Sie können bisweilen zwar wunderliche Dinge erlernen, aber sie können sich nicht in andere versetzen. Sie verstehen deshalb auch keine Motivationen und Intentionen von anderen Menschen. Sie nehmen die Worte so, wie sie sind, ohne zu interpretieren, wie sie gemeint sein können. In dem Film "Rain Man", in dem Dustin Hoffman einen Menschen mit diesem Krankheitsbild trefflich spielt, bleibt er mitten auf der Straße stehen, weil die Ampel von "gehen" auf "nicht gehen" umgesprungen ist. Er ist nicht in der Lage, diese Anweisung so zu interpretieren, daß man nur dann stehen bleiben soll, wenn man noch nicht losgelaufen ist und daß man weitergehen muß, wenn man die Straße bereits betreten hat. Man kann ihm auch keinen Witz erzählen, da er Doppeldeutigkeiten und Anspielungen einfach nicht verstehen kann.

Im Grunde sind unsere Anleitungen geschrieben, als seien sie für Autisten. Es gibt nichts zu interpretieren, nichts hineinzulegen, keine Beziehungen aufzudecken. Aber unser Gehirn ist so an das soziale Denken gewöhnt, daß uns etwas fehlt, wenn wir keine Anknüpfungen dafür vorfinden. Anleitungen handeln von einer Welt ohne soziale Implikationen. Das fehlt uns beim Lesen. Darum macht es so wenig Spaß, Gebrauchsanleitungen zu lesen. Ich gebe es zu: Anleitungen mit Humor sind allerdings schwer vorstellbar. 

Anleitungen beschreiben unter dieser Sichtweise Phänomene, für die wir im täglichen Leben nur unvollkommen vorbereitet sind. Sprachlich und gedanklich haben wir hervorragende Werkzeuge, die für das Zusammenleben mit anderen, für Liebe und Intrige, für Krieg und Frieden ausgebildet sind. Die unbelebte Natur der Videorecorder, Computer und Radiowecker ist uns schwerer zugänglich als komplexe Familienstrukturen und Freundeskreise und das, obgleich die Maschinen doch streng nach logischen und mechanischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren.

Wir möchten nicht beschreiben und darlegen, sondern über die Dinge, die wir erleben und wahrnehmen, urteilen. Das Urteil ist evolutionär gesehen auch sinnvoller als die reine Beschreibung. Wir erfahren etwas über Gefahren, über Giftiges und Eßbares, über Wohl und Wehe. Über das Urteil werden Erfahrungen im Umgang mit Umwelt und Mitmenschen weitergegeben. Das ist die pädagogische Aufgabe. Moral, Ethik und Ästhetik sind nur Ausprägungen unseres Bedürfnisses nach Urteilen.

Wir sind es nicht gewohnt, sachlich zu beschreiben. Auch wenn wir über andere Menschen sprechen, schließen wir in unsere Betrachtungen schnell Werturteile mit ein. Selbst wenn wir über Dinge sprechen, verspüren manche den Drang, Einschätzungen zu Wert und Güte einzuschließen. "Schön", "gut", "gelungen", "perfekt" "schlecht" oder "voll daneben" und ihre Synonyme sind oft gebrauchte Begriffe unserer Alltagssprache, die in Anleitungstexten völlig fehlen. Und das vermissen wir beim Lesen von Anleitungen und verspüren ein Unbehagen, das sich auf die Texte überträgt. Und dann kommt es zu den eingangs erwähnten Urteilen: Gebrauchsanleitungen sind schwer verständlich, Menschen lesen sie nicht gerne und probieren Technik lieber selbst aus, als sie sich durch das Studium von schriftlichen Beilagen zugänglich zu machen.

Lernen und die Bestätigung richtigen und akzeptablen Verhaltens findet normalerweise im kommunikativen Kontext statt: Eltern und Kinder, Lehrer und Schüler, Meister und Auszubildende. In vielen Fällen gibt es zudem so etwas wie die Gemeinschaft der Lernenden, die einen positiven Einfluß auf das Lernverhalten hat. Bekanntlich macht das Lernen in Gruppen nicht nur mehr Spaß, sondern ist auch effektiver. Doch beim Programmieren des Videorecorders nach Anleitung fehlt diese und irgendwie scheint uns der kommunikative Aspekt dabei zu fehlen. Das Lernen ohne Zuspruch, Bestätigung und Kooperation hat etwas von Nachsitzen. Nicht nur unsere Denkfähigkeit und unsere Denkinhalte haben einen sozialen Charakter, sondern auch gewisse Denksituationen.

Es ist nicht einfach, dieses Manko mit dem Text und der Gestaltung von Gebrauchsanleitungen zu beheben. Es ist geradezu eine Herausforderung. Warum kommen die Autoren der Anleitung nicht vor? Keine Tips und Tricks in persönlich-vertraulichem Ton. Warum keine Fotos von den Text- und Bildredakteuren, den Entwicklern der Geräte? Es unterstützt den emotionalen Bezug. Man weiß doch auch, wie wichtig der Moderator im Fernsehen ist, obgleich auch er nur Übermittler der Informationen ist. Aber durch seine Präsenz wird die Botschaft den Zuschauern nicht nur zugänglich, sondern auch glaubwürdiger.
 
 

Dr. Clemens Schwender
Technische Universität Berlin



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