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Lerntheorien
 
Konsequenzen?
 
Ein gutes Beispiel
 
Literaturtipps zum Thema
 
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Warum unser Gehirn offenbar Probleme mit
Gebrauchsanleitungen hat

Teil 4

Lerntheorien

Die meisten Theorien beschreiben das Lernen auf Grundlage der Effekte und Folgen von Verhalten. Wir lernen aus einer Serie von Erfolgen und Mißerfolgen, die sich kundtun durch Belohnung und Bestrafung. Erfolgreiches Verhalten wird wiederholt, nachteiliges Verhalten vermieden. Wiederholung und die Erkenntnis von dem Zusammenhang von Handlung und Effekt sind wesentliche Rahmenbedingungen. Lernen ist die Anpassung, die Steigerung und die Selbstorganisation erfolgreicher mentaler Strukturen. Effektives Lernen drückt sich im Zuwachs von Kompetenz aufgrund von Erfahrungen aus.

Unter den Prämissen der Evolutionspsychologie müssen die Lerntheorien neu überdacht werden. Die bisherigen Theorien haben die Beschaffenheit und die Fähigkeit des menschlichen Gehirns nur ungenügend - wenn überhaupt - berücksichtigt. Vor allem Reiz-Reaktions-Lernen, wie es so anschaulich in dem Hunde-Experiment von Pawlow erstmalig vorgeführt wurde, muß eingeschränkt werden. Lernen läßt sich nicht beschränken auf Konditionierung. Vor allem der Behaviorismus betont ausschließlich die äußeren Umstände zu Lasten angeborener Verhaltensweisen. Dabei wird allzuschnell vergessen, daß Lernen nicht im Labor stattfindet, wo viele Parameter zu kontrollieren sind und Verhalten gleich durch Belohnung oder Bestrafung quittiert wird. Mit Nüssen und Bananen für richtiges Verhalten werden wir selten belohnt. Lernen findet in sozialen und emotionalen Situationen statt, die komplexere Strukturen aufzeigen. Das Lernen in der Schule kann man zwar mit der Angst vor schlechten Zensuren oder dem Lob und anderen Gratifikationen bei guten Leistungen beschreiben, aber wie kommt es, daß ich mir manche Dinge besser merken kann, während ich andere vergessen habe?

Die psychologischen Theorien haben wichtige Bedingungen für erfolgreiches Lernen beschrieben: Motivation, Bezug zu früher aufgebauten Mustern, Strukturierung der Umwelt, Angebot eines Modells. Nur Rahmenbedingungen werden erfaßt. Es gab bislang keine Voraussetzungen für die Inhalte. Diese und die Formen des Lernens sind aber nicht beliebig. Die Thesen der Evolutionspsychologie schränken ein: Wir lernen am besten die Dinge, für die unser Gehirn vorbereitet ist. Und diese sind abhängig von fitneß-relevanten Funktionen. Irgendwie scheint es einfacher zu sein, Angst vor Schlangen zu lernen als Angst vor Steckdosen, obwohl mir Steckdosen heutzutage doch eindeutig häufiger begegnen und eine größere Gefahr darstellen.

Eine Theorie des Lernens muß den Menschen als Ganzes erfassen. Gerade das Zusammenwirken von Emotion und Lernen wurde von der Evolutionspsychologie aufgespürt und für die wissenschaftliche Betrachtung zugänglich gemacht. Zukünftige Didaktik und Pädagogik wird die Erkenntnisse zu berücksichtigen haben. Etwas pathetisch könnte man die Verbindung von Hirn, Herz und Hand fordern. Denn die drei Komponenten Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen den Umgang mit der Technik. Gebrauchsanleitungen enthalten allzu oft nur Informationen über das Handeln. Kognitive Informationen, die den Aufbau von mentalen Modellen und Bewertungen enthalten, sind seltener. Gänzlich fehlen affektive Komponenten. Dabei bestimmt die emotionale Haltung zu dem Objekt ganz wesentlich über Erfolg oder Mißerfolg. Die einzige - allerdings unbeabsichtigte - emotionale Wirkung, die Anleitungen bisweilen hervorrufen, ist Verwirrung.

Konstruktivistische Theorien haben in diesem Zusammenhang Konjunktur, denn sie sind die einzigen, die diese Kombination berücksichtigen und darüber hinaus auch Umweltfaktoren einbeziehen. Das Zusammenspiel von angeborenen, erworbenen, erlernten Voraussetzungen und den äußeren Umständen ist in seinen wechselseitigen Wirkungen zu betrachten. Der nonlineare Zusammenhang von Input und Output wurde von der Chaos-Theorie erstmals mathematisch beschrieben und damit der Wissenschaft zugänglich gemacht. Rekursivität, Nonlinearität, Selbstreferenz sind Begriffe, die nun auch in die Diskussion über das Lernen aufgenommen sind. Die Forschung steht noch am Anfang.

Konsequenzen?

Das Fragezeichen steht bewußt. Denn noch gibt es keine Antworten, sondern nur viele Fragezeichen. Ist es nicht so, daß Gebrauchsanleitungen per se und kompromißlos einer anderen, nämlich nichtsozialen Welt angehören? Muß man sich nicht damit abfinden, daß es in Technikdokumentationen nun einmal nicht um Liebe und Intrige gehen kann? Kann es überhaupt Konsequenzen geben? Auf der anderen Seite: Wenn man sich bemüht, die Erkenntnisse der Evolutionspsychologie auf die Arbeit beim Schreiben von Anleitungstexten anzuwenden, muß das heißen, daß Anleitungen ganz anders aussehen müssen? Und wenn, dann wie, bitteschön?

