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   Ist Qualität noch möglich? 

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Wer hat noch Zeit für Qualität?
 

Terminologiearbeit als mögliche Antwort auf die gestiegenen Anforderungen des Marktes an das Management von Übersetzungsprojekten

In den Zeiten von time-to-market und simship, d.h. Produkt und Begleitdokumentation, natürlich in der jeweiligen Landessprache, müssen möglichst zeitgleich auf den Markt kommen, scheinen die Tage des Einzelübersetzers gezählt. In immer kürzeren Zeiten müssen immer größere Textvolumina übersetzt werden, teilweise parallel zu der erst im Entstehen begriffenen Ursprungsdokumentation. Ein einzelner Übersetzer kann das anstehende Volumen in der dafür vorgesehenen Zeit in den meisten Fällen nicht mehr bewältigen Übersetzer-Teams müssen eingesetzt werden. Das Management von Übersetzungsprojekten wird dadurch immer komplexer und zeitaufwendiger und fordert deshalb zunehmend die Schnittstelle eines Übersetzungsunternehmens, das solche Projektabläufe koordiniert und überwacht. 

Die traditionelle 1:1-Beziehung zwischen Einzelübersetzer auf der einen und technischem Redakteur auf der anderen Seite, während derer sich der Einzelübersetzer im Laufe einer langjährigen Kooperation immer weiter qualifizieren und in die oftmals sehr spezielle Hersteller-Terminologie einarbeiten kann, gehört wohl der Vergangenheit an: Kaum ein Hersteller will und kann es sich noch leisten, mal eben zwei Wochen mit der Übersetzung seiner Dokumentation zu warten, bis der Stammübersetzer aus dem Urlaub zurück ist oder ein anderes Projekt zum Abschluss gebracht hat. Schnelligkeit ist zum wichtigsten Effizienzkriterium geworden und scheint die Übersetzungsqualität weit hinter sich gelassen zu haben. 

Ist es unter den oben geschilderten Bedingungen überhaupt noch möglich, Qualität zu produzieren?

Gerade in der Technischen Dokumentation ist die Terminologiekonsistenz ein herausragendes Qualitätskriterium. Terminologiekonsistenz konnte in der Vergangenheit weitestgehend durch die langjährige enge Kooperation zwischen Hersteller und Stammübersetzer gewährleistet werden.

Mittlerweile unterstützen Translation memory Programme wechselnde Übersetzer-Teams bei der adäquaten Terminologie-Auswahl. Es hat sich aber in der Praxis gezeigt, dass der Einsatz dieser Werkzeuge nur dann wirklich effizient ist, wenn er flankiert wird von einer systematischen und kontinuierlichen Terminologie-Arbeit.

Dies bedeutet, dass das Übersetzungs-Team nicht nur  - mit oder ohne TM - eine fertige Übersetzung bereitstellt, sondern auch ein Glossar mit der im zu übersetzenden Text neu entdeckten Fachterminologie und deren Entsprechungen in der jeweiligen Sprache, in die übersetzt wurde. Dieses Glossar wird dann von einem Terminologen beim Übersetzungs-Unternehmen in eine umfassende zentrale Terminologie-Datenbank überführt. Bei dieser Überführung wird der Eintrag mit wichtigen Verwaltungsangaben versehen wie z.B. Quelle, Kunde, Projekt usw. Diese Angaben ermöglichen es später, projekt- bzw. kundenbezogen Glossare herauszufiltern, die für entsprechende Folgeübersetzungen als Terminologie-Grundlage eingesetzt werden. Selbst wenn also für das Folgeprojekt ein anderes Übersetzer-Team eingesetzt werden muss, kann dieses auf die bereits erarbeitete spezifische Terminologie zurückgreifen.

Erworbenes Wissen wird so bewahrt, wiederverwertbar gemacht und vor allem schnell aufbereitet und allen zugänglich gemacht, die es benötigen und zwar dann, wenn sie es benötigen. 

Diese projektbegleitende Terminologiearbeit erfordert einen zusätzlichen Zeit- und Kostenaufwand beim Übersetzungs-Unternehmen. Ein Mehraufwand, der sich allerdings lohnt, wenn das Unternehmen den Anspruch verfolgt, den Herausforderungen des Marktes nicht einfach nachzugeben, sondern zu begegnen, ohne dabei die Qualität zu opfern.
 
 

Gabriele Vollmar
Reutlingen
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© ADOLPH Verlag GmbH - Letztes Update 03.05.2004