Akzeptiert man die Trennung von sozialer und technischer Welt, wird sich nicht viel ändern müssen. Gebrauchsanleitungen gehören nun mal nicht zu unseren Lieblingsthemen, wenn wir uns auf Partys treffen. Wenn sie zu Gesprächsstoff werden, dann höchstens aufgrund der seltsamen Differenz zwischen der sozialen und der technischen Wahrnehmung, die ich beschrieben habe. Wir müssen uns damit abfinden und uns weiter bemühen, die Texte so verständlich wie möglich, mit größtmöglicher Genauigkeit und interpretationsfrei zu verfassen. Die Textsorte "Gebrauchsanleitung" hat nun mal nicht die Funktion zu unterhalten, sondern zu unterrichten. Das Ansprechen von Motivation, Emotion und Intention ist nicht nötig, da der Leser ja schließlich weiß, warum er die Anleitung liest.

Akzeptiert man die Trennung von sozialer und technischer Welt nicht, kann sich einiges ändern. Es gibt aber noch keine Antworten. Da eine soziale Form von Anleitungstexten noch nicht ausprobiert ist, muß eine umfangreiche Forschung beginnen. 

  • Läßt sich die Anschaulichkeit erhöhen? 
  • Kann man narrative Formate entwickeln, die an geschlechts- und altersspezifische Wahrnehmungsweisen anknüpfen? 
  • Helfen Metaphern beim Erlernen komplexer und abstrakter Zusammenhänge? 
  • Hilft der Einblick in die inneren technischen Zusammenhänge beim Aufbau angemessener mentaler Modelle? 
  • Kann man die Emotionen der Leser und Leserinnen thematisieren ohne peinlich zu werden? 
  • Können die Präsentationsformen aus der distanzierten Sachbeschreibung in eine persönliche Vermittlung verändert werden? 
  • Lassen sich Motivationen und Intentionen der Leser und Leserinnen in die Handlungsanweisungen sinnvoll einfügen?
Ein gutes Beispiel

Ich möchte den Artikel nicht schließen, ohne darauf hinzuweisen, daß es durchaus Beispiele für gelungene Gebrauchsanleitungen gibt. Eines ist zwar schon über 100 Jahre alt, aber es erfüllt einige der Forderungen: Identifikation durch Personalisierung, Anschaulichkeit, klare Strukturierung eines komplexen Sachverhaltes, Aufbau eines Skriptes, das die Reihenfolge der Handlungen einbindet. Das Beispiel ist ein Auszug aus der Anleitung zum Telefonieren aus der Juli-Ausgabe von 1883:


I. Theilnehmer A wünscht mit Theilnehmer B zu sprechen.

Zu diesem Zwecke weckt A zunächst die Vermittlungsanstalt, indem er einmal kurze Zeit gegen den an der Vorderseite des Fernsprechgehäuses befindliche Knopf drückt; hierauf hebt er den Fernsprecher vom Haken, hält ihn, behufs Entgegennahme der Mittheilung, mit der Schallöffnung gegen das eine Ohr und legt gleichzeitig das andere Ohr gegen die Schallöffnung des anderen Fernsprechers.

Die Vermittlungsanstalt antwortet: "Hier Amt".

A nennt hierauf der Vermittlungsanstalt durch Hineinsprechen in den Fernsprecher die Nummer und den Namen des Theilnehmers B, z.B. "Nummer drei (Nr. von B in der Theilnehmerliste) Löwenstein".

Die Anstalt giebt zurück: "Bitte rufen". Oder sie sagt: "Schon besetzt, werde melden, wenn frei." Im letzten Falle erwidert A: "Verstanden," hängt den Fernsprecher wieder in den Haken, bis der Wecker ertönt, worauf er denselben wieder abhebt, an das Ohr hält und der Anstalt durch Fernsprecher seine Bereitschaft mit den Worten: "Hier ....." zu erkennen giebt. Die Anstalt meldet nun: "Nummer .... jetzt frei, bitte rufen."

Auf die Meldung: "Bitte rufen" drückt A nochmals den Weckknopf, jetzt aber etwa drei bis vier Sekunden lang: während des Knopfdrückens behält er den Fernsprecher am Ohre. Nachdem die Gegenmeldung: "Hier B, wer dort?" eingegangen ist, beginnt A endlich die Unterhaltung mit: "Hier A". Es empfiehlt sich den Abschluß der einzelnen Mittheilungen, Fragen etc. durch "Bitte Antwort" bz. durch "Schluss" zu bezeichnen.
 
 
 

Dr. Clemens Schwender
Technische Universität Berlin



Teil 1 
Teil 2 
Teil 3

Literaturtipps zum Thema:

  • Allman, William F.: Mammutjäger in der Metro. Wie das Erbe der Evolution unser Denken und Verhalten prägt, Heidelberg, Berlin, Oxford 1996
  • Eibl-Eibesfeld, Irenäus: Die Biologie des menschlichen Verhaltens, München 1997
  • Dunbar, Robin: The Trouble with Science, London 1995
  • Schnabel, Ulrich und Andreas Sentker: Wie kommt die Welt in den Kopf? Reise durch die Werkstätten der Bewußtseinsforscher, Reinbek bei Hamburg 1997

 
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